Eingebettet zwischen Magdeburger Börde und Altmark – über die A2 von Braunschweig aus einigermaßen gut erreichbar – liegt das Örtchen Haldensleben. Die trutzige Hundisburg und die Altstadtgässchen zeugen von einigen hundert Jahren Geschichte. Das kubusförmige Logistikzentrum des Otto-Versands zeugt von Wiedervereinigungssteuervorteilen. In Haldensleben ist der Name Nathusius ein Begriff. Sei es die Johanne-Nathusius-Schule oder der Familienfriedhof. Sei es die Hundisburg, die von 1811 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Besitz der Familie von Nathusius war, oder das ehemalige Zisterzienserinnenkloster, das der Familie zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Gutshaus diente.
Heute beherbergt es die Berufschule des Ohrekreises.Diese Gebäude atmen Geschichte – die Geschichte einer Familie. Dabei lebte fast ein Jahrhundert lang kein Nathusius in der Region. Dennoch ist die Erinnerung bei den Menschen wach geblieben. Buchstäblich jede unternehmerische Tätigkeit in der Region ist auf den Magdeburger Kaufmann Gottlob Nathusius zurückzuführen ist. Anfang des 19. Jahrhunderts gründete er in der Region einen der ersten Industriekonzerne Deutschlands, dem mehr als 30 Gewerbebetriebe, darunter Getreide- und Ölmühlen, eine Zuckerraffinerie und Brauerei, Ziegeleien und Steinbrüche, Steingut- und Porzellanmanufakturen, Eisengießereien und Maschinenfabriken angehörten. Er leitete die strukturelle Veränderung ein, durch die sich Haldensleben von einer Agrar- zu einer Industrieregion entwickelte.
Heute gibt es wieder eine Familie von Nathusius in Haldensleben. Das sei allerdings purer Zufall. Behauptet jedenfalls Heinrich von Nathusius, Inhaber der IFA-Gruppe, eines mittelständischen Automobilzulieferers mit mehr als 400 Mitarbeitern. Der 63-Jährige wirkt bodenständig. Ein älterer Herr mit rundlichem Gesicht und leicht gewelltem Haar. So muss ein mittelständischer Familienunternehmer in der Automobilzuliefererindustrie aussehen. Freundlich, agil, gedanklich immer in Bewegung, immer mit der Firma beschäftigt. Als hätte er im Kopf eine lange Liste, mit dem, was er heute alles noch zu erledigen hat. Einer, der gern arbeitet. Ein Unternehmer eben.
Dabei war er die längste Zeit seines Arbeitslebens etwas ganz anderes. Nathusius ist im Rheinland aufgewachsen und hat dort unter anderem für Thyssen, Klöckner und Krupp als Manager gearbeitet. Über Unternehmer-Sein oder Unternehmer-Werden habe er nie nachgedacht. „In den Siebzigerjahren sind wir gar nicht auf die Idee gekommen, uns selbstständig zu machen“, erinnert er sich an die Zeiten, als das Wort „Randaktivität“ im Vokabular großer deutscher Konzerne eher selten vorkam. „Einen unternehmerischen Ehrgeiz hat er schon damals gezeigt“, erinnert sich Dr.Heinz Kriwet, heute Mitglied des Aufsichtrats der ThyssenKrupp AG, dessen Assistent Nathusius in den Siebzigerjahren gewesen ist.
Zufall. Alles reiner Zufall.
Als Nathusius nach der Wiedervereinigung nach Haldensleben reiste, hatte er weder Ambitionen, ein Unternehmen zu kaufen, noch seinen Lebensmittelpunkt nach Haldensleben zu verlegen. Der Westmanager hatte lediglich den örtlichen Landrat und den Bürgermeister treffen wollen, um einige den Familienfriedhof betreffende Angelegenheiten zu regeln. Der Friedhof in Haldensleben war durch die gesamte DDR-Zeit hinweg Eigentum der Familie geblieben. 1964 hatte Nathusius seinen im Westen verstorbenen Vater dort beisetzen dürfen.
Der Landrat hatte gleich ein Anliegen an Nathusius, den er bis zu dem Treffen nie zuvor gesehen hatte: „Herr Nathusius, Sie müssen die IFA von der Treuhand übernehmen“, habe der Landrat damals gedrängt. Der Landrat wähnte die IFA bei einem Mitglied der Familie Nathusius in besseren Händen als bei irgendeinem Großinvestor.
„Es war ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit mit unserem Namen verbunden“, erklärt sich Nathusius diesen ungewöhnlichen Antrag: „Der Landrat dachte wohl, dass jemand wie ich es sich gar nicht leisten könne, die IFA wie eine Art Glücksritter auszuschlachten und dann wieder zu gehen.“ Der Landrat war ein gescheiter Mann. Nathusius übernahm 1992 tatsächlich die IFA, und er hat es geschafft, das Unternehmen in die neue Zeit hinüberzuführen und so zu erhalten. Die IFA-Gruppe ist einer der größten Arbeitgeber am Ort. Auch Heinrich von Nathusius selbst ist mit seiner Familie gekommen und geblieben. Sogar mehr als das. Er hat seine Haldensleber Wurzeln wieder tiefer eingegraben. Anfangs habe er nur eine „Ein-Mann-Bude“ in Haldensleben gehabt. Seine Frau blieb in Düsseldorf. Als dann wenige Jahre später die Kinder aus dem Haus waren, richteten sich Nathusius und seine Frau das alte Jägerhäuschen her, das zum Familienfriedhof gehörte, und zogen dort ein. Das Düsseldorfer Haus wurde verkauft und stattdessen eine kleine Wohnung angemietet, die für Familienzusammenkünfte dienen sollte. „Da waren wir aber nie“, erinnert sich seine jüngste Tochter Luisa. Es lag einfach viel näher, sich in Haldensleben zu treffen.
Die 28-jährige Luisa hilft gerade für einige Wochen bei der IFA aus, bevor ihre Referendariatszeit als Grundschullehrerin beginnt. Ihr Bruder Felix lebt dauerhaft in der Region. Heinrich von Nathusius und seine Frau sind mittlerweile vom Jägerhäuschen in eine alte Wassermühle gezogen. Seine Frau hat die alte Mühle, die seit Anfang des 19. Jahrhunderts zum Nathusius-Besitz gehört und die ihr Mann vor einigen Jahren zurückgekauft hatte, mit viel Liebe fürs Detail restauriert. Heute ist sie das Familiendomizil.
Das Unternehmen
Die IFA-Gruppe ist ein mittelständischer Automobilzulieferer mit mehr als 400 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund 100 Millionen Euro. Heinrich von Nathusius übernahm die IFA im Jahr 1992 von der Treuhand. Das wichtigste Standbein des kleinen Konzerns ist die IFA-Antriebstechnik GmbH, die Seitenwellen für Autos mit Frontantrieb herstellt. Die IFA-Maschinenbau GmbH fertigt Industrie-Gelenkwellen für den Maschinenbau und Kardanwellen. Die neu gegründete IFC Composites GmbH, die gesellschaftsrechtlich nicht zur IFA-Gruppe gehört, fertigt glasfaserverstärkte Blattfedern.
Dass das so kommen würde, war 1992 nicht abzusehen. Der Aufbau der IFA-Gruppe war alles andere als ein Selbstläufer.Als er das Unternehmen erwarb, schrieb die Gesellschaft „Millionenverluste“ bei gerade einmal drei Millionen Euro Jahresumsatz. „Ich habe damals das Management an Bord behalten.“ Das habe sich im Nachhinein als richtig erwiesen. Von Marktwirtschaft hätte zwar wenig Ahnung bestanden. „Aber es waren sehr gute Ingenieure darunter. Viele sind heute noch bei uns.“ Nathusius redet gerne über seine Ingenieure. Ein Großauftrag von VW war der wesentliche Schritt zur Zukunftssicherung. Das ging nur mit Zugeständnissen der Mitarbeiter. „Die Polen sind hier in Sichtweite“, hat Nathusius seinen Leuten damals unter anderem erklärt.
Mittlerweile macht die Gruppe einen Gewinn, der „im vergleichbaren Rahmen des Wettbewerbs liegt“, musste dafür aber auch kräftig investieren. 2002 wurde für eine Gesamtinvestitionssumme von 50 Millionen Euro ein neues Werk für die Serienproduktion von Gelenkwellen im benachbarten Gardelegen aus dem Boden gestampft.
Im Rahmen des Wiederaufbaus gab es immer wieder Finanzierungsengpässe. Im April 2006 sah sich von Nathusius gezwungen, einen strategischen Partner an Bord zu holen, um weiteres Wachstum finanzieren zu können. Er verkaufte 25 Prozent der Anteile der IFA-Antriebstechnik GmbH an den japanischen Zulieferkonzern NTN Corporation. Bis zum Jahr 2012 wird NTN diese IFATochter sogar mehrheitlich übernehmen.
Ohne diesen Partner hätte von Nathusius das parallele Wachstum aller Tochtergesellschaften der IFA-Gruppe nicht stemmen können. Die verkauften Anteile gehörten den drei Kindern und Ehefrau Mariandel. Die haben mit dem Erlös das jüngste „Projekt“, die im April 2005 gegründete IFC Composite GmbH, mitfinanziert. Auf dieser Neugründung ruhen großen Hoffnungen. Das Unternehmen hat eine glasfaserverstärkte Blattfeder entwickelt, die nicht einmal ein Viertel der herkömmlichen Stahlkonstruktion wiegt. Und das kam so: Als ein Mercedes-Vertreter den Seniorchef vor einigen Jahren fragte, ob die IFA auch spezielle Blattfedern für den Sprinter herstellen könne, kam die Antwort spontan. „Da habe ich gesagt, was man als Unternehmer in einer solchen Situation eben so sagt: natürlich!“
Neue Idee, neues Unternehmen
In den folgenden Wochen brachte Nathusius seine Entwickler zusammen. Die tüftelten etwa ein halbes Jahr. „Dann war der Prototyp fertig. Und der hat gehalten.“ Das war 2003. 2005 startete die erste Serienproduktion, Ende 2006 liefen bereits täglich 1.000 Blattfedern vom Band. „Wirtschaftlich hat das Projekt bislang allerdings nur begrenzt Freude gemacht“, gibt er zu. Die Entwicklungskosten seien im Vorhinein kaum realistisch zu kalkulieren gewesen. Umso mehr Freude macht Nathusius, dass sein Sohn in die IFC Composite eingestiegen ist. Nach seinem Studium habe Felix nicht unbedingt zuerst an eine Karriere in einem mittelständischen Betrieb in Haldensleben gedacht. „Felix hat drei Abschlüsse und spricht fünf Sprachen. Sächsisch gehört nicht dazu“, lacht der Alte.
„Das war eine einmalige Chance, sich selbstständig zu machen. Die IFC hat vielleicht sogar mehr Potenzial als die IFA. Es gibt sehr viele strategische Optionen. Der Leichtbau wird sich beim Fahrzeugbau durchsetzen“, erklärt der 32-Jährige. In die restaurierte Mühle wollte Felix aber nicht einziehen. Er pendelt lieber jeden morgen aus Magdeburg. So viel Abstand von der Familie muss sein. Vor der Arbeit seines Vater hat er großen Respekt: „Bei meinem Vater war so viel Idealismus dahinter. Das mit der IFA musste fast gut gehen.“ In den nächsten Jahren will sich sein Vater sukzessive aus der operativen Führung zurückziehen. Diese Ankündigung kommentiert die Tochter mit einem Schmunzeln. Sie hört das nicht zum ersten Mal. Der Vater insistiert. Noch ein Schmunzeln.
Aufhören, wenn man mitten drin steckt?
Er wolle ja nicht aufhören zu arbeiten, lenkt er ein. Sondern sich auf die strategische Unternehmensentwicklung konzentrieren. Schließlich werde die Gruppe in fünf Jahren, wenn NTN die Mehrheit an der Antriebstechnik übernimmt, fast 50 Prozent ihres aktuellen konsolidierten Gruppenumsatzes verlieren. So weit will er es nicht kommen lassen. Die anderen Tochterunternehmen sollen bis dahin durch ihr Wachstum in den nächsten Jahren die abwandernden Umsätze überkompensieren. Auch Luisa, die aktuell keine Pläne hat, selbst aktiv in eines der Unternehmen einzusteigen, ist als Gesellschafterin eingebunden: „Mein Bruder kann keine großen Entscheidungen ohne seine Geschwister treffen“, erklärt sie und schmunzelt schon wieder.
Es ist nicht nur das neue Familienunternehmen, das die Familienmitglieder stärker zusammenschweißt. Vater Nathusius hat auch an anderen Stellen die Fäden der Vergangenheit wieder aufgenommen. Er ist Mitglied des Kuratoriums der Neinstedter Anstalten. Die Einrichtung zur Betreuung geistig behinderter Menschen wurde 1850 von Marie und Philipp Nathusius in Neinstedt im Harz gegründet und besteht bis heute. In Alt-Haldensleben hat er die Renovierung der „Jugendmühle“, eines Treffpunktes für Jungendliche mitten im Ortskern, finanziert, und seine Frau hat die Renovierungsarbeiten unter Beibehaltung der historischen Bausubstanz betreut. Das schmucke Gebäude wird heute von einem eigens gegründeten gemeinnützigen Verein betrieben.
Das Thema Jugendarbeit liegt ihm besonders am Herzen. Die Formulierungen des sonst eher sachlich-nüchternen Herrn werden drastisch, wenn er über die Zukunft der Jugend in Deutschland spricht. „20 Prozent der Lehrlinge sind heute Analphabeten“, sagt er. Dass es überhaupt so etwas wie Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland gibt, findet er unerträglich: „Hier wird sichtbar ein Proletariat erzeugt, das nicht mehr integrierbar ist. Ein Versagen, insbesondere der Wirtschaft.“ Eine seiner ersten Investitionen bei der IFA war der Bau einer neuen Lehrwerkstatt. Gerade ist er dabei, sich für die Errichtung einer Sekundarschule in freier Trägerschaft in Haldensleben zu engagieren. Die Qualität der Schulabgänger von öffentlichen Schulen in der Region sei heute zwar noch tragbar, aber in fünf Jahren schon nicht mehr. Um dieses Projekt kümmert sich Luisa.
Nathusius macht das Bildungsniveau seiner zukünftigen Mitarbeiter weit mehr Sorgen als der ständig wachsende Wettbewerbsdruck durch die Konkurrenz aus Fernost. Er weiß, dass die IFAGruppe mit ihrer jetzigen Größe von etwa 100 Millionen Euro Umsatz in der Branche langfristig nicht überlebensfähig ist und weiter wachsen muss. Vor allem die technologische Kompetenz seiner Mitarbeiter hat die IFA-Gruppe in den letzten Jahren vorangebracht.Um die Stärke des Standortes Haldenslebens zu erhalten, investiert er eben auch in die Jugendarbeit. „Heinrich von Nathusius ist kein Nullachtfünfzehn-Unternehmer“, sagt der Bürgermeister von Haldensleben Norbert Eichler: Die Art und Weise, wie er wirtschaftliches und soziales Engagement verbinde, sei ungewöhnlich.
Ein Standort, der immer mehr auch zum Familienstandort wird. „Im Westen hatte unser Familienname keine Bedeutung“, erinnert sich Luisa. Die große, selbstbewusste, in Düsseldorf aufgewachsene, junge Frau mit dem Lockenkopf hat weniger emotionale Bindungen an Haldensleben als ihr Vater. Aber ihr gefallen Haldensleben und die Region inzwischen. Anders als im Rheinland, das während des letzten Krieges weithin zerstört wurde, erzählen die vielen erhaltenen Mühlen, Schulen, Dorfplätze und Gehöfte hier nicht nur Nachkriegsgeschichte. Sie erzählen auch von „ganz früher“, beispielsweise aus der frühen Zeit der Industrialisierung. Ziegeleien, Keramikmanufakturen und Tabakfabriken liegen wie offene Geschichtsbücher in der Landschaft. Darin taucht immer wieder ein Name auf, den zu jener Zeit im Rheinland niemand kannte.
