Die Söhne kann man sich nicht aussuchen, wohl aber die Schwiegersöhne, besagt ein japanisches Sprichwort. Warum Firmenchefs in Japan ihre Söhne übergehen und ihre Nachfolger adoptieren.

Canon, Kajima Construction, Matsui Securities, Panasonic, Suzuki Motors – was eint diese Firmen? Sie alle stammen aus Japan, stehen bis heute unter dem Einfluss einer starken Eignerfamilie – und sie haben in der Vergangenheit zum Mittel der Adoption gegriffen, um einen geeigneten Erben für das Familienunternehmen zu finden. In Japan ist das – oft kombiniert mit einer arrangierten Ehe mit einer Tochter des Hauses – eine beliebte Methode zur Regelung der Firmennachfolge.

Etwa bei Suzuki: Vorstands- und Verwaltungsratschef Osamu Suzuki ist ein Adoptivsohn, bereits der Vierte in Folge. Einst hatte der 83-Jährige seinen biologischen Sohn Toshihiro Suzuki bei der Firmennachfolge übergangen und seinen Schwiegersohn Hirotaka Ono als Nachfolger aufgebaut. Nach dessen Krebstod 2007 sah sich Osamu Suzuki zur Rückkehr an die Firmenspitze gezwungen. Sein Sohn sitzt nun in leitender Position in einem der Führungsgremien des Konzerns. Nicht ausgeschlossen, dass er in vier Generationen der erste leibliche Nachfolger an der Konzernspitze wird.

„Adoptionen beinhalten in Japan ein deutliches kaufmännisches Element“, urteilt Vikas Mehrotra, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität von Alberta in Kanada, der sich intensiv mit der Thematik beschäftigt hat. Fast sei der Begriff einer Transaktion angemessen. Daten untermauern das. Gemeinsam mit den Vereinigten Staaten gehört Japan zu den Ländern mit der höchsten Adoptionsquote weltweit. Doch während in den USA fast ausschließlich Kinder in Familien aufgenommen werden, machen Minderjährige in Japan weniger als 5 Prozent aus. Der Löwenanteil der 81.000 im Jahr 2011 an Kindes statt Angenommenen sind erwachsene Männer, meist zwischen 25 und 30 Jahren.

Adoptivsöhne performen besser

Das Phänomen ist mehr als eine Skurrilität japanischer Unternehmensführung. Die Möglichkeit, die Nachfolge außerhalb der Familie zu regeln und dennoch ein Familienbetrieb zu bleiben, führt zu nachhaltig besseren betriebswirtschaftlichen Ergebnissen. Das belegt eine aktuelle Untersuchung Mehrotras und einiger Kollegen, deren Ergebnisse im „Journal of Financial Economics“ veröffentlicht werden sollen. Die Auswertung von Daten börsennotierter japanischer Firmen aus 40 Jahren zeigt, dass im Land „ererbte Kontrolle die Performance von Unternehmen verbessert“.

Damit hebt sich der Inselstaat klar vom Rest der Welt ab. Zwar greifen in Einzelfällen auch anderswo Unternehmen zur Adoption, um die Nachfolge zu regeln. Jüngstes Beispiel ist die WAZ-Gruppe. Anfang des Jahres hat der kinderlose Gesellschafter Stephan Holthoff-Pförtner seinen Kanzleipartner Georg Scheid an Kindes statt angenommen. Holthoff- Pförtner war selbst adoptiert worden, genauso wie vor 30 Jahren Erich Schumann, der Nachfolger eines weiteren Eigentümerzweigs.

Doch das sind Ausnahmen. Im Westen gilt die These des US-Industriellen und Philanthropen Andrew Carnegie, dass ererbtes Vermögen Talenten und Energie den Garaus mache. Mehrotras Auswertung belegt dagegen, dass japanische Familienbetriebe auch nach mehreren Firmenübergängen erstaunlich wettbewerbsstark sind. Regelmäßig übertreffen insbesondere Betriebe mit adoptierten Nachfolgern ähnlich professionell geführte Betriebe. „Die Adoption Erwachsener könnte japanische Familienunternehmen professionalisieren“, so Mehrotra.

Leiblicher Sohn im Wettbewerb mit dem Schwager

Jahrhunderte reicht die Tradition der Nachfolgeregelung durch Adoption zurück. Lange war sie vor allem unter den Samurai verbreitet, um die Macht einer Sippe zu sichern. Aus wirtschaftlichen Überlegungen wurde die Adoption von Nachfolgern im 19. und 20. Jahrhundert populär. Bis zum Zweiten Weltkrieg konnte Vermögen im Land lediglich an den ältesten Sohn vererbt werden. Wer ausschließlich Töchter hatte, griff damals bereits zum Mittel der arrangierten Ehe, insbesondere auch um den Familiennamen weiter zu führen. Häufig wurde der Adoptivsohn, der Mukoyoshi, mit einer der Töchter verheiratet. Diese Variante, genannt Yoshiengumi oder „Hochzeit und Adoption“, ist bis heute trotz eines veränderten Rechtsrahmens weitverbreitet. Laut einer Untersuchung aus dem Jahr 1981 waren 55 Prozent aller Adoptierten Schwiegersöhne.

Doch Japans Unternehmer nutzen die Mukoyoshi nicht nur, wenn leibliche Söhne fehlen. Wenn diese als nicht geeignet für die Führungsrolle erscheinen, werden sie durch eine Adoption übergangen. Ein Nebeneffekt: Anders als in China oder Indien, wo die Vorliebe für Söhne in den vergangenen Jahren zur gezielten Abtreibung von Töchtern und einem deutlichen Ungleichgewicht der Geschlechter geführt hat, sind in Japan Mädchen sehr willkommen. „Deine Söhne kannst du dir nicht aussuchen, wohl aber deine Schwiegersöhne“, besagt ein Sprichwort.

In seiner Studie macht Mehrotra drei Mechanismen aus, wie die „Söhne von außen“ das Familiengeschäft positiv beeinflussen können. Offensichtlichste Wirkung: Ein enttäuschender Spross kann ersetzt werden. Außerdem kann das Familienunternehmen den gleichen Talentpool an Jungmanagern ausschöpfen, der anderen Firmen zur Verfügung steht. Da familienfremde Manager nicht automatisch von der Spitzenposition ausgeschlossen werden, steigert die Aus- sicht auf den Spitzenjob die Attraktivität der Familienunter- nehmen als Arbeitgeber. Und schließlich spornt der Wettbe- werb mit dem Markt auch die eigenen Nachkommen an. Niemals können sie sich ihrer Position im Unternehmen wirklich sicher sein.

Heiratsvermittler gut im Geschäft

Eine Legion von Vermittlungsagenturen und Dating-Platt- formen profitiert von dem Trend und bringt ambitionierte junge Männer mit heiratsfähigen Töchtern aus Familienbetrieben zusammen. Gesucht sind vor allem Absolventen von Elite-Universitäten und Starmanager. Laufen die Gespräche mit den Unternehmern und ihren Erbinnen gut, willigen die jungen Männer irgendwann ein, ihren eigenen Namen ab- zulegen, um in die Familie und ins Geschäft einzutreten.

Chieko Date ist eine der diskreten Beraterinnen. Über 600 Mukoyoshi habe ihre Agentur binnen eines Jahrzehnts vermittelt, rühmt sie sich. Doch sie betont, dass das Prozedere nicht als pure Geschäftstransaktion betrachtet werden dürfe. „Wenn die beiden sich nicht mögen, wird die Ehe und damit auch das Geschäft scheitern.“

Emotionale Probleme macht auch Mehrotra aus. „Die Umgestaltung der Familie verursacht Kosten, […] Mütter, die zutiefst unglücklich sind, dass ihre Söhne übergangen werden, und Töchter, die in Ehen ohne Gefühle abkommandiert werden.“ Doch häufig gewinne das Pflichtbewusstsein die Oberhand. Am Ende habe Nachfolge weniger mit Verwandtschaft zu tun als mit der Sorge, ein fähiges Firmenoberhaupt zu finden.

Hoshi zeigt, dass das immer wieder klappen kann. Das Gästehaus in der kleinen Stadt Komatsu an der Westküste des Landes ist nach der Eigentümerfamilie benannt. Japan- Idylle wie aus dem Bilderbuch, ringsum Berge, heiße Quellen, der Ozean ist nicht weit. Im Jahr 718 wurde der sogenannte Ryokan als Pilgerherberge für einen nahen Tempel gegründet. Heute wird das Hotel von Zengoro Hoshi geleitet. Er führt das Unternehmen in der 46. Generation – und ist, wenig überraschend, ebenfalls ein Adoptivsohn.

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