Der Papst ist Kunde. Porsche auch. Kusch+Co produziert Sitzmöbel und Tische für Kliniken, Büros, Warte- und Empfangshallen, Flughäfen, die Gastronomie, Wohnheime und Auditorien. Der Papst und Angela Merkel nahmen auf Kusch-Sesseln Platz, als sie sich im Herbst 2011 in Berlin trafen. „Den Prälaten habe ich durch Zufall auf einem Sommerfest in Berlin kennengelernt“, erzählt Ricarda Kusch. Der habe sich erinnert, dass das Familienunternehmen aus dem katholischen Sauerland schon einmal Sitzmöbel für das Erzbistum Paderborn gefertigt habe.
Ricarda Kusch überlässt dem Zufall eigentlich nicht viel. Zumindest nicht im Geschäftsleben. Sie hat klare Vorstellungen davon, wo die Zukunft des Unternehmens liegt: in der Marke, im Design und auf ausländischen Märkten. Und sie hat klare Vorstellungen von den Wegen, die das Unternehmen in diese Zukunft führen. Die Kooperation mit Porsche Design Studio war „ein Paukenschlag, designtechnisch hat ein neues Zeitalter bei Kusch+Co begonnen“. Ergebnis der Kooperation ist eine Serie von Wartebänken, die u.a. die Terminals der Flughäfen Mailand und Medina bestücken. Ricarda Kusch gibt der Marke ein Gesicht. Um das Auslandsgeschäft anzukurbeln, trinkt sie mit einem Scheich am Lagerfeuer Tee, hält in Jeddah verschleiert eine Präsentation und speist in China Schweinefüße. „Projekte und Partnerschaften im Ausland entwickeln sich nur über persönliche Beziehungen.“
Chefin werden
Die Strategie für das Unternehmen legt Ricarda Kusch fest. Ihr gehören 97 Prozent des Unternehmens, das mit 420 Mitarbeitern etwa 50 Millionen Euro erwirtschaftet. Im Jahr 2011 hat ihr Vater ihr seine Anteile, knapp 60 Prozent, überschrieben. „Da musste ich mir sicher sein, dass ich wirklich die volle Verantwortung tragen wollte“, sagt Ricarda. Sie war sich sicher. Sechs Jahre in operativer Verantwortung hatte sie auf dem Buckel: Sie hat das Unternehmen durch die Weltwirtschaftkrise gesteuert, sich als „blonde, junge, unerfahrene“ Designerin den Respekt der Belegschaft erarbeitet. Sie wurde vom Wettbewerb erst belächelt, um jetzt geachtet zu werden. Einen Tag vor ihrem 30. Geburtstag im Januar dieses Jahres sagt sie: „Ich bin angekommen. Ich weiß, wer ich bin und wo ich hingehöre.“
Viele Entscheidungen haben sie dorthin geführt, wo sie heute steht. Ihrer Heimat kehrt sie mit 16 Jahren den Rücken und besucht ein Internat in England, wo sie die darauffolgenden sieben Jahre lang lebt. „Nach England zu gehen war die beste Entscheidung meines Lebens.“ In Hallenberg, wo Kusch schon seit Unternehmensgründung 1939 produziert, leben ungefähr 4.500 Menschen, davon arbeiten viele bei Kusch. „Im ländlichen Umfeld bleibt nichts unbeobachtet oder unkommentiert.“ Der Drang nach Freiheit und Anonymität bewegt Kusch zum Ausbruch. „Nie hatte irgendetwas mit meiner eigenen Leistung zu tun. Ich hatte das große Bedürfnis, mich frei zu schwimmen.“
Das Internat sucht sie mit Hilfe einer Agentur ohne das Wissen ihrer Eltern, die sie aber unterstützen – auch als sie nach der Schulzeit zum Studium bleibt. „Meinen Eltern konnte ich meine Pläne und Vorstellungen immer ganz gut verkaufen“. Ricarda lacht. „Da war ich schon ein Fuchs.“ Wirtschaft studiert sie in Newcastle upon Tyne nahe der schottischen Grenze. „Ich wollte ein solides Fundament in meiner Ausbildung.“ Danach besucht sie eine Akademie für Innenarchitektur in London. Die Ausbildung sei hart gewesen, „ich habe mich an meine persönlichen Grenzen gepusht“. Aber Interior Design sei schon immer ihre Leidenschaft gewesen. „Ich wollte prüfen, ob meine Leidenschaft und mein Talent ausreichen, um damit Geld zu verdienen.“ Sie hat es geschafft und als Innenarchitektin in London ihren ersten Job gehabt.
Ihr fünf Jahre älterer Bruder Andreas besucht sie oft in London. Er hatte die Nachfolge bereits angetreten, der Vater hatte sich zurückgezogen. „Mein Bruder hat mir ordentlich Zunder gegeben, als ich in England war.“ Er habe immer wieder gefragt, was sie denn mit ihrem Leben machen wollte. Er habe zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Fragen gestellt. „Er hat mich herausgefordert, war kritischer als meine Eltern.“
Das Unternehmen und die Familie
Im Jahr 1939 gründet Ernst Kusch sein Unternehmen in Hallenberg. Er fertigt mit 15 Mitarbeitern Sitzmöbel aus Holz. „Qualität ist durch nichts zu ersetzen“, hat er gesagt. Das ist auch heute noch der Leitspruch für das Unternehmen. Ende der sechziger Jahre übernimmt sein Sohn Dieter die Führung. Er hält später 60 Prozent der Anteile, sein Bruder, der früh verstirbt, 40 Prozent. Seine Anteile gehen auf die beiden Kinder über. Im Jahr 1998 steigt Dieters Sohn Andreas ein, der die Anteile seiner Cousine und seines Cousins kurze Zeit später übernimmt. Dieter Kusch zieht sich aus dem operativen Geschäft zurück. Im Jahr 2006 verunglückt Andreas tödlich. Seine Schwester Ricarda übernimmt die Geschäftsführung gemeinsam mit ihrem Vater. Seit 2011 gehören Ricarda 97 Prozent der Anteile, ihrem Vater Dieter die restlichen 3 Prozent. Die Familie installiert zurzeit einen Beirat, deren Vorsitzender Dieter Kusch sein wird.
Als ein großes Architekturprojekt, an dem sie arbeitet, auf Eis gelegt wird, bietet ihr Bruder Ricarda an, Projekte für das Marketing und Design im Familienunternehmen zu übernehmen – „nur als Überbrückung“. Sie arbeiten 15 Monate lang zusammen, teilen sich ein Büro. Ricarda bewundert ihren Bruder. „Er war ein unglaublich begabter junger Mann.“ Dann verunglückt Andreas während einer Geschäftsreise in China tödlich. Mit 28 Jahren. Innerhalb von kurzer Zeit trifft Ricarda eine Entscheidung, die ihr Leben ein zweites Mal völlig umkrempelt. Während sich die Eltern, Mitarbeiter und ein ganzer Ort im Schock- und Trauerzustand befinden, verkündet Ricarda während der Trauerfeier, dass sie „weitermachen wird“. Ricarda war Alleinerbin der Anteile ihres Bruders, das waren zu jener Zeit 40 Prozent.
In jenen Tagen, als sie durch die „persönliche Hölle“ geht und sich „am Limit bewegt“, stellt sie sich zwei Fragen: Wie möchte ich mein Leben gestalten? Bin ich fähig, das Unternehmen zu führen? „Nachdenken konnte ich eigentlich nicht. Aber ich war die Einzige, die irgendwie handlungsfähig zu sein schien.“ Wären nicht ihre Eltern und einige wenige Vertraute gewesen, die sie in ihren Fähigkeiten bekräftigten, hätte sie sich gegen den Einstieg entschieden. Und sie erinnert sich an die Worte ihres Bruders: Du verkaufst Dich unter Wert, habe er ihr oft gesagt. Sie würde häufig nur reagieren statt zu agieren.
Die Entscheidung für das Weitermachen empfand sie schließlich als Befreiungsschlag. „Erwartungen hatte niemand. Da war nur die Hoffnung.“ Sie spürte, dass die Menschen ihr eine Chance gaben. „Das nahm mir den Druck.“ Seitdem hat sie viele Entscheidungen für das Unternehmen getroffen. Die große Linie, die ihr Bruder in seiner Zeit gezogen hatte, hat sie fortsetzt: Sie stellt den Vertrieb und das Marketing in den Fokus und treibt die Internationalisierung voran. Sie knüpft internationale Vertriebspartnerschaften und setzt stärker auf eigene Vertriebsleute in den Weltmärkten.
Die Exportquote von gut 55 Prozent „hat viel Platz nach oben“. Sie setzt Akzente: Interne Prozesse werden optimiert, mit Intranet und einem Projekt-Office führt sie die Mitarbeiter enger zusammen, Nachhaltigkeit und Energieeffizienz stehen auf der Agenda. „Wir müssen noch fokussierter am Markt agieren.“ Das ist Ricardas Aufgabe: Design und Marke nach vorn bringen. Nach der Kooperation mit Porsche Design Studio „habe ich da noch ein paar Asse im Ärmel“.
Mehr Zeit für Freunde
Es läuft prima für Ricarda Kusch. „Kusch+Co. ist ein Teil von mir geworden. Das hatte ich so nicht erwartet.“ Bei all den Entscheidungen, die sie für das Unternehmen getroffen hat, stellt sie allerdings fest: „In den vergangenen sechs Jahren habe ich zwar viel gestalten können, aber mir ist auch ein Stück Freiheit geraubt worden.“ Um ihren 30. Geburtstag herum hat sie daher eine weitere Entscheidung getroffen: „Ich werde mich mehr um mein Privatleben kümmern.“ Um Freunde, die sie viel zu selten sieht. Und irgendwann möchte sie auch eine Familie haben. Beim Kramen in der alten Kinderstube hat sie ein Büchlein gefunden, das sie während des Kommunionunterrichts führen musste. Dort hatte sie eingetragen, was sie später mal werden möchte: Geschäftsführerin. Ihr Vater hatte ihr für die bildliche Darstellung einen Kusch-Chefsessel gezeichnet. Ricarda lacht. „Daran konnte ich mich gar nicht erinnern.“
Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.

