Simon Engelhorn über die Start-up Gründung von Insage

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Simon Engelhorn, Sie entschieden sich schon früh, ins Familienunternehmen einzusteigen. Mit 17 wollten Sie dasselbe machen wie Ihr Vater. Fanden Ihre Freunde das nicht uncool?

Ganz im Gegenteil! Meine Freunde waren eher beeindruckt. Jeder in Mannheim weiß, dass Engelhorn eine trendige Shopping-Destination ist. Ich war jung, cool und ging gerne shoppen – also stand für mich als 17-Jährigen fest, dass ich in diesen hippen Laden nachfolgen würde. Die Verantwortung dieser Entscheidung wurde mir erst später bewusst.

Wann erfolgte Ihr Einstieg bei Engelhorn?

Ich habe in sehr jungen Jahren schon angefangen, mich auf die Nachfolge vorzubereiten. Mit 29 durfte ich dann ins Unternehmen einsteigen und sofort viel Verantwortung übernehmen. Dass man so jung so viel Verantwortung trägt, ist in Deutschland nur in Familienunternehmen üblich und setzt einen Nachfolger einerseits unter Rechtfertigungsdruck, andererseits lernt man schnell. Die Altersdiversität in den Führungsetagen ist gesund fürs Unternehmen, besonders in der Modebranche.

Wie haben Sie sich für den Einstieg qualifiziert?

Eine unserer Familienregeln war, dass man vor der Nachfolge drei Jahre im Verkauf gearbeitet haben muss. Nach meinem Abitur habe ich also drei Jahre lang Klamotten verkauft. Das hat zu diesem Zeitpunkt nicht so viel Spaß gemacht, sich im Nachhinein aber als sehr wertvoll herausgestellt. Ich habe eine Ausbildung zum Handelsfachwirt bei der Konen Bekleidungshaus KG in München gemacht, die mittlerweile an Breuninger verkauft wurde. Während dieser Ausbildung macht man zusätzlich auch den Abschluss zum Einzelhandelskaufmann; ich habe auch noch den Ausbilderschein gemacht. Die Ausbildung bei Konen hatte schon Tradition; mein Vater Hans Engelhorn und mein Cousin Fabian Engelhorn haben auch dort ihre Ausbildung gemacht. Danach studierte ich BWL in Ingolstadt und machte berufsbegleitend noch einen Executive MBA an der Uni Mannheim.

Was wird jetzt aus Engelhorn?

Engelhorn erwirtschaftet rund 200 Millionen Euro Umsatz und beschäftigt über 1.000 Mitarbeiter. Das Unternehmen ist nicht klein, aber sehr einfach strukturiert, es befindet sich zu 100 Prozent in Familienhand. Wir sind eine Kommanditgesellschaft auf Aktien. In dieser Kapitalgesellschaft haben wir einen Aufsichtsrat, der von den Aktionären, also von Familienmitgliedern, gewählt wird. Der Vorstand wird vom Aufsichtsrat gewählt. Ganz klassisch also. Nach meinem Ausscheiden aus der operativen Geschäftsführung tragen mein Cousin und die familienfremden Manager Armin Weger und Sebastian Bungartz die Verantwortung weiter.

Auf welche Herausforderungen stießen Sie als COO?

Die Corona-Pandemie war eine heftige Zeit, der Beginn war wie ein Überfall. Am 17. März 2020 erfuhren wir spätabends, dass wir am nächsten Tag die Läden schließen müssen. 40.000 Quadratmeter Verkaufsfläche standen leer, was noch nie vorgekommen war, auch im Zweiten Weltkrieg nicht, als Mannheim in Trümmern lag.

War Corona für den E-Commerce nicht auch förderlich?

Zu Beginn der Pandemie brach die Nachfrage komplett zusammen, auch im E-Commerce. Partys und Vorstellungsgespräche wurden abgesagt; es gab für unsere Kunden keinen Anlass, sich neu einzukleiden. Doch sobald klar wurde, dass die Pandemie länger andauern würde, stiegen die Bestellungen plötzlich stark an. Wir mussten von 500.000 auf 1,5 Millionen Pakete skalieren, was eine enorme logistische Herausforderung war. Denn wir hatten unmittelbar vorher reflexartig alles runtergefahren, so wie die großen Online-Händler auch. Es war eine Achterbahnfahrt.

Was macht Ihr Start-up Insage?

Schnelligkeit ist im E-Commerce, der extrem Performance-Marketing-getrieben ist, sehr wichtig. Wir wollen Unternehmen hier unterstützen und die Auswertung ihrer Daten aus verschiedenen Quellen vereinfachen und beschleunigen. Bestehende Tools sind oft nicht flexibel genug, um die neuen Möglichkeiten der generativen Künstlichen Intelligenz zu nutzen. Insage löst unter anderem Probleme, die ich auch als COO von Engelhorn hatte.

Auf welche Hindernisse stießen Sie konkret bei Engelhorn?

Die spielerische und kreative Art, Erkenntnisse zu gewinnen, fehlte mir. Standard-KPIs allein führen auf Dauer nicht zu echter Wertschöpfung.

Ist Ihr Start-up Insage finanziell mit Engelhorn verbunden?

Nein. Wir befinden uns noch in der Pre-Seed-Phase und haben unsere erste kleine Finanzierungsrunde aus eigener Kraft gemeistert. Wir, das sind meine Mitgründer Marc Schauer und Matthias Storch und ich. Wir sind ein kleines Team und kennen uns schon sehr lange. Besonders kapitalintensiv wird die Wachstumsphase, die erst noch auf uns zukommt. Für die Zukunft schließe ich nicht aus, dass Engelhorn ein Kunde von Insage werden könnte …

Gab es auch persönliche Gründe für die Gründung von Insage?

Ja, ich wollte es jetzt machen, sonst hätte ich es wahrscheinlich nie gemacht und irgendwann bereut. Ich habe mich vorher schon für Start-ups interessiert und bin in diesem Zusammenhang auch als Investor aktiv gewesen. Und als ich dann 40 wurde, fragte ich mich: Was will ich mit den restlichen 20, 30 Jahren meines Berufslebens anfangen? Insofern war es für mich auch ein Segen, dass die Corona-Zeit und die Monate danach so kräftezehrend waren: Meine persönliche Krise wurde zur Chance. Die Entscheidung, etwas Eigenes zu machen, war für mich die richtige.

Wie reagierte Ihre Familie auf den Wechsel in den Aufsichtsrat?

Es war überraschend für sie, aber nach dem ersten Schreck reagierte meine Familie offen und konstruktiv. Sie sahen den Wert, den ich im Aufsichtsrat schaffen kann, auch für die Weiterentwicklung des Unternehmens. Es war ein sehr wertschätzender Prozess.

Kann man aus einem Familienunternehmen jemals ganz aussteigen?

Vollständig aussteigen ist gar nicht wünschenswert, finde ich. Unternehmerisches Risiko zu tragen und darauf stolz zu sein sollte weitergegeben werden. Meine Kinder sind sechs und neun, ich möchte ihnen vorleben, dass Unternehmertum etwas Positives ist.

Wo sehen Sie in Zukunft Ihre Rolle bei Engelhorn?

Mit 17 war das für mich eine Einbahnstraße, da hatte nur die Rolle des Geschäftsführers einen Wert. Aber mit der Zeit wurde mir klar: Es gibt viele Rollen und Verantwortlichkeiten in Familienunternehmen. Ich möchte bei Engelhorn als Sparringspartner ansprechbar bleiben; ich sehe meine Rolle als Aufsichtsrat als aktiv und gestaltend. Für mich persönlich bestand aber auch der Wunsch, etwas Neues zu entwickeln. Die Vielfalt der Rollen in Familienunternehmen eröffnete mir die Chance, meinen Traum der Neugründung zu erfüllen.

Hat an der Uni Bamberg Germanistik, Philosophie und Kommunikationswissenschaften studiert. Zuvor arbeitete sie als Redakteurin am Zukunftsinstitut von Matthias Horx. Bei dem Magazin brand eins in Hamburg entdeckte sie ihre Liebe zum Wirtschaftsjournalismus, der sie seit März 2023 beim wir-Magazin frönen darf.