Die Unternehmerfamilie Giesen-Anderle begrüßt ihre Gäste nicht nur persönlich in Essen, sondern Interessierte auch online auf der Webseite. Sie gibt sich einladend, transparent und offen. „Ihr habt eine spannende Immobilie, die in unser Portfolio passt?“, spricht das Dr. Giesen Family Office die Webseite-Besucher direkt an. Es wird geduzt: „Ihr seid ein junges aufstrebendes oder bereits im Markt etabliertes Unternehmen und auf der Suche nach Unterstützung oder Kapital?“
Die Webseite ist brandneu, die Historie der Unternehmerfamilie reicht dagegen bis ins Jahr 1926 zurück. Josef Giesen gründete damals den Tabakwarenhändler J.A. Giesen GmbH & Co. KG in Essen. Die zweite Generation, Dr. Günter Giesen und sein Bruder Horst, führten diese Tradition weiter. Sie beteiligten sich 1961 an der Lekkerland Großhandels GmbH & Co. KG und waren weiterhin im Tabakhandel tätig. 1974 fusionierten mehrere Tabakwarengroßhändler zur Tobaccoland Großhandelsgesellschaft.

Gleichzeitig startete Günter Giesen, Schwiegervater von Dr. Sven Anderle und Großvater von Alisa, Moritz und Kyra Anderle, eine eigene Vermögensverwaltung, eine Art Vorläufer des heutigen Single Family Offices. Sven Anderle und sein Schwiegervater arbeiteten Jahrzehnte in diesem Anlage- und Investitionsvehikel zusammen.
Vom Multi zum Single Family Office
Multi Family Office könne man die Organisationsform zu jener Zeit nennen, sagt Sven Anderle rückblickend. Denn er und sein Schwiegervater investierten für die gesamte Großfamilie. Man sei mehr Vermögensverwalter als aktiver Family Officer gewesen. Das änderte sich 2020, als Lekkerland von Rewe gekauft wurde und somit eine Allokation des Verkaufserlöses anstand. Im Vorfeld der Transaktion war aus unterschiedlichen Gründen klargeworden, dass die Familienstämme Giesen mit ihren Investments getrennte Wege gehen würden. Mehr verrät Familie Giesen-Anderle nicht. Nur so viel: Sie gründete die Dr. Giesen Family Office GmbH, an der Stefanie Giesen-Anderle, die Tochter von Günter Giesen und Ehefrau von Sven Anderle, 40 Prozent der Anteile hält und ihre drei Kinder jeweils 20 Prozent. Neben Kyra und Moritz Anderle gehört auch die Ärztin Dr. Alisa Marks zur vierten Generation, sie ist aber nicht im Family Office tätig. Mit dieser neuen Struktur könne man sich durchaus als Single Family Office (SFO) beschreiben, sagt Geschäftsführer Sven Anderle.
Ein Standort, der passt
Die Bestandsinvestments – vor allem im Immobilienbereich –, in die noch unter den alten Beteiligungsverhältnissen und zusammen mit dem anderen Familienstamm investiert wurde, werden weiterhin gemeinsam betreut. Aber neue Deals werde man nicht mehr zusammen einfädeln, erklärt Sven Anderle. Dass die beiden Stämme getrennte Wege gehen, zeigt sich auch geographisch: das Dr. Giesen Family Office hat den Firmensitz nach Essen verlegt, der andere Familienstamm ist in Mülheim an der Ruhr geblieben.

Sowohl durch den Ortswechsel als auch über die Webseite erkennt man bereits die Handschrift der neuen Generation. Moritz Anderle ist 2019 im Jahr der Gründung des SFO einstiegen. Kyra Anderle folgte Anfang 2023. „Frischer Wind und alte Hasen“, mit diesem Motto sind die beiden Kinder zum Family Office dazugestoßen. Sowohl für Moritz als auch für Kyra sei es wichtig gewesen, dass die Familie mit dem Office in einer urbaneren Umgebung sitzt.
„Wir haben unseren persönlichen Einstieg zwar nicht am Standort festgemacht“, sagt Moritz Anderle. Aber den Wunsch nach einem repräsentativen Standort hätten die beiden Kinder durchaus geäußert. Der wurde ihnen erfüllt, und so begrüßen die Generationen ihre Gäste in einem Meetingraum in Essen – und das in einer denkmalgeschützten Immobilie, typisch für den Anlagestil der Familie.
Und auf der Startseite im Web grüßt die NextGen prominent und direkt. Ein Foto von Moritz und Kyra Anderle steht ganz oben auf der Webseite. Sven Anderle sagt, dass es ohne seine Kinder nie eine Webseite gegeben hätte. Früher seien er und sein Schwiegervater gern unter dem Radar geflogen, lieber in der fünften als in der ersten Reihe.
Aber die beiden Nachfolger im SFO wollen sich in einer aktiveren Investorenrolle bei potentiellen Targets positionieren. Öffentlichkeit brauche man heutzutage, begründen Moritz und Kyra Anderle ihre Entscheidung. Die Eltern ließen sich schließlich überzeugen. „Der Schritt in die Öffentlichkeit ist mir dennoch schwergefallen“, sagt der Senior aus der dritten Generation. „Aber ich muss auch schauen, dass meine Kinder in 40 Jahren noch erfolgreich sind. Wenn sie sagen, dass das der richtige Schritt ist, akzeptiere ich ihn.“ Zwei Jahre hat die Familie an der Webseite gewerkelt, die nun online Einblicke in die Strukturen und Strategien gibt.

Dr. Giesen Family Office: Von Hasen und Wind
Mit dem Einstieg der NextGen und frischem Wind für die alten Hasen hätte man sprunghafte Wechsel zum Beispiel bei der Asset-Allokation erwarten können. Weit gefehlt: Die drei Anlageklassen Beteiligungen, Immobilen sowie Wertpapiere waren seit jeher ungefähr gleichgewichtig im Portfolio verteilt. Das werde auch so bleiben, „auch wir wollen nicht alle Eier in einen Korb legen“, sagt Moritz Anderle. Circa 30 Prozent des Vermögens sollen die drei Bereiche jeweils ausmachen, Kunst und digitale Assets das Portfolio abrunden.
Allerdings zieht ein neuer Ansatz bei den Beteiligungen Veränderungen mit sich. Früher hat die Familie eher traditionell und klassisch für Vermögensverwaltungen in geschlossene Fonds in den Bereichen Immobilien, Flugzeug- und Schiffsbeteiligungen investiert. Heute beteiligt sich das Family Office direkt an jungen und auch etablierten Unternehmen.
„Um aktiv und direkt zu managen, müssen wir unser Team vergrößern. Bei der Gewinnung von guten Kollegen hat uns der Umzug nach Essen-Rüttenscheid auch geholfen“, sagt Kyra Anderle. Fast 20 Mitarbeiter und Berater hat das Single Family Office heute. Das war früher anders. Sven Anderle und sein Schwiegervater bauten das Family Office seinerzeit als Zwei-Mann-Büro auf. Jeder wusste, was der andere macht. Deals passierten im kleinen Kreis, wenige Menschen waren beteiligt.
Krisen aushalten lernen
Fühlt sich der alte Hase, wie seine Kinder ihn nennen, da noch wohl? Ja, versichert Sven Anderle. 15 Jahre will er allemal noch arbeiten und den Staffelstab langsam übergeben. Denn Learnings aus seinen Zeiten werden auch in Zukunft weiter Bestand haben. Zum Beispiel, dass man Krisenzeiten aussitzen muss und nicht in Panik geraten darf. „Kapital zu vermehren klappt nicht immer“, sagt er seinen Kindern voraus. Mit vier bis fünf Wirtschaftskrisen müssen auch seine Kinder rechnen, wenn sie so lange dabeibleiben wie er.
Die dritte Generation hat schon begonnen, Entscheidungsverantwortungen zu übertragen. Moritz und Kyra Anderle dürfen in der GbR, die die Immobilien-Deals bündelt, in Abwesenheit ihrer Eltern verantwortlich zeichnen. Es komme immer häufiger vor, dass die Eltern nicht in Essen sind, sagt Moritz Anderle, und beide Kinder lachen ihren Vater an. Denn im Vergleich zu früher seien die Eltern heute mehr unterwegs – in privater Sache. „Ich habe eine reisefreudige Frau“, erklärt Sven Anderle. Der Leidenschaft des Reisens können er und seine Frau jetzt mehr nachgehen als früher.
Gut für den Vater, wenn sich im Family Office neue Ansätze etablieren. Denn Kyra Anderle will nicht nur digitale Assets etablieren, sondern ihr Herzensprojekt ist es auch, die Kommunikation, Planung und Entscheidungsfindung im Family Office mit viel mehr digitalen Lösungen auszustatten. So wäre Sven Anderle auch fernab von Essen gut informiert. Und je nach Reiseziel könnte der Vater noch den ein oder anderen Deal für seine Kinder einfädeln, denn Moritz Anderle will die Beteiligungen im internationalen Markt ausweiten. Schwellenländer schließt er nicht aus. Bleibt nur die Frage, ob seine Mutter das als Reiseziel akzeptiert und zudem ihren Mann für Verhandlungen von touristischen Pflichten freistellt.
Hat Internationalen Journalismus in Magdeburg studiert. Schrieb schon davor für die Südwest Presse in seiner Heimat Ulm. Sammelte zudem Auslandserfahrung bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia, sowie bei Kwanza TV in Daressalam, Tansania. Seit 2017 Redakteur bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA und Mitglied im Redaktionsteam des wir-Magazins.

