Der Start war ein Besuch des Vermögensinhabers bei uns in Münster. Wir haben gemeinsam Zeit verbracht. Zugegeben, wir hatten einen anstrengenden Austausch, aber auch guten Kaffee und guten Kuchen. Der Vermögensinhaber kommt aus einer Unternehmerfamilie und das Familienunternehmen war im Besitz der Familie. Es gab schon Strukturen, die einem Family Office ähnelten. Aber der Vermögensinhaber wollte einen Neustart. Unsere Vorschläge für erste Schritte auf diesem Weg gefielen ihm nicht. Dann sagte er: „Für meinen landwirtschaftlichen Garten in Südeuropa habe ich ein konzeptionelles Papier bekommen. Könnt ihr mir so etwas nicht auch für mein Single Family Office schreiben?“ Wir haben es Positionspapier genannt. Und einige Tage später begannen wir mit der Arbeit und dem ersten Interview. Das war im Februar 2020 und fiel zusammen mit dem Ausbruch von COVID-19.
Wir kannten uns schon vor diesem Treffen. Das war nicht der erste Austausch. Der Vermögensinhaber hatte gehört von dem Wissen aus der Doktorarbeit von Hubertus im Feld Single Family Office und den entstandenen Kontakten. Seit 2011 hatten wir Zugang zu SFOs. Wir konnten auch zurückgreifen auf Maximilians Abschlussarbeit an der Universität Cambridge zu SFOs und Immobilien-Investitionen. Zu vielen Interviews sind wir als Brüder gemeinsam gereist. Bis heute haben wir über 70 SFOs in Europa gesehen. Wir konnten beobachten, was funktioniert und was nicht. Die Wissenschaft hatte bis 2020 nur wenige Artikel zu diesem Thema veröffentlicht. Da fanden wir nur wenig Hilfe.
Zurück zum Positionspapier. Es wurde der erste wichtige Schritt in einem Prozess von fünf Schritten. Der Vermögensinhaber war sehr zufrieden und wir bekamen auch Applaus von einem Multi Family Office aus der Schweiz, das im Prozess half. Im zweiten Schritt haben wir den Vermögensinhaber zusammengebracht mit erfahrenen Experten aus dem Feld. Wir haben diese moderierten Gespräche „Peer-to-Peer Calls“ genannt. Der Vermögensinhaber sollte zum Beispiel sprechen können mit dem Gesellschafter eines SFOs ebenso wie mit dem Mitarbeiter eines anderen SFOs. Das war wertvoll, um die Mission zu klären: Willst du wirklich ein SFO betreiben? Was soll es für dich tun? Und wie soll das SFO aussehen? Bis hier ist also viel Klärung passiert. Die Wissenschaft nennt das Sensemaking.
So konnten wir weitergehen: Suche eines Managers für das SFO, Aufbau einer Strategischen Asset Allokation und Implementierung der Strategischen Asset Allokation. Das waren die Schritte drei, vier und fünf. Und um es offen zu sagen: Hier wurde es stürmischer. Wir wurden enttäuscht von einer großen Personalberatung. Zuerst haben sie sich sehr um den Auftrag bemüht. Dann verloren sie das Interesse, als sie merkten, dass wir es richtig gut machen wollten. Wir haben schließlich eine kleinere Beratung gefunden und viel Arbeit selbst übernommen. Wir haben uns intensiv mit 100 SFO Manager Profilen beschäftigt. Insgesamt haben wir 40 Interviews geführt. Ein Interview dauerte 60 Minuten oder auch 90 Minuten.
Am Ende haben wir einen talentierten jungen Mann aus Berlin gefunden. Er arbeitete für ein FinTech Unternehmen und brachte viel Erfahrung mit im Feld Asset Management. Er hat uns sehr geholfen. Inzwischen ist daraus eine Freundschaft erwachsen. Die Erstellung der Strategischen Asset Allokation wurde zur Herausforderung für die Zusammenarbeit mit dem Vermögensinhaber. Die nötige Disziplin und Trockenheit der Überlegungen waren schmerzhaft für ihn. Mit einem Vermögen von weit mehr als 100 Millionen Euro ist es ungewohnt, sich zu beschränken. Aber es kommt der Punkt, da ist genau das dran. Da musste der Vermögensinhaber bereit sein, auch Türen zu schließen. „Alles ist möglich!“, geht irgendwann nicht mehr.
Wieder und wieder haben wir in der Praxis beobachtet, dass Familien und Vermögensinhaber in den Prozess und durch den Prozess stolpern, wenn sie ein SFO aufbauen. Wir wollten es für diesen Vermögensinhaber anders und besser machen. Wir wollten einen strukturierten Prozess. Damit ist weniger Spielspaß verbunden. Das ist klar. Aber es bringt die Ordnung. Und die bringt langfristig Frieden und Freude. Beliebt haben wir uns mit diesem Vorgehen nicht gemacht. Für den letzten Schritt im Prozess wollte der Vermögensinhaber dann auch allein verantwortlich sein.
Die notwendige Zeit für den Aufbauprozess des SFO war bei uns ein ernstes Diskussionsthema. Wie lange dauert es, ein Vermögen als Familie aufzubauen? Und wie lange will die Familie dieses Vermögen verwalten? Hier geht es plötzlich um Generationen. Deshalb sind wenige Jahre für Mission, Team-Bildung und Strategische Asset Allokation in einem SFO sehr gut investiert. Chancen an den Märkten kommen und gehen. Die Familie wird nicht viel verpassen. Der Vermögensinhaber in unserem Projekt ist im Prozess Papa geworden. Damit wurde die zeitliche Perspektive unserer Arbeit sehr klar. Uns ist bewusst, dass Geduld nicht mehr beliebt ist in der Gesellschaft. Aber genau das braucht es. Wir sind im Süden von Münster aufgewachsen, auf dem Land. Dort wissen die Bauern es sehr genau. Eine gute Aussaat und eine gute Ernte brauchen Zeit. Da kommt kein Bauer auf die Idee, den Pflanzen auf dem Feld zuzurufen: „Bitte wachst schneller. Ich kann nicht länger warten!“ Natürlich gibt es einen Spielraum (Tabelle 1). Wichtige Variablen sind: Kooperation der Familie im Prozess, Einigkeit der Familie, Komplexität der Familie, Komplexität des Vermögens. Wenn diese Variablen in einem Fall günstig ausfallen, ist auch ein schnellerer Verlauf denkbar. In unserem Projekt brauchte der Vermögensinhaber auch Atem- und Denkpausen. Aber es bleibt richtig: Zu versprechen, ein SFO in wenigen Wochen auf die grüne Wiese zu stellen, wäre eine Täuschung.
Info
| Schritt im Prozess | Erwartete Dauer |
| [1] Erarbeitung Positionspapier | 3 – 6 Monate |
| [2] Klärung SFO Mission | 2 – 6 Monate |
| [3] Suche SFO Manager | 5 – 9 Monate |
| [4] Aufstellung Strategische Asset Allokation | 5 – 12 Monate |
| [5] Implementierung Strategische Asset Allokation | 2 Jahre und mehr |
| Quelle: Hubertus und Maximilian Theissen |
Die meisten SFOs in Deutschland sind im Jahr 2000 oder später aufgebaut worden. Dieses Feld ist in Deutschland also noch nicht sehr alt. Familienunternehmen haben in Deutschland eine viel längere Geschichte. Zum ersten Mal steht jetzt in vielen SFOs in Deutschland ein Generationenwechsel an. Die Eltern gehen, die Kinder kommen. Kinder kommen auch mit einer neuen Philosophie zu den Themen Vermögen und Mission. Es gibt den Wunsch, einem Sinn zu dienen, der das eigene Ich übersteigt. Geld zu verdienen, um noch mehr Geld zu haben, wird zu einer leeren Motivation. Viel ist gesprochen worden zu dem Begriff Impact. Den Vermögensinhaber in unserem Projekt interessierte das sehr. Deshalb haben wir uns damit intensiv beschäftigt. Parallel zu der Arbeit mit dem Vermögensinhaber haben wir mit der ESMT Berlin den Family Wealth Impact Summit (FamWIS) gegründet und organisiert. Ein Team der UN in New York hat uns unterstützt. Aus der ganzen Welt haben wir 25 Young Wealth Leader eingeladen. Alle hatten ein SFO im Hintergrund oder Vermögen, das ein SFO rechtfertigt. Einen Tag lang haben wir diskutiert zu der Frage: Wie kann diese Welt mit privatem Vermögen ein besserer Ort werden? Es war nicht sehr schwer, die neue Generation mit dieser Motivation zu finden und zu versammeln. Die Begeisterung für die Kombination aus Geld und Sinn ist da. Nur braucht es dafür auch gute Organisationen. Das Wissen aus diesem Summit haben wir in den Aufbau des SFOs mit Impact-Fokus fließen lassen. Besonders wichtig wurden für uns die 17 UN Sustainable Development Goals. Dieses Modell haben wir für den Aufbau der Strategischen Asset Allokation genutzt. Es hat uns geholfen, den Vermögensinhaber und seine Ziele besser zu verstehen und diese festzulegen.
