Diese großen Produktionshallen! Alles neu und auf modernstem Stand! Phantastisch!“ Martin Erfurt (53) gerät ins Schwärmen. „Was man auf der grünen Wiese neu aufziehen und logistisch alles meistern kann! “ Er spricht über den Firmenstandort von Novo-Tech in Sachsen-Anhalt. In der Tat mangelt es in Aschersleben nicht an Platz. Wiesen, Weiden und Windräder so weit das Auge reicht.
Eng dagegen das Tal an der Wupper. Vor allem dort, wo die Vorfahren von Martin Erfurt vor über 185 Jahren siedelten und sein Ururgroßvater die Raufasertapete erfand. „Wir mussten uns immer verbiegen, sobald wir uns vergrößerten“, stöhnt Erfurt. Allein fünf Brücken verbinden die diversen mehrgeschossigen Industriegebäude. Die Logistik ist eine große Herausforderung für den Tapetenhersteller. Erfurt & Sohn ist nach eigenen Angaben europäischer Marktführer für Tapeten und Wandbeläge und beschäftigt etwa 400 Mitarbeiter.
Eng geworden ist auch der Markt für Erfurt & Sohn. Der Markt in Westeuropa ist gesättigt, in Russland und China gibt es zwar Potential, aber Tapetenhersteller sprießen wie Pilze aus dem Boden. Die Technologieführerschaft konnte Erfurt & Sohn kontinuierlich mit Innovationen ausbauen. So ist Tapete nicht einfach eine Tapete: Sie fängt Feuchtigkeit auf, bekämpft Schimmel, schluckt Schall und vermeidet Elektrosmog. „Wir profitieren von der energetischen Sanierung“, sagt Erfurt.
Trotz aller erfinderischen Versiertheit: Erfurt sucht Wachstumspotential. Und ein zweites Standbein. Idealerweise eines, das mit dem Rohstoff Holzfaser zu tun hat, einem einheimischen, nachwachsenden Rohstoff. Während Martin Erfurt und sein Großcousin Hendrik (46), beide in der Geschäftsführung als persönlich haftende Gesellschafter, sich auf die Suche nach diesem zweiten Standbein machen, schuftet im knapp 400 Kilometer entfernten Aschersleben Holger Sasse (54) wie ein Besessener. Manchmal stand er 48 Stunden am Stück an einer Maschine und tüftelte an der Verfahrenstechnik. „Körperlich bin ich an meine Grenzen gestoßen“, erzählt Sasse. Jede Sekunde zählte. Die Zeit lief ihm davon. Das Geld auch.
Verwurzelt: Familie Erfurt
Zukunft braucht Vergangenheit“, sagt Martin Erfurt, siebte Generation und geschäftsführender Gesellschafter der Erfurt & Sohn KG, europäischer Marktführer im Bereich Wandbeläge. „Es gab in unserer Familie immer jemanden, der sich für unsere Geschichte interessiert hat.“ Daher wurde über Generationen kontinuierlich archiviert. Für das große Jubiläumsjahr 2002 – zum 175-jährigen Bestehen – wurde in mühsamer Kleinarbeit vieles zusammengetragen. Und einiges gefunden: zum Beispiel ein Safe, in dem sich der Originalbauplan einer Papiermaschine aus dem 19. Jahrhundert befand.
„Das war ein historisch wichtiger Fund“, sagt Erfurt. „Wir könnten diese Maschine heute auch wieder anwerfen.“ Im Jahr 2005 wurde das Firmen- und Familienmuseum in einem Haus eröffnet, in dem die Vorfahren gelebt haben. Dort werden nicht nur Familienfeste gefeiert, sondern auch der Beirat tagt in dem Haus, Kunden und Geschäftspartner werden dort empfangen. Martin Erfurt und sein Großcousin Hendrik Erfurt sind gleichberechtigte Gesellschafter und Geschäftsführer. In jeder Generation werden die Anteile jeweils zu 50 Prozent auf die beiden persönlich haftenden Gesellschafter zusammengeführt. Mit diesem Prinzip der Anteilsübertragung ist es dem traditionsreichen Tapetenhersteller gelungen, die Gesellschafterstruktur schlank und überschaubar zu halten. Erfurt & Sohn beschäftigt etwa 400 Mitarbeiter. Das Unternehmen mit Sitz in Wuppertal unterhält Standorte in England, Polen, Russland und Ungarn.
Das war im Jahr 2006. Ein Jahr zuvor hatte der gelernte Bauingenieur Novo-Tech gegründet. Er hatte Feuer gefangen für einen neuen Werkstoff: Holzpolymerwerkstoffe, die zu 75 Prozent aus Holzfasern und zu 25 Prozent aus Polymeren bestehen. Aus ihnen werden zum Beispiel Terrassenböden und -dielen hergestellt – recyclingfähig, ohne Tropenholz und daher nachhaltig.
Doch Sasse hatte die Komplexität der Verfahrenstechnik und der Produktion vollkommen unterschätzt. „Ich war doch nur Bauunternehmer. Holz extrudieren – das konnte ich nicht.“ Schließlich stand die Frage im Raum: weitermachen oder aufhören? Sasse entschied sich fürs Weitermachen. Schließlich hatte er seinen Sohn schon mit in die Pflicht genommen. „Ich wollte kein schwacher Vater sein, der aufgibt.“
Während er in einer letzten Chance alles gab für sich und seinen Sohn, begann die Familie Erfurt an einer Familienverfassung zu arbeiten. Auf zweieinhalb Seiten fasst die Familie grundlegende Werte und Regeln zusammen. Zum Beispiel, dass man die Gesellschafterstruktur schlank halten möchte, wie es seit sieben Generationen praktiziert wird: Es gibt nur zwei Gesellschafterstämme. Jeder Familienstamm schickt einen Vertreter in die operative Verantwortung, auf den dann jeweils 50 Prozent der Anteile zusammengeführt werden. Oder zum Beispiel, dass Stabilität über dem Wachstum steht. Soll heißen: „Wenn Rendite winkt, wir aber unsere Stabilität gefährdet sehen, investieren wir nicht. Wir müssen krisensicher sein“, erklärt Martin Erfurt.
Was für ein Zufall, dass Novo-Tech Anfang 2008 mit 40 Mitarbeitern den Breakeven knackte. Im Jahr 2009 erhielt Sasse einen Anruf von Martin Erfurt. Ob man sich mal kennenlernen wolle.
Ungleiches Paar
Man traf sich zum ersten Mal in Aschersleben. Auf der einen Seite Holger Sasse, ein Selfmademan aus Ostdeutschland: Statt sich am Tag der Währungsunion am 1. Juli 1990 die 100 D-Mark abzuholen, reist er nach Lübeck, um einen ersten Auftrag als Spezialist für Fertigbauteile zu erledigen. Auf der anderen Seite vier Personen aus Wuppertal: Martin Erfurt, ein Beirat, der Vertriebsleiter und der Produktionsleiter. Mit Erfahrung von sieben Generationen im Gepäck.
Beide Seiten einen die Vision und der Glaube an den Werkstoff. „Tropenhölzer werden gefällt, damit wir mit unseren nackten Füßen darauf herumtrampeln können“, sagt Sasse. Ab 2013 tritt ein EU-weites Verbot für illegal importiertes Tropenholz in Kraft. Sasse und Erfurt erhoffen sich, dass Händler, Baumärkte und letztlich die Konsumenten auf ökologisch sinnvolle Alternativen umsteigen. „Aber auch Transportböden für Lkw und Schiffscontainer sind mit Bangkirai-Tropenholz ausgestattet. Das muss aufhören, wenn man es mit Nachhaltigkeit ernst meint“, sagt Erfurt.
Sie treffen sich zwei weitere Male, führen intensive Gespräche und legen ihre Zahlen offen. Auch die Familienverfassung wird auf den Tisch gelegt. Die Lösung liegt bei Vertragsabschluss am 28. Januar 2010 in einer 50-prozentigen Beteiligung von Erfurt & Sohn an Novo-Tech. Erfurt & Sohn bringt Vertriebs- und Marketingexpertise sowie Finanzkraft mit, Novo-Tech die Technologie und das Know-how. Die Beteiligung ist das zweite Standbein von Erfurt & Sohn – von den Wand- hin zu den Bodenbelägen.
Gezwungen, den Konsens zu suchen
Für den bisherigen Alleinentscheider Holger Sasse eine neue Situation. Er hat zwar seine Baugesellschaft immer mit einem Partner geführt. Zunächst mit einem Freund, dann mit einem schwedischen Unternehmer. Trotzdem ist diese Art der Partnerschaft – weil gleichberechtigt – neu. „Früher habe ich freiwillig andere in einen Entscheidungsprozess einbe – zogen. Jetzt muss ich das“, sagt Holger Sasse. „Ich kenne gar nichts anderes“, sagt Martin Erfurt, dessen Familie diese Art der Partnerschaft seit Generationen verinnerlicht hat.
Aber Gründer Sasse versichert, dass ihm das nicht schwerfalle. Außerdem gibt es den Beirat. Erfurt & Sohn und Novo- Tech dürfen jeweils ein eigenes Mitglied benennen. Beide haben einen erfahrenen Manager gewählt, der jeweils für große Familienunternehmen auf Vorstandsebene gearbeitet hat. Diese beiden Beiräte suchen sich dann gemeinsam ihren Vorsitzenden. Den dürfen Erfurt und Sasse nicht kennen. Dreimal im Jahr treffen sich Beirat und Geschäftsführung. „Am Anfang habe ich das mit dem Beirat nicht so ernst genommen“, gibt Sasse zu. Er dachte, einen Beirat brauche man nur für Streitfälle. Mittlerweile schätzt er die Vorzüge. Sich zu vergewissern, ob man denn wirklich auf der richtigen Spur sei, sei ein Gewinn an sich. Er versteht jetzt auch, warum die Erfurts beim ersten Besuch mit vier Mann auf – gelaufen sind: „Wenn Martin und Hendrik Erfurt eine Entscheidung treffen, steht immer auch das Vermögen der Familie auf dem Spiel, das sie nicht alleine geschaffen haben“, so Sasse. Er dagegen habe immer sein eigenes Geld verwaltet. „Ich kann Geld aufbauen, und ich kann es auch vernichten. Ich bin dann niemandem Rechenschaft schuldig.“
Martin Erfurt zollt Sasse Respekt: „Ich bewundere Holger Sasse für das, was er geschaffen hat. Als Gründer war er total auf sich allein gestellt.“ Novo-Tech hat Sasse aus eigenen Mitteln finanziert. Sein Unternehmerdasein hat ihm erlaubt, einiges auf die hohe Kante zu legen. „Wenn man nicht weiß, wo etwas hinführt, nimmt man kein fremdes, sondern nur eigenes Geld in die Hand.“ Da überrascht es kaum, dass er den Erlös aus der 50-prozentigen Beteiligung von Erfurt & Sohn an Novo-Tech gleich wieder ins Unter – nehmen gesteckt hat. „Mein Leben reicht nicht aus, um zu erleben, was man im Garten, Transport und Bauwesen noch alles mit Holzpolymeren machen kann.“
Und dann gerät er richtig ins Schwärmen. „Als Gründer träume ich davon, etwas über Generationen aufzubauen. Die Familie Erfurt hat das geschafft. Sie hat eine große Beispielwirkung auf meine Familie. Sieben Generationen – ich bin sehr stolz auf diese Partnerschaft.“
Heute, drei Jahre nach Vertragsabschluss, beschäftigt Novo- Tech 96 Mitarbeiter. Auf die Frage, ob die Firma profitabel arbeite, reagiert Sasse fast schon empört. „Natürlich!“ Wachsen soll das Unternehmen in den nächsten Jahren im zweistelligen Prozentbereich. Platz ist genug da. Zumindest in Aschersleben. Gerade hat sich Sasse ein angrenzendes freies Grundstück gesichert.
Familienverbunden: Holger Sasse
Holger Sasse wurde 1958 in Sachsen-Anhalt geboren. Der studierte Bauingenieur macht sich direkt nach der Wende selbständig. Er gründet mit einem Freund und Geschäftspartner die Sasse & Junghanns Baugesellschaft, die sich auf Fertigteile spezialisiert hat. Im Jahr 2005 gründet er Novo-Tech, die Holzpolymerwerkstoffe produziert und heute 96 Mitarbeiter beschäftigt. „Ohne den Rückhalt meiner Familie hätte ich das niemals geschafft. Woher hätte ich die Kraft schöpfen können?“
Die Familie Sasse vereint vier Generationen. Die Eltern von Holger Sasse sind in hohem Alter noch munter, seine drei Kinder haben auch schon Kinder. Im Zuge der vorweggenommenen Erbfolge hat Sasse die Anteile der Baugesellschaft an seine drei Kinder übertragen. Sein ältester Sohn, ein Architekt, leitet die Firma mittlerweile. Die Tochter arbeitet als Bautechnikerin mit. Sein mittlerer Sohn dagegen ist als Tischler bei Novo-Tech aktiv. Er hat die längste Maschine bei Novo-Tech entwickelt – sie misst 150 Meter. Novo-Tech hätte Sasse auch woanders gründen können. Dort, wo es mehr qualifizierte Arbeitskräfte gibt. Aber: „Aschersleben ist meine Heimat.“ Und er erzählt von Mitarbeitern, die viele Jahre im Westen gelebt und gearbeitet haben und wieder zurückgekehrt sind.
Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.

