Nur drei Deutsche sind Mitglied in der „Association les Hénokiens“. Mitglied dieses exklusiven Clubs europäischer und japanischer Unternehmen darf nur derjenige werden, dessen Unternehmen seit mindestens 200 Jahren durchgängig mehrheitlich in Familienbesitz ist und auch heute noch von einem Gründungsnachfahren geführt wird. Gerade einmal 38 Mitgliedsunternehmen zählt der Club derzeit. Selbst 100-jährige unabhängige Unternehmen sind in Deutschland recht rar. Zuverlässige Statistiken gibt es nicht, doch es wird geschätzt, dass nur jede 100. Firma auf mindestens ein Jahrhundert Geschichte zurückblicken kann. Angesichts von mehr als 30.000 Unternehmensinsolvenzen jährlich überrascht das kaum. Wer nicht untergegangen ist, hat im Laufe der Jahrzehnte meist seine Selbständigkeit verloren – weil die Firma in eine börsennotierte Aktiengesellschaft umgewandelt wurde oder weil sie in einem anderen Unternehmen aufgegangen ist.
So wird Reemtsma in diesem Jahr zwar 100, doch schon 1980 verkaufte die Familie ihre Mehrheit. Inzwischen gehört das Hamburger Unternehmen vollständig dem britischen Tabakkonzern Imperial Tobacco. Rheintex, deren Ursprung im Jahr 1910 liegt, ist nur noch eine Beteiligungshülle. Klopp Werkzeugmaschinen wurde 1992 von der Evertz-Gruppe aufgekauft. Es bleiben nicht mehr viele deutsche Unternehmen, die in diesem Jahr auf ein Jahrhundert Unabhängigkeit zurückblicken können. Umso stolzer können die sein, die es geschafft haben.
„Ich weiß gar nicht, ob wir das Jubiläum so an die große Glocke hängen wollen“, sagt Lothar Ruhnke. Der familienfremde Geschäftsführer teilt sich beim Ulmer Druckspezialisten Höhn die Führung mit Sebastian Haug aus der Gesellschafterfamilie. „Sonst denkt noch jemand, wir seien verstaubt.“ Und Wolfgang Roßmar, Geschäftsführer von B. Vomberg, einem Großhändler für Tischler und Schreiner, witzelt: „Niemand erwartet, dass der Geburtstag einer 80-Jährigen viel Spaß macht. Wir wollen unsere Kunden und Mitarbeiter aber für uns begeistern – darum gucken wir lieber nach vorne!“ Auch bei Dehn + Söhne, spezialisiert auf Überspannungsschutz, betont der geschäftsführende Gesellschafter Thomas Dehn: „Die Vergangenheit macht uns nicht satt.“ Das 100-jährige Jubiläum werde man nicht übermäßig zelebrieren. Trotzdem ist ein „1910 bis 2010“ auf seine Visitenkarte gedruckt; gibt es Kugelschreiber mit „100 Jahre Dehn“, ein kleines Museum im Haus, große Poster an den Wänden; fährt ein Laster mit Jubiläumsaufschrift vor; haben alle Mitarbeiter ein Jubiläums-Bonbon erhalten; wird es ein Sommerfest auch mit Ehemaligen geben. Ein bisschen stolz sind sie dann doch alle.
Blick nach vorn, Blick zurück
Tatsächlich machen die 100-Jährigen keinen „verstaubten“ Eindruck: Modernste Maschinen und Technologien, die Eroberung neuer Märkte, schnelle Kommunikationstechnologien sind für die Jubilare selbstverständlich. Doch etwas ist anders als bei vielen jüngeren Unternehmen: der traditionelle Wertekanon. Rechtschaffenheit, Beständigkeit, Zuverlässigkeit und Geduld sind wichtige Bestandteile der Unternehmensführung. Es geht nicht darum, der Schnellste, der Größte zu sein. Sie wollen wachsen, aber nicht auf Kosten größerer Risiken. Von Unternehmenskäufen lassen sie oft die Finger, auch wenn es sie vielleicht Wachstum kostet. Eigenkapitalquoten über 70 Prozent sind typisch. „Das hier alles, jeder einzelne Stuhl, gehört dem Unternehmen“, sagt eine Unternehmenssprecherin stolz, „nicht der Bank.“ Genügsamkeit impfen sie ihren Gesellschaftern ein. Bei Höhn sind Ausschüttungen tabu, jeder Gesellschafter möge sich seine eigene Existenz aufbauen, unabhängig vom Unternehmen.
Trends setzen
Geht bei so viel Bescheidenheit nicht die Lust am Neuen verloren? Wie kann sich ein junger Nachfolger mit neuen Ideen gegen die Übermacht der Geschichte durchsetzen? Muss er nicht stets gegen ein „Das haben wir schon alles gesehen“ ankämpfen? Lothar Ruhnke, seit 45 Jahren bei Höhn, gibt zu: „Wir sind schon eher wie ein Tanker, der nicht kurzfristig den Kurs wechselt. Aber das hat uns sicherlich auch davor geschützt, kurzfristigen Schwankungen gleich nachzugeben.“ Wichtig sei, sich auf das zu konzentrieren, was man gut könne. Geschäftsführer Sebastian Haug, 34, hat damit kein Problem. Auch seine Welt sind die Displays und Kartonagen, die im Unternehmen überall aufgestellt sind.
Stillstand gibt es deshalb aber nicht – im Gegenteil: Die 100-Jährigen haben in ihrer Geschichte immer wieder gezeigt, dass sie den Takt vorgeben. Sie haben Industriestandards geprägt, ob im Blitzschutz, im Immobiliengeschäft oder bei der Automatisierung von Eintreibmaschinen für den Möbelbau. „Wir haben schon vor 30 Jahren Frauen als Zielgruppe entdeckt“, ist Handwerks- Großhändler Roßmar stolz. Und Tobias Fischer-Zernin, Vorstand und Hauptaktionär beim Spezialisten für Eintreibmaschinen BeA, betont: „Seit mehr als 25 Jahren treiben wir das Thema Automatisierung beständig voran.“
Die Kraft für radikalen Wandel?
Stolz zeigen sie ihre neuen Maschinen, State of the Art. In der Fertigung ist von Geschichte nichts zu spüren. Fast nichts: Manchmal steht verschämt in der Ecke doch noch eine Maschine, die schon mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel hat. „Die tut bis heute gute Dienste, die brauchen wir für seltene Anwendungen.“ Innovation ist Teil der 100-Jährigen. Erneuerung verläuft aber meist in geregelten Bahnen, radikale Brüche waren in den vergangenen Jahren selten. Es ist eine Evolution, keine Revolution – die Eroberung vollkommen neuer Spielfelder scheuen die 100-Jährigen. Sie bleiben bewusst bei ihren Leisten, verbessern diese.
Das birgt aber auch Gefahren, weiß Werner Plumpe, Professor für Wirtschaftsgeschichte: „Viele Unternehmen haben es nicht überlebt, dass ihre Branche untergegangen ist. Nur die wenigsten haben es geschafft, sich neu zu erfinden und jetzt in ganz anderen Bereichen tätig zu sein.“
Wie gut sind die Jubilare darin, sich in solch einem Fall ganz neu aufzustellen? In der Vergangenheit haben sie das immer wieder geschafft: Der Eintriebgeräte-Spezialist BeA war einmal ein Kolonialwarenhändler, Höhn fing nach dem Zweiten Weltkrieg ohne sein umfangreiches Zeitungsgeschäft wieder an. Die nächsten 100 Jahre, die die Jubilare alle heute schon ins Visier nehmen, werden nicht einfacher. Alter schützt vor Untergang nicht, egal wie alt das Unternehmen schon ist. Das haben nicht nur Traditionshäuser wie Karstadt gespürt, sondern das wohl älteste Unternehmen der Welt, die japanische Kongo Gumi. 2006 wurde der Tempel- und Burgbauer wegen Überschuldung aufgelöst und in einen Konzern überführt. Es war das Ende nach 1.428 Jahren kontinuierlicher Betriebsgeschichte.
