Le Patron

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beim Betreten des umgebauten Kornspeichers im Münsteraner Hafen, der den Coppenrath Verlag beherbergt, wird klar: Hier vereinigen sich auf wundersame Weise Tradition und Moderne. Altes Gemäuer, durch dessen Stockwerke ein gläserner Fahrstuhl schwebt; der Blick in die Etagen eröffnet jeweils neue Welten. Liebevoll zusammengestellte Sammlerstücke, Antiquitäten, Stofftiere, Bücher, alte und moderne Kunst – eine kreative Augenweide. Der Mann, der dieses Spannungsfeld spielend beherrscht, ist Verlagsinhaber Wolfgang Hölker, Chef von Hase Felix, Lillifee, Capt’n Sharky, dem Mondbär oder den Lieben Sieben. Der Mann, der den Wert alter Dinge liebt, ohne Traditionalist zu sein, und ein Schild in seinem Büro hängen hat, auf dem steht: „Mein Job besteht darin, Veränderungen möglich zu machen.“ Kaum eine Familie mit Kindern entkommt der Macht der Feenwelt in Rosa. „Es macht mich immer noch stolz, wenn ich ein Mädchen mit Lillifee-Rollkoffer am Flughafen sehe. Aber ohne die gute Geschichte dahinter hätten unsere Non-Book-Produkte nicht diesen Erfolg“, beharrt Hölker. Die Fakten sprechen für sich: Nahezu die Hälfte des Umsatzes generieren sich aus Merchandisingprodukten wie Bettwäsche, Brotdosen, Geschirr, Plüschtieren, Haarspangen & Co. „Bewerten Sie uns nicht über, wir sind eine kleine Nische im großen Büchermeer. Wir sind ein Verlag und kein Merchandisinghersteller.“ Diese Einschätzung, sei sie kalkuliert oder nicht, muss man nicht teilen.

Die Geschichte des Coppenrath Verlags liest sich wie eine große Erfolgsgeschichte, auch wenn Wolfgang Hölker da „gern die Kirche im Dorf lässt“. Verschmitzt zeigt er in seinem Büro auf ein weiteres Schild des aus Südkorea stammenden, US-amerikanischen Aktionskünstlers Nam June Paik: „When too perfect, lieber Gott böse.“ Im Jahr 1995 betrug der Umsatz noch 11 Millionen Euro, heute sind es über 70 Millionen Euro. Die Münsteraner profitieren von der Dynamik in der Kinder- und Jugendbuchbranche. Laut „Trendbericht 2010“ des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, des Arbeitskreises für Jugendliteratur und der Stiftung Lesen wuchs der Umsatz mit Kinder- und Jugendbüchern um 11,1 Prozent, im Vergleich dazu der Gesamtbuchmarkt nur um 2,8 Prozent.

Doch nicht alle Verlage wandeln auf so glücklichen Pfaden, wie es Wolfgang Hölker gelingt. Der Moses Verlag in Kempten brachte bereits Ende 2003 „Felicity Wunschfee – Das kleine Buch zum Glück“ heraus, inklusive ein paar Zusatzartikel. Doch die übermächtige rosafarbene Lillifee-Welt überrollte 2004 das Produkt. Angriffe von Konkurrenten auf die „Lillifee-Diktatur“ oder Diskussionen um die einseitige, klischeelastige Geschlechterzuschreibung der erschaffenen Kinderwelten nimmt Hölker gänzlich gelassen hin: Im Mittelpunkt stehen immer die guten Geschichten, und das Eintauchen in komplette Welten fördere die Fantasie in jedem Fall.

Grenzenlose Geschichten

Der selbstbewusste Westfale erzählt den Medien oft, dass er „gern mal mit einer Pulle Bier auf der Kartoffelkiste beim Bauern nebenan sitzt“. Das glaubt man ihm sofort, trotz seiner ausgefallenen, sorgfältig und originell zusammengestellten, manchmal leicht schrägen Kleidung – es bleiben allein Zweifel, inwieweit er dafür überhaupt noch Zeit hat. Die Verlagsprodukte sind inzwischen weltweit erfolgreich. Auf dem Münsterländer Sofa saßen bereits Araber, in Israel sind einige seiner Bücher auf der Bestsellerliste, und in Japan hat im Sommer der erste Coppenrath-Spiegelburg-Shop eröffnet, der auch die Asiaten in Märchenwelten made in Münster entführen soll. Gerade im Ausland erzählt er gern von seiner Heimat. Geschichten erzählen, das liebt und beherrscht Wolfgang Hölker.

Der private Familienwohnsitz bei Münster ist eine Art Wasserburg, Pferde und Kutschfahrten zur Entspannung inklusive. Die Verlagsgebäude und deren Einrichtung atmen förmlich: Der Besitzer, der von Außenstehenden gern auch mehr oder weniger ironisch als „Gutsherr“ oder „Patron“ bezeichnet wird, weiß, wie er seine Träume verwirklichen kann. Für sein Büro, das eher als Saal zu bezeichnen ist, hat er einen riesigen Teppich nach Vorbild einer alten Landkarte aus dem 17. Jahrhundert anfertigen lassen. Ein Hauch von Afrika weht durch die Einrichtung, kombiniert mit gigantischen flämischen Gemälden. Das Erstaunliche: Scheinbare Gegensätze lösen sich auf und ergeben ein harmonisches Ganzes. Und genau das spiegelt auch die Persönlichkeit des 62-jährigen Westfalen wider: das Geschick, die richtigen Menschen zu versammeln und Kreativität so in die richtigen Bahnen zu leiten.

Info

Wolfgang Hölker: der Charismatiker

Als 20-Jähriger verwirklicht Hölker zunächst seine Leidenschaft für Kunst als Galeriebesitzer, allerdings ohne kommerziellen Erfolg. Mit 24 Jahren gründet er den Hölker- Verlag, in dem er sich auf Kochbücher mit regionalen Rezepten spezialisiert. Schon hier betritt Hölker neue Pfade, in dem er jedem Buch eine besondere Note gibt, sei es durch gedruckte Fettflecken oder Salzkrümel. 1977 übernimmt er mit 29 Jahren als Inhaber und Geschäftsführer den Coppenrath Verlag, der bis dato in provinziellem Rahmen volkstümliche Literatur aus Westfalen und Doktorarbeiten herausbrachte. Gereizt zum Kauf hat ihn dabei auch die Tradition des Familienunternehmens: Der Coppenrath- Gründer war ein Freigeist, was im katholischen Münster eher ungewöhnlich war und auf Hölkers Sympathie stößt. Bereits 1978 startet er eine neue Reihe mit Kinderbüchern, was ihm besonders am Herzen lag: „Kindern neue Welten eröffnen und Spuren hinterlassen“ sind noch immer seine Hauptantriebsziele.

„Kreativität ist die Addition von Information. Die Umgebung muss stimmen und die Kommunikation miteinander“, bringt Hölker seine Arbeitsphilosophie auf den Punkt. Das kreative Umfeld, das er erschafft, inspiriert auch die Mitarbeiter, da ist er sich sicher. Die Rolle, in der sich der Verlagschef am liebsten sieht, ist die des Mutmachers. Wenn eine Mitarbeiterin eine Idee hat, wie die Geschichte vom Hasen Felix, dann fördert er das konsequent. „Ich gestehe jedem Mitarbeiter eine hohe Fehlerquote zu, das ist für die Kreativität enorm wichtig“, was eine Verlagsmitarbeiterin bestätigt. So hatte Monika Finsterbusch, Erfinderin von Lillifee, zunächst einen Flop produziert.

Patron mit Leib und Seele

Doch Hölker fordert auch viel von seinen zu 80 Prozent weiblichen Mitarbeiterinnen. Das viel zitierte „Managment by love“ sei absurd, immer wieder betont er, dass der Erfolg auf harter Arbeit, auf Maloche beruhe. „Aber ich kann auch gut loben“, lobt er sich selbst. Mit einem Augenzwinkern bedauert er, dass seine hochqualifizierten Mitarbeiterinnen dauernd schwanger werden. Deshalb richtet er jetzt einen Betriebskindergarten ein, genug Bücher und Spielzeug gibt es ja.

Als Chef nimmt er für sich in Anspruch, das letzte Wort zu haben: „Wenn ich möchte, dass das Wackelschweinchen am Ende rot ist, dann ist das auch so, dafür sind wir ein Familienbetrieb.“ In einer Phase, in der der Verlag Geld benötigte, stand ihm sein Freund, der Banker Max Warburg, mit Rat und Tat zur Seite: „Du darfst deinen Verlag auf keinen Fall zur AG machen, das würdest du gar nicht aushalten.“ Und dafür ist Wolfgang Hölker seinem Freund bis heute dankbar, denn er will nicht „reporten“ und im Zweifelsfall Dinge beschönigen. Er will mit „seinen Leuten etwas erleben, etwas gemeinsam erarbeiten“.

Hölker umgibt sich gern mit Menschen, die er kennt. Seine Frau Siggi Spiegelburg ist die Namensgeberin und Initiatorin der Non-Book-Reihen. „Wir sind beide sehr geschmackssicher, das kann schon mal zu heftigen Auseinandersetzungen führen“, was Wolfgang Hölker ganz offensichtlich freut. Beruflich sei sie eine sehr kluge, kreative Advisorin, die nie die „Frau des Chefs“ heraushängen ließe. Was sie auch nicht nötig hat, zumal sie sich in ihrem Schneideratelier auch unabhängig vom Verlag einen Namen gemacht hat.

Info

Die Geschichte des Coppenrath Verlags

  • 1768 Gründung des Coppenrath Verlags durch Josef Heinrich Coppenrath
  • 1977 Übernahme des Familienunternehmens durch Wolfgang Hölker
  • 1978 Start der Kinderbücher
  • 1980 Start der Geschenkbücher, Alben, Kalender
  • 1992 Edition Spiegelburg: eigenständiges Non-Book-Programm
  • 1993 „Briefe von Felix“ erscheint, der Durchbruch für den Verlag
  • 1995 Umsatz 11,5 Millionen Euro
  • 2004 Erstes Lillifee-Buch übertrifft den Erfolg von Hase Felix
  • 2005 Die Collection Spiegelburg: Accessoires für Erwachsene, Ausbau des Merchandisingprogramms rund um die Kinderbücher mit Koffern, Kleidung, Geschirr, Bettwäsche, Plüschtieren, Brotdosen
  • 2010 Umsatz über 70 Millionen Euro; „Briefe von Felix“ ist in 25 Sprachen übersetzt und wird in 30 Ländern gelesen

Wenn Hölker von seinen zwei Töchtern spricht („Am liebsten hätten wir einen ganzen Stall voll gehabt.“), strahlen seine Augen: „Auch hier hat es der liebe Gott gut mit mir gemeint.“ BWL-Studium und brillante Reiterin die Ältere, im Abitur die Jüngere, die dann für ein Jahr nach Äthiopien gehen und danach Marketing und Design studieren will. Das klingt, als ob eine Nachfolge für Hölker im Verlag nicht ausgeschlossen sein könnte. „Das würde ich mir wünschen, aber es ist ihr Leben. Sie haben durchaus ihren eigenen Kopf und sagen dem Alten, was Sache ist.“

Verantwortung delegieren

Seine Großfamilie hat er sich mit dem Verlag geschaffen. Seit 15 Jahren ist der Coppenrath Verlag kontinuierlich gewachsen. 1999 arbeiteten 20 Mitarbeiter im Verlag, die Zahl stieg 2006 auf 80 Mitarbeiter und ist mittlerweile auf rund 140 Mitarbeiter angewachsen. Wie die Strukturen mitwachsen lassen, ohne dass die Kreativität leidet? „Ich nehme jeden Mitarbeiter in die Verantwortung. Jeder ist sein eigener Unternehmer. Es sind immer drei Leute, die für eine Sache stehen, und die Ergebnisse kann man sehr gut kontrollieren nach einem Jahr.“ Er betont auch die Kontinuität des Wachstums, die eine Anpassung der Strukturen auf sanfte Art möglich gemacht hat. Die Erweiterung der Verlagsräume im Kornspeicher um die alte Feuerwache war nicht von heute auf morgen notwendig, sondern konnte in Ruhe vorgenommen werden. Weiterhin ist Hölker eine Gewichtung der Arbeitsbereiche wichtig, die andere Verlage so nicht tragen können: Als einer der wenigen Verlage leistet sich Coppenrath die Festanstellung von 15 Grafikerinnen und Grafikern, anstelle bei Bedarf auf freie externe Mitarbeiter zurückzugreifen.

Was erstaunlich ist: Eine separate Marketingabteilung gab es lange Zeit nicht, auch wenn die schnurrende Merchandisingmaschinerie anderes vermuten lässt. Die Strategie, auf Anzeigen oder Spots zu verzichten und sich stattdessen auf die Händler zu fokussieren, ging auf. Die Produktion von Displays und Aufstellern für die Buchgeschäfte trifft ins Schwarze und wird den Vertretern aus den Händen gerissen. Dass es für den Hasen Felix zunächst tatsächlich keinen Businessplan gab, wurde bereits vielfach zitiert. Doch diese scheinbare Blauäugigkeit wird Wolfgang Hölker nicht gerecht, der auch Kaufmann mit Leib und Seele ist: „Es gibt nichts Spannenderes als Wirtschaft.“ Für ihn ist allerdings auch klar, dass der Verlag gar nicht so groß werden soll: „Das muss wachsen mit den Menschen. Ich möchte nicht alle drei Jahre einen anderen Geschäftsführer haben. Und dann geht es nur noch um Kohle. Ich möchte die Leute kennen. Bücher und Produkte aus den Buchfiguren verkaufen und Geld bekommen, das ist mein Job.“

Trotz seiner Erfolgsgeschichte betont er gern gerade jungen Leuten gegenüber, wie wichtig Misserfolge seien – hier bahnt sich der Mutmacher wieder seinen Weg, der es trotzdem weit von sich weist, ein Vorbild sein zu wollen. Unumwunden räumt der Verlagschef ein, dass sein Erfolg, sein „Machertum“ tatsächlich viel mit Existenzangst zu tun haben: „Ich habe ganz viele schlaflose Nächte gehabt und jede Menge Misserfolge. Doch gerade die machen einen erst stark, und das soll jetzt gar nicht heroisch klingen, das schmerzt ja auch sehr.“

Er ist zuversichtlich, dass sein Verlag weiter den Nerv der Kinder trifft. Von Ruhestand ist keinesfalls die Rede. Auch Hölkers Schwester ist mit 70 noch aktiv im Verlag tätig. „Das hält jung!“ Sprach’s und nimmt ein basisches Pulver zu sich, das er als Jungbrunnen definitiv nicht nötig hätte, und muss schnell zum nächsten Termin eilen.