Frau Dr. Schubert, Sie haben nach dem plötzlichen Tod Ihres Vaters Christoph Schubert, dem Gründer der Schubert Unternehmensgruppe, eine schlimme Zeit durchgemacht. Was hat Sie bewogen, ein Buch darüber zu schreiben?
Der Impuls, das aufzuschreiben, was wir nach dem Tod meines Vaters erlebt haben, kam ursprünglich aus der Familie. Ich habe es aber dann zu meinem persönlichen Projekt gemacht. Ich wollte anderen Familien zeigen, was bei uns schiefgelaufen ist, damit sie nicht in dieselben Fallen laufen. Ich begann zu recherchieren. In den zwei Jahren habe ich mich mit zwanzig anderen prominenten Fällen beschäftigt, denen es ähnlich gegangen ist – angefangen von der Familie Sartorius über Springer bis hin zu Tönnies. Insofern sind wir kein Einzelfall.
Sie schildern in dem Buch sehr persönliche Dinge, schmerzvolle Erfahrungen und Kränkungen. Inwieweit hat das Schreiben des Buches Ihnen geholfen, diese Emotionen zu verarbeiten?
Die Nachbetrachtung hat vieles noch einmal verdeutlicht. Die Reflexion hat mich an der einen oder anderen Stelle verständnisvoller gemacht – auch in Bezug auf meinen Vater. Zudem bin ich während meiner Arbeit auf zahlreiche Studien zur Unternehmensnachfolge gestoßen. Hier wurde das Verhalten meines Vaters auf theoretischer Ebene erklärt. Das hat mir sehr geholfen, dieses Kapitel in meinem Leben abzuschließen und den Blick nach vorne zu richten.
Was war für Sie die wichtigste Erkenntnis, die Sie aus der Zeit nach dem Tod Ihres Vaters gezogen haben?
Bei uns hieß es immer: „Der Papa wird es schon richten.“ Mein Vater hat immer für alles gesorgt, für die Firma und die Familie. Er hatte bewiesen, dass seine Entscheidungen gut und richtig sind. Dass er für die Zeit nach seinem Tod nicht alles geregelt hatte, hat das Bild der scheinbaren Unfehlbarkeit von ihm etwas revidiert. Aus dem Grab heraus hat er uns die Bürde auferlegt, das Unternehmen entweder zu verkaufen oder 30 Jahre unter Testamentsvollstreckung zu führen. Darauf waren wir überhaupt nicht vorbereitet. Wir mussten nach seinem Tod noch sehr viele Dinge klären. Das wäre nicht nötig gewesen, hätten wir früher über alles gesprochen. Jeder Unternehmer sollte einmal Probe sterben.
Ihr Vater hat Ihnen die Führung des Unternehmens nicht zugetraut. Dies ist Ihnen aber erst durch sein Testament klargeworden.
Jeder, der meinen Vater kannte, wusste um sein Frauenbild. Zudem wollte er mich wohl vor den Belastungen schützen, die mit der Unternehmensführung verbunden sind. Ich wollte es aber nicht wahrhaben. Hätten wir früher über alles gesprochen, dann wäre klargeworden, dass er mir das Management der Firma nicht übertragen wollte. Wir hätten gemeinsam überlegen können, welche Optionen wir nach seinem Tod haben würden.
Hätten Sie das Unternehmen behalten, wenn Ihr Vater keinen Testamentsvollstrecker eingesetzt hätte?
Weil unsere Mitbewerber wesentlich größer sind, hätten wir uns mittelfristig entscheiden müssen: wachsen oder weichen. Mein Vater hat mir nur 45 Prozent der Anteile überlassen, weitere 45 Prozent gingen an meine Schwester und 10 Prozent an meine Mutter, die beide nicht im Unternehmen tätig waren. Es wäre schwierig geworden, das Unternehmen in dieser Konstellation zu führen. Wie ich mich entschieden hätte, kann ich aber nicht mit letzter Gewissheit sagen.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie den Verkauf des Unternehmens auch als Befreiung wahrgenommen haben. Warum?
Erst mit dem Tod meines Vaters haben wir Frauen in der Familie zu unseren Stärken gefunden. Ich habe Seiten an mir entdeckt, die versteckt waren. Nie hätte ich es zuvor gewagt, aus dem Unternehmen auszuscheiden und etwas anderes zu machen. Erst jetzt mache ich Dinge, die mir Spaß machen. Insofern war der Verkauf des Unternehmens tatsächlich eine Befreiung.
