Ein angeheirateter Partner in leitender Funktion – das können sich viele Unternehmerfamilien nur schwer vorstellen. Dabei gibt es zahlreiche Fälle konstruktiver Zusammenarbeit. Wie verläuft heute der Weg von Schwiegerkindern ins Unternehmen? Wie generieren sie Akzeptanz? Und in welchem Verhältnis stehen sie zum Gesellschafterkreis?

Medi treibt Generationswechsel voran“, so lautete eine Nachricht, die im Dezember 2019 die Runde machte. Der Anlass ist schnell erzählt: Philipp Schatz (37) übernahm Anfang 2020 bei dem medizinischen Hilfsmittelhersteller medi aus Bayreuth die Verantwortung für den Bereich Medical und wurde damit zugleich Mitglied der Geschäftsleitung. Aus der dritten Generation der Unternehmerfamilie gehören neben ihm auch Miriam Weihermüller und ihr Cousin Marcus Weihermüller zum Management bei medi. Interessant daran ist: Schatz stammt ursprünglich nicht aus der Unternehmerfamilie, er ist angeheiratet. Seine Frau ist Stefanie Schatz-Weihermüller, Enkelin des Gründers und Miriam Weihermüllers jüngere Schwester. So weit, so normal?

Das personifizierte Neue

Die Akzeptanz von Schwiegersöhnen im operativen Geschäft von Familienunternehmen hat eine lange Geschichte. Wie eine Studie aus dem Jahr 2006 des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zur Nachfolge von Töchtern im Familienunternehmen beschreibt, standen die Schwiegersöhne nach den Regeln der Primogenitur, also der Erbfolge, lange auf Platz vier in der Hierarchie geeigneter Geschäftsleitungskandidaten: nach dem ältesten oder auch einem jüngeren Sohn sowie anderen entfernteren männlichen Verwandten, aber vor einem externen männlichen Geschäftsführer, in jedem Fall aber vor ihrer eigenen Frau.

Dieser Automatismus gilt inzwischen nicht mehr. Mit der steigenden Selbstverständlichkeit, mit der heute auch Töchter als mögliche Nachfolgerinnen wahrgenommen werden, scheinen die operativ tätigen Schwiegersöhne etwas aus dem Blick geraten zu sein. Tatsächlich finden sich heute bei der Onlinesuche unter den Schlagworten „Schwiegerkinder im Familienunternehmen“ vor allem Treffer, die eine latente Bedrohung durch den angeheirateten Partner thematisieren. „Wenn Sie die Situation netzwerktheoretisch betrachten, dann kommt mit dem Schwiegerkind ein Außenstehender in das bestehende Gefüge der Unternehmerfamilie und damit auch andere, vielleicht erst mal unbequeme Ideen und Impulse“, sagt Sabine Rau, die im Bereich Familienunternehmen forscht und berät und auch zum Thema Schwiegerkinder veröffentlicht hat. Diesen Einfluss komplett unterbinden zu wollen findet sie allerdings abwegig. „Natürlich entgleitet mir mein Kind durch einen neuen Partner ein Stück weit. Es ist ja nicht so, dass sich meine Tochter einen Partner sucht, der dann ihr Leben teilt. Beide bauen gemeinsam etwas Neues.“ Eine Kernfrage sei daher: Wie begegnet die Vorgängergeneration in der Unternehmerfamilie diesem personifizierten Neuen, mit Ablehnung oder mit Offenheit?

Neutral bis fordernd

Mit Blick auf eine mögliche Tätigkeit bei medi war Philipp Schatz lange Zeit „unter dem Radar“ der Unternehmerfamilie unterwegs. Das mag auch daran liegen, dass er und seine Frau Stefanie Schatz-Weihermüller sich sehr jung kennengelernt haben: Beide stammen aus Bayreuth und kennen sich seit ihrer Kindheit, als Oberstufenschüler wurden sie ein Paar. Auch nach dem Abitur sah es lange so aus, als würde keiner von beiden in dem Familienunternehmen mit heute rund 3.000 Mitarbeitern weltweit landen. Stefanie Schatz-Weihermüller studierte kurz Betriebswirtschaft, bevor sie ihre Leidenschaft, den Pferdesport, zum Beruf machte. Heute ist sie eine international erfolgreiche Dressurreiterin und Pferdewirtin, seit elf Jahren betreibt sie eine eigene Reitanlage.

Philipp Schatz studierte zunächst Medizin wie sein Vater, folgte dann aber seiner Begeisterung für Sprachen und fremde Länder und entschied sich für ein Sprachenstudium auf Lehramt mit der klar vorgezeichneten Laufbahn als Gymnasiallehrer. Bevor er sich für den Schuldienst verpflichtete, absolvierte er kurz vor dem Staatsexamen bei medi ein „Schnupperpraktikum“, wie er es nennt – und leckte Blut. Nach dem Staatsexamen entschied er sich gegen die Lehrerlaufbahn und stieg 2010 als Junior-Produktmanager in die Firma ein. Die Entscheidung für das Unternehmen sei auf seine eigene Motivation zurückzuführen, sagt er. „Die Mischung aus Gesundheitsthemen und Internationalität entspricht genau meinen Interessen.“ Schon als Praktikant habe ihn der spürbare Wille begeistert, als Team etwas zu erreichen und gemeinsam zu gestalten. Aufforderungen oder gar ein Drängen von Seiten der Familie habe es nicht gegeben. Seine Stellung als potentieller Schwiegersohn sei zu dieser Zeit nie ein Thema gewesen, sagt er – was auch mit der weniger prominenten Position zusammenhängen mag, die er nach seinem Einstieg ausfüllte

Gründersohn und -schwiegersohn: Claus Schuster (rechts) und sein Schwager Jan Möllendorf leiten die defacto-Gruppe seit 2008 gemeinsam.

Foto: DEFACTO X

Bei Jan Möllendorf (53) war das ganz anders. Nach dem BWL-Studium in Bamberg ging er als Trainee zu Unilever nach Bremerhaven, später nach Hamburg. In wenigen Jahren stieg er dort zum Leiter Finanz- und Rechnungswesen auf. Kurz vor der letzten Beförderung lernte er seine spätere Frau Sandra kennen, die Tochter des langjährigen Geschäftsführers der Erlanger Dialogmarketing- Agentur defacto, Erich Schuster (76). Möllendorf ließ sich nach Mannheim versetzen und pendelte von dort nach Erlangen. Zudem fing er an, über neue berufliche Perspektiven nachzudenken. Besonders faszinierte ihn die New Economy. Unter seinen Freunden waren mehrere erfolgreiche Gründer, zudem hatte er schon immer eine hohe Affinität zu digitalen Themen-

Möllendorf streckte die Fühler aus, wurde von Headhuntern kontaktiert, hatte verschiedene Bewerbungsgespräche. Auf einem gemeinsamen Spaziergang nahm ihn 1999 sein Schwiegervater in spe zur Seite. „Er fragte: Was hast du denn mal vor in deinem Leben?“, erinnert sich Möllendorf. In der Folge hätten sein Schwiegervater und auch sein Schwager Claus Schuster (53), der schon seit 1996 Geschäftsführer im Unternehmen seines Vaters war, ihren Wunsch deutlich gemacht, Möllendorf für das Familienunternehmen zu gewinnen. Als er zeitnah ein Vorstellungsgespräch bei einem direkten Konkurrenten der defacto-Gruppe hatte, untermauerte das den Wunsch und die Wertschätzung seiner Schwiegerfamilie. „Es hieß: Bevor du dahin gehst, komm zu uns!“, sagt Möllendorf lachend. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg ins Unternehmen sei dann ein ebenso offenes wie konstruktives Gespräch mit Schwager Claus Schuster über das gemeinsame Werteverständnis, die Vorstellungen für die Zukunft des Unternehmens und die Rollenverteilung gewesen. Er erwog den Einstieg, unter einer Bedingung: „Mir war klar: Ich will mein eigenes Baby haben, wo mir niemand reinredet“, sagt Möllendorf. Schwiegervater und Schwager stimmten zu. Im Juli 2000 stiegt er bei der defacto marketing GmbH in Erlangen ein und übernahm dann zeitnah die Geschäftsführung der defacto kreativ GmbH.

Angesichts seines Werdegangs ist es kaum verwunderlich, dass Jan Möllendorf als geeigneter Kandidat für den Job und das herausfordernde Umfeld, in dem sich die Direktmarketing-Branche seither befindet, erschien. „Die Regel ist einfach: Ein Familienmitglied, gleich ob Schwiegerkind oder Kind, muss mindestens so qualifiziert sein wie ein fremder Dritter, den Sie für die Position einstellen würden“, beschreibt Sabine Rau. Legitimität erwachse dem Schwiegerkind aus Erfahrung in anderen Unternehmen, die schlussendlich zu Unabhängigkeit vom Familienunternehmen führe.

Bei Philipp Schatz liegt der Fall genau umgekehrt. Er hat den Job bei medi von der Pike auf gelernt. Praktikant, Junior Produktmanager, Trainee, Vertriebsleitungsfunktionen in Deutschland sowie die stellvertretende Exportleitung, so lauten die Stationen im Familienunternehmen. Zudem qualifizierte er sich berufsbegleitend weiter. „Ich wollte immer mit Leistung punkten“, sagt Schatz. Mit einem nebenberuflichen BWL-Studium und einem Master im Bereich Marketing und Sales, den er 2013 als Jahrgangsbester abschloss, untermauerte er seine Ambitionen, sich im Familienunternehmen weiterzuentwickeln.

Bemerkenswert ist, dass Schatz der einzige Vertreter der dritten Generation mit so vielfältigen Einblicken in unterschiedliche Bereiche des Familienunternehmens ist. Sowohl seine Schwägerin Miriam Weihermüller als auch ihr Cousin Marcus entschlossen sich erst nach mehreren Berufsjahren außerhalb des Familienunternehmens zum Einstieg. Als Miriam Weihermüller 2015 zu medi kam, war Philipp Schatz schon fünf Jahre an Bord, Marcus Weihermüller stieß Anfang 2020 dazu. „Er ist von uns der alte Hase“, sagte Marcus Weihermüller vergangenes Jahr im Interview mit der Fachzeitschrift „Gesundheitsprofi“ über Philipp Schatz. Es gebe sicher niemanden, der ähnlich viele Bereiche im Unternehmen gesehen habe. Während die geborenen Familienmitglieder – wie häufig – vor allem mit externer Erfahrung punkten, scheint es, dass Schatz sich die Akzeptanz in der Firma durch die tiefe Kenntnis von Betrieb und Geschäft erarbeitet hat.

Gretchenfrage Beteiligung

Spätestens mit seinem Aufrücken in die Geschäftsleitung ist Schatz für das Familienunternehmen medi zum Asset geworden, wie es auch die entsprechende Meldung kommuniziert: als starker Vertreter der dritten Generation, die das Fortbestehen des Familienunternehmens absichert. Einen genauen Zeitpunkt, ab dem er sich nicht nur als Mitglied der Familie, sondern auch der Unternehmerfamilie gefühlt habe, kann Schatz nicht benennen. Natürlich kannte er die Familie seiner Frau Stefanie zum Zeitpunkt des Einstiegs bereits, dennoch haben sich seine Rollen als ihr Partner einerseits und als Mitarbeiter andererseits in der Anfangszeit kaum überschnitten. Rückblickend seien sicherlich die ersten Leitungsfunktionen ausschlaggebende Etappen gewesen, so Schatz, wodurch er sich auch für die Rolle in der Geschäftsleitung bewährt habe. Dass er heute fest zum Gefüge der Unternehmerfamilie gehört, zeigt auch die Binnenorganisation: Er nimmt seit mehreren Jahren an den jährlichen Familientagen teil und hat auch die Familiencharta unterschrieben.

Allerdings: Gesellschafter ist Philipp Schatz nicht, anders als seine Frau. Sabine Rau kennt das auch von vielen anderen Unternehmerfamilien. „Die Vorbehalte gegen das Quervererben von Anteilen sind durchaus verständlich“, sagt sie – zu groß sei die Angst vor einem in der Zukunft womöglich getrennten Partner, der etwa seine Sperrminorität gültig machen könnte. Dennoch rät sie, die Anteilsübertragung an mitarbeitende Schwiegerkinder unter „vernünftigen Restriktionen“ in Betracht zu ziehen, etwa indem die Beteiligung an die operative Tätigkeit gebunden wird und das Schwiegerkind im Falle eines Ausscheidens oder einer Trennung zu einem festen Satz ausbezahlt wird. „Bei den leiblichen Kindern ist vielen Unternehmern klar, dass eine Übertragung von Anteilen das Commitment und die Identifikation mit dem Unternehmen stärken können – das gilt natürlich genauso bei Schwiegerkindern“, so Rau.

Eben das war auch Erich Schusters Gedanke, als er im Jahr 2008 Jan Möllendorf nicht nur gemeinsam mit seinem Sohn in die Geschäftsführung berief, sondern ihm auch ein kleines Anteilspaket übertrug. „Es war für alle Beteiligten ein gutes Zeichen, dass ich auch als Gesellschafter auftreten kann“, sagt Möllendorf. Bei ihm liegt der Zeitpunkt der Aufnahme in die Unternehmerfamilie recht klar im Jahr 2000: Im Mai heiratete er Sandra Schuster, im Juli begann er mit seiner Tätigkeit im Unternehmen. Allerdings sind institutionalisierte Formate – wie die Familiencharta bei medi – für Jan Möllendorf und die defacto-Gruppe noch eine gutes Stück weiter weg, vieles beruht auf mündlichen Absprachen. Das gilt auch für die Vereinbarung zwischen Möllendorf, seinem Schwager und seinem Schwiegervater, wonach Lebenspartner nicht operativ mitarbeiten. Zwar hatte sich Jan Möllendorfs Frau schon lange zuvor gegen eine Tätigkeit im Unternehmen entschieden.

Dennoch ist durchaus interessant, dass die Ausschlussregelung in diesem Fall für Sandra Möllendorf, also Erich Schusters leibliches Kind gilt statt wie sonst oft das Schwiegerkind. Inzwischen sei die Familie allerdings dabei, Dinge stärker zu formalisieren, berichtet Möllendorf. Dazu gehören ein nachträglicher Ehevertrag, das Erarbeiten einer Beiratsmitgliedsstruktur sowie Regelungen für die Zusammenarbeit im Gesellschafterkreis.

Nicht zum Gelingen verdammt

Trotz aller Professionalisierung: Eine ständige Überschneidung der verschiedenen Rollen lässt sich im Zusammenleben nicht vermeiden. „Natürlich spreche ich mit meiner Frau in ihrer Rolle als Gesellschafterin auch zu Hause über unsere Firma“, so Philipp Schatz. „Sie ist sehr an den Themen interessiert, die uns aktuell beschäftigen, und ihre Meinung ist mir sehr wichtig.“ Das kennt auch Jan Möllendorf. Seine Frau sei eine interessierte und engagierte Gesellschafterin, die erwarte, auf dem Laufenden gehalten zu werden. „Sie unterschreibt nichts, was sie nicht versteht“, sagt Möllendorf. Zugleich beschreibt er den Zusammenhalt als Paar unabhängig vom Familienunternehmen als Basis für den Einstieg. „Meine Frau hat von Anfang an gesagt: Ich habe dich geheiratet. Wenn du weiterziehst, komme ich mit.“ Eben die Tatsache, dass sein Job im Familienunternehmen nicht zum Gelingen verdammt war, habe ihm ermöglicht, sich wirklich frei zu entscheiden.

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