Die meisten Direktinvestitionen fädeln Family Officer oder Mitglieder von Unternehmerfamilien fernab der Öffentlichkeit ein. In stillen Meetingräumen werden beispielsweise Pitch-Decks diskutiert, Marktlagen analysiert oder auch Start-up-Gründer gegrillt. Diskret kommt es dann zur Entscheidung für oder gegen ein Investment. Von einem erfolgreichen Abschluss bekommt die breite Öffentlichkeit maximal in einer Pressemitteilung mit. Einblicke in die Prozesse und Entscheidungsfindung gibt es nur selten. Wenn sich Familienunternehmer Nils Glagau hingegen Start-ups und deren Pitches anhört, sind mehr als eine Million Menschen ebenfalls dabei. Seit 2019 und mit Beginn der sechsten Staffel ist er Teil der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“, die auf VOX ausgestrahlt wird und in der sich mehrere Investoren Start-up-Ideen anhören. Wenn etwas Spannendes dabei ist, wird um Anteilsverteilung und Bewertungen gefeilscht. Wenn alles passt, gibt es einen Handschlag: Deal!
Die Rolle des Start-up-Löwen im Fernsehen ist für Nils Glagau nicht natürlich. Er beschreibt sich selbst als Menschen, der eigentlich nicht gern im Rampenlicht oder auf roten Teppichen steht. Da gibt sich der Familienunternehmer in zweiter Generation klassisch wie viele andere Mitglieder aus Unternehmerfamilien. Lieber still und hart am Familienunternehmen abarbeitend, als Projekte an die große Glocke zu hängen. Aber Glagaus Werdegang unterscheidet sich doch von dem vieler Mitglieder aus Unternehmerfamilien. Und das erkennt man nicht nur an der Entscheidung, im TV-Studio Kapital zu investieren.
Schicksalsschlag als Nachfolgeanlass
2009 übernahm Nils Glagau den Posten in der Geschäftsführung der Orthomol pharmazeutischen Vertriebs GmbH. Eigentlich strebte er eine Karriere als Archäologe an. Doch sein Vater Dr. Kristian Glagau, der das Unternehmen 1991 ins Leben rief, verstarb knapp 20 Jahre später plötzlich. Für Nils Glagau waren der anschließende Wechsel ins Familienunternehmen und der Antritt der Unternehmensnachfolge eine Herzensgeschichte, wie er sagt. Seitdem leitet er in zweiter Generation das Unternehmen, das Nahrungsergänzungsmittel aus Mikronährstoffkombinationen herstellt. Den Markenauftritt von Orthomol beschreibt der Nachfolger als „erfrischend anders“. Das war schon unter seinem Vater so.
Und das soll unter ihm auch so bleiben, sagt der Nachfolger. Er knüpft daran an und geht heute ebenfalls neue Wege. Eine Sphäre, in der das sichtbar wird, sind die Start-up-Investments, die Nils Glagau seit ein paar Jahren tätigt. Schon vor seinem Engagement im TV wurde das Tochterunternehmen Ortho-Trinity GmbH (heute Ortho Innovations GmbH) ins Leben gerufen. „Wir hatten in den Jahren vorher bereits viele Anfragen zu Kooperationen und gemeinsamen Projekten bekommen, die uns von verschiedenen Playern angeboten wurden“, blickt Nils Glagau zurück auf die Gründung der Beteiligungsfirma. Das war Ende 2018.

Im selben Jahr lernte Glagau Amiaz Habtu kennen, der die „Die Höhle der Löwen“ seit der Erstausstrahlung im Jahr 2014 moderiert. Zusammen setzten Habtu und Glagau einen Unternehmensfilm für Orthomol um. Gemeinsame Netzwerkkontakte entstanden. So erreichte den Familienunternehmer schließlich die Frage, ob er sich die Rolle als Investor bei „Die Höhle der Löwen“ vorstellen könnte. Glagau – „ich würde mich schon als neugierigen Menschen beschreiben“ – sah die Chance, dadurch nicht nur sein eigenes Netzwerk zu erweitern, sondern auch eine Möglichkeit, vor großem Publikum für den Gründerspirit in Deutschland zu werben. Denn davon brauche es mehr hierzulande, sagt der Investor auch heute noch.
Investieren im TV: Verdrehter Prozess
Ein weiteres Argument für sein Engagement im TV ist die hohe Frequenz an Pitches, die im Rahmen der Drehtage stattfinden. Die Investoren haben mit der Auswahl der vorgestellten Start-ups nichts zu tun. Alle Start-ups, die es in „die Höhle“ schaffen, werden von der TV-Redaktion ausgesucht. So sehen die Geldgeber immer neue Gründer und Ideen. Denn die Sendung ist das erste Aufeinandertreffen. So kommt es bisweilen zu Situationen, die eher unterhaltend für das Publikum sind, als eine echte Renditechance darstellen.
Nils Glagaus Family Officerin Vera Knauer sagt dazu: „Manche Start-ups, die in der Sendung pitchen, wären in einem klassischen Auswahlprozess eines Family Offices nicht in der Endphase der Dealflows angekommen.“ Denn der Prozess im Fernsehen entspricht im Grunde nicht der Realität eines normalen Investors. Normalerweise trifft man sich erst persönlich, wenn das Start-up, dessen Idee und die Marktsituation durchleuchtet wurden. Im TV läuft es genau andersherum.
Deshalb kommen vor der Kamera geschlossene Deals mitunter doch nicht zustande. Strategien nachvollziehen, Patente und Aussagen prüfen – alles, was traditionelle Investmentprozesse vor einem Commitment machen würden, kann erst nach der Sendung erledigt werden. Dadurch gibt es trotz eines Handschlags in der Sendung dann eben am Ende auch mal keinen Deal.
Dazu kommt, dass das ganze Prozedere nur verkürzt im TV gesendet wird. Dadurch würden auch die sogenannten Löwen ab und an anders wirken, weil der Kontext fehle, sagt Nils Glagau. Er kann aber nachvollziehen, dass Zuschauer das bis zu zweistündige Abtasten zwischen Investoren und jedem einzelnen Start-up nicht in voller Länge sehen wollten, findet diesen Umstand aber doch ein bisschen schade, weil manche Informationen und Learnings das Publikum so nicht erreichen würden. Beispielsweise, wenn kritisiert werde, dass wenig Deals zustande kämen. Da weist Glagau darauf hin, dass manche Gründerteams von Anfang an gar nicht an einem Deal interessiert seien. „Die kommen mit Forderungen in die Sendung und auf uns Investoren zu, die nicht erfüllbar sind.“ Da müsse man sich fragen, ob sie nur schlecht beraten seien oder die Sendung vor allem als Plattform nutzen würden, um sich vor Kunden zu präsentieren, und die Investoren als Mittel zum Zweck sehen würden.
Immer wieder wird Glagau auf seine Deals angesprochen. Häufig müsse er dann erklären, dass er keine Kurzschlussentscheidung für oder gegen ein Start-up getroffen habe, auch wenn es beim Anschauen der Sendung vielleicht so gewirkt haben mag. „Ich investiere ja nicht in irgendeine Firma. Das Kapital, das ich in der Sendung investiere, ist mein privates Geld. Ich investiere nicht für unser Familienunternehmen, sondern für mich selbst“, sagt Glagau. Demnach sind heute auch alle Investments aus der Sendung unter der Rock B(r)and GmbH zusammengefasst, einem eigenständigen Beteiligungsunternehmen, dessen einziger Gesellschafter Nils Glagau ist.
Warum Nils Glagau zwei Vehikel zum Investieren hat
Rock B(r)and könne man als kleines Family Office verstehen, sagt Vera Knauer. Trotz der hippen Namensgebung finden sich auch klassische Asset-Klassen wie Immobilien unter dem Dach des Vehikels. Das Engagement im TV mache hierbei nur einen Teil der Asset-Allokation aus, sagt Knauer, die neben ihrer Rolle im Family Office auch beim Corporate-Investment-Vehikel Ortho Innovations für Strategie & Invest verantwortlich ist.
Zwar hat bei beiden Gesellschaften Nils Glagau den Hut auf, aber die Ansätze der Vehikel bei Direktinvestments unterscheiden sich in ihren strategischen Ansätzen und auch bei der Gesellschafterstruktur. Die Ortho Innovations GmbH ist eine 100-prozentige Tochter der Orthomol Holding, an der nicht nur Nils Glagau, sondern auch weitere Familienmitglieder beteiligt sind. Das Corporate-Investment-Vehikel geht auf etabliertere Start-ups zu als das Family Office. Zwischen der Seed-Phase und der Series-A-Finanzierung siedelt sich Ortho Innovations an. Bei Ticketgrößen zwischen einer viertel und einer halben Million Euro sowie bei Erstinvestitionen mit Potential auf Anschlussinvestments liegt das Vehikel beim Volumen deutlich über dem des Family Offices, das bei Start-up-Investments eher als Angel-Investor funktioniert.
Die Targets von Ortho Innovations kommen aus benachbarten Branchen zum Unternehmen selbst. Der Fokus liegt klar auf Gesundheits-Start-ups, die zwischen dem regulierten Markt im Gesundheitsbereich und dem Massen- oder Lifestylemarkt tätig sind. Ein Anbieter für Nahrungsergänzungsmittel ist ebenso Teil des Portfolios wie ein Digital-Health-Unternehmen für Herzschwäche und ein Anbieter für Migränebehandlung. Eine Mehrheit übernimmt das Corporate-Investment-Vehikel nicht, sagt Vera Knauer. Die Zielsetzung von Ortho Innovations sei vergleichbar mit einem klassischen VC-Fonds: Start-ups weiterentwickeln und Rendite mit Exits oder Buy-outs anstreben.
Neue Perspektiven
Im Family Office indes agiert Nils Glagau mit seinem Team als Business-Angel und Sparringspartner. In noch früheren Phasen sollen mit den Gründerteams Ideen und Strategien für weiteres Wachstum entwickelt werden. Was die Branchen und Geschäftsmodelle angeht, setzt sich Glagau hier keine festen Grenzen. „Ich investiere in die Gründerteams und Ideen, die mich begeistern und die ich nachvollziehen kann“, sagt der Investor. Allein für schnelle Rendite würde er keinen Deal eingehen, sagt der Familienunternehmer. „Wenn wir nach zehn Jahren schauen, was passiert ist, und den Prozess evaluieren und langsam wachsen, dann ist das für mich viel interessanter als eine schnelle Rendite.“ Family Officerin Vera Knauer ergänzt: „Die Investments von Rock B(r)and müssen keine VC-Cases sein.“ Die Strategie würde es auch hergeben, ein Start-up als Dividendentitel zu entwickeln und länger an Bord zu bleiben als klassische VCs.
Dass Nils Glagau mit den beiden Investmentvehikeln so unterschiedliche Horizonte abbilden kann, ist für Knauer ein Zeichen der Entwicklung und Transformation der vergangenen Jahre. „Wir haben es geschafft, beide Denkweisen miteinander zu vereinen und auf beiden Seiten zu spielen. Wir können langfristig denken, also die DNA der Familienunternehmen abbilden. Aber wir wissen auch, dass andere Ansätze, die man beispielsweise bei Banken oder im Kapitalmarkt findet, durchaus interessant sind.“
Nach der Sendung ist vor der Wertschöpfung
Glagau sieht in seiner Kommunikation mit Gründerteams auch eine Veränderung – und die kommt durch das Engagement im TV. „Durch die direkte Konkurrenzsituation mit anderen Investoren im Studio hat sich mein Profil als Investor geschärft“, sagt er. Indem er forciert um die Gunst der Start-ups buhlen müsse, habe er über die Zeit noch besser herausarbeiten können, was ihn als Investor – neben dem monetären Aspekt – ausmache und was er den Gründerteams bieten könne.
Und das gilt sowohl für das Family Office und die Angel-Investments aus dem TV als auch für die Start-up-Beteiligungen unter dem Dach der Orthomol-Gruppe. Nach dem Deal kommt das, was für Nils Glagau das eigentlich Interessante ist, sagt der Familienunternehmer: das gemeinsame Umsetzen, das Erarbeiten, die Wertschöpfung. „Im Grunde schade, dass es dazu keine Sendung gibt“, meint der Investor und muss lachen. Denn was Business-Angels wie er und Gründer gemeinsam leisten, um die Höhen und Tiefen der Entwicklung zu meistern und sich stetig weiterzuentwickeln und zu pushen, ist für ihn ein ganz wesentlicher Aspekt am Investorenleben und am Prozess.
Als Sparringspartner habe Nils Glagau in Sachen Markenentwicklung und Vertrieb seine absoluten Stärken, findet Vera Knauer. Orthomol habe sich über die Zeit von einem B2B-Unternehmen, das Apotheken mit Produkten belieferte, zu einem Unternehmen entwickelt, das viel näher am Kundenstamm dran sei als früher – hin zum Konsumenten und auch in die Öffentlichkeit. Das gelte für den geschäftsführenden Gesellschafter wie auch für die Marke Orthomol. Beide seien greifbarer und öffentlicher geworden.
Von dieser Entwicklung könnten sich viele Start-ups etwas abschauen, findet Vera Knauer: „Nils spricht mit den Teams von Unternehmer zu Unternehmer. Das ist ein enormes Asset – für beide Seiten.“ Denn Start-ups profitierten von Glagaus Wissen um Vermarktung und könnten gleichzeitig von den Vertriebswegen und -strategien aus dem Familienunternehmen lernen.
Damit schafft sich der Unternehmer auf beiden Seiten neue Opportunitäten. Mit Ortho Innovations stärkt er frische Ideen in der Gesundheitsbranche. Denn wenn Ärzte und Apotheker in ihren Geschäftsmodellen gestärkt werden, geht es auch Orthomol gut. Und wenn Menschen zu ihrer Gesundheit Daten in die Hand bekommen, ist das die Basis für bessere Prävention. Zugleich geht das Family Office noch früher in Start-ups und in die Wertschöpfung hinein: mit weniger Druck, was den zeitlichen Rahmen angeht, und mit einem Team im Hintergrund, das auch nicht fernsehtaugliche Asset-Klassen „im Stillen professionell begleitet und weiterentwickelt“, sagt Vera Knauer.
Manchmal kommen die beiden unterschiedlichen Vehikel von Nils Glagau sogar zusammen. So geschehen beim Start-up KetoSwiss AG, das neue Methoden zur Behandlung von Migräne erarbeitet. Dort ist Nils Glagau sowohl privat als auch mit Ortho Innovations eingestiegen. Eine Blaupause für baldige Entwicklungen? Da lassen sich die Glagau und Knauer nicht in die Karten blicken. Aber vielleicht bieten sich in Zukunft abseits der Start-up-Welt weitere Möglichkeiten für Direktinvestitionen. Das Portfolio, um die Asset-Klasse Mittelstand zu erweitern, wäre doch auch ein spannendes TV-Format, oder? Wobei sich bekanntlich die meisten Mittelständler und Hidden Champions schwertun mit diesen Auftritten im TV.
Aber auch hier könnte Nils Glagau als Sparringspartner herhalten. Er kennt jetzt schließlich den Prozess über mehrere Jahre. Und skeptisch sei er am Anfang auch gewesen, sagt er. „Ich habe mir immer eine Reißleine gelassen, falls das mit der Sendung nicht so wird, wie ich mir das vorgestellt habe“, sagt der TV-Löwe. Die hat er offenbar nicht gebraucht, denn auch in der kommenden Staffel, die 2024 ausgestrahlt wird, ist er dabei. Das könnte daran liegen, dass er als ehemaliger Archäologe einfach zu neugierig ist und ihn der verdrehte Start-up-Prozess doch ein bisschen reizt.
Hat Internationalen Journalismus in Magdeburg studiert. Schrieb schon davor für die Südwest Presse in seiner Heimat Ulm. Sammelte zudem Auslandserfahrung bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia, sowie bei Kwanza TV in Daressalam, Tansania. Seit 2017 Redakteur bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA und Mitglied im Redaktionsteam des wir-Magazins.

