Schon die Visitenkarte erzählt eine Geschichte. Sie ist eierschalenfarben und gehört einem freundlichen älteren Herrn. Dirk Ippen steht darauf. Verleger. Sonst nichts. Weder ein Hinweis auf den Dr. jur. noch auf die in 40 Jahren Verlegertätigkeit entstandene drittgrößte Zeitungskette Deutschlands. 22 zumeist kleine Tageszeitungen in ganz Deutschland gehören dazu, Wochenzeitungen und einige Radio- und Fernsehbeteiligungen. Ippen ist der ungekrönte König der Lokal- und Heimatzeitungen. Die Postanschrift auf der Karte gibt einen Hinweis auf Ippens größten Coup – die Übernahme des Münchner Zeitungsverlags im Jahr 1982. Damals entließ er 300 Mitarbeiter. Heute ist das Unternehmen das Prunkstück der Zeitungsgruppe. Laut Ippen: „Eine Perle, die man blankputzen musste.“ Er hat dem Merkur konsequent eine regionale Ausrichtung verordnet, damit Stirnrunzeln geerntet und am Ende Erfolg gehabt. In den Medien firmiert Ippen seitdem als harter Sanierer und kühler Rechner. In Frankfurter Finanzkreisen würde man dazu vielleicht neudeutsch Turnaround-Spezialist sagen. Denn meist hat Ippen dann zugeschlagen, wenn Zeitungen ins Trudeln gerieten oder die Nachfolge unklar war. Das war seit den siebziger Jahren sehr oft der Fall. „Andere Zeitungen konnte ich mir nicht leisten“, sagt Ippen lapidar, und: „Ich habe wahnsinnig viel Glück gehabt.“
Ippen hat auch eine andere Seite. Zwei Gedichtbände und eine Liedgutsammlung hat der 68-Jährige herausgegeben, weil er Poesie für einen zentralen Teil des deutschen Kulturguts hält. Letztere heißt „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Die zweite Zeile des Bonhoeffer-Lieds – „Erwarten wir getrost, was kommen mag“, passt zu Ippens Lebenseinstellung: „Man muss das machen, wo einen das Leben hinstellt.“ Da klingen der fatalistische Lutheraner durch und persönliche Bescheidenheit. Warum er Zeitungen mache, wird er oft gefragt. „Weil ich nichts besser kann.“ Das ist nicht nur dahergesagt. Dazu formuliert jemand wie Ippen zu behutsam und abwägend-abgewogen.
Zu Zeitungen kam Dirk Ippen über seinen Vater Rolf. Der bekam 5 Prozent der Anteile am Zeitungsverlag Ruhrgebiet, der die westfälischen Ausgaben der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) herausgab. Vor dem Krieg war er Verlagsgeschäftsführer gewesen, musste aber unter den Nazis gehen. Stärker noch als sein Vater Rolf war WAZ-Gründer Erich Brost, mit dem Rolf Ippen in der WAZ-Gruppe zusammengearbeitet hatte, Vorbild und Förderer von Ippen junior. Sein Bild, nicht das des Vaters, schmückt das Büro. Erich Brost war Journalist und Moralist, aber kein Kaufmann. Für das Geschäftliche holte er sich den im Ruhrgebiet gut vernetzten Jakob Funke als gleichberechtigten Partner dazu. Es dauerte nicht lange, bis sich beide überwarfen. Brost scheiterte beim Versuch, Funke mit Hilfe von Ippen senior loszuwerden. 1963 wurde Ippen aus dem Gesellschafterkreis her ausgekauft und erwarb für seinen Sohn eine Beteiligung am Westfälischen Anzeiger in Hamm. Der damals erfolgte Bruch zwischen den Familien Brost und Funke, der auch die Ippens involvierte, wirkt noch Jahrzehnte später nach. Kommentieren möchte Dirk Ippen die personellen und emotionalen Verflechtungen der drei Verlegerfamilien nicht. Öffentlich über Animositäten zu sprechen wäre auch nicht seine Art.
Die Verlagsgruppe
22 Tageszeitungen und zwölf Radiobeteiligungen sind dem Verbund des Münchner Verlegers angeschlossen. 80 lokale Märkte und Lokalredaktionen, mit Wochenzeitungen sogar 100 Märkte, decken die Ippen-Titel ab. Die bekanntesten Titel sind der Münchner Merkur, die tz und seit 2002 die Hessisch Niedersächsische Allgemeine. An beiden Verlagsgruppen ist Ippen maßgeblich beteiligt. Auf eine verkaufte tägliche Auflage von 900.000 Exemplaren kommen die Ippen-Blätter insgesamt. Der Umsatz liegt bei jährlich 450 Millionen Euro. Die Ippen-Gruppe ist nach Axel Springer und der WAZ-Gruppe einer der größten Regionalzeitungsverleger in Deutschland.
Der hochgebildete Brost beeindruckte den jungen Mann. „Ein politischer Mensch, aber nicht im parteipolitischen Sinne“, würdigt ihn Ippen. Ein vorbildlicher Publizist, der mit Mut für die Freiheit kämpfte. Immer wieder setzte sich das SPD-Mitglied über Parteigrenzen hinweg, etwa, als er Adenauers Westkurs zustimmte. Auch dafür bewundert ihn Ippen.
„In vielleicht nie wieder erreichter Form war er in seinen Kommentaren ein Mann des Sowohl-als-auch. Er hat immer bewusst beide Seiten beschrieben“, sagt Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe und der Brost-Holding, über den WAZGründer. „Die Presse muss immer auf der Seite derer stehen, die nicht die großen Schuhe anhaben“, sagt Ippen. Ein flammendes Bekenntnis zum Liberalismus? „Ja. Mut ist die Religion der Freiheit. Unpolitisch zu sein ist die vielleicht größte Gefahr für die Presse. Wir leben in der Selbstvergessenheit der Freiheit.“
Verleger der Stunde null
In Hamm war Dirk Ippen sieben Jahre lang Chefredakteur und Verleger in Personalunion und wurde dafür angefeindet. „Unvermeidlich“, findet Ippen das. Schließlich sei in der Zeitungsbranche das Produkt noch wichtiger als in der Autobranche. „Was wäre ich für ein Verleger, wenn ich mich nur für die Zahlen, aber nicht für die Qualität und die Entwicklung der Zeitung interessieren würde? Da hätte ich doch grundlegend etwas falsch gemacht.“
„Viele Zeitungen haben nicht mehr einen solchen Dinosaurier als Herausgeber wie mich, an dem man sich reiben kann.“ Eine Reibung, aus der Kreativität entsteht. Ippen zählt zur zweiten Generation der Nachkriegsverleger. Bis 1949 konnte nur eine Zeitung herausgeben, wer dazu eine Lizenz von den Siegermächten erhielt. „Die erste Generation, das waren Verfolgte, Exilanten – hervorragende Leute mit einer wirklich demokratischen Gesinnung“, sagt Ippen. „Journalisten, die zwangsläufig auch Unternehmer wurden.“ Gerd Bucerius, Henri Nannen, Rudolf Augstein, John Jahr: Eine ganze Phalanx hat die deutsche Presse nach dem Krieg hervorgebracht. Man solle Menschen nicht idealisieren, relativiert Ippen. „Alle waren auf ihre Weise genial und auch ein wenig verrückt. Axel Springer war am Ende wohl der größte Idealist und John Jahr noch der Normalste von allen.“ Jahr war ein guter Geschäftsmann mit weniger Sendungsbewusstsein als der vom Gedanken der Wiedervereinigung beseelte Springer.
Gentleman Ippen ist ein Kompromiss zwischen der ersten und zweiten Generation, verbindet konsequente kaufmännische Ausrichtung mit Sinn und Interesse für Inhalte. Das haben ihm die Redaktionen trotz aller Konflikte bestätigt. Mit minutenlangem Beifall verabschiedete ihn die Redaktion des Münchner Merkur bei seinem Rückzug aus dem Tagesgeschäft und dem Auszug aus dem Gebäude, obwohl die Zeit davor nicht nur friedlich war.
Bei der Unternehmensnachfolge ist Ippen unprätentiös und wenig nostalgisch. „Es kommt nicht darauf an, das Unternehmen um jeden Preis in der Familie zu halten, wenn kein Nachfolger da ist.“ Wichtiger sei es, das Kapital in der Familie zu halten. Komplexe Begabungen seien höchst selten. Die Kombination aus Verleger und Chefredakteur biete sich nur in Ausnahmefällen an. Oft ist die zweite Generation eine Managergeneration. Ippen findet das in Ordnung. „Dass nichts nachkommt, sollte man nicht sagen. Viele Verlage haben eine junge Generation wie etwa die Schaub-Gruppe und Holtzbrinck.“ Andere Verlage führen mit familienfremden Managern gut. Um die Gleichung Verlag – Familienunternehmen ist Ippen nicht bange. Reine Publikumsgesellschaften sind in Deutschland noch Fehlanzeige, branchenfremde Investoren trotz fortschreitender Konsolidierung selten. In den eigenen Unternehmen hat Ippen mit seinem Neffen Daniel Schöningh für die norddeutschen Zeitungen und Jan Ippen für Ippen Digital zwei Familienvertreter eingesetzt. Sich selbst sieht er als Elder Statesman der Gruppe.
Bei allen Unterschieden könne man bei Brost und bei Ippen doch eine „gewisse Verweigerung gegenüber der Selbstinszenierung“ erkennen, sagt Bodo Hombach. „Manche Verleger bauen sich nach Art der Pharaonen schon zu Lebzeiten Denkmäler, die beiden nicht“, sagt Hombach. Dass Ippen wie weiland Axel Cäsar Springer Geschäftspost mit (teilweiser) Selbstironie mit GröVaZ „Größter Verleger aller Zeiten“ – unterschreibt, ist kaum vorstellbar. „Brost lehnte Erinnerungskult ab“, erzählt Bodo Hombach. Das interessiere doch keinen, fand er. Deswegen gibt es keine Bilder in Öl von ihm. Bei der WAZ haben viele Mitarbeiter Fotos von ihm aufgehängt. „Ganz freiwillig“, betont Hombach. Auch Ippens Name steht an keinem Giebel. Er ist (außerhalb der Branche) der große Unbekannte unter Deutschlands Verlegern.
