Lisa Gradow ist Gründerin und Investorin. Für sie ist klar: Die DNA zwischen den verschiedenen Unternehmerwelten passt zusammen. Und vor allem jetzt gilt es für deutsche Unternehmen zusammenzuhalten und voneinander zu lernen.

Ende 2020 hat die OETKER-Gruppe für 1 Milliarde Euro das deutsche Start-up Flaschenpost gekauft. Die Wirtschaftswoche hatte daraufhin getitelt: „Der Flaschenpost-Deal ist ein Weckruf für den Mittelstand”. Doch viel passiert ist seither nicht.

Warum überhaupt Weckruf? Ein bisschen, weil Start-ups Mittelständlern und Familienunternehmen mit ihren innovativen Geschäftsmodellen durchaus gefährlich werden und ihnen den Markt streitig machen könnten. Bei Flaschenpost war die Denke so ähnlich, denn als das Unternehmen anfing, Getränke unter Eigenmarken zu vertreiben, machten diese in kürzester Zeit ohne jegliche Marketingaufwände einen substantiellen Teil der Verkäufe aus. Den digitalen Zugang zum Kunden zu verpassen, das wollte Oetker nicht passieren lassen.

Doch der Deal ist noch aus einer anderen Perspektive als Weckruf zu betrachten. Kürzlich sagte Christian Miele, Vorstandsvorsitzender des Start-up-Verbands: „Wir sind ein führendes Industrieland gewesen“. Er selbst ist Partner beim Venture-Capital-Geldgeber Headline und kommt aus einem Familienunternehmen, sein Onkel Markus leitet den Elektrogerätehersteller Miele.

Der Mittelstand hinkt weiter hinterher

Gewesen? Klar, wir haben noch einige Weltmarktführer und Hidden-Champions im Land. Aber wir wissen leider alle: Bei Digitalunternehmen sind wir nicht Weltmarktführer, und der Vorsprung, den wir in manchen Branchen noch haben, schmilzt. Wie TESLA die deutsche Autoindustrie vor sich hertreibt, ist nur ein Vorgeschmack auf das, was auch vielen anderen Industriezweigen droht. Die Wertschöpfung der Zukunft liegt in daten- und technologiegetriebenen Prozessen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir nicht müde werden, die Digitalisierung des deutschen Mittelstands so schnell und smart wie möglich voranzutreiben.

Familienunternehmen müssen nicht drei, sondern sechs Gänge nach oben schalten, wenn es auch noch für die nächste Generation ein Unternehmen zu managen geben soll. Einige sehen das als Chance – laut der Studie “Mittelstands meets Startup 21” des RKW Kompetenzzentrum planen 36 Prozent eine Kooperation mit Start-ups. Junge Unternehmen sehen hierbei noch Luft nach oben: Laut dem Deutschen Start-up Monitor, der größten Studie zum Start-up-Ökosystem, bewertet jedes dritte Start-up die Kooperationsmöglichkeiten mit etablierten Unternehmen als schlecht. Tendenz in den letzten Jahren: noch schlechter werdend.

Eine mögliche Lösung, diese sechs Gänge schneller hochzufahren, wäre der Zukauf oder die mehrheitliche Beteiligung an Start-ups.

Die DNA von Startups und Familienunternehmen hat in jedem Fall Gemeinsamkeiten: Es steht eine Gründer:in an der Spitze, der/die ihr ganzes Herzblut in die Unternehmung steckt. Es wird besonders viel Wert auf Mitarbeiter und die Kultur gelegt, es fühlt sich familiär an. Abseits davon könnten Familienunternehmen von Start-ups lernen, wie man digitale Produkte baut und das Thema New Work lebt, während Start-up-Gründer:innen von Familienunternehmer:innen lernen können, wie man nachhaltig und profitabel wirtschaftet. Reinhold von Eben-Worlée, Präsident des Verbands „Die Familienunternehmer“, sprach kürzlich in einem Beitrag des VC-Magazins vom „enormen Potenzial für den Standort Deutschland“, das sich aus der Zusammenarbeit von Mittelstand und Start-ups ergebe.

Und wer weiß, eventuell ergibt sich aus einem Zusammenschluss und der Zusammenarbeit sogar, sofern noch ungelöst, langfristig eine Antwort auf die Frage der Nachfolge. Denn: knapp eine halbe Million Betriebe stehen vor dem Aus, wenn sie nicht in den nächsten Jahren eine(n) Nachfolger:in finden.

Gutes Klima für Start-up-Deals

Im Übrigen wäre aktuell ein durchaus günstiges Zeitfenster, um auf “Start-up-Shopping-Tour” zu gehen: die großen börsengelisteten Tech-Unternehmen haben in den letzten Monaten ein Vielfaches ihres Wertes verloren. Das zieht Domino-Effekte für weltweite Tech-Unternehmen nach sich, denn die Geldgeber sind zögerlich geworden. Das Klima im VC-Berlin war in den letzten Monaten deutlich erkaltet, und Start-ups haben weniger Geld zu viel niedrigeren Bewertungen bekommen. Die VC-Fonds sind nach wie vor prall gefüllt, doch wird es für manche Start-ups trotzdem nicht für die nächste Runde reichen, sodass sie demnächst zum Verkauf stehen dürften.

Klar ist auch, dass angesichts der Energiekrise radikales Umdenken und viel Innovationsgeist von der deutschen Wirtschaft erforderlich sein wird. Das vermag allein eine Start-up-Akquisition nicht zu vollziehen, doch kann sie die Wände einreißen für neue Arten des Denkens.

Wäre ich ein Mittelständler, würde ich spätestens jetzt eine Liste von interessanten Start-ups anlegen, und wenn die Synergien besonders vielversprechend aussehen, einmal ganz unverbindlich das Gespräch suchen.

Deutsche Unternehmen, egal ob Start-up oder Familienunternehmen, müssen – vor allem jetzt – zusammenhalten.

Info


Lisa Gradow ist Mitgründerin des Münchner Softwareunternehmens Fides. Daneben engagiert sich Lisa Gradow als Angel Investorin und ist im Vorstand des Bundesverbands Deutsche Startups e.V. sowie im Beirat Junge Digitale Wirtschaft des Wirtschaftsministers. Zuvor hatte sie das Unternehmen Usercentrics mitgegründet.

Aktuelle Beiträge

Immobilienvermögen
Wie Unternehmerfamilien in die Assetklasse Immobilien investieren
Studie sichern »
Studie sichern »
Immobilienvermögen