Warum eine KI Sommerschlussverkäufe bei Engelhorn überflüssig machen soll

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Fabian Engelhorn, Sie führen als CEO die Engelhorn‑Gruppe in der vierten Generation. Wo setzen Sie digitale Lösungen an, um ein Familienunternehmen wie Ihres zeitgemäß zu führen?

Vor allem beim Datenaustausch und der Kommunikation zwischen Lieferanten und uns ist Digitalisierung nicht mehr wegzudenken. Der digitale Datenaustausch ist unabdingbar, wenn es um die Wertschöpfungskette geht. Und auch auf der anderen Seite, also in Beziehung zu unseren Kunden, führt nichts an digitalen Lösungen vorbei. Auch wenn wir als Einzelhändler, der seine Heimat in Mannheim hat, immer Fan von Innenstädten und urbanen Zentren mit dem dortigen Verkauf bleiben werden. Durch das Internet und die Verknüpfung digitaler Lösungen sind wir näher am Kunden dran und bieten ein besseres Einkaufserlebnis. Ob sie von zu Hause aus bestellen, digital Termine bei Kundenberatern vereinbaren oder in Zukunft die Möglichkeit zur digitalen Parkplatzbuchung wahrnehmen: All das hilft. Zudem sind wir auf dem Weg, innerhalb unserer Häuser auch die Systeme umzustellen, um ein zeitgemäßes Shopping-Erlebnis anzubieten. Ab Oktober kann man bei jedem Mitarbeiter mobil bezahlen, statt an stationären Kassen, die immer der letzte Eindruck waren, bevor man Engelhorn wieder verlassen hat.

Wenn man heute über digitale Lösungen spricht, kommt man an KI nicht mehr vorbei. Wie blicken Sie als Geschäftsführenden Gesellschafter eines Textil- und Sporteinzelhändlers auf Künstliche Intelligenz und deren Wirkung?

KI hat auch bei uns großes Potential. Ich denke zum Beispiel an Winter- und Sommerschlussverkäufe. Wenn man ehrlich ist, kommen solche Rabattaktionen nur durch schlechte Planung zustande. Denn das heißt, dass man seinen saisonalen Bestand nicht wegbekommen hat. Eine KI kann durch Regression Vorhersagen treffen und unsere Bestände besser organisieren. Ich sage immer, dass uns nie schwarze Socken und weiße Businesshemden ausgehen dürfen. Um das zu erreichen, kann die KI gut sein. Daneben sehe ich in klassischen Bereichen wie der Prüfung von Rechnungen einfache Anwendungsfälle. Niemand sollte heute mehr händisch Lieferschein und Rechnung abgleichen.

Kann KI auch Kundenkontakt?

Vor Ort sehe ich das nicht, aber in der Kommunikation kann KI helfen. Ich denke beispielsweise an unsere Kundenmailings. Da ist die feinst gegliederte Gruppe, an die wir personalisierte Mails schicken, im Moment 2.000 Menschen. Wenn wir hier das n auf 20 Menschen bekommen, die Angebote bekommen, die perfekt auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind, dann entfaltet das eine große Wirkung.

Hier stellt sich dann aber die Frage nach Transparenz und Datensicherheit, oder?

Absolut. Wobei ich nicht denke, dass Kunden sich daran stoßen würden, dass eine KI ihnen die passende Werbung raussucht. Aber die Sicherheit der Daten ist selbstverständlich immer zu beachten. Da haben wir vielleicht einen Vorteil gegenüber anderen Unternehmen, da es unsere Kundenkarte seit knapp 30 Jahren gibt und wir uns mit dem Handling von solch sensiblen Daten auskennen. Die liegen immer auf europäischen, meistens sogar deutschen Servern, und zur Auswertung arbeiten wir auch nur mit Unternehmen zusammen, die sich im europäischen Rahmen und der Regulatorik hier – die ich für angemessen und richtig halte im Moment – bewegen.

Ihr Cousin Simon Engelhorn war bis 2024 CDO bei Engelhorn und ist mit seinem Start-up Insage im Bereich KI und E-Commerce-Daten-Auswertung tätig. Kann Engelhorn die Lösungen von Insage sogar nutzen?

Ich kann mir gut vorstellen, seine Lösung bei uns zu integrieren. Das wird aber noch dauern, da für unser E-Commerce-System Salesforce noch das Plug-In fehlt. Zudem ist er uns als Aufsichtsrat erhalten geblieben und gibt von dort Einblicke, weil er den Markt jetzt viel breiter sieht. Nicht nur deswegen stehen wir in einem engen Verhältnis.

Wie sehen Sie sonst die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und externen Partnern?

Ohne Berater könnte ich gar nicht den Überblick behalten, welche Start-ups und Lösungen sich gerade wie entwickeln. Dafür ist der Markt zu groß und meine Neugier ist zwar vorhanden, aber meine Arbeitszeit endlich. Da muss ich sagen, als Mittelständler sind wir geradezu überfordert und demnach froh, dass es zum Beispiel A11 gibt. Sie helfen uns, für die von uns identifizierten Prozesse den richtigen Anbieter und die richtige KI zu finden.

Wenn es um die anschließende Implementierung geht: Welche Tipps haben Sie für andere Mittelständler und Familienunternehmen?

Ich würde sogar schon vorher mit den Tipps beginnen. Wir machen das mit der KI nicht aus Selbstzweck, sondern definieren immer klare Prozesse, für die wir den Einsatz von KI für richtig halten. Zum Beispiel um monotone und unkreative Arbeit für unsere Mitarbeitenden überflüssig zu machen. Dann zielen wir immer auf einen Return on Investment, der klar gemessen werden muss. Zeitersparnis kann hier ein Parameter sein oder auch ein monetäres Ziel – zum Beispiel Einsparungen durch eine bessere Lager- und Einkaufsplanung. Und trotz aller Neugier, die ich habe und die auch viele andere Geschäftsführende Gesellschafter an den Tag legen, muss man sich immer wieder darauf besinnen, dass die KI zielgerichtet eingesetzt und als Hilfsmittel gesehen werden muss. Nicht als Allheilmittel. Die Anwendungsorientierung des Einsatzes ist für mich das A und O.

Familienunternehmen denken bekanntlich weit in die Zukunft. Wo sehen Sie Engelhorn in den nächsten Jahren und welche Rolle wird KI spielen?

Wir werden in Mannheim verwurzelt bleiben und haben in Luxemburg und in Mainz neue Projekte initiiert, die unsere Marke vorantreiben werden. Durch digitale Lösungen kommen wir näher an unsere Kunden heran, ob die nun von zu Hause einkaufen oder uns vor Ort besuchen. Diese Präsenz vor Ort bleibt Teil von uns. Ob KI eine entscheidende Rolle für unsere Zukunftsvision spielt, kann ich noch nicht abschätzen. Ich gehe aber davon aus, dass sich die Technologie etablieren und zur Normalität wird. Ich denke, die Angst, die oft von der Politik geschürt wird, muss gar nicht so groß sein. Denn KI als weiteres digitales Tool – und so sehe ich das in Zukunft auch – wird uns das Leben ein bisschen einfacher machen. Nicht mehr und nicht weniger.

Hat Internationalen Journalismus in Magdeburg studiert. Schrieb schon davor für die Südwest Presse in seiner Heimat Ulm. Sammelte zudem Auslandserfahrung bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia, sowie bei Kwanza TV in Daressalam, Tansania. Seit 2017 Redakteur bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA und Mitglied im Redaktionsteam des wir-Magazins.