Henkel wurde vor fast 150 Jahren von meinem Ururgroßvater Fritz Henkel gegründet und ist heute ein börsennotierter global agierender Konzern mit mehr als 21 Milliarden Euro Umsatz. Als Nachfahren des Firmengründers in der sechsten Generation sind wir bis heute Mehrheitsaktionär des Unternehmens. Rund 62 Prozent der Stammaktien, die über einen sogenannten Aktienbindungsvertrag gepoolt sind, sind im Besitz der Familie Henkel. Die Mehrheit der Vorzugsaktien befindet sich im Streubesitz. Über den Aktienbindungsvertrag ist garantiert, dass wir als Familie das Unternehmen langfristig als Mehrheitsaktionär begleiten. Er läuft unbefristet und könnte frühestens 2033 gekündigt werden. Bis dahin können Aktien nur nach bestimmten Regeln, innerhalb bestimmter Zeitfenster mit bestimmten Abschlägen zunächst innerhalb der Familie angeboten werden, bevor ein Verkauf an der Börse möglich wäre. Das Governance-System hat sich für uns bewährt. Es sorgt für Stabilität und Langfristigkeit.
Als Familie haben wir uns vor vielen Jahrzehnten entschieden, nicht mehr im operativen Geschäft tätig zu sein und uns auf die Gesellschafterrolle zu konzentrieren. Das letzte Familienmitglied, das operativ bei Henkel gearbeitet hat, war Konrad Henkel, bis er 1980 in den Aufsichtsrat wechselte. Er prägte einen Grundsatz, den wir bis heute leben: Firma geht vor Familie. Das heißt, dass wir uns als Familie wie ein rationaler Aktionär verhalten.
Heute umfasst die Familie mehr als 150 Personen, von denen viele im Ausland leben und sehr unterschiedlichen Berufen nachgehen. Vertreter der Familie sind sowohl im Aufsichtsrat als auch im Gesellschafterausschuss tätig. Letzterer wirkt an den Leitlinien und Zielen sowie der langfristigen Strategie des Unternehmens mit. Auch bei größeren Akquisitionen und der Besetzung des Vorstands sind wir über den Gesellschafterausschuss einbezogen. Die Verteilung der Sitze in den Gremien ist angelehnt an die drei Stämme der Familie, die aus den drei Kindern des Firmengründers hervorgegangen sind.
Als Vorsitzende der Gremien sehe ich mich als Sprecherin sowie als Brücke zwischen dem Unternehmen und der Familie. Für den langfristigen Erfolg und den Erhalt als Familienunternehmens ist es wichtig, dass wir als Familie mit einer Stimme sprechen. Das erfordert eine gute interne Organisation, transparente Kommunikation, offene Diskussionen, aber auch klare Regeln und Prozesse. Wir organisieren zum Beispiel mehrmals im Jahr sogenannte Informationskreise, bei denen interessierte Familienmitglieder verschiedene Bereiche des Unternehmens näher kennenlernen. Wir haben regelmäßige Familienbesprechungen, bei denen auch der Vorstand über aktuelle Entwicklungen berichtet. Diese Treffen sind sehr wichtig, da sie Raum für Diskussionen bieten und sich jeder einbringen kann. Entscheidungen werden hier allerdings nicht getroffen. Es gibt familieninterne Publikationen wie einen Newsletter und zahlreiche weitere Aktivitäten für jede Altersgruppe – ein Sommerfest, Weihnachtsfeiern, Fortbildungsprogramme und Aktivitäten für die nachwachsenden Generationen.
Bewährt hat sich zudem unser internes Gremium, das Familienkomitee, in dem gewählte Vertreter der drei Stämme der Familie familieninterne Themen diskutieren und für die Gesamtfamilie vorbereiten. Dieses familieninterne Gremium ist aber klar zu trennen von den Gremien des Unternehmens, die andere Informationszugänge und Entscheidungsbefugnisse haben.
