Die Vermögensungleichheit in Deutschland ist geringer als behauptet. Ein Plädoyer für ein vollständiges Bild unter Berücksichtigung der Altersvorsorgevermögen.

„Die Nettovermögen der privaten Haushalte sind in Deutschland besonders ungleich verteilt.“ So lautet der erste Satz der im Dezember 2021 vorgelegten Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) „Grunderbe und Vermögensteuern können die Vermögensungleichheit verringern“. Das Narrativ von der sehr ungleichen Vermögensverteilung hat sich auch medial durchgesetzt, wie Veröffentlichungen zu der DIW-Studie beispielsweise in „Capital“, „Spiegel“, „Stern“, „Wirtschaftswoche“ und „Die Zeit“ sowie vom MDR gezeigt haben.

Christian Freiherr von Bechtolsheim, Vorstandssprecher, Multi Family Office FOCAM AG

Christian Freiherr von Bechtolsheim, Vorstandssprecher, Multi Family Office FOCAM AG / Foto: Focam

Richtig ist: Vermögen sind hierzulande deutlich ungleicher verteilt als Einkommen. Das liegt unter anderem an der im internationalen Vergleich deutlich geringeren Wohneigentumsquote und an den umfangreichen sozialstaatlichen Sicherungssystemen, die den Anreiz zum Vermögensaufbau aus Vorsorgemotiven verringern. Richtig ist aber auch, dass die Vermögensungleichheit nicht so ausgeprägt ist, wie regelmäßig beklagt wird. Das liegt im Wesentlichen daran, dass die üblichen Betrachtungen zum Nettovermögen eine Komponente nicht berücksichtigen: die Vermögensäquivalente aus den Ansprüchen an die Altersvorsorgesysteme. Nicht erst seit gestern gibt es Untersuchungen dazu, dass die Hinzuziehung von Rentenansprüchen die Vermögensungleichheit deutlich reduziert.

Zuletzt hat darauf im vergangenen Jahr die Studie „Gerechtes Deutschland – Die Rolle der Vermögen” hingewiesen, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft erstellt hatte. Demnach wird die Vermögensungleichheit in Deutschland durch Anwartschaften aus gesetzlichen, privaten und betrieblichen Altersvorsorgesystemen um mehr als 20 Prozent reduziert. Der Gini-Koeffizient sinkt dadurch im Jahr 2017 von knapp 0,8 auf rund 0,6.

Nun werden Kritiker einwenden, dieser Befund sei erwartbar, schließlich stamme die Untersuchung vom „arbeitgebernahen“ IW und sei im Auftrag der bayerischen Wirtschaftslobby erstellt worden. Doch die Studie bestätigt Erkenntnisse aus früheren Forschungen. So schreiben Timm Bönke und seine Ko-Autoren in ihrer Untersuchung „The joint distribution of net worth and pension wealth in Germany“ aus dem Jahr 2016 sinngemäß: Forschung zu Vermögensungleichheit sei auf Real- und Finanzvermögen fokussiert, während Rentenvermögen wenig Beachtung finde. Das sei erschreckend, da Altersvorsorgesysteme die große Mehrheit der Bevölkerung materiell absicherten und daher miteingerechnet werden sollten. Inkludiere man die Rentenvermögen, sinke der Gini-Koeffizient um etwa 25 Prozent auf 0,594.

Unterfütterung politischer Agenden

Dr. Nicolai Hammersen, selbständiger Kommunikationsberater und Autor

Dr. Nicolai Hammersen, selbständiger Kommunikationsberater und Autor / Foto: privat

In einer Anfang 2017 vorlegten Folgeuntersuchung stellen Bönke et al. die Höhe, die Zusammensetzung und die Ungleichheiten des erweiterten Vermögens der privaten Haushalte – definiert als die Summe aus Nettovermögen und Vermögen der Sozialversicherung sowie der betrieblichen und privaten Altersvorsorge – für zwei Länder dar: die Vereinigten Staaten und Deutschland. Der entsprechende Gini-Index sinke in den USA um 0,191 Punkte von 0,892 auf 0,701 und in Deutschland um 0,254 Punkte (33 Prozent) auf 0,511, schreiben die Autoren.

Auch Andreas Peichl und Ko-Autoren kommen in ihrer Untersuchung „Ökonomische Ungleichheit in Deutschland – ein Überblick“ 2018 zu dem ganz ähnlichen Ergebnis, „dass durch die Berücksichtigung von Rentenansprüchen die Ungleichheit der Nettovermögen (Gini von 0,73) spürbar sinkt (auf 0,53)“; sie führe „zu einer erheblichen Reduktion der gemessenen Vermögensungleichheit in Deutschland“. Diese wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen also allesamt, dass durch die Hinzuziehung der Altersvorsorgevermögen die Vermögensungleichheit in Deutschland deutlich sinkt. Sie sollen jedoch nicht zum Anlass genommen werden, Vermögensungleichheit vom Tisch zu wischen. Das ist und bleibt ein Thema. Nur sollte ein möglichst realistisches und vollständiges Bild der tatsächlichen Verhältnisse gezeichnet werden und kein verzerrtes, das hauptsächlich der Unterfütterung politischer Agenden dient.

So schreibt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der „gewerkschaftsnahen“ Hans-Böckler-Stiftung auf seiner Webseite, dass die Antwort auf die Frage, wie ungleich Vermögen in Deutschland verteilt seien, stark davon abhänge, welche Daten herangezogen würden: „Auf Basis des SOEP lag der Gini-Koeffizient bei 0,78 im Jahr 2019 (Schröder et al. 2020). Allerdings weisen eine Vielzahl von Studien (z.B. Vermeulen 2018, Bach et al. 2019) darauf hin, dass Befragungsdaten die Vermögensungleichheit unterschätzen, da (Super-)Reiche in den Daten unterrepräsentiert sind. Unter Einbeziehung einer gesonderten Reichenstichprobe steigt der Gini-Koeffizient im SOEP auf 0,81 an; werden zusätzlich die Vermögensinformationen aus dem Managermagazin herangezogen, liegt der Gini-Koeffizient sogar bei 0,83.“

Was diese Darstellung einmal mehr verschweigt, sind die Altersvorsorgevermögen. Hätte das WSI die oben erwähnten Studien bei Veröffentlichung der eigenen Erkenntnisse zur Vermögensverteilung kennen können? Sicher, hätte es. Mindestens die beiden Studien von Bönke et al. (2016, 2017) und die Studie von Peichl et al. (2018) sind vor den vom WSI als Quellen herangezogenen Studien erschienen. Erkennbar geben sich die Darstellungen beim WSI wie auch die dort verwendeten Quellen alle Mühe, durch Hinzurechnung von Vermögen aus einer Zusatzstichprobe für hohe Vermögen und aus sogenannten Reichenlisten (in diesem Fall vom „Managermagazin“) eine immer höhere Vermögensungleichheit darzustellen.

Nötig ist eine gemeinsame Datenbasis

Diese Hinzurechnung kann man machen – nur müsste man dann auch die Altersvorsorgevermögen berücksichtigen. Das unterbleibt. Der Grund ist offensichtlich: In die Berechnungen einbezogen wird, was der eigenen politischen Agenda nützt. Was ihr schadet, wird nicht erwähnt.

Übrigens: Stefan Bach, der Autor der eingangs erwähnten DIW-Studie, hat in einer Fußnote geschrieben: Berücksichtige man die „Sozialvermögen“ in Form von Ansprüchen an soziale Sicherungssysteme – vor allem die „quantitativ bedeutsamen Anwartschaften an die Alterssicherungssysteme der Gesetzlichen Rentenversicherung, der Beamtenversorgung oder der betrieblichen Altersversorgung“ – durch Kapitalisierung der Versorgungsansprüche, reduziere „sich die Vermögensungleichheit in Deutschland massiv – der Gini-Koeffizient sinkt um 24 Prozent“. Um diesen Hinweis zu finden, muss man das Kleingedruckte lesen. Immerhin wird erwähnt, dass die Ansprüche an die Sicherungssysteme „quantitativ bedeutsam“ seien und ihre Berücksichtigung die Vermögensungleichheit in Deutschland „massiv“ reduziere. In der öffentlichen Kommunikation lässt man das aber unter den Tisch fallen.

Die Diskussion über Vermögensverteilung und Vermögensungleichheit wird sicher weiter geführt werden. Das ist richtig. Es wäre hilfreich, wenn alle Beteiligten sich auf eine gemeinsame Datenbasis verständigten, die alle relevanten Vermögenskomponenten berücksichtigt. Es kann weder darum gehen, die Vermögensungleichheit zu dramatisieren, noch darum, sie kleinzurechnen. Es geht darum, die Verhältnisse so darzustellen, wie sie sind.

Info

Buchhinweis: Christian von Bechtolsheim, Andreas Rhein (Hrsg.), Nicolai Hammersen

Vermögen bedeutet Verantwortung: Erfahrungen und Perspektiven

Verlag Herder 2021, 336 Seiten, 26 Euro

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