Richtige Sensenmänner sind sie nicht mehr. Auch wenn das bäuerliche Mähwerkzeug die Geschichte ihrer Familie und ihres Unternehmens geprägt hat. Dass die sich schon über 300 Jahre erstreckt, haben die Cronenbergs im vergangenen Jahr ausführlich gefeiert. Nun liegt eine aktualisierte Fassung ihres Stammbaums auf dem Tisch des Besprechungsraums am Firmensitz in Müschede, einem Ortsteil des sauerländischen Arnsberg. Doch die wenigsten in diesem Gewimmel von Namen haben direkt mit dem Unternehmen zu tun.
Die Herrschaft darüber teilen sich seit geraumer Zeit zwei Stämme. Und auch sie lassen aus jeder Generation nur einen Vertreter in den Gesellschafterkreis. So stehen jeweils vier Männer an der Spitze des Unternehmens: zwei Väter, derzeit aus der neunten Generation, und zwei Söhne, derzeit aus Generation Nummer zehn. Dank höherer Lebenserwartung könnten es irgendwann auch einmal sechs Gesellschafter sein, sagen die vier. Am Prinzip allerdings soll sich nichts ändern. Was sonst droht, hat die Familie mit einem Waldstück erlebt, das tatsächlich von Generation zu Generation unter allen Geschwistern aufgeteilt wurde. „Am Ende hatte jeder von uns dreieinhalb Bäume und ein paar Äste“, sagt Dieter-Julius Cronenberg mit einem spöttischen Lachen.
Der 82-jährige Jurist hat nicht nur Unternehmensgeschichte mitgeschrieben: Von 1976 bis 1994 war er Mitglied des Bundestags, die letzten zehn Jahre davon als Vizepräsident. Und sein 49-jähriger Sohn Carl-Julius sitzt seit 1999 im Stadtrat von Arnsberg. Aus welchem Familienzweig sie stammen, lässt sich nicht nur am Hang zur Politik ablesen, sondern auch an den Vornamen: Sie tragen Vornamen des Carl Julius Cronenberg (1837–1904), jenes Vertreters der sechsten Generation, der den Betrieb am heutigen Stammsitz angesiedelt hat. Der andere Stamm pflegt eine cronenbergische Form des namentlichen Wilhelminismus, im Moment verkörpert durch den 45-jährigen Wilm-Hendric und seinen 75-jährigen Vater Wilhelm. Ein wenig erinnert so eine Marotte an alten Adel. Dazu würde auch die Gewohnheit passen, die Vorfahren nach laufend durchnummerierten Generationen zu sortieren.
„Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass sich bürgerliche Familien beim ersten und zweiten Stand manches abgeschaut haben“, sagt Carl-Julius. Mit den Trägern irgendwelcher Von-undzu- Titel wollen sich die Cronenbergs nicht in einen Topf werfen lassen. Vielleicht unterstellen sie der Aristokratie einen Hang zum trägen, spinnwebenumrankten Traditionalismus, den sich eine Unternehmerfamilie nicht leisten kann. Immerhin hat vor allem Generation Nummer neun erlebt, wie der Markt für das zusammengebrochen ist, was die Familie seit 1711 hauptsächlich produziert hatte. In jenem bis heute als offizielles Gründungsdatum des Unternehmens geführten Jahr hatte Caspar Cronenberg in Gevelsberg an der Ennepe eine erste Sensenfabrik eröffnet.
Auf Umbrüche erfinderisch reagieren
Die Cronenbergs wechselten in 300 Jahren auch mal den Standort. In Müschede schmiedeten sie ihre Sensen ab 1871, und noch heute lenken sie von hier aus die Geschicke des Unternehmens. Obwohl sie längst nicht mehr die Wasserkraft der Röhr nutzen, um Schmiedehämmer anzutreiben. In ihrer unmittelbaren Nachbarschaft konnten die Cronenbergs hier beobachten, wie sich die Landwirtschaft veränderte: Im Sommer 1952 kam in Müschede zum ersten Mal ein Mähdrescher zum Einsatz, ist in der Firmenchronik verzeichnet. Zwei Jahre später hatten alle Bauern im Dorf einen eigenen Traktor. Und die Sensenmänner gingen allmählich auf die Suche nach neuen Produkten. Da traf es sich gut, als ihnen jemand über den Weg lief, der über die Rechte für Türdichtungen verfügte. Dass man Heizenergie sparen oder sich gegen Verkehrslärm abschirmen müsse, war damals zwar noch kein besonders weit verbreiteter Gedanke. Aber Zugluft, Staub und Feuchtigkeit hatte man trotzdem nicht gern im Haus.
Heute präsentiert sich die familieneigene Firma Athmer als Marktführer, der auch Schall-, Rauch-, Feuer- und Strahlenschutztüren dicht bekommt. Oder Türen mit einem extrem hohen Bodenspalt von bis zu 50 Millimetern. In der Mitte der siebziger Jahre war es so weit, dass die Dichtungen ebenso viel zum Umsatz beitrugen wie die Sensen. Seit den achtziger Jahren stellt das Familienunternehmen keine eigenen Sensen mehr her, sondern vertreibt sie nur noch. Ein weiteres Geschäftsfeld jenseits des Schnittwerkzeugs fanden die Cronenbergs dank eines doch wieder ein wenig aristokratisch anmutenden Hobbys. Franz-Julius und Wilhelm Cronenberg – die beiden Vertreter der achten Generation – gingen gern zur Jagd. Und ärgerten sich über Waldwege mit unpraktischen Wegesperren.
Die neunte Generation versprach Abhilfe. Dieter-Julius ließ in der Betriebsschlosserei eine Schranke mit Gegengewicht bauen. „Die war hervorragend, aber unbezahlbar“, erinnert er sich. Doch die Herstellung ließ sich vereinfachen. Und als er das neue Produkt in geöffnetem Zustand sah, da dämmerte ihm: So sieht die Schranke auf einmal aus wie ein Fahnenmast. Die Mischung aus Tüftelei und Eingebung sollte in eine doppelte Marktführerschaft münden: Unter dem Markenzeichen „Mannus“ stellen die Cronenbergs Wegesperren, Drehkreuze, Sperrpfosten und Personenleitsysteme, aber auch Fahnenmasten und Halterungen für Transparente her. Und noch darüber hinaus ist ihnen nach und nach eine Produktpalette herangewachsen, die – wie eine über Jahrhunderte gewachsene fürstliche Domänenverwaltung – ein wenig zusammengewürfelt wirken mag, aber auch erahnen lässt, wie sich eins aus dem anderen ergeben hat.
Der Familie gehören Unternehmen, die Geländer herstellen, gern auch in exklusivem Design und mit LED-Beleuchtung. Oder Systeme, die den Straßenverkehr überwachen und steuern. Oder Geräte, mit denen sich die Profiltiefe von Reifen messen lässt. Oder keramische Marker, mit denen Werkstoffe gegen Produktpiraterie geschützt werden. Wobei dieses neueste Produkt wieder irgendwie einen Bogen zur Sense schlägt. Bei deren Vertrieb spielten eingestanzte Marken einst auch eine große Rolle. Aber das ist allenfalls eine entfernte Verwandtschaft. „Wenn Sie etwas Neues angehen, haben Sie den Vorteil der Ahnungslosigkeit“, sagt Dieter-Julius Cronenberg. Und auch die beiden Söhne sind sich einig: Der spontane Einfall, die zufällige Gelegenheit wird bei der Suche nach neuen Geschäftsfeldern immer eine Rolle spielen. Auch wenn die Weiterentwicklung des Unternehmens mittlerweile planvoller angegangen wird.
Keine enttäuschten Erwartungen
Carl-Julius ist 1991 ins Unternehmen eingetreten, Wilm- Hendric folgte im Jahr 1998. Seither haben sie die Strukturen der Firmen an den Umstand angepasst, dass die Cronenbergs nicht mehr nur Sensenmänner sind. Will sagen: Sie haben der Julius Cronenberg OHG eine Spartenorganisation verpasst. Knapp 300 Mitarbeiter erwirtschaften heute einen Umsatz von etwa 50 Millionen Euro. Wer für die Firma der Richtige ist, darüber hat in beiden Stämmen bislang allerdings kein Auslese-Wettbewerb unter Geschwistern bestimmt, sondern – wie in altem Adel – das Schicksal. Ins Unternehmen eingetreten ist jeweils der älteste Sohn.
„Nach den jetzigen Verträgen kann es auch eine Tochter sein“, sagt Carl-Julius. Doch diese Anpassung wird beim Übergang zur elften Generation keine Rolle spielen. Zumindest nicht, wenn es tatsächlich dabei bleibt, dass das erstgeborene Kind die Nachfolge übernimmt: Beide Söhne haben ihrerseits zuerst Söhne gezeugt. Ob die tatsächlich dereinst ins Unternehmen eintreten, lassen die Cronenbergs völlig offen. Die Kinder sind noch viel zu jung für derartige Prognosen. „Wenn es wieder so kommt, ist es ein Geschenk“, sagt Carl- Julius.
Geschenke lassen sich nicht erzwingen. Die neunte hat der zehnten Generation schließlich auch die Freiheit gelassen, ins Unternehmen einzutreten – oder eben nicht. Und das mit gutem Grund: „Wer sich hineinzwingen lässt, disqualifiziert sich für den Job“, sagt Dieter-Julius Cronenberg lakonisch. Anders herum ausgedrückt: Wenn er es denn partout wollte, könnte sich ein erstgeborener Cronenberg auch einer beruflichen Karriere auf dem Gebiet des Ausdruckstanzes widmen, statt die Nachfolge der Sensenmänner anzutreten. Nur entscheiden muss er sich irgendwann, und das dann auch verlässlich. Ein offener Wettbewerb unter Geschwistern dagegen könnte die familiären Beziehungen vergiften. So ist es für die Cronenbergs auch keine Frage von Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit, wenn nachgeborene Kinder allenfalls Ersatzkandidaten für den Gesellschafter-Posten sind und sie nicht in jener Höhe ausbezahlt werden, die sich aus einer realen Aufteilung des Vermögens ergäbe, sondern sie traditionell nur so viel bekommen, dass es dem Unternehmen nicht wehtut.
Überhaupt: Ist der Status als Nachfolger qua Geburt denn nicht nur Privileg, sondern vor allem auch eine Last? „Ja, natürlich“, sagten alle vier Cronenbergs. Und zwar nahezu gleichzeitig. Dass die geborenen Nachfolger trotz aller Freiheit bislang mehr Interesse am Unternehmen als am Ausdruckstanz entwickelt haben, finden die Cronenbergs allerdings auch nicht weiter überraschend. Der Wille der Kinder wird eben durch die Erziehung geprägt. Was nicht nur die von den Eltern bewusst gewollte Prägung einschließt. Auf ihr Dasein als Doppelspitze sind Wilm-Hendric und Carl- Julius jedenfalls nicht gezielt vorbereitet worden. Ihren Verwandtschaftsgrad umschreiben die Beiden mit dem Begriff „Vettern“ – nicht nur aus Traditionsbewusstsein, sondern weil das Wort relativ ungenau ist und sich ihr Verhältnis viel genauer auch kaum mehr bestimmen lässt.
Ihre Väter hatten zwar wechselseitig die Patenschaft für die beiden Jungen übernommen. Und als Kinder haben sie sich gelegentlich auch gesehen, erinnern sie sich. Aber das war’s dann auch schon. Mehr hätte schon der Altersunterschied von etwa vier Jahren verhindert: „Ich war ja immer der Kleine“, sagt Wilm-Hendric. Heute nennt er Carl-Julius schlicht „Carlo“, und auch sonst macht der Umgang beider miteinander einen unverkrampften und freundschaftlichen Eindruck. Und die Aufgabenverteilung? Der eine kümmert sich eher um diese Sparten, der anderen eher um jene. Irgendwie hat sich das wohl ergeben: „Ich glaube nicht, dass es dabei ein Prinzip gibt“, sagt Wilm-Hendric. Zum Jubiläum haben sie nicht nur den großen Stammbaum auffrischen, sondern auch ihre Unternehmensgeschichte noch einmal unter die Lupe nehmen lassen. Ein nicht am Unternehmen beteiligter Vetter gehört zu den Autoren der neuen Chronik.
Doch die Historiker berichten nicht nur von Glanz und Gloria. „Natürlich gab es hier auch Zwangsarbeiter“, sagt Carl-Julius nüchtern. Um dann, deutlich heiterer und mit viel Selbstironie, von noch ganz anderen Entdeckungen zu berichten. Wie jener, dass die Folgen der napoleonischen Wirren den Absatz der Cronenberg-Sensen wohl sehr viel mehr befördert haben als ihr guter Ruf, der mit eifersüchtig geschützten Marken verteidigt wurde. „Ein geplatzter Mythos“, sagt der 49-Jährige. Um dann obendrein noch einzugestehen: Noch nicht einmal das Gründungsjahr 1711 lässt sich punktgenau mit Urkunden zu belegen. Aber das kann eine Familie wohl verkraften, die eine – wenn auch vielleicht nur ungefähr – 300-jährige Firmengeschichte gestaltet hat. Dass sie keine richtigen Sensenmänner mehr sind, verkraften die Cronenbergs ja auch.
