Ibrahim Abouleish, Gründer von SEKEM in Ägypten, hat Enkel und Urenkel und denkt gemeinsam mit seinem Sohn Helmy darüber nach, das Unternehmen in eine Stiftung zu überführen. Dessen Lübecker Schwiegersohn und Chief Relations Officer Thomas Abouleish spricht im wir-Interview über die Rollenfindung im Nachfolgeprozess.

Herr Abouleish, Sie sind verheiratet mit einer Tochter von Helmy Abouleish, CEO von SEKEM, und tragen ihren Namen. Mussten Sie das tun, um Teil der Unternehmerfamilie zu werden?

(Lacht) Nein! Das war die gemeinsame Entscheidung von meiner Frau und von mir. Als für uns klar war, dass wir heiraten wollten, stand für uns fest, dass wir einen gemeinsamen Nachnamen tragen wollen. Da meine Frau verständlicherweise eine sehr enge Bindung zu ihrem Nachnamen hat und ich diesen Nachnamen ebenfalls sehr schön und aussagekräftig finde, fiel uns diese Entscheidung sehr leicht. Da ich bereits früher schon einmal ein Praktikum bei SEKEM in Ägypten gemacht habe und es mir dort sehr gut gefallen hat, sind wir auch gerne wieder nach Ägypten zurückgegangen.

Wie kamen Sie dazu, ein Praktikum bei SEKEM zu machen?

Nach der Schule wollte ich wie viele Mitschüler auch ein Stück der Welt entdecken. Ich habe mich schon immer sehr für die altägyptische Geschichte interessiert und wollte wissen, wie das Ägypten der heutigen Welt aussieht. So bin ich auf die SEKEM-Initiative gestoßen, deren Rohmaterialien ich auch schon aus den Produkten von Lebensbaum, Alnatura und dem dm-Drogeriemarkt kannte und genossen habe. Deren Gründer Ulrich Walter, Götz Rehn und Götz Werner sind seit vielen Jahren mit Ibrahim und Helmy Abouleish befreundet und über die International Association for Partnership eng miteinander verbunden. Die Auseinandersetzung mit SEKEM weckte in mir den Wunsch, die Initiative selbst kennenzulernen. Sie müssen wissen: Mein ständiges Bestreben ist es, das große Ganze zu begreifen, komplexe Zusammenhänge in der Natur und der Welt zu verstehen. Dies hilft mir, den Sinn hinter den Dingen zu verstehen, woraus ich wiederum die Kraft und Motivation für mein tägliches Tun entwickle. Die Unternehmensphilosophie von SEKEM spricht mich auch in diesem Zusammenhang sehr an: Wirtschaftlicher Profit und Wirtschaftsunternehmen dienen dem Menschen und der Gemeinschaft, nicht umgekehrt.

Ibrahim Abouleish, Thomas Abouleish, SEKEM, CEO, Unternehmerfamilie, Familienunternehmen, Nachfolge, Familienunternehmen Ägypten, Götz Werner, dm, Helmy Abouleish, Landwirtschaft Familienunternehmen

Ibrahim Abouleish (links) schlichtete im Jahr 2016 den Streit zwischen Götz Werner (dm-Markt) und Götz Rehn (Alnatura); mit Sohn Helmy Abouleish.

Foto: SEKEM

Waren Sie skeptisch, in Ägypten Fuß zu fassen?

Ja, natürlich – kulturell und bei der Arbeit. Meine Frau, deren Mutter auch aus Deutschland stammt, und ich haben uns ein Jahr Probezeit in der für mich trotz des vorausgegangenen Praktikums noch fremden Kultur gegeben. Schließlich bin ich ein norddeutscher Junge (lacht). Außerdem wollte ich kein fünftes Rad am Wagen sein und erst einmal sichergehen, ob ich mich im Unternehmen sinnstiftend einbringen kann.

War es selbstverständlich, dass Sie als Schwiegersohn aus Deutschland direkt im Familienunternehmen anfangen konnten zu arbeiten?

Ja, selbstverständlich! Die Sinnhaftigkeit hinter dem, was wir tun, ist für mich elementar wichtig. Ich konnte mich von Anfang an mit der SEKEM-Idee verbinden: Ich möchte diese von Herzen unterstützen und mich überall dort einbringen, wo meine Fähig- und Fertigkeiten gebraucht werden. Darüber hinaus liebe ich komplexe Aufgabenstellungen und bin immer bestrebt, Neues zu lernen und mich weiterzuentwickeln. Ich arbeite mich gerne autodidaktisch in neue Themen ein oder besuche Fort- und Weiterbildungen. Über diesen Ansatz habe ich mir Wissen in vielen Bereichen aneignen können – unter anderem Marketing, Finanzen und Logistik. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich daran, wie Ibrahim Abouleish mich eines Tages bat, die Baupläne für ein neues Distributionslager zu prüfen und Verbesserungsvorschläge einzubringen.

 

Aber Sie kannten sich weder mit Bauen noch mit Logistik aus?

Das stimmt. Aber auch in diese Systeme habe ich mich eingearbeitet und war schon kurz danach in der Lage, CAD-Zeichnungen und virtuelle Prozessabläufe zu entwerfen. Dies führte zu weiteren Aufgaben: Ich sollte unsere Bio-Läden modernisieren. Auch hier habe ich ausgemessen, gezeichnet, Baupläne entworfen und auch die Marketing- und Brandstrategie entwickelt.

Das alles war Bestandteil des selbstgesetzten Probejahres?

Ja, größtenteils. Nach meinem Praktikum wollte ich die ägyptische Kultur und die SEKEM-Gemeinschaft noch intensiver kennenlernen. Gleichzeitig wollte ich der Gemeinschaft die Möglichkeit geben, mich und meine Fähigkeiten wahrzunehmen. Ich hatte nicht das Gefühl, auf dem Prüfstand zu stehen, sondern vielmehr den Eindruck, eine Entwicklungsreise zu beginnen. Diese Reise hat bis heute nicht aufgehört, und ich hoffe, sie wird immer weitergehen.

 

Sie bleiben also in Ägypten?

Mittlerweile bin ich seit neun Jahren bei SEKEM und zuständig für die Unternehmenskommunikation. Ich arbeite mit einem Team in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, unter anderem auch in der digitalen Kommunikation und dem Medienmanagement. Darüber hinaus bin ich stark in die Bereiche Marketing, Finanzen und Organisationsentwicklung sowie Succession-Planning involviert. Dieses breite Aufgabenfeld erfüllt mich sehr – wenngleich mein größtes Glück meine Frau und meine zwei Töchter sind.

Info

SEKEM – das Jubiläumsjahr 2017

SEKEM ist eine Initiative in Ägypten, die Dr. Ibrahim Abouleish vor 40 Jahren mit dem Ziel der nachhaltigen Entwicklung und der Förderung der Menschen innerhalb einer Gemeinschaft gegründet hat. Zu SEKEM gehören etwa 70.000 Hektar biodynamisch bewirtschaftete Landwirtschaftsfläche, Wirtschaftsunternehmen im Bio-Bereich, Schulen und eine Universität für nachhaltige Entwicklung. Daneben betreibt die Initiative auch einen Kindergarten, ein Ausbildungs- sowie ein medizinisches Zentrum. SEKEM investiert die Gewinne nicht nur in die Landwirtschaft und Produktion selbst, sondern vor allem in diese gemeinnützigen Projekte. Ibrahim und Helmy Abouleish sowie SEKEM als Initiative wurden vielfach für ihre Leistungen honoriert. So hat SEKEM unter anderem den Alternativen Nobelpreis im Jahr 2003 sowie die Auszeichnung als Sustainability World Leader vom World Economic Forum im Jahr 2011 erhalten. Heute arbeiten bei SEKEM rund 2.000 Menschen sowie drei Generationen der Abouleish-Familie: Gründer Ibrahim und seine Frau Gudrun Abouleish; CEO Helmy und seine Frau Konstanze Abouleish sowie drei der vier Töchter von Helmy und Konstanze. Zwei Schwiegersöhne sind ebenfalls im Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 35 Millionen Euro aktiv. Einer davon ist Thomas Abouleish, Chief Relations Officer der SEKEM Gruppe.

Wird die dritte Generation die Nachfolge antreten?

Wir unterscheiden bei der Nachfolge zwischen dem Besitztum und der operativen Nachfolge. Es ist uns wichtig, dass die SEKEMVision in die Zukunft getragen wird und so der nachhaltigen Entwicklung und den Menschen der Gemeinschaft dienen kann. Wir arbeiten an einer Stiftungslösung, die dieses Ziel sicherstellen soll und darüber hinaus verhindert, dass SEKEM und die Tochterinstitutionen weder heute noch in der Zukunft zu einem Produkt des profitorientierten Handels werden. In Bezug auf die operative Nachfolge arbeitet die Abouleish-Familie zusammen mit dem Topmanagement an alternativen Governance-Strukturen – beispielsweise der klaren Formulierung von Rollen, um Transparenz zu schaffen. Dies ist für uns sehr wichtig, zumal wir alle viele Rollen bei SEKEM und in der Gemeinschaft ausfüllen.

Wie genau gehen Sie bei der Nachfolgeplanung vor?

Wir verfolgen neue Ansätze zur Organisationsentwicklung. Wir beschäftigen uns mit neuen Management- und Führungstheorien und -methoden, was Succession-Planning insgesamt betrifft. Natürlich sind Personen wie Ibrahim und Helmy Abouleish mit all ihren Erfahrungen und Know-how unersetzbar – aber Ersetzen ist auch nicht unser Bestreben. Wir suchen nach Möglichkeiten, die SEKEM-Idee in die Zukunft zu tragen. Dafür ist nicht nur Expertise wichtig, sondern vielmehr ein tiefes Verständnis unserer Vision.

 

Welche Qualifikationen brauchen Nachfolger bei SEKEM?

Die Seele von SEKEM ist ein Entwicklungsimpuls. Zu unserer Gemeinschaft gehören Menschen aus verschiedensten Ländern, Kulturen und ethnischen Gruppen. So verschieden die Menschen bei uns sind, so unterschiedlich ist der Bildungshintergrund. Was wir jedoch alle gemein haben, ist der Impuls, etwas Sinnstiftendes zu tun und uns konstant weiterzuentwickeln. Dies kann durch die Arbeit, aber auch durch Bildungsprogramme erfolgen. So hat mir zum Beispiel mein Schwiegervater den Anstoß gegeben, einen Family Business Global Executive MBA an der EDHEC Business School zu absolvieren. Die Kombination aus Führungs- und Familienthemen für Unternehmer und Gesellschafter in Familienunternehmen weltweit hat mich sehr interessiert: eine Weiterbildung auf höchstem Niveau, die sowohl SEKEM als auch mich weiterbringt.

 

Inwiefern?

Dadurch, dass an diesem MBA lediglich operative Gesellschafter aus Familienunternehmen teilnehmen, basiert der Dialog auf Gemeinsamkeiten und ähnlichen Erfahrungen. Dies ist zum einen sehr inspirierend und zum anderen hilft es mir, Antworten auf Fragen zu finden, die konkret SEKEM betreffen. Beispiel zu Unternehmensstrategien, Nachfolgeplanung, aber auch Finanzierungsmöglichkeiten – ein Thema, das vor allem nach der ägyptischen Revolution im Jahr 2011 in den Vordergrund gerückt ist.

Welche Auswirkungen hatte die ägyptische Revolution?

Dies ist ein großes Thema. Um es für den Moment auf die Unternehmerperspektive zu beschränken, möchte ich erwähnen, dass Ägypten seit der Revolution in einer tiefen Wirtschaftskrise steckt. Dies führte zum Konkurs von vielen Tausend Unternehmen. Wenngleich SEKEM nicht seine Türen schließen musste, ist unsere Initiative ebenfalls stark betroffen, unter anderem durch einbrechende Märkte. Dies hat zu einer finanziellen Schieflage von SEKEM geführt. Die Abwertungen des Ägyptischen Pfunds im Jahr 2016 haben erneut die Wirtschaft durchgerüttelt und auch unsere Finanzsituation getroffen.

 

Was sind die größten Herausforderungen für die Familie und das Unternehmen in der Zukunft?

Kurzfristig geht es uns sicherlich um die Nachfolgelösung sowie die finanzielle Gesundung von SEKEM. Mittel- und langfristig hoffen wir weiterhin, einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten zu können sowie die Diversität der Natur zu schützen und zu fördern. Um diesen Ansatz noch stärker in die Zukunft zu tragen, tun wir unser Bestes dafür, dass die Studenten der Heliopolis-Universität für nachhaltige Entwicklung zu hinterfragenden, wachen und kreativen Aktivisten der Zukunft werden.

Aktuelle Beiträge

Immobilienvermögen
Wie Unternehmerfamilien in die Assetklasse Immobilien investieren
Studie sichern »
Studie sichern »
Immobilienvermögen