Wenn es um die klassische Hierarchie im Kunstmarkt geht, macht sich Fritz Conzen keine Illusionen: Ganz oben kommen die Künstler, die Museen, die Galeristen. Dann die Restauratoren. Dann erst die Einrahmer, danach vielleicht noch die Logistiker. Conzen ist Einrahmer. Genauer gesagt: Er ist Geschäftsführender Gesellschafter der Werkladen Conzen Kunst Service GmbH. In fünfter Generation hat er die Aufgabe übernommen, den richtigen Rahmen für jedes Objekt zu finden, das Kunden ihm und seinem Team anvertrauen. „Ein guter Rahmen steht im Dienst des Werks“, sagt Conzen. Sollen die Leisten handgeschnitzt sein oder aus minimalistischem Metall? Mit Stuck oder Vergoldung? Sitzt das Motiv hinter hochentspiegeltem Glas oder Acrylglas mit UV-Schutz? Umrahmt von einem Passepartout aus säurefreiem Spezialpapier? Oder einer sogenannten Schattenfuge, die dem Bild einen schwebenden Eindruck verleiht?
Das mag etwas nach Baumarktkatalog, zumindest aber nach bodenständigem Handwerk klingen. Allerdings: Die Objekte, um die es geht, sind nicht selten spektakulär. Werke von Künstlern wie Peter Doig, Damien Hirst und Andreas Gursky sind schon durch Conzens Werkstatt gegangen, aber auch ganze Zyklen von Grafiken der klassischen Moderne. Mit Begeisterung erzählt der Unternehmer von dem Auftrag des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, ein Gemälde, das Albrecht Dürer von seiner Mutter gemacht hat, neu zu rahmen. Oder von der mühevollen Rekonstruktion eines handgeschnitzten historischen Rahmens anhand von nur einem erhaltenen Rahmenschenkel für das Aachener Rathaus.
Kein falscher Hochmut
Als Kind ging Conzen jeden Tag durch den Laden, der damals noch in der Kasernenstraße in Düsseldorf lag, zur Wohnung der Familie. Er war häufig mit seinen Eltern in Museen, später auch auf Messen, etwa der Westdeutschen Kunstmesse, der Vorgängerin der heutigen „Cologne Fine Art“. Bei ihm zu Hause hängt heute eine wilde Mischung verschiedener Werke, darunter eines der Fotografin Rosemarie Trockel, aber auch weniger bekannte Namen. „Es gibt mir mehr, den Künstler persönlich kennenzulernen“, sagt er. Werke der klassischen Moderne, zum Teil Geschenke von Eltern und Großeltern, sind dabei, ebenso wie eine kleine Achenbach-Tusche: „Die hat einen besonderen Stellenwert, weil sie auf die Anfangszeit des Unternehmens zurückgeht.“ Trotz seiner eigenen Präferenzen ist Conzen in Sachen Wandgestaltung alles andere als dogmatisch. Bewertungen liegen ihm fern. Ein Kunde, der ein Foto seines Haustiers rahmen lassen möchte, ist ihm ebenso willkommen wie der Besitzer einer Grafik des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff. Für eine Kardiologische Praxis hat das Team erst kürzlich eine Sammlung von Herzschrittmachern aus verschiedenen Epochen gerahmt.
Obwohl er mit der Rahmenfabrik aufgewachsen ist, führte Conzens Werdegang zunächst anderswohin. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft war er unter anderem bei einer großen Strategieberatung tätig. Dort erreichte ihn 2004 der Hilferuf seines Vaters. Die Veränderungen im Markt und im Kundenverhalten – darunter so radikale Neuerungen wie die Digitalfotografie oder das Vordringen von IKEA in den Massenmarkt mit Rahmen und Drucken – hatten das damals 150 Jahre alte Familienunternehmen in schweres Fahrwasser gebracht. „Demokratisierung der Wandgestaltung“, so fasst Fritz Conzen die Entwicklung zusammen. „Ein Quadratmeter Leinwand für 25 Euro, das gab es früher nicht.“ Er sagte dem Vater zu, im vollen Bewusstsein dessen, dass ihn eine regelrechte Restrukturierungsaufgabe erwartete. Im selben Jahr stieg er in die Geschäftsleitung ein. „Seit dieser Zeit haben wir unsere Wertschöpfungskette deutlich verändert“, sagt Conzen heute. So hat er etwa einen großen Teil der Produktion von Rahmenleisten an einen Lieferanten verkauft und die eigene Produktion auf hochwertige Modell- oder Vergolderrahmen fokussiert, die „Maßanzüge unter den Bilderrahmen“, wie Conzen sagt. Dabei geht es auch um neue Konstruktionen. Denn ein Trend im Kunstmarkt ist: Die Formate werden immer größer. „In einem Neubau, in dem alle Wände aus Trockenbau bestehen, müssen Sie eine gute Lösung finden, um das Bild stabil und sicher an der Wand zu befestigen.“
Umbau mit Augenmaß
Während Conzen auf der einen Seite die Fertigungstiefe reduzierte, öffnete er das Geschäft auf der anderen Seite für Dienstleistungen rund um die Kunst. „Es gibt immer wieder Kunden aus der Erbengeneration, die zu uns kommen, wenn sie Fragen zu einem Werk haben“, sagt er. Oft suchen sie ihn auf, weil auf der Rückseite des Bildes das Conzen-Logo klebt. „Das heißt, dass das Werk tatsächlich – womöglich vor Jahrzehnten – von uns gerahmt wurde“, sagt Conzen. „Allerdings waren wir früher auch wirklich nur für den Rahmen verantwortlich. Heute analysieren wir zum Beispiel auch den Wert, den Erhaltungszustand oder die Provenienz eines Werkes.“ Die weitreichendste Veränderung aber war die Fusion mit dem Werkladen, einem traditionsreichen Rahmengeschäft in der Kölner Südstadt, im Juli 2014. Kurz zuvor gab es bei der Firma, der Conzen geschäftlich als Lieferant verbunden war, einen Inhaberwechsel. Der neue Eigentümer Dr. Frank Warda und Fritz Conzen suchten das Gespräch. Am Ende stand die Entscheidung, gemeinsame Sache zu machen. Im fusionierten Unternehmen arbeiten heute 78 Leute, davon 39 in der Produktion.
Die Fusion zur neuen Werkladen Conzen Kunstservice GmbH mag mit dem kühlen Verstand des Beraters geplant sein. In der Umsetzung aber scheinen vor allem Conzens Offenheit und Kooperationsbereitschaft zum Gelingen beizutragen. Fritz Conzen und Frank Warda teilen sich die Geschäftsführung und halten jeweils 45 Prozent am Unternehmen. Der Rest der Anteile verteilt sich auf mehrere Gesellschafter, die durch kleinere Verschmelzungen hinzugekommen sind. Einer von ihnen ist etwa Oliver Stahlmann, der frühere Inhaber der ebenfalls 2014 integrierten Ars Servandi GmbH für Restaurierung und Konservierung, der heute die Restaurierungsabteilung der Firma leitet. Mit Kollegen auf Augenhöhe zu diskutieren und ihre Meinung zu hören ist für Conzen wichtig: „Sonst schwimmt man einfach zu sehr im eigenen Saft.“
Neue Kanäle, neue Materialien
Das stärkste Argument für den Zusammenschluss im Jahr 2014 aus Sicht des Familienunternehmens war: Der Werkladen hatte zu damals schon eine funktionierende Online-Plattform. 25 Prozent des Umsatzes mache die Firma heute online, sagt Conzen, Tendenz steigend. Wie in vielen Lebensbereichen auch sieht er in der Wandgestaltung einen starken Convenience-Trend: Im Internet sind Werke, Motive und eben auch Rahmen einfach auf Knopfdruck verfügbar. Der Facheinzelhandel in der Fläche verschwindet. Inzwischen haben sich zahlreiche neue Online-Anbieter am Markt positioniert. Dazu gehören der traditionsreiche Fotoentwickler Cewe ebenso wie neue Marken, darunter die „Editionsgalerie“ Lumas (Gründung 2003), wo zwischen 2006 und 2013 auch Hubert Burda Media investiert war, der Möbel-Shopping-Club Westwing (2011), der Design-Online-Shop Monoqui (2012) und die Kunstdruck-Plattform Juniq (2013). Da ist es für Conzen wichtiger denn je, die Reichweite der eigenen Online-Plattform mit der Qualität des Handwerks zu verbinden. „Ich glaube, dass meine Kinder den Unterschied zwischen Online und Offline nicht mehr kennen werden“, sagt Conzen. „Die Frage ist: Sind wir in der Lage, über verschiedene Kanäle den Bedarf eines Kunden decken zu können? Und sind diese Kanäle auch aufeinander abgestimmt?“
Dem Rahmen selbst bescheinigt der Unternehmer Potential für Verbesserungen, nicht für Revolutionen. Acrylglas etwa wird immer besser entspiegelt. Glas, bei dem die Möglichkeiten zur Entspiegelung schon weit fortgeschritten sind, wird weniger zerbrechlich gemacht. Natürlich sitzen die Treiber für solche Materialinnovationen in anderen Branchen. Das bruchsichere Glas kommt in der Bauindustrie zum Einsatz, das entspiegelte Glas bei Computerbildschirmen. Rahmenhersteller wie Conzen fahren quasi „huckepack“ mit und nutzen das Material für ihre Zwecke. Auch für die eigene Produktionstechnik gibt es neue Themen, darunter die Erstellung der Rahmenprofile mit der CNC-Frästechnik. „Theoretisch könnte man damit einen ganzen Rahmen aus einem Stück Holz fräsen“, sagt Conzen. Im Gegensatz dazu sei 3-D-Druck noch keine Option. „Die Größe der Werkstücke aus dem 3-D-Drucker ist für uns bisher noch uninteressant.“
Dass auf lange Sicht die eine oder andere handwerkliche Komponente der Rahmenherstellung durch moderne Technik ersetzt werden könnte, will Conzen nicht ausschließen. Die Einrahmung selbst werde aber immer Handarbeit bleiben. Entsprechend wichtig ist das Thema Nachwuchs. Viele seiner Mitarbeiter sind schon seit Jahrzehnten dabei. Handwerker, die sich auf das Einrahmen spezialisieren, sind meist gelernte Vergolder – Conzen bildet aktuell einen Lehrling aus – oder auch Buchbinder. Den Ausbildungsberuf des „Einrahmers“ gibt es so nicht, die Bezeichnung ist nicht geschützt. „Jeder kann sich Einrahmer oder auch Restaurator nennen und damit um Kunden werben“, sagt Conzen – und lässt keine Gelegenheit aus zu betonen, dass bei Conzen nur Diplom-Restauratoren arbeiten.
Dass das analoge Bild irgendwann ganz durch Bildschirme, die digitale Motive wiedergeben, abgelöst wird, glaubt Conzen nicht: „Das ist wie mit dem gedruckten Buch, das einfach nicht aussterben will.“ Außerdem widerspreche es dem Zeitgeist: Im Moment gehe es doch eher darum, die Flimmerkiste mal auszumachen und das Handy wegzulegen. Und: Für solche Medien müsse man ja auch erst noch stilvollen Content generieren. „Wir haben auch schon Flatscreens gerahmt“, sagt Conzen. Das seien aber Einzelfälle gewesen.
Spezialist für Rahmen und Werke
Hinter der Werkladen Conzen Kunst Service GmbH mit Hauptsitz in Düsseldorf steht ein Zusammenschluss verschiedener Unternehmen. Im Jahr 2014 fusionierten die Düsseldorfer F.G. Conzen GmbH mit der Kölner Bild & Rahmen Werkladen GmbH. Hinzu kamen weitere Firmen: die Rahmen & Bild Esther Klinghammer GmbH (Köln), die Kunst IT und Beratungsgesellschaft mbH (Düsseldorf), die abracus GmbH (Köln) und die Ars Servandi GmbH (Düsseldorf/Essen). Ziel des Zusammenschlusses ist die systematische Erweiterung des Portfolios. Heute wird im Unternehmen vor allem gerahmt, aber auch gedruckt und kaschiert, restauriert und konserviert, transportiert, inventarisiert und beraten sowie der Wert von Kunstwerken ermittelt. Rund 60 Prozent des Gesamtumsatzes entfallen auf das Geschäft mit Firmen- und Geschäftskunden, 30 Prozent auf Galerien. Der Rest stammt aus der Arbeit mit Museen und Spezialaufträgen. „Der Anteil kann stark variieren, sobald ein größeres Einzelprojekt hinzukommt“, sagt Fritz Conzen.
Hat Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Mainz und Paris studiert. Kam über die Kulturberichterstattung zur Tageszeitung. Seit 2007 Redakteurin in der F.A.Z.-Gruppe, seit 2015 fester Teil der wir-Redaktion, wo sie die Produktion des Magazins, das Programm der „wir-Tage“ und den Podcast verantwortet.

