Thuy-Ngan Trinh, A11 ist eine Ausgründung von Project A. Was ist Ihr Anspruch?
Der Anspruch von Project A war immer, den Portfoliounternehmen beim Wachstum zur Seite zu stehen, mit Kompetenz in KI, Marketing, Vertrieb, Tech oder Data. Mit A11 wollen wir das Wissen auch Unternehmen zugänglich machen, die nicht im Portfolio sind. Denn gerade auch im Mittelstand wird nach einem Sparringspartner in dieser Richtung gesucht.
Wie unterscheiden sich Mittelstand und Scale-ups?
In Scale-ups passiert Wachstum oft im „Hockeystick-Modus“: alles gleichzeitig, alles sofort. Wenn das Wachstum mal läuft, geht es steil nach oben. Der Mittelstand tickt anders: Hier ist die Verantwortung langfristig, Entscheidungen wirken über Generationen. Das ist auch richtig so, aber der Hockeystick kann auch dort funktionieren. Gerade deshalb finde ich unseren Beitrag dort so wichtig.
Warum spielt KI dabei eine zentrale Rolle?
Weil wir die Digitalisierung in Deutschland – vor allem im Mittelstand – schon verschlafen haben. KI kann ein Quick-Win sein, um uns wieder international zu etablieren. Vorausgesetzt, man setzt sie richtig ein und macht daraus eine Priorität.
Also jeder Mittelständler braucht eine Art KI-Strategie?
Einfach eine KI-Strategie auszurufen, bringt leider nichts. Entscheidend ist, konkrete Prozesse zu identifizieren, die einen messbaren ROI liefern können. Das kann eine bessere Lead-Generierung im Vertrieb sein, eine Automatisierung im Marketing oder eine effizientere Planung im Einkauf. Man muss greifbare Ziele setzen und Probleme an der Wurzel packen, nicht eine große Hülle, auf der KI draufsteht, über das ganze Unternehmen werfen. Und manchmal ist es auch mit Automatisierung getan, man muss KI nicht zwingend einsetzen, um effizienter zu werden. Aber man sollte definitiv damit starten, Daten aufzubereiten, seine Prozesse runterzumappen und diese dann nach Potentialen zu priorisieren.
Welche Hürden erleben Sie bei der Einführung von konkreten Lösungen?
Viele unterschätzen den Faktor Kultur. Transformation in den Köpfen ist nicht in drei Monaten erledigt, dafür braucht man zuallererst die richtigen Leute. Dann funktioniert auch Change Management, und das sogar schneller als man denkt. Wenn ich einen Tanker in ein Speedboot verwandeln will, kann das ewig dauern. Dann ist es sinnvoller, ein neues Speedboot nebenher fahren zu lassen, sprich: kleine, klare Projekte, die Wirkung zeigen, auf den Weg zu bringen und im Kleinen anzufangen.
Viele Unternehmer fürchten, dass KI die Kultur zerstört. Wie sehen Sie das?
Kultur fängt bei Leadership an. Wenn Führungskräfte neugierig sind und selbst mit Tools experimentieren, färbt das ab. Natürlich gibt es im Moment rund um KI einen Hype. Da wird viel versprochen und manches ist vielleicht auch in der Realität nicht so schnell umzusetzen. Aber die Technologie wird uns wirtschaftlich und gesellschaftlich „disrupten“. Die Frage ist nicht, ob ich in Zukunft KI einsetze, sondern wie. Wer das Thema ignoriert, riskiert, endgültig den Anschluss zu verlieren. Viele Mittelständler haben schon einige Entwicklungen verschlafen und sollten zusehen, dass sie im Jahr 2025 ankommen.
Was raten Sie Unternehmerinnen und Unternehmern, die wissen: Wir müssen uns verändern?
Stellen Sie die richtigen Leute ein – nicht zwingend einen Chief Analytics Officer, sondern eher Marketing- und Vertriebsleute und so weiter in den jeweiligen operativen Funktionen, die neue Tools von 2025 kennen und nutzen, neugierig darauf sind und sie beherrschen wollen. Machen Sie keine Parallel-Universen mit separaten KI-Teams innerhalb der gleichen Organisation auf, sondern holen Sie die Fachabteilungen zusammen. Schauen Sie, was es an bestehenden Tools gibt, und testen Sie diese. Oft reicht ein kleines Budget, um einen großen Effekt zu erzielen.
Und wie trackt man den Erfolg solcher Projekte?
Mit klarem Projektmanagement und ROI. Es braucht Feedbackschleifen, Q&A, eine ehrliche Kosten-Nutzen-Abwägung. Es muss nicht immer 100 Prozent exakt sein – wichtiger ist, dass man weiß: Lohnt sich die Lösung, oder nicht? Produktivität ist dabei genauso wichtig wie Kosteneinsparung.
Wenn Sie auf die nächsten zehn Jahre blicken – was ist die wichtigste Entscheidung für Unternehmerfamilien?
Die wichtigste Entscheidung ist, Leadership zukunftssicher aufzustellen. Tools und Projekte sind nur so gut wie die Menschen, die sie umsetzen. Familienunternehmen haben hier einen Vorteil: kurze Entscheidungswege. Damit können sie schneller reagieren als Konzerne. Aber sie müssen die Chance nutzen: Die Frage ist nicht „Mache ich KI oder nicht?“, sondern „Wie setze ich sie richtig ein?“
Info
1. Bildungsoffensive für KI
– KI in Schule, Hochschule, Berufs- und Weiterbildung verankern
– Kompetenzen fördern: Technik, kritisches Denken, Ethik, Kreativität
2. Agile Innovationspolitik
– Weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen
– Flexible Datenschutz- und Regulierungsansätze, die Innovation ermöglichen
3. Europäische Datensouveränität
– Aufbau eigener Rechenzentren und Foundation-Models
– Stärkung von Open-Source-Ansätzen, um Abhängigkeiten zu reduzieren
4. Förderanreize für KMU und Start-ups
– Steuerliche Vorteile und unbürokratische Pilotförderungen
– Einfacher Zugang zu Daten und praxisnahen Schulungen
5. Machen statt reden
– Mehr Pilotprojekte und schnellere Umsetzung in den Echtbetrieb
– Engere Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft
– Aktive Einbindung der Gesellschaft in die KI-Transformation
Hat Internationalen Journalismus in Magdeburg studiert. Schrieb schon davor für die Südwest Presse in seiner Heimat Ulm. Sammelte zudem Auslandserfahrung bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia, sowie bei Kwanza TV in Daressalam, Tansania. Seit 2017 Redakteur bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA und Mitglied im Redaktionsteam des wir-Magazins.

