Single Family Office oder Multi Family Office? Familienvermögen braucht wirksame Strukturen

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In einigen Teilen des Mittelstands ist das Betriebsvermögen bis heute faktisch identisch mit dem Privatvermögen. Die Vermischung von Beruflichem und Privatem ist oftmals historisch gewachsen, emotional aufgeladen, systemisch mindestens geduldet, oft unhinterfragt akzeptiert. Solange es gut läuft, fällt das nicht auf. Spätestens beim Generationenwechsel wird aus mangelnder Kapitaldisziplin ein strukturelles Problem.

Denn Nachfolgerinnen und Nachfolger sollen plötzlich alles zugleich sein: Unternehmer, Vermögensverwalter und familiäre Feelgood-Manager. Sie agieren in Strukturen, die weder moderner Governance noch professionellem Asset-Management standhalten. Das ist keine individuelle Schwäche, sondern ein systemischer Fehler. Wer Vermögen nicht trennt, kann es nicht wirksam steuern.

Anders gesagt: Finanzielle Zukunftsfähigkeit entsteht durch Strukturen, die auf Transparenz, Disziplin und Entscheidungsfähigkeit setzen. Family Offices dienen dabei immer öfter als Instrument, langfristige Ordnungsprinzipien fürs Unternehmens- und Familienvermögen zu manifestieren. Weil es immer mehr gibt, dürfen sie durchaus als „in Mode“ gelten. Aber bitte nicht als Lifestyle-Thema verschreien!

Single Family Offices: Mut zum Selbermachen!

Ein Family Office funktioniert nur, wenn es professionell, unabhängig und radikal digital gedacht wird. Wer an dieser Stelle auf ein Multi Family Office setzt, tut das häufig aus Bequemlichkeit. Es fühlt sich sicher an, Verantwortung abzugeben. Tatsächlich aber wird sie nur verlagert: an Organisationen mit eigenen Interessen, eigenen Kostenlogiken, Intransparenz und dem Anreiz, Produkte oder Konstrukte zu verkaufen, statt Probleme zu lösen. Multi Family Offices können mit einer Ausnahme sinnvoll sein: dann nämlich, wenn sie über tiefes, über Jahre aufgebautes Produktwissen verfügen. Das ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Ein Single Family Office dagegen zwingt zur Klarheit. Es verwaltet ausschließlich das eigene Vermögen, ohne Kulisse, ohne zusätzliche Gebührenschichten. Entscheidungen müssen begründet, Risiken offen benannt, Kapital bewusst allokiert werden. Genau diese Disziplin fehlt vielen Konstrukten, die heute unter dem Label „Professionalität“ verkauft werden.

Für viele Unternehmerfamilien ist der direkte, selbstbestimmte Aufbau eines Single Family Offices bis weit in den neunstelligen Bereich hinein daher schlicht die effizientere, transparentere und letztlich souveränere Lösung. Wer sein Vermögen selbst organisiert, weiß exakt, wo investiert wird, warum investiert wird, was es kostet und kann sich auf Strukturen und Menschen verlassen, die nur im eigenen Interesse agieren sollten. Diese Klarheit ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für Disziplin. Disziplin heißt, sich ständig erklären zu müssen. In einem gut geführten Single Family Office gibt es niemanden, der Handlungen nicht hinterfragt. Das ist anstrengend, ja; aber der Mut, das Thema selbst in die Hand zu nehmen, wird immer belohnt.

So verstanden ist ein Single Family Office kein Selbstzweck und schon gar kein Rückzugsraum. Es ist die Resilienz-Maschine einer Unternehmerfamilie. Es trennt operatives Geschäft von Vermögensverwaltung, schafft unabhängige Governance, diversifiziert Risiken und macht Kapital handlungsfähig. Vor allem aber schafft es Zeit und Optionen: für das Unternehmen, für die Familie und für die nächste Generation.

Mehr Disziplin und Gestaltungskraft

Der häufigste Fehler: Familien wählen erst das Modell, dann überlegen sie, was sie eigentlich investieren wollen. Die richtige Reihenfolge wäre: Was soll angelegt werden? In welchen Assetklassen? Mit welchem Risiko- und Zeithorizont? Welche Governance brauche ich dafür wirklich?

Wichtig ist außerdem, dass das eigentliche Ziel nicht aus den Augen verloren wird: Für Disziplin der Unternehmerfamilie gegenüber dem Unternehmen zu sorgen. Ein gut aufgesetztes Family Office – natürlich nur mit den am besten qualifizierten Leuten als Family Officer – ist deshalb mehr als Vermögensverwaltung. Es schafft Trennung zwischen Unternehmens- und Privatvermögen, etabliert klare Ausschüttungs- und Investitionslogiken und eine Governance, die auch der nächsten Generation Freiheit gibt. Gerade im Generationenwechsel ist der Auf- oder Umbau entscheidend.

Übrigens: Ohne klare Digitalisierung bleibt jedes Family Office langsam, intransparent und reaktiv. Mit ihr wird es steuerbar, vergleichbar und strategisch. Genau hier verbindet sich Vermögensarchitektur mit Transformation: Kapitalstruktur und Technologie werden zu einem System, das Investitionen ermöglicht statt verhindert.

Wenn der deutsche Mittelstand sein Vermögen professionell, diszipliniert und digital organisiert, entsteht Investitionskraft. Durch verantwortungsvoll agierende Family Offices wird Kapital dort eingesetzt, wo es Zukunft stiftet. Das Land braucht es – nicht aus Ideologie, sondern aus ökonomischer und gesellschaftlicher Notwendigkeit.

Info


Nils Seebach ist Digital-Unternehmer, Aufsichtsrat und Geschäftsführer der Digitalberatung Etribes. Sein Fokus liegt auf der digitalen Transformation des deutschen Mittelstands und der Nachfolgegestaltung von Familienunternehmen, für die er auch als Beirat und Ratgeber agiert.