Wie aus Tradition Authentizität wird

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Man kann mittelständische Unternehmen nicht nur nach Finanzkennzahlen führen. Stephan Werhahn, Gesellschafter der fünften Generation der Neusser Werhahn Gruppe, spricht über sein jüngstes Projekt, seine vor kurzem gegründete mittelständische Beteiligungsgesellschaft. Wenn er seine Geschäftsphilosophie beschreibt, fallen Begriffe wie Langfristigkeit, Berechenbarkeit, Vertrauen oder Augenhöhe. Es geht um zwischenmenschliche Beziehungen, die stimmen müssen. Solche zwischen Eigentümern und Managern, aber auch zwischen Managern und Mitarbeitern. Es geht um Verbindlichkeit und Verantwortung. Das hat in der Welt der Finanzen fast die Anmutung einer Post-Finanzkrisen- Philosophie. Stephan Werhahn klingt wie einer, der auf die harte Tour gelernt hat, dass von Finanzmathematik getriebenes angelsächsisches Geschäftsgebaren nur bedingt funktioniert. Statt auf „Financial Engineering“ wird jetzt vor allem auf die Karte Mensch gesetzt.

Auf den ersten Blick wirkt der jung gebliebene Mittfünfziger mit dem zurückgekämmten lichter werdenden Haar und seinem sorgfältigen München-City-Kleidungsstil tatsächlich so, als käme er direkt aus der Private-Equity-Welt. Doch seine Prägung ist eine andere. Sie reicht weiter zurück. Keine fünf, sondern eher 100 Jahre. Viele seiner Aussagen könnten in ähnlicher Form auch von seinem Großvater mütterlicherseits, dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer, oder seinem Großvater väterlicherseits, dem Neusser Unternehmer Wilhelm Werhahn, stammen. „Die Werhahns haben schon vor mehr als 100 Jahren Private Equity betrieben“, berichtet Stephan Werhahn. Bereits sein Großvater hat Beteiligungen – sowohl als Geschäftsführer des Familienunternehmens, aber auch mit seinem privaten Vermögen – erworben und verkauft, wenn es opportun war. „Dabei hatten meine Vorfahren schon immer einen langen Atem“, erklärt Stephan Werhahn: „Beispielsweise ging die in Teilen bereits 1888 erworbene Basalt AG erst rund 90 Jahre später komplett in den Familienbesitz über.“

Der Strategie eines atmenden Portfolios an Firmenbeteiligungen ist die Wilhelm Werhahn KG bis heute treu geblieben. Zwar war die Neusser Unternehmerfamilie nicht ganz so schnell und konsequent beim regelmäßigen Portfolio- Umbau wie die Haniels, jene andere rheinische Unternehmerdynastie, mit der sie so oft verglichen wird. Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. Werhahn ist in den letzten 150 Jahren kontinuierlich gewachsen und macht heute mit den Geschäftsbereichen Baustoffe, Messer, Backwaren, Leasing und Immobilien einen Jahresumsatz von rund 2,5 Milliarden Euro.

Geprägt hat diesen Ansatz Wilhelm Werhahn in den Nachkriegsjahren. „Ein Patriarch, wie er im Buche steht“, sagt Staphan Werhahn über seinen Großvater: „Er war warmherzig, aber auch unberechenbar.“ Werhahn erinnert sich an die Mischung aus Bewunderung und Furcht, die er und seine Geschwister empfanden, wenn sie den Großvater an seinem Namenstag im Garten der Neusser Werhahn-Villa trafen. „Er hat uns auf den Schoß genommen und mit uns gespielt, nur um uns kurz später, wenn wir uns mit einem Kuss auf die großväterliche Backe verabschieden wollten, ein lautes ,Bums’ ins Ohr zu brüllen und sich königlich über unseren Schreck zu amüsieren.“ Als erfolgreicher Unternehmer und unumstrittenes Familienoberhaupt flößte er Respekt ein. Was einem der Großvater beibrachte, das saß. So hat der kleine Stephan einige Prinzipien seines Großvaters noch gut in Erinnerung, obwohl er erst elf Jahre alt war, als der Familienpatriarch 1964 verstarb. Als sie einmal gemeinsam an einem der Familie gehörenden Sägewerk vorbeikamen, fragte der Knirps den Großvater, was das Sägewerk wohl wert sei. Mit der Antwort brachte der Großvater dem Enkel gleich seine erste kaufmännische Lektion bei: „Das Sägewerk ist genau so viel Wert, wie jemand anderes bereit ist, dafür zu bezahlen.“

Stephan Werhahn ist aber keiner, der seine Vorfahren einfach abkupfert. Im Gegenteil, die Identifikation mit seiner Familiengeschichte ist erst im Laufe der Zeit entstanden. Dazu trug wohl auch die Erfahrung seines Vaters mit dem Patriarchen Wilhelm Werhahn bei. Als Stephan Werhahns Vater 1948 aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, wollte er lieber Medizin studieren, als in die Firma einzusteigen. „Aber als jüngster Sohn von sieben Geschwistern wurde einfach von ihm erwartet, in die Firma zu gehen“, erzählt Werhahn. Als Wilhelm Werhahn in den sechziger Jahren starb und andere Familienmitglieder Ansprüche auf die unternehmerische Führung anmeldeten, fiel es seinem Vater nicht schwer, sich anderweitig zu orientieren: „Er hat dann viel Energie- und Industriepolitik gemacht. Das lag ihm, und darin war er gut“, erinnert sich Werhahn.

Der eigene Weg

Stephan Werhahn selbst hat sich in jungen Jahren kaum an Familienvorbildern orientiert, sondern ist seiner Neigung gefolgt. Dem Jurastudium in Göttingen und Genf folgte ein wirtschaftswissenschaftlicher Master in Washington. Danach hat er als Geschäftsführer, CFO, Managing Director und Restrukturierungsexperte in Konzernen (Bosch, Siemens, Conti) oder bei Mittelständlern diverser Branchen gearbeitet. Auch einen Ausflug in die Welt des Investmentbankings hat er hinter sich. Und jetzt hat er sich gerade mit Werhahn & Partners selbständig gemacht: „Ich will das machen, was schon mein Großvater gemacht hat: Unternehmen kaufen, entwickeln, optimieren und, wenn es günstig erscheint, sie weiterverkaufen.“

Über 30 Jahre Berufserfahrung, um am Ende bei dem anzukommen, was seine Familie eigentlich schon seit 150 Jahren betreibt? Stephan Werhahn findet das nicht ungewöhnlich: „Heute faszinieren mich bei Werhahn die Werte, die hinter dem Geschäftsansatz stehen.“ Aber diese Faszination kam erst in einer späteren Lebensphase. „Ich habe in meinen Lehr- und Wanderjahren alles ausprobiert. Und erst dadurch habe ich herausgefunden, was von den Traditionen zu mir passt. Nur, wenn man die Werte seiner Vorfahren auch aus sich selbst heraus entwickelt, ist man wirklich authentisch.“ In einem traditionsreichen Familienunternehmen solle man die Werte nicht ungeprüft übernehmen.“

Im Fall des Stephan Werhahn gab es einige Werte, die es zu überprüfen galt. Denn neben dem rheinischen Überunternehmer, dem „ungekrönten König von Neuss“, wie er genannt wurde, hat auch sein Großvater mütterlicherseits, Konrad Adenauer, Spuren in seiner Biographie hinterlassen. Stephan Werhahns Mutter Libeth Adenauer-Werhahn begleitete ihren Vater Konrad Adenauer nach dem Tod ihrer Mutter auf rund ein Dutzend Staatsreisen ins Ausland. Sie war dabei, als Konrad Adenauer in Moskau die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen verhandelte, als Charles de Gaulle und Konrad Adenauer 1963 den Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit unterzeichneten. Sie besuchte mit dem Vater John F. Kennedy, reiste mit ihm nach Israel und Japan.

Info

Der Werhahn-Clan

Gesellschafter der Werhahn-Gruppe sind rund 300 Familienmitglieder, die sich in drei Stämmen organisiert haben. Im Management sitzen neben zwei Familienmitgliedern auch zwei familienfremde Geschäftsführer. Der Verwaltungsrat besteht aus zwölf Mitgliedern. Jeder Stamm stellt drei Mitglieder. Hinzu kommen drei fremde Verwaltungsratsmitglieder. Das sind aktuell Vertreter aus drei anderen großen deutschen Familienunternehmen (BBraun Melsungen, Freudenberg und Haniel). Die in der Familie anhaltende Diskussion um die Eigentümerkultur bewegt sich immer stärker auf eine Trennung von operativer Führung und Familie hin. Gleichzeitig bemüht man sich aktiv um mehr Vertrauen und einen besseren Zusammenhalt innerhalb der Familie, indem der Austausch der Familienmitglieder untereinander gefördert wird.

Zu den Erinnerungen der Mutter gesellen sich eigene Kindheitserinnerungen. Beispielsweise an die traditionellen Familientreffen der Adenauers am Familiensitz in Rhöndorf am 26. Dezember. Auf diesen Tag fällt auch der Namenstag des Heiligen Stephanus, so dass sich Stephan Werhahn immer der besonderen Aufmerksamkeit seines Großvaters sicher sein konnte. Einmal brachte ihm der Großvater von einer USA-Reise aus Texas von Präsident L. Johnson das Modell des ersten Luftkissenfahrzeuges mit. Ein Spielzeug aus Plastik, das über die Tischplatte sauste, wenn man hinten kräftig in einen dünnen, langen Plastikschlauch blies, der als Antrieb diente: „Mir war damals bewusst, dass ich das einzige Kind in Deutschland war, das so ein Spielzeug besaß.“ Kein schlechtes Gefühl.

Und dann sind da noch die vielen Geschichten und Anekdoten über den berühmten Großvater, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Er erinnert sich an den alten Adenauer vor allem als feinsinnigen Diplomaten: „Meine Mutter erzählte oft von den wirklichen Sorgen und kleinen Intrigen ihres Vaters – im Dienst der ,guten Sache‘ natürlich.“

Die gute Sache, das war insbesondere auch der deutsche Wiederaufbau. Dem hatten sich Konrad Adenauer und Wilhelm Werhahn gleichermaßen verschrieben. Allerdings jeder auf seine Art. Die beiden Charaktere hätten unterschiedlicher kaum sein können. Erstmals trafen sich die beiden 1950 bei der Hochzeit ihrer Kinder. Das Tischgespräch der beiden streng dem rheinischen Katholizismus verbundenen Familien kam schnell auf Kirche und Papst. Wilhelm Werhahn erzählte vor der Hochzeitsgesellschaft und dem Schwiegervater seiner Braut stolz von seinen Reisen nach Rom und seiner Audienz beim Papst. Als er Adenauer keine Reaktion entlocken konnte, fragte er ihn provokant nach dessen Kontakt zum Oberhaupt der katholischen Kirche. Adenauer blieb trotz der gebannten Stille im Raum gelassen und antwortete dann: „Nein, ich bin noch nicht in Rom gewesen! Glauben Sie denn, ich wollte meinen katholischen Glauben aufs Spiel setzen?“

An seinem Großvater mütterlicherseits fasziniert Stephan Werhahn das beharrliche Arbeiten am Interessenausgleich. „Es ging damals um Wiederaufbau, Zusammenarbeit und Ausgleich zwischen den Völkern. Die seinerzeit propagierten Werte waren sehr erfolgreich. In gewisser Weise erleben wir heute wieder eine Renaissance dieser Werte.“ Auch von diesem Großvater hat er sich einiges für seine aktuelle Arbeit abgeschaut: „Ich habe die Werte von damals verinnerlicht, weil sie sich als dauerhaft wahr und richtig erwiesen haben.“

Der Weg ins Familienunternehmen: verbaut

Warum gründet Stephan Werhahn eigentlich sein eigenes Unternehmen? Seine Geschäftsphilosophie zum Kauf und Verkauf von Unternehmen und sein Werteverständnis passen doch perfekt zur Werhahn-Gruppe. Das hätte sich Stephan Werhahn auch vorstellen können. „Aber da sind andere zum Zuge gekommen“, bemerkt er sehr sachlich: „Anders als bei den meisten Familienunternehmen gibt es bei Werhahn nicht zu wenige, sondern zu viele Managementanwärter aus der Familie“, erklärt er.

In der dritten Generation hat sich die Familie Werhahn in drei Stämme aufgegliedert. Stephan Werhahn selbst gehört zum kindereichen Stamm A. Schon sein Großvater hatte fünf Geschwister, sein Vater sieben, er selbst hat vier Geschwister. „Die Anteile im Stamm A haben sich dadurch atomisiert“, erklärt Werhahn. Anders sah es in den weniger kinderreichen Stämmen B und C aus, die zudem vereinzelt durch stammesübergreifendes Heiraten ihre Anteile weiter gebündelt haben. Heute sitzen Anton Werhahn (Stamm C) und Michael Werhahn (Stamm B) als Vertreter der Familie neben zwei familienfremden Managern in der Geschäftsführung. Stephan Werhahn ist „nur“ einer von rund 300 Gesellschaftern. Als solcher nimmt er regen Anteil an der Entwicklung des Unternehmens.

Info

Das Unternehmen Werhahn

Die Werhahn-Gruppe machte 2007 mit rund 9.000 Mitarbeitern rund 2,5 Milliarden Euro Umsatz. Sie ist in den Bereichen Baustoffe (Natursteine, Schiefer), Messer (Zwilling-Gruppe), Backprodukte, Immobilien und Finanzen (Leasing für gewerbliche Kunden) tätig.

Die weitverzweigte Werhahn-Familie ist gerade dabei, sich als Gesellschaftergruppe neu zu organisieren. „Wir gehen zunehmend in die Richtung, die auch Haniel eingeschlagen hat: eine Trennung von operativer Führung und Familie. Wir haben vor, die Anzahl der Familienmitglieder im Management zu reduzieren und die Familie durch die Pflege einer Eigentümerkultur zu stärken.“

In der Vergangenheit hatte es immer wieder unterschiedliche Strategieauffassungen und eine hohe Unzufriedenheit einzelner Gesellschaftergruppen gegeben. Stephan Werhahn erklärt dies unter anderem mit der unterschiedlichen Höhe der Beteiligungen. „Für Gesellschafter mit kleineren Anteilen, die womöglich noch einen privaten Kapitalbedarf hatten, waren die Regeln für den Ausstieg nicht besonders attraktiv.“ Hinzu kam, dass viele von diesen Gesellschaftern eigene berufliche Wege gegangen sind und ihre Außenwelt zunehmend mit der Werhahn-Innenwelt verglichen haben. Auch Stephan Werhahn hat seinen Weg außerhalb des Familienunternehmens gefunden und ist froh: „Man muss seinen eigenen Weg gehen.“ Kinder aus Unternehmerfamilien, die zum Abziehbild des Patriarchen werden, waren in der Regel im Familienunternehmen selten erfolgreich.

In diesem Sinne versucht er auch seine eigenen Kinder zu erziehen. „Ihre Stärken können sie sich nirgendwo abschauen, sondern müssen sie aus sich selbst heraus entwickeln.“ Manche seiner Kinder interessieren sich mehr, andere weniger für die Familienhistorie. Werhahn drängt sie nicht dazu, sich mit der Historie auseinanderzusetzten, auch wenn es ihn schmerzt, dass die jungen Leute immer weniger Interesse an den Familientreffen haben. Aber er bleibt dabei: „Werte und Traditionen kann man nicht einfach übernehmen. Man muss sie erwerben, um sie zu besitzen.“