Dieser Kalauer begleitet ihn wohl schon durch sein ganzes Leben: Michael Durach gehört zu einer Familie, die einfach überall ihren Senf dazugeben muss. Gemeinsam mit seinem Bruder Stefan steht er an der Spitze eines Familienunternehmens, dessen Name – Develey – in Bayern schon beinahe ein Synonym für die gelbe Würzpaste ist. Aber auch den Nicht-Bayern verfeinern die Durachs gern das Essen: im Nordwesten mit Löwensenf, in Ostdeutschland mit Bautz’ner. Mit rund 30 Prozent Marktanteil sieht Michael Durach sein Unternehmen als größten Senfhersteller hierzulande. Und auch auf Märkte außerhalb Deutschlands hat sich Develey längst vorgewagt.
Ursprünglich war Develey nur in und um München aktiv. Dort hatte der Namensgeber des Unternehmens, Johann Conrad Develey, im Jahr 1854 karamellisierten Zucker in die gelbe Masse gemischt und so den süßen Senf erfunden. Das bescherte ihm den Titel eines Königlichen Hoflieferanten. Doch der Weg zu Kunden außerhalb Münchens scheint trotzdem mühsam gewesen zu sein: „Unser erster Auslandsmarkt war Augsburg“, sagt Michael Durach mit einem schelmischen Lachen, das ihn jungenhaft wirken lässt.
Das spätere Wachstum seiner Firma ist hingegen eng mit einem wichtigen Partner verbunden, der in ganz anderen räumlichen Maßstäben denkt: mit McDonald’s. Den US-Konzern beliefern die Unterhachinger, seit er Anfang der siebziger Jahre auf den deutschen Markt kam – und seine erste Filiale ausgerechnet in München eröffnete. „Wir haben an ein System geglaubt“, sagt Durach. „Und an einen Kunden, an den damals nur wenige geglaubt haben.“
Zu abhängig wollte man sich aber von einem Kunden nicht machen. Die Familie hat einen weiteren Wachstumspfad gefunden. Neben der Gastronomie baute man ein weiteres Standbein auf, den Lebensmitteleinzelhandel im In- und Ausland. Weil Senf aber ein regionales Produkt ist und die Geschmäcker in den Regionen sehr unterschiedlich sind, mussten andere Senfarten her: 1991 übernahm Develey den Bautz’ner Senf, 1995 kam die französische Spezialitätenmarke Reine de Dijon dazu, 2001 folgten die österreichische Traditionsmarke Mautner Markhof und der rheinländische Löwensenf. Dabei hatten die Düsseldorfer das früher schon einmal umgekehrt versucht: Sie hatten Develey übernehmen wollen, berichtet Michael Durach. Doch auf die Position eines Minderheitseigners habe sich sein Vater nicht einlassen wollen.
Dass das Unternehmen unabhängig bleiben muss, ist eine Maxime, die Michael Durach wahrscheinlich schon ungefähr so lange durch sein Leben begleitet wie der Senf-Kalauer. Diese Maxime ist auch der Grund dafür, dass das Unternehmen überhaupt im Senfgeschäft ist – und das unter einem Firmennamen, der nicht ihr Familienname ist.
Develey fast am Ende
Denn eigentlich hatte der Urgroßvater im Münchener Schlachthofviertel eine Fabrik für Sauerkraut und saure Gurken gegründet. Und sein Enkel Herbert hatte 1967 die Marke „Specht“ für Sauerkonserven kreiert. Damit war er auch durchaus erfolgreich. Ein Ärgernis allerdings blieb, berichtet Sohn Michael: die Abhängigkeit von bisweilen dickschädeligen Landwirten und ihren Ernten. Doch 1971 klopfte jemand bei ihm an, der für das Unternehmen lange prägend werden sollte: Alfred Reicherzer, der Develey-Geschäftsführer. Seit er 13 war, arbeitete er bei der Firma mit der großen Tradition und dem großen Namen. Doch nun stand dieses Unternehmen vor dem geschäftlichen Aus: Der Durach-Geschichtsschreibung zufolge hatte die alte Firma Develey ihre Unabhängigkeit nicht gewahrt, war unter die Fittiche eines Schweizer Konzerns geschlüpft, der andere Prioritäten setzte. So war für das Unternehmen keine zukunftsfähige Entwicklung möglich.
Drei Tage blieben Herbert Durach, um zu entscheiden, ob er mit dem maroden Traditionsunternehmen die eigene Unabhängigkeit stärken wollte. Er wollte. Und er übernahm nicht nur die Firma, sondern auch Reicherzer. Dass er einen starken Geschäftsführer an seiner Seite beließ, hatte wohl ebenfalls etwas mit der Unabhängigkeitsmaxime zu tun. Denn diese schließt für das Unternehmen auch eine gewisse Unabhängigkeit von den Inhabern ein. Schließlich, so berichtet Sohn Michael, hatte sein Vater selbst erlebt, wie ein Onkel von einem Tag auf den anderen ausfiel und so die Firma ins Trudeln kam. „So etwas darf uns nicht mehr passieren“, das sei der Grundsatz gewesen, der den Vater von da an begleitet habe.
Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen
Tatsächlich verließ Herbert Durach die operative Unternehmensführung 1995 – und damit einige Jahre, bevor seine Söhne 1999 an die Spitze rückten. Denn erst einmal sollten die Brüder unter Reicherzers Führung den eigenen Laden noch genauer kennenlernen.
Auch das ist gut für die Unabhängigkeit, meint Michael Durach: „Dann brauchen Sie keine Berater, die Ihnen sagen, wie Ihre Produktion läuft.“ Dabei hatte er schon als Jugendlicher im Unternehmen mitgeholfen. Aber dass er eines Tages an der Spitze des Familienbetriebs stehen würde, war keine Gewissheit, die den 44-jährigen schon sein ganzes bisheriges Leben hindurch begleitet hätte.
Denn der Vater habe seinen Söhnen die Freiheit gelassen: Sie selbst sollten entscheiden, ob sie wollten. Aber er hatte auch sich selbst die Freiheit gelassen: Nachdem die Söhne wollten, sollten sie zeigen, dass sie’s auch konnten. Und zwar außerhalb des Familienbetriebs: „Da musst du dich mehr beweisen“, sagt Michael Durach.
Während sein Bruder bei Nordfleisch ins Controlling ging, widmete er sich bei Knorr dem Vertrieb. Und da sei er durchaus gefordert worden, berichtet er. Drei Monate Zeit habe er für die Aufbauarbeit gehabt. Und zwei Monate lang hätten die Kollegen nicht gewusst, mit welchem Unternehmen seine Familie verbunden ist. „Damit war ich ‚der neue Junge‘ und nicht ‚der Sohn von …‘“
Zwei Brüder trimmen Develey auf Wachstum
Die Develey Senf & Feinkost GmbH wird in vierter Generation von den Brüdern Michael und Stefan Durach geführt. Stefan ist der „Innenminister“, zuständig für Finanzen und Produktion. Michael kümmert sich als „Außenminister“ um Entwicklung, Vertrieb, Marketing und Supply-Chain-Management. Verteilungskämpfe zwischen den Brüdern habe es dafür nicht gebraucht: Die Rollen passen perfekt zum jeweiligen Charakter, sagt Michael Durach. Sich gegenseitig ergänzend, betreiben sie, was er abstrakt so beschreiben würde: „Internationalität übersetzen in die Region hinein.“
Das Unternehmen beschäftigt nach eigenen Angaben etwa 1.600 Menschen im In- und Ausland und exportiert in über 50 Länder. Develey beliefert den Kunden McDonald’s in über 40 Ländern. Vertriebs- und Produktionsstandorte befinden sich u.a. in Frankreich, Österreich, Polen, Russland, Tschechien, der Slowakei und der Türkei. Seit 2006 vertreibt Develey in Deutschland exklusiv sämtliche Produkte des japanischen Sojasaucen-Herstellers Kikkoman. Auch den Alleinvertrieb der Marke Tabasco hat Develey übernommen.
Und das ist ihm bis heute wichtig. Denn es gebe auch diese Träger großer Namen, die selbst Erfolge im Fremdunternehmen letztlich nur dem Umstand verdanken, dass sie Söhne ihrer Väter seien. „Ich wollte mir niemals nachsagen lassen: ‚Den haben wir auch durchgefüttert‘“, sagt der Durach, und der Ernst scheint seine charmante Lockerheit ausnahmsweise und für einen Moment zu verdrängen. Ernsten Fragen ist er dann später auch als Geschäftsführer im eigenen Betrieb nicht ausgewichen. Dass die Firma unabhängig vom Schicksal ihrer Eigentümer sein muss, ist ein Grundsatz nicht nur des Vaters. Für alle wichtigen Posten gebe es Nachrücker, sagt Durach. Folglich auch für seinen eigenen. Ob die Betreffenden davon wissen? „Wir haben ein sehr enges Verhältnis im Führungskreis. Die wissen, wo sie stehen. Aber es steht natürlich nicht auf der Visitenkarte.“
Keine großen Sprünge
Unabhängigkeit hat allerdings auch ihren Preis: „Wir werden nie mit den ganz Großen mitspielen können. Wir haben nicht die Werbebudgets, die Macht, etwas in den Handel zu drücken“, sagt Durach. Für weitere Expansion ist er trotzdem offen. Zumindest, falls sich passende Gelegenheiten ergeben. Gerade erst ist ein Feinkostunternehmen in der Türkei dazugekommen. Es war in ähnlich trauriger Lage wie einst Develey: „Eine Firma, die ‚nur‘ schlecht gemanagt worden war“, sagt Durach. „Aber die Menschen sind phantastisch.“ Trotzdem wären viele andere dort wohl nicht eingestiegen. „Der Analyst hatte gesagt: ‚Macht die Klitsche zu!‘“ Aber zu Durachs Vorstellung von Unabhängigkeit gehört eben auch, unabhängig von Analysten und Banken zu sein.
Stattdessen soll dem Unternehmen in Zukunft ein Beirat zur Seite stehen, bestückt mit „Leuten, die Firma und Familie gut kennen“. Ob seine Kinder einst eine Rolle im Unternehmen spielen werden, lässt sich dagegen noch nicht sagen. Schließlich sind sie erst im Teenageralter. „Die müssen sich erst noch selbst finden“, sagt Durach. Welche Rahmenbedingungen für sie gelten werden, ist dagegen schon klar formuliert: in einem Familienvertrag, der zum Beispiel das Verhältnis der beiden künftigen Stämme regelt. Und der dafür sorgen soll, dass die Firma unabhängig bleibt – auch von der Eigentümerfamilie. Deren Bedürfnisse haben im Zweifel hintanzustehen, und das Unternehmen wird niemandem seinen Lebensunterhalt sichern, nur weil er zur Familie gehört. Diese Gewissheit soll künftige Generationen ebenso selbstverständlich durch ihr Leben begleiten wie der Kalauer, dass ihre Familie einfach überall ihren Senf dazugeben will.
Geschmäcker sind verschieden
Was Develey Senf & Feinkost in verschiedenen Regionen verkauft, trägt nicht nur unterschiedliche Namen. Es wird auch in den verschiedenen Regionen produziert. Und daran will Michael Durach auch nichts ändern, selbst wenn er so Synergieeffekte verschenkt. Bündeln ließen sich bestimmte Prozesse im Einkauf oder bei der EDV, aber entwickelt werden müsse vor Ort. Denn nur dort weiß man am besten, was den Menschen schmeckt, meint er. Beispiel: Ostdeutsche essen gern Brot mit bloßem Senf. Warum nicht Brotaufstriche auf Senfbasis entwickeln? „Die haben fantastisch eingeschlagen“, berichtet Durach. Er ist überzeugt davon, dass die Menschen im Senf den Geschmack ihrer Kindheit suchen. Und dass es deshalb „Geschmacksgrenzen“ gibt, die sich kaum verschieben.
Selbst bei der Verpackung sind die Kunden beständig: Sie wollen Senf so nach Hause tragen, wie er sie schon durch ihr ganzes Leben begleitet. Für Bayern heißt das: im Glas, für Mitteldeutschland: in der Tube, und für Ostdeutsche: im Plastiktöpfchen. Welcher Senf den Polen schmeckt, hat man mit einem praktischen Feldversuch herausgefunden. Neben dem neuen Develey-Werk dort stand eine Autofabrik mit 3.000 Arbeitern. Deren Kantine bekam Senf in den unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen. Was am meisten gegessen wurde, gab die weitere Entwicklungsrichtung vor. „Es ist nicht wichtig, dass es mir schmeckt“, sagt Durach. „Es ist wichtig, dass es den Verbrauchern schmeckt.“
