Es kam schon mal vor, dass meine Vorfahren meinen Urgroßvater Adolph für eine Zwangspause von der Arbeit bezahlt haben“, sagt Lisa Rowland Brasher grinsend. Als Vice President und Tochter des CEOs von Jelly Belly gehört sie zur fünften Generation einer Unternehmerfamilie, die 1869 in Belleville, Illinois, von zwei deutschen Auswanderern begründet wurde. „Er war ein großer Visionär, aber wohl auch eine ganz schöne Nervensäge.“ Wofür ihm seine Urenkelin heute allerdings dankbar ist. Schließlich war es unter anderem Adolphs Tatendrang, der aus einem „mom-and-pop shop“ ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 160 Millionen US-Dollar gemacht hat, in dem auch heute noch neun Familien – mitglieder beschäftigt sind. Darunter die 45-jährige Lisa Brasher, die hier schon als Schülerin jobbte. Hätten Gustav und Albert Goelitz ihre Unternehmerträume in ihrer Heimatregion Harz ausgelebt, stünden ihre Nachfahren heute vielleicht im direkten Wettbewerb mit Deutschlands großen Fruchtgummiherstellern. Ihre quietschbunten, für deutsche Geschmäcker allzu süßen Jelly Beans haben sich hierzulande noch nicht so recht durchsetzen können. In den USA hingegen werden die hartschaligen Böhnchen mit dem weichen Kern in Massen vertilgt und sind spätestens, seitdem Präsident Reagan sich mit ihrer Hilfe das Rauchen abgewöhnte, zu einer uramerikanischen Institution geworden.
Am Anfang war der Zucker
Was für die Goelitz-Brüder der Pferdekarren, war für Haribo-Gründer Hans Riegel sen. das Fahrrad, mit dem seine Frau im ersten Geschäftsjahr 1922 die Tagesproduktion an Gummibärchen auslieferte. Nach einem Jahr konnte sich die Firma den ersten Pkw leisten – da war das Startkapital, ein Sack Zucker, längst aufgebraucht. Knapp war der Zucker, als sich die Gründersöhne Hans und Paul Riegel nach dem Zweiten Weltkrieg an den Wiederaufbau des Familienbetriebs machten und Hans Riegel über die Bedeutung des Zuckers für die Weltwirtschaft promovierte. So musste Willi Mederer seine erträumte Süßwarenfabrik zunächst auf Eis legen und 1948 erst einmal mit Nudeln starten. Als Katjes-Gründer Klaus Fassin zwei Jahre später die ersten Lakritzkätzchen formte, waren die Aussichten schon wieder deutlich besser. Im dem Jahr beschäftigte Haribo bereits 1.000 Mitarbeiter. In den siebziger Jahren, als Katjes seine Yoghurt-Gums und Mederer seine Marke Trolli an den Markt brachten, war Haribo im Fruchtgummigeschäft schon nicht mehr einzuholen. Der „Tanzbär“, den Wilhelm II. als „das Beste, was die Weimarer Republik hervorgebracht hat“, bezeichnete, stand als Goldbär kurz vor der Eroberung des Weltmarktes.
„Der Platzhirsch ist Haribo, das muss man einfach akzeptieren“, stellt Herbert Mederer fest, seit dem frühen Tod des Stiefvaters 1984 alleiniger Chef der Familienfirma. Neben dem Umsatz des Branchenführers von knapp 2 Milliarden Euro nehmen sich die Erlöse von Mederer und Katjes mit 230 bzw. gut 200 Millionen Euro tatsächlich eher bescheiden aus. „Was Katjes und uns angeht, müssen wir uns etwas um das Gummibärchen herum einfallen lassen“, sagt Mederer. Das habe beide angespornt, eigene Nischen zu finden und immer wieder innovative Produkte an den Markt zu bringen. „Ein großer Haribo ist da vergleichsweise schwerfälliger“, meint Mederer, der Erfinder des essbaren Augapfels, dessen jüngste – aber zunächst durch die EU-Behörden gebremste – Leidenschaft gesundheitsfördernde Fruchtgummis sind.
Für die auffällige Ballung von Fruchtgummi-Know-how in Deutschland haben die drei Großen eine Reihe von Erklärungen parat. Zum einen sei kaum ein anderes Volk so vernascht wie die Deutschen, die pro Kopf und Jahr auf viereinhalb Kilo Fruchtgummi kommen. Zum anderen sei Fruchtgummi etwas für Tüftler. „Innerhalb des Süßwarenmarktes ist Fruchtgummi ein sehr schwieriges Segment, für das man technisch anspruchsvolle Geräte benötigt“, sagt Katjes-Mitgeschäftsführer Tobias Bachmüller. Hier profitiere die Branche von der traditionellen deutschen Stärke im Maschinenbau. „Immer dann, wenn es in einer Industrie um technisch anspruchsvollere Wege geht, haben wir einen gewissen Know-how-Vorsprung.“ So gebe es weltweit überhaupt nur drei große Hersteller von Spezialmaschinen für die Fruchtgummiformung, und von diesen seien wiederum zwei deutsche Familienunternehmen, das dritte ein australisches mit – wieder einmal – deutschen Wurzeln.
Katjes-Gründersohn und Mitgeschäftsführer Bastian Fassin glaubt außerdem an die förderliche Wirkung des Wettbewerbs: „Wenn zwei oder drei Familienunternehmen in einem Segment aktiv sind, ist das immer gut für den Wettbewerb, weil sich die Rivalen gegenseitig zu Höchstleistungen anspornen.“
Sticheleien gehören dazu
Und wie kurz waren und sind die Wege unter den drei großen Rivalen? Mit unterschiedlichen Formulierungen beschreiben alle ihr Verhältnis von „respektvoller Distanz“. Man trifft sich auf Messen, man beobachtet die Produktpipeline der anderen, und zumindest Katjes und Haribo pflegen ihre Beziehung auch regelmäßig vor Gericht – immer dann, wenn einer dem anderen einmal wieder auf die Füße tritt. Dabei scheint Haribo es als Kriegserklärung empfunden zu haben, als Katjes Anfang der 1970er Jahre kein reiner Lakritzhersteller mehr sein wollte und mit Fruchtgummis auf Joghurtbasis in Haribos Revier wilderte. Den jahrelangen Streit um die Exklusivität der Bezeichnung „Yoghurt Gum“ hat Haribo erst Anfang dieses Jahres für sich gewonnen: Das Hamburger Oberlandesgericht versagte Katjes ein exklusives Markenrecht an dem Begriff. Katjes wiederum ist besonders empfindlich, wenn es um Lakritz geht. Erst im Juni erwirkte das Unternehmen ein Verbot der Verpackung von Haribos Lakritz-„Dropjes“. Der Grund: Die Tüte erwecke den Eindruck, es handele sich um eine normale Süßigkeit für Kinder. Dafür aber sei der Salmiakanteil zu hoch. Wer der Streitfreudigste ist, darüber scheiden sich – natürlich – die Geister. Mederer bleibt zumindest meist außen vor, was auch daran liegt, dass er vergleichsweise wenig wirbt und damit auch weniger Angriffsfläche bietet.
„Ich habe schon öfters Auseinandersetzungen mit Haribo“, sagt er. „Aber das ist immer über den Schreibtisch geregelt worden, das ist halt Mentalitätssache.“ Kooperationen oder gar einen Zusammenschluss untereinander schließen alle kategorisch aus – obwohl der eine oder andere durchaus nach einem Partner äugt. „Ein Zusammenschluss zwischen zwei der drei Hauptkonkurrenten ist zwar theoretisch denkbar, aber praktisch nicht möglich“, meint Bastian Fassin. „Das wäre so, als ob Sie Ihr Kind zur Adoption freigeben würden. Das würde man vielleicht machen, wenn es zum Wohle des Kindes nötig wäre, aber das ist bei keinem von uns der Fall. Den drei Kindern geht es einfach zu gut.“ Auch ein Grund, warum alle drei Hersteller bis heute im Familienbesitz sind. Wer so viel Herzblut in seine Produkte gesteckt hat wie Haribo, Katjes und Mederer, verkauft höchstens aus der Not heraus. Bei Haribo ist selbst Warren Buffett schon abgeblitzt.
Neben der ähnlich erfolgreichen Entwicklung gibt es zwischen den drei Großen auch einige Ähnlichkeiten in Struktur und Wertkultur. „Die drei Firmen sind sehr stark von den Ideen und Verwirklichungen der Senioren geprägt“, sagt Mederer. Haribo sei der Extremfall, aber dass auch sein in den nächsten Jahren bevorstehender Rückzug aus der Geschäftsführung nichts an seiner Begeisterung und seinem Engagement für Produktinnovationen ändern wird, hat der hemdsärmelige Trolli-Chef auch längst klargestellt: „Produktentwicklung ist mein Hobby, und das mache ich auch weiter.“ Etwas anders sieht es da bei Katjes aus, wo der Generationenwechsel bereits stattgefunden hat und Gründersohn Bastian Fassin in den Fußstapfen seines Vaters für die Produktentwicklung verantwortlich ist.
Die Nachfolgefrage ist es dann auch, in der sich die Unternehmen am stärksten unterscheiden. Bei Katjes war der Alleinerbe des Familienvermögens gerade einmal 22 und noch mitten im Studium, als Vater Klaus sich mit 65 Jahren aus dem operativen Geschäft zurückziehen wollte. Also machte sich der Senior auf die Suche nach einem familienfremden Manager mit dem nötigen Marketinggeschick, um das Unternehmen zugleich aus seinem Entwicklungstief herauszuhieven. Diesen fand er in Tobias Bachmüller, der damals Chef der Schokoladensparte des Nahrungsmittelkonzerns Kraft Jacobs Suchard und im Laufe seiner steilen Konzernkarriere bereits häufiger durch „unternehmerische Anwandlungen“ angeeckt war. Mit seiner „Bauchentscheidung“ für Bachmüller scheint der Katjes-Patriarch richtig gelegen zu haben. Unter dem Neuen florierte das Geschäft, und heute treten der inzwischen zum Mitgeschäftsführer aufgerückte Sohn Bastian, 36, und Bachmüller, 52, als „gemischtes Doppel“ auf. Wobei der Schlüssel wohl darin liegt, dass Bachmüller zum Mitgesellschafter wurde. „Wir hatten das zwischendurch schon einmal mit einem externen Manager probiert, aber das ist fehlgeschlagen“, erzählt Bastian Fassin. „Sie brauchen Vollblutunternehmer, sonst funktioniert das nicht.“ Für den nächsten Generationenwechsel, der allerdings wohl noch weit in der Zukunft liegen dürfte, haben beide schon vorgesorgt, mit „zusammen acht Kindern“. Auch hier gibt man sich geschwisterlich.
Die bei Katjes schon vollzogene Ablösung des Patriarchen steht Mederer und Haribo noch bevor. Nach außen geben sich beide Unternehmen zuversichtlich, die Nachfolge angemessen geregelt zu haben. Bei Haribo hat die mittlerweile gefundene Stiftungslösung für etwas Beruhigung gesorgt, und die Suche nach einem – internen oder externen – Nachfolger soll voll im Gange sein. Wie genau der 86-jährige kinderlose Unternehmer, der Deutschlands größtes Fruchtgummi- Imperium seit über 60 Jahren verkörpert, einmal ersetzt werden soll, bleibt aber offen. Mit dem zunächst als Nachfolger auserkorenen Neffen hatte sich der eigensinnige Junggeselle, dessen jüngerer Bruder und ehemaliger Produktionschef Paul Riegel vor kurzem verstorben ist, vor einiger Zeit überworfen. Angesichts der offensichtlich fehlenden Bereitschaft, das eigene Lebenswerk zu Lebzeiten in andere Hände zu geben, kann im Zweifel erst post mortem entschieden werden. Das ist heikel, denn neben der Personalfrage an sich geht es auch um Aufbau und Kultur des voll auf Hans Riegel zugeschnittenen Unternehmens. Dann dürften auch die drei Neffen und die Nichte wieder ein Wörtchen mitzureden haben: Sie leiten die von ihrem verstorbenen Vater gegründete Paul-Riegel-Holding, der die nicht bei der Hans Riegel Stiftung liegenden 50 Prozent der Anteile an Haribo gehören.
Wenn der Senior am Stuhl klebt
Auch den betont entspannten Ausblick des 63-jährigen Firmenchefs Mederer mag man hinterfragen. „Das ist alles bereits strukturiert und soll bis Jahresende geregelt sein“, sagt Mederer, wobei ein Wechsel in den Ruhestand für ihn erst in fünf Jahren in Betracht kommt. Der Nachfolger könne, müsse aber nicht aus der Familie kommen, und auch ein Fremdmanagement schreckt Mederer nach eigenem Bekunden nicht. „Das ist oft besser als die gequälte Eigensache“, meint Mederer, dessen ältester Sohn auch in führender Position im Unternehmen tätig ist. „Wir haben auch jetzt schon ein so professionalisiertes Management, dass ich mich jederzeit zurückziehen könnte.“ Wie es dann tatsächlich aussieht, wenn ein Mensch, der über 40 Jahre seines Lebens mit Leib und Seele an seinem Unternehmen geschmiedet hat, abtritt, ist eine andere Frage. Wird der Nachfolger zum Beispiel genauso genügsam sein wie Mederer selbst und sich auf lange Sicht damit zufriedengeben, der ewig Zweite in seiner Branche zu sein? Oder wird er vielleicht doch stärker ins Markenartikelgeschäft drängen und den Kampf mit dem großen Rivalen Haribo suchen, einen Kampf, den Mederer für äußerst ambitioniert hält?
Szenarien, die für die Jelly-Belly-Erbin Lisa Brasher kein Thema sind. Allein bei dem Gedanken, dass Jelly Belly einmal von einem Nichtfamilienmitglied geleitet werden könnte, hält sie die Luft an. Weit von sich weist sie auch die Möglichkeit von Streitereien unter den drei im Unternehmen vertretenen Generationen ihrer Familie. Das Bild, das sie zeichnet, ist das einer „big happy Family“. Vielleicht, meint sie, liegt es an der Größe des Unternehmens. „Bei uns findet jeder den Bereich, in dem er seine Neigungen und Talente am besten einbringen kann.“ Auch die Frage der Nachfolge an der Unternehmensspitze sieht Lisa Brasher, deren drei Geschwister ebenfalls im Unternehmen arbeiten, unkritisch. Sie hofft, dass ihr Vater „nie in den Ruhestand geht, genau wie seine Eltern vor ihm“ und will dem Unternehmen ebenfalls für den Rest ihres Lebens treu bleiben. Was wohl ihre auch gerade ins Unternehmen eingestiegenen Kinder dazu sagen? Prince Charles lässt grüßen.
