Wie stark wächst KIND Hörgeräte?
Alexander Kind: Wir sind sowohl im Retail als auch in der Produktion und dem Export in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich gewachsen. Bei KIND lag das Wachstum in den vergangenen zehn Jahren im oberen einstelligen Bereich – und damit doppelt so hoch wie im Gesamtmarkt.
Wie haben Sie das gestemmt?
Martin Kind: Wie immer in Unternehmen: mit einer stabilen Ertragssituation und der Thesaurierung der Gewinne. Und man braucht für starkes Wachstum natürlich auch eine Bank an seiner Seite, die bereit ist, einen solchen Weg mitzugehen und zu unterstützen.
Kommt Ihnen die demographische Entwicklung zugute?
Martin Kind: Ich denke nicht, dass wir aktuell von der demographischen Entwicklung profitieren. Längerfristig vielleicht schon. Im Moment leben wir von unterversorgten Märkten.
Was war die wichtigste Weichenstellung der vergangenen Jahre?
Martin Kind: Wir sind über das Retailgeschäft gestartet und haben uns damit in Deutschland zur Nummer eins entwickelt. Uns war aber auch immer klar, dass eine eigene Produktion einen notwendigen Schritt in der Unternehmensentwicklung darstellt. Wir haben im Jahr 2004 den Hersteller audifon, der aus dem einstigen VEB Funkwerk Kölleda in Thüringen hervorgegangen ist, erworben. Ein Glücksgriff. Wir verkaufen unsere Produkte inzwischen in 66 Länder. Dennoch, es gibt noch viel zu tun.
Was denn konkret?
Alexander Kind: Wir wollen sowohl im Retailgeschäft als auch in der Produktion weiterwachsen. Das Delta vergrößern, nicht verkleinern. Unser Filialnetz wollen wir in Deutschland von derzeit über 530 Fachgeschäften in den nächsten Jahren auf circa 800 ausbauen.
Wie wollen Sie dieses Wachstumsziel erreichen?
Alexander Kind: In der Produktion bei audifon wird der Neubau in Kölleda die notwendigen Kapazitäten für weiteres Wachstum sicherstellen. Im Retailgeschäft geht das im Wesentlichen über Neueröffnungen und Übernahmen. Wir akquirieren laufend Hörge – räteakustik-Fachgeschäfte sowohl in Deutschland als auch im Ausland, wo wir weiterhin konstant wachsen wollen. Wichtige Märkte sind für uns dabei die Schweiz und Polen. Darüber hinaus ist das organische Wachstum wichtig, das heißt die Verbesserung der Produktivität auf bestehender Fläche.
Martin Kind: Wir haben kräftig in Marketing investiert, was auch im Kontext zu unserer Markenkampagne „Ich hab ein KIND im Ohr“ zu sehen ist. Die war übrigens die Idee meines Sohnes.
Alexander Kind: Hörgeräte sind nach wie vor ein – zu Unrecht – stigmatisiertes Produkt. Die Branche hat aber für uns den Vorteil, dass Marken bei Endverbrauchern unbekannt sind und wir damit in einer „Markenwüste“ agieren. Diese Chance haben wir mit unserer Markenkampagne „Ich hab ein KIND im Ohr“ genutzt. Unterstützt haben wir diese Neupositionierung des Unternehmens mit einem modernen, offenen und kundenorientierten Ladenbaukonzept. Wir haben unsere Mitarbeiter intensiv zu den Themen Marke und Kundenservice geschult.
Der Fußballpräsident und der Ökonom
Martin Kind (69) und sein ältester Sohn Dr. Alexander Kind (40) ergänzen sich gegenseitig mit ihrem unterschiedlichen Temperament. Martin Kind liebt deutliche Worte. Seit 1997 ist er Präsident von Hannover 96 und führte den Verein aus der sport lichen und finanziellen Misere heraus. Er ist ein lautstarker Gegner des Übernahmeverbots deutscher Fußballclubs durch Groß investoren (50-plus-1-Regelung). Vor dem Fußballgericht erzielte er einen Teilerfolg. Alexander Kind wirkt dagegen eher wie der stille Ökonom und zieht die Fäden mit wenig Gepolter. Gleichwohl setzt er seine eigenen Akzente, vor allem beim Marketing und bei der internationalen Expansion.
Sachverhalte bewerten die beiden immer mal unterschiedlich. Aber letztendlich zählten nur die Ergebnisse, sagt Martin Kind. Es gebe verschiedene Wege, um zu einem Ziel zu kommen. Das habe er gelernt zu respektieren. „Solange wir Erfolg haben, gibt es keine wirklichen Konfliktfelder. Erst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zeigt sich, wie gut man wirklich zusammenarbeitet.“
Welche Ausbildung haben Ihre Fachkräfte in der F&E-Abteilung?
Alexander Kind: Die Mehrzahl unserer Mitarbeiter sind Diplom- Ingenieure, häufig mit dem Fokus auf biomedizinische Technik und Informatik.
Bedroht der Fachkräftemangel Ihre Wachstumspläne?
Martin Kind: Ja. Die Aus- und Fortbildung ist eine Kernaufgabe in unserem Unternehmen. Um das entsprechende Wachstumsziel in drei bis fünf Jahren zu erreichen, müssen wir JETZT ausbilden.
Alexander Kind: Als Hörgeräteakustiker sind wir dem Handwerk zugeordnet. Damit brauchen wir für den Betrieb eines Fachgeschäfts qualifizierte Handwerksmeister. Wir bilden Mitarbeiter intern entsprechend aus und führen sie so über den Gesellen zum Meister. Mit Menschen, die unsere Firmenkultur kennen und sie mittragen. Unsere Ausbildungsquote mit über 500 Auszubildenden allein in Deutschland ist sehr hoch.
Wie schaffen Sie es, als einzige Firma Ihrer Branche zu 100 Prozent in Deutschland zu produzieren?
Alexander Kind: Wir haben mit unserer flachen Hierarchie einen wirtschaftlich vernünftig machbaren Weg gefunden, mit dem wir kostenmäßig gegenüber Unternehmen mithalten können, die beispielsweise in Asien produzieren. Unsere Flexibilität durch engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Automatisierung und schnelle Entscheidungsstrukturen macht uns wettbewerbsfähig.
Wie sind die Aufgaben zwischen Ihnen beiden aufgeteilt?
Martin Kind: Ich nehme mich tatsächlich immer mehr zurück. Wie das von Vätern so erwartet wird (lacht). Die operative Verantwortung liegt zu 100 Prozent bei meinem Sohn. Ich bin vorwiegend an den Kennzahlen für Investitionsentscheidungen und Planungen interessiert, über die wir uns natürlich auch austauschen. Darüber hinaus trage ich noch für ein Hotel, ein Unternehmen für Arbeitsschutzbekleidung und eine Immobiliengesellschaft die Verantwortung, die Teil der KIND-Gruppe sind, aber in getrennten rechtlichen Einheiten geführt werden. Und dann gibt es noch Hannover 96, auch ein Fulltime-Job. Das heißt kein Urlaub, dafür aber viel Freude an der Arbeit und an der Entwicklung der Unternehmen.
Warum arbeiten Sie so viel? Sie könnten sich für andere Dinge Zeit nehmen.
Martin Kind: Mein Steckenpferd ist die Arbeit. Ich finde es toll, zu gestalten, Ziele zu definieren, Visionen zu entwickeln und die operative Umsetzung zu begleiten. Privat versuche ich, meine Freundschaften mit Tennisspielen oder Skat zu pflegen. Unter anderem mit Dirk Rossmann. Wir sind hier in Großburgwedel ja Nachbarn, was die Firmensitze betrifft.
Was sind Ihre Steckenpferde?
Alexander Kind: Die Freude an der Arbeit scheint genetisch veranlagt. Natürlich gibt es in so einem Unternehmen Bereiche, in denen man sich stärker zu Hause fühlt, und solche, die man weniger reizvoll findet, wie etwa das Administrative. Für mich sind die Aufgaben spannend, die mit dem Markt direkt zu haben: die Mitarbeiter, die Fachgeschäfte, die Präsenz vor Ort, das Marketing.
Durchkreuzte Lebenspläne
Martin Kind wollte den Zwei-Mann Betrieb seiner Eltern eigentlich gar nicht übernehmen. Doch sein damaliger Chef bei Siemens riet ihm, die Herausforderung anzunehmen. Martin Kind übernahm 1970 das 1952 gegründete Hörgeräte-Geschäft und baute es zum Marktführer für Hörgeräte in Deutschland aus. Heute beschäftigt die KIND-Gruppe 2.500 Menschen, setzt in Deutschland etwa 150 Millionen Euro um und ist in 14 Ländern aktiv. Die operative Verantwortung gibt Martin Kind Schritt für Schritt an seinen ältesten Sohn Alexander ab, der mittlerweile 15 Prozent der Anteile hält. Auch Alexander Kind hatte ursprünglich andere Pläne. Nach dem Ökonomiestudium in St. Gallen strebte er dort eine wissenschaftliche Karriere an. Nach dem Beginn seiner Habilitation merkte er aber, dass ein lebenslanges Universitätsleben nicht seinem Naturell entspricht. Damals bot sein Vater ihm an, in das Unternehmen reinzuschnuppern. „Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich geblieben bin“, sagt Alexander Kind heute. Alexanders Bruder ist einen anderen Weg gegangen. Er ist Geschäftsführer eines englischen Musikverlages.
