Private Credit hat sich in den vergangenen Jahren zu einem eigenständigen Segment institutioneller Kapitalanlage entwickelt. Treiber dieser Entwicklung ist weniger ein kurzfristiger Marktimpuls als vielmehr ein struktureller Wandel in der Unternehmensfinanzierung. Banken, traditionell zentrale Fremdkapitalgeber für den Mittelstand und andere nicht börsennotierte Unternehmen, agieren heute zurückhaltender als in der Vergangenheit. Regulatorische Anforderungen, eine strengere Bilanzsteuerung und ein verändertes Risikoverständnis haben die Bereitschaft zur Kreditvergabe in bestimmten Segmenten reduziert. Private Kreditgeber haben diese Finanzierungslücke zunehmend geschlossen.
Die Größenordnung des Marktes unterstreicht diese Entwicklung: Das weltweite Volumen im Private-Credit-Bereich wird für Ende 2025 auf rund 1,8 Billionen US-Dollar geschätzt; bis 2030 werden etwa 4 Billionen US-Dollar erwartet. Auch Europa verzeichnet ein anhaltendes Wachstum: Das Marktvolumen stieg von rund 100 Milliarden Euro im Jahr 2012 auf über 550 Milliarden Euro im Jahr 2025.

Private Credit: Drei gute Gründe
Für Family Offices ist Private Credit vor allem aus drei Gründen relevant.
Erstens: Die Anlageklasse bietet Zugang zu laufenden Erträgen, die in vielen Fällen auf vertraglich definierten Zinszahlungen basieren und damit eine andere Ertragscharakteristik aufweisen als klassische Beteiligungsstrategien oder liquide Aktienanlagen.
Zweitens: Private Credit eröffnet Zugang zu Teilen der Realwirtschaft, die über öffentliche Kapitalmärkte nur eingeschränkt investierbar sind. Gerade für Investoren mit unternehmerischem Hintergrund kann dies ein nachvollziehbares und vertrautes Exposure darstellen.
Drittens: Der europäische Markt ist trotz seines Wachstums weiterhin vergleichsweise fragmentiert. Das kann Ineffizienzen schaffen, aus denen sich Selektionsvorteile ergeben. Gleichzeitig erhöht dies die Anforderungen an die Managerauswahl, die Strukturierungsqualität und die lokale Marktkenntnis.
Das aktuelle Zinsumfeld hat die Attraktivität der Anlageklasse zusätzlich erhöht. Viele Direct-Lending-Strategien sind variabel verzinst. In Phasen erhöhter Referenzzinsen kann dies die laufenden Erträge stützen. Für Investoren, die Einkommensströme wieder stärker gewichten, ist das ein relevanter Aspekt. Hinzu kommt, dass eine variable Verzinsung in gewissem Umfang helfen kann, Kaufkraftverluste durch Inflation abzufedern. Allerdings sollte der europäische Markt nicht mit dem US-Markt gleichgesetzt werden. Europa ist kein homogener Kreditraum. Nationale Unterschiede in Finanzierungskultur, Insolvenzrecht, Bankenlandschaft und Transaktionspraxis wirken sich spürbar auf Risikoprofile und Marktchancen aus. Der Zugang zu attraktiven Transaktionen hängt daher oft stärker als in den USA von lokalen Netzwerken und regionaler Präsenz ab.

Deutschland ist in diesem Zusammenhang besonders interessant. Die traditionelle Bankfinanzierung blieb hier länger tragfähig als in anderen Märkten, weshalb sich Private Credit zeitlich verzögert entwickelt hat. Aus Investorensicht kann gerade diese relative Unreife attraktiv sein: Der Markt wächst, ist aber in Teilen noch nicht vollständig erschlossen. Für langfristig orientierte Kapitalgeber kann das ein Umfeld sein, in dem Erfahrung, Zugang und sorgfältige Due Diligence von zentraler Bedeutung sind.
Gleichzeitig wird Private Credit aktuell zunehmend kritischer betrachtet. Das starke Kapitalwachstum der vergangenen Jahre hat den Wettbewerbsdruck erhöht. Das höhere Zinsniveau führte zu einer Steigerung der laufenden Renditen, jedoch auch zu einer Veränderung der Schuldentragfähigkeit vieler Portfoliounternehmen. In einem potentiell schwächeren makroökonomischen Umfeld steigt damit die Bedeutung von aktiver Portfoliobetreuung, frühzeitigem Risikomanagement und Restrukturierungskompetenz. Die Renditen im Private Credit sind daher weniger eine Funktion des Marktwachstums als vielmehr Ausdruck der Qualität von Underwriting, Strukturierung und laufender Steuerung. Die Einordnung von Private Credit vor dem Hintergrund der aktuellen Situation muss für Family Offices also lauten: Private Credit ist heute weder ein Randthema noch ein Selbstläufer. Die Anlageklasse gewinnt an Bedeutung, weil mehrere strukturelle Faktoren zusammenwirken: der partielle Rückzug der Banken aus Teilen der Unternehmensfinanzierung, ein für kreditbasierte Ertragsstrategien günstigeres Zinsniveau und ein weiterhin ineffizienter, heterogener europäischer Markt. Aus der Sicht von Family Offices spricht daher vieles dafür, Private Credit nicht nur opportunistisch, sondern im Rahmen der strategischen Asset-Allokation zu bewerten.
