Isabelle Junge, 2021 sind Sie ins Familienunternehmen eingestiegen und heute Teamleiterin im Bereich der Nachhaltigkeit. War der Einstieg in die Bäckerei Junge geplant?
Nein, es hat sich eher zufällig ergeben. Ich habe schon immer einen engen Bezug zu unserem Unternehmen gehabt. Die Firma war oft Thema beim Abendessen und in den Schulferien konnte ich hin und wieder in der Produktion oder in der Verwaltung jobben. Während meines Bachelors begann ich, mich mit dem Thema Nachhaltigkeit in Familienunternehmen auseinanderzusetzen und konnte bereits ein paar Projekte bei der Bäckerei Junge mitbegleiten. Als vor drei Jahren die Stelle der Nachhaltigkeitsmanagerin vakant wurde, habe ich den Job übernommen und parallel im Master Nachhaltigkeit studiert.
Was reizt Sie an dem Thema?
Die Auseinandersetzung mit den ESG-Kriterien umfasst alle Unternehmensbereiche und erfordert bereichsübergreifendes Denken. Die Vielfalt der Themen und die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Arbeitsgruppen hat mich von Anfang an begeistert.
Was haben Sie im Unternehmen im Bereich Nachhaltigkeit bisher umgesetzt?
Als ich vor drei Jahren zu Junge stieß, gab es bereits einige Ansätze, an die ich anknüpfen konnte. Inzwischen konnte ich darüber hinaus viele neue Impulse setzen. Daraus ist beispielsweise die Nachhaltigkeitsstrategie „Rezept für die Zukunft“ für Junge entstanden. Alle drei Säulen Ökologie, Ökonomie und Soziales wiegen bei uns gleich schwer und werden auch bei neuen Projekten von Anfang an mitgedacht.
Welche Initiativen zahlen auf Ihre Nachhaltigkeitsstrategie ein?
Eines unserer wichtigsten Anliegen ist die Rettung von Lebensmitteln. Wir bieten in der BrotRetter-Überraschungstüte Backwaren vom Vortag zu einem stark vergünstigten Preis an. Ein weiterer Teil der unverkauften Waren geht am Ende des Tages an karitative Einrichtungen wie die Tafeln, ein anderer Teil wird zu Tierfutter verarbeitet. Nur ein geringer Prozentanteil unserer Backwaren landet in der Biogasanlage. Als Bäckerei-Unternehmen ist für uns das Thema Energie besonders relevant. Wir beziehen zu 100 Prozent Ökostrom. In unserer Rostocker Backstube sparen wir durch eine Wärmerückgewinnungsanlage jährlich über 20 t CO2 ein, an unserem Standort in der Hafenstraße in Lübeck haben wir eine Photovoltaikanlage installiert, eine weitere, auf dem Produktionsgebäude in Lübeck-Roggenhorst, ist bereits in Planung. Eine zusätzliche Stellschraube für mehr Nachhaltigkeit ist das Abfallmanagement: In unseren Cafés versuchen wir, mit Mehrwegbehältern unser Müllaufkommen so klein wie möglich zu halten. Darüber hinaus setzen wir spezielle Software ein, die uns hilft, den Einsatz von Ressourcen und den Abfall zu minimieren.
Im kommenden Jahr sind Sie CSRD-berichtspflichtig. Sind Sie vorbereitet?
Wir haben im letzten Jahr als eine Art Probelauf bereits einen Nachhaltigkeitsbericht nach dem GRI-Standard erstellt. Auch die Kriterien nach dem Lieferkettengesetz haben wir bei unseren Lieferanten, die hauptsächlich aus Deutschland stammen, in diesem Jahr bereits zum dritten Mal abgefragt. Unsere Stakeholder-Analyse und die Matrix für die doppelte Wesentlichkeit nach CSRD ist bereits fertig. Insofern haben wir vorgearbeitet und stecken schon tief im Thema drin.
Viele Unternehmen kritisieren den großen Bürokratieaufwand, den das CSRD verursacht. Womit haben Sie zu kämpfen?
Der größte Störfaktor ist, dass es zu wenig Klarheit gibt. Wir haben immer noch kein Gesetz, das die EU-Richtlinie in nationales Recht überführt. Dies macht es für die Unternehmen schwer, sich auf die neuen Anforderungen richtig einzustellen. Viele Details, was wie bilanziert werden muss, sind bis heute noch völlig unklar.
Das macht es vielen schwer, in der neuen Berichtspflicht mehr zu erkennen als ein Compliance-Thema…
Der Aufwand für die Unternehmen ist riesig und ich kann nachvollziehen, dass viele Mittelständler große Schwierigkeiten haben, das zu stemmen. Wir haben bei Junge das Privileg, dass sich sogar zwei Personen um das Thema kümmern. Grundsätzlich stehe ich aber hinter der Nachhaltigkeitsinitiative der EU und sehe die Chancen, die sich langfristig daraus ergeben. Indem sich die Unternehmen intensiv mit ihrer Ressourcennutzung auseinanderzusetzen, werden Risiken und Potenziale für Kosteneinsparungen sichtbar. Als produzierendes Unternehmen arbeiten wir ständig daran, unsere Prozesse zu optimieren. Die Erhebung und Auswertung von ESG-Daten und die Definition von konkreten Zielen hilft uns dabei. Zukünftig wollen wir verstärkt KI einsetzen, damit wir die Produktionsmenge noch besser planen können und am Ende des Tages weniger Backwaren übrighaben.
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