Fünf Cent von jedem Dollar, der in Hongkong ausgegeben werde, flössen an ihn, klagen die Einheimischen, wenn von Li Ka-Shing die Rede ist. Es könnte mittlerweile auch das Doppelte sein. In der Metropole im Fernen Osten gehören die lokale Supermarktkette Park’N Shop, die Drogerie Watson’s, die in Deutschland an Rossmann beteiligt ist, der Mobilfunkanbieter 3, der Immobilienentwickler Cheung Kong, Hongkong Electric und der Hafenbetreiber Hutchison Whampoa zu Lis Firmenimperium.
In Hongkong verfolgt man genau, was Li Ka-Shing tut. Wenn er Aktien an der Börse kauft, kauft die halbe Stadt. Anfang April stiegen Immobilienwerte mächtig in der Anlegergunst, nachdem Li seinen Anteil am Grundstücksentwickler Cheung Kong um gerade einmal 0,1 Prozentpunkte aufstockte. Und als er vor einigen Jahren das Internetunternehmen Tom.com an den Markt brachte, mussten Polizisten eingreifen, um gierige künftige Aktionäre im Zaum zu halten.
Einer der reichsten Menschen der Welt
Li Ka-Shing ist ein Selfmadeunternehmer aus dem Lehrbuch, vom Flüchtlingskind zum reichsten Mann Asiens avanciert. Aus einer einfachen Firma für Plastikblumen hat er ein weltweites Imperium aufgebaut. Die Forbes-Liste führt ihn dieses Jahr mit einem geschätzten Vermögen von 23 Milliarden US-Dollar auf Platz neun, noch vor Oracle-Chef Larry Ellison, dem russischen Oligarchen Roman Abramowitsch und den Aldi-Gründern Karl und Theo Albrecht.
Doch Lis Probleme gleichen denen von Unternehmern überall auf der Welt. Was kommt, wenn die Ära des 78 Jahre alten Firmenchefs zu Ende geht? Bis heute hält er die Fäden des mächtigen Imperiums fest in der Hand. Seine zwei Söhne sind leidlich erfolgreiche Geschäftsleute, aber werden sie das weitverzweigte Imperium in seinem Sinne weiterführen? Kurz: Was bleibt, wenn der Schöpfer geht?
„1940 habe ich angefangen zu arbeiten, 1950 habe ich ein Unternehmen gegründet, und 1960 war ich, gemessen am Wert der Exporte, der größte Fabrikant in Hongkong“, beschreibt Li sein Leben in Kurzform. Und fügt stolz hinzu: „Ich habe seit 1950 jedes Jahr einen Gewinn erwirtschaftet. Ich habe in keinem einzigen Jahr auch nur einen Penny verloren.“
Li Ka-Shing machte sich mit 21 selbstständig
Was sich nach einer geradlinigen Karriere anhört, beginnt mit einer Jugend voller Entbehrungen. Lis Familie flieht 1940 vor den japanischen Besatzern aus der Provinz Guangdong im Südosten Chinas nach Hongkong. Der kleine Ka-Shing ist gerade zwölf Jahre alt. Das Geld ist knapp, die finanziellen Verhältnisse seines Vaters, eines Lehrers, lassen einen Schulbesuch nicht länger zu. Um zum Unterhalt beizutragen, hilft Li im Uhrenladen eines Onkels. Wenig später stirbt der Vater an Tuberkulose – für Medikamente fehlte das Geld. Der Verlust prägt den Sohn tief. Er kenne das Gefühl, hilflos und einsam zu sein, sagt Li heute. „Ich habe meinen Kindern und Enkeln gesagt: Die Früchte, die ihr esst, werden niemals so gut schmecken wie diejenigen, die ich während des Krieges aß.“
Doch Verkaufstalent und der Ehrgeiz, es einmal besser zu haben, lassen Li Ka-Shing rasch vorankommen. Mit 21 macht er sich selbständig, gründet eine Fabrik zur Herstellung von Plastikblumen mit Namen Cheung Kong. Binnen weniger Jahre wird Cheung Kong zum größten Hersteller von Plastikblumen in Asien.
1979 gelingt Li ein nächster großer Deal. Er steigt bei Hutchison Whampoa ein, einem der großen „Hongs“ oder Handelshäuser in Hongkong, und übernimmt damit Beteiligungen in Hafenbetrieb, Handel, Hotelgeschäft, Energie und Telekommunikation. So wächst Cheung Kong über die Jahre zu einem der typischen familiengeführten Konglomerate, wie sie in Asien weitverbreitet sind. Die Kuoks aus Malaysia, die Wangs aus Taiwan, die Bakries aus Indonesien: Sie investieren in immer mehr Industrien und Dienstleistungen. Konzentration auf das Kerngeschäft, das moderne Mantra westlicher Unternehmensberater, interessiert nicht.
Bis heute ist Hutchison ein Eckpfeiler des Li-Imperiums. Persönlich hält „Superman“, wie er in Hongkong genannt wird, 37 Prozent an Cheung Kong. Der von ihm gegründete Konzern ist mit 49,9 Prozent an Hutchison beteiligt. Über ein verschachteltes Geflecht an Beteiligungen kontrolliert Li mindestens neun weitere, in Hongkong notierte Unternehmen. Dabei verfolgt er häufig die Strategie, sich neben der Unternehmensbeteiligung auch privat bei Firmen zu engagieren. Beispiel Husky Energy aus Kanada: An dem Ölförderer ist Hutchison mit 35 Prozent beteiligt, zusätzlich hält Li 37 Prozent auf private Rechnung.
Eine billige Uhr
Richtig reich haben den sparsamen Magnaten, der nach eigenem Bekunden eine billige Uhr trägt und Rindfleisch mit Nudeln sein Leibgericht nennt, seine Immobilieninvestitionen gemacht. Schon in den fünfziger Jahren hat er angefangen, Grundstücke und Gebäude in Hongkong zu kaufen, anfangs vor allem für seine Produktion, später als klassische Anlage. Und er hat dabei stets in Zeiten zugeschlagen, in denen große Zweifel bezüglich der Zukunft Hongkongs auftauchten: 1967 zu Beginn der Kulturrevolution in China, während der Ölkrise 1973, im Verlauf der mühsamen Verhandlungen zwischen Briten und Chinesen über den künftigen Status der Kronkolonie in den achtziger Jahren, 1997 zur Zeit der Rückgabe der Insel und ihres Umlandes an die Chinesen.
Bei all seinen Aktivitäten hat er die Familie früh eingebunden. Verwandte spielen für chinesische Unternehmer traditionell eine große Rolle. „Unternehmer setzen als Nachfolger lieber eigene Söhne oder Schwiegersöhne ein, selbst wenn diese weniger kompetent sind als fremde Mitarbeiter“, hat der in Deutschland lebende Sinologe Kuan Yu-Chien beobachtet.
Als Nachfolger hat Li seinen älteren Sohn Victor Li Tzar-Kuoi ausersehen. Der Manager, Jahrgang 1964, hat bereits eine Vielzahl von Positionen im Unternehmen inne, unter anderem ist er Lis Stellvertreter bei Hutchison Whampoa. „Mein Sohn Victor teilt meine konservativen Ansichten“, lobt der Vater. Eines Tages, wenn er sich zurückziehe, werde Victor mit dem Managementeam Cheung Kong und Hutchison Whampoa in seinem konservativen Sinne weiterführen. Dazu gehört auch, sich nicht von Banken abhängig zu machen. Es gilt die Maxime, dass nur so viele Schulden gemacht werden, wie jederzeit binnen 72 Stunden getilgt werden können.
Trotz einiger Erfolge hat sich Victor Li, selbst Vater von drei Kindern, bisher nicht aus dem Schatten seines Vaters befreit. Er gilt als hochintelligent, als harter Arbeiter. Im Vergleich mit dem übermächtigen Patriarchen aber wirkt er mit seinem braven Scheitel fast eingeschüchtert, versichert sich gerne der Zustimmung des Vaters bevor er antwortet.
Auch Lis Schwager Kam Hing-Lam gehört dem Management von Cheung Kong an, sitzt unter anderem im Vorstand des Infrastrukturarms und der Pharmatochter. Damit sind die Familienbande aber weitgehend erschöpft. Anders als die Mehrzahl der Hongkonger Großunternehmen hat Li, der regelmäßig Golf spielt und aufs Laufband steigt, um sich fit zu halten, auch mehrere Ausländer in die Führungsebene seiner Unternehmen berufen.
Guanxi macht’s möglich
Laut Ian Wade, einem langjährigen Manager der Drogeriekette Watson’s, spielen für Li Ka-Shing persönliche Beziehungen – in China Guanxi genannt – eine entscheidende Rolle. Ausdrücklich setzt er dabei nicht nur auf die Familie. „Du kannst niemandem trauen, nur weil er zur Familie gehört. Wenn aber jemand sich um alles kümmert, was Du ihm überträgst, lange Zeit für Dich einsteht, dann kannst Du ihm trauen, als ob er zur Familie gehöre“, sagt der Tycoon.
Seinen zweiten Sohn Richard Li Tzar Kai lässt der Vater eigene Wege gehen. Der 40-Jährige wandte sich früh der Medienbranche zu. Mit geliehenem Geld seines Vaters, gut 100 Millionen Dollar, gründete er Star TV, den ersten Satellitensender Asiens. 1995 verkaufte er das Unternehmen für 950 Millionen Dollar an den australischen Medienunternehmer Rupert Murdoch. Später investierte er erfolgreich in Immobilien, wandte sich – mit mäßigem Erfolg – dem Internet zu und schmiedete schließlich den führenden Hongkonger Telekommunikations- und Kabelkonzern PCCW.
Doch zuletzt schien Richard, der als einer der begehrtesten Junggesellen Hongkongs gilt, glücklos. Sein Versuch, bei PCCW auszusteigen, scheiterte Ende 2006, nicht zuletzt wegen der Einmischung seines Vaters.
Richard zeigt Mut, gegen den alten Herrn aufzubegehren. Nach der „Wahl“ der Stadtregierung in Hongkong auf Basis einer von Peking vorbestimmten Abstimmung durch 800 Wahlmänner sprach sich der Manager für ein universelles Wahlrecht aus. Er hoffe, dass bei der nächsten Abstimmung in fünf Jahren jeder Bürger Hongkongs seine Stimme abgeben dürfe, sagte Richard Li und stellte sich damit gegen seinen Vater, der ein allgemeines Wahlrecht immer wieder abgelehnt hat und dafür aus Peking großes Wohlwollen erntete.
Reichlich gewährte Spenden werden Li von Kritikern als Versuch ausgelegt, in den Genuss von Infrastrukturgeschäften in der boomenden Volksrepublik zu kommen. Denn Li gibt reichlich, wie es der Konfuzianismus in seinen fünf Tugenden auch vorsieht. Seinen „dritten Sohn“ nennt er dieses Engagement. Über 1 Milliarde Dollar dürfte der gewiefte Geschäftsmann Zeit seines Lebens schon gestiftet haben. Sein größtes Werk: eine Universität in Shantou, nahe seiner Geburtsstadt im Südosten Chinas, die Li 1981 gründete.
Der Hafenstadt mit ihren 4,8 Millionen Einwohnern hat er den kompletten Campus bauen lassen. An seiner Hochschule lässt er sich selbst regelmäßig sehen. Er gibt den Studenten Botschaften mit auf den Weg wie die, dass chinesische Unternehmen anders tickten als westliche. „In Amerika bringen sie den MBA-Studenten bei, jeden nur möglichen Penny herauszuquetschen. Wir Chinesen denken anders: Ein Geschäft sollte beide Partner zufriedenstellen.“ Lis Wohltaten sind nicht auf Shantou beschränkt. So hat er unter anderem im Herbst 2005 eine halbe Milliarde Dollar für die Opfer des Erdbebens in Pakistan gespendet. Vielleicht gehört das zu den Dingen, die bleiben: eine gute Erinnerung an den – gewieften – Wohltäter.
Bevorzugt gibt er Geld für Bildung. „Wenn Du studierst und hart arbeitest, wächst Dein Wissen, und das gibt Dir Vertrauen. Je mehr Du weißt, desto mehr Selbstvertrauen gewinnst Du“, ist der drahtige Manager überzeugt. Und unterstreicht seine Ansicht mit einer Episode aus dem eigenen Leben: Ganz zu Beginn seines Berufslebens, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, suchte sein Chef nach einem Mitarbeiter, der seine Briefe schreiben konnte, da seine Sekretärin krank war. Die Kollegen empfahlen Li, auf den der Chef so aufmerksam wurde. „Er war zufrieden mit meiner Arbeit, und nach kurzer Zeit wurde ich zum Leiter einen kleinen Abteilung befördert. Ich habe immer geglaubt, das Wissen das Leben verändern kann.“
Li Ka-Shing hofft auf viele weitere solche Fälle. Ein Rückzug als Rentner kommt für den 78-Jährigen noch lange nicht in Frage. „Keinerlei Pläne für einen Rückzug“, erklärt er immer wieder. „Ich erfreue mich allerbester Gesundheit.“
