Freitag, 08.01.2021
Wie sieht ein Historiker den Markt für Unternehmensforschung?

Von Reputation, ­öffentlichem Druck und Recherchen

Tim Schanetzky lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er wirkte unter anderem bei den Publikationen „Flick: Der Konzern, die Familie, die Macht“ und „‚Kanonen statt Butter‘: Wirtschaft und Konsum im Dritten Reich“ mit. Wie ordnet der Wissenschaftler den Markt für historische Aufarbeitung ein?
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Ein offenes und nachvollziehbares Buch? Die Aufarbeitung von Unternehmensgeschichte zieht Fragen mit sich.

 

Foto: Johannes Sill

Herr Dr. Schanetzky, wie finde ich als Mitglied einer Unternehmerfamilie, das die Geschichte der eigenen Firma aufarbeiten lassen will, eine geeignete Historikerin oder einen geeigneten Historiker?

Manche Unternehmer hören sich nach Autoren um, die sich andernorts bewährt haben. Andere wenden sich einfach an die nächstgelegene Universität. Und man kann professionelle Dienstleister beauftragen, etwa privatwirtschaftliche Geschichtsbüros.

Wie steht es um die Unabhängigkeit, wenn Forscher vom Unternehmen, das zugleich Gegenstand Ihrer Untersuchung ist, bezahlt werden?

Unabhängigkeit ist eine regulative Idee – alle Beteiligten sollten sie als Ziel anstreben, müssen sich aber darüber im Klaren sein, dass sie nie vollständig erreichbar ist, weil aus dem Auftrag ein Abhängigkeitsverhältnis folgt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich aber eine Reihe von Mechanismen bewährt, die Unabhängigkeit begünstigen.

Welche Voraussetzungen müssen gewährleistet sein, damit eine Recherche und eine spätere Veröffentlichung das Prädikat „unabhängig“ verdienen?

Die Autoren erhalten freien Zugang zu allen Archivquellen des Unternehmens. Die Entscheidung über die Publikation der Ergebnisse liegt bei den Wissenschaftlern, nicht beim Unternehmen. Sobald die Ergebnisse publiziert sind, sollten die Quellen auch anderen Wissenschaftlern zur Nachprüfung offenstehen. Idealerweise findet man für all das eine vertragliche Regelung, und wenn man noch mehr tun will, sorgt man dafür, dass Experten das Manuskript vor der Veröffentlichung begutachten.

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In Deutschland gibt es nach Schätzungen zwischen 150 und 200 Historikerinnen und Historiker, die Unternehmensgeschichten schreiben. Klingt nach einem umkämpften Markt. Tendenziöse Aufarbeitung könnte mehr Aufträge bedeuten.

Nein, tendenziöse Publikationen liegen nicht im Interesse der Auftraggeber. Diese wissen genau, dass sie damit in einer kritischen Öffentlichkeit nicht bestehen könnten. Und für die beteiligten Wissenschaftler würde ein bewusstes Wegschauen oder ein Verdrehen von Fakten früher oder später einen massiven Reputationsschaden nach sich ziehen. Irgendwann blieben die Aufträge dann ganz aus.

Stellen wir uns vor, die Geschichte des Unternehmens ist erforscht und veröffentlicht worden. Nach welchen Kriterien kann ich bewerten, ob vor allem die Aufarbeitung der dunklen Kapitel der Unternehmensgeschichte wissenschaftlichen Standards genügt?

Achten Sie auf Formalitäten: Welche Quellen wurden benutzt? Wie werden Aussagen und Zitate belegt? Lesen Sie Vorworte und Danksagungen, weil darin meist auch über die konkreten Bedingungen des Forschungsauftrags gesprochen wird. Beurteilen Sie den Inhalt – erscheint das Gesagte plausibel und knüpft es an unseren Kenntnisstand an? Und: Was wird ausgeklammert?

Wie lange dauert und was kostet eine Aufarbeitung in der Regel?

Üblicherweise macht man zunächst eine Vorstudie, um zu untersuchen, welche Quellen vorhanden sind. Dafür kann man einige Wochen oder ein halbes Jahr veranschlagen, je nach Intensität der Recherche. Dann kann man entscheiden, was das Ergebnis sein soll: Ein Forschungsprojekt an einer Universität? Soll im Team gearbeitet werden, oder will man den einen renommierten Autor? Wird das Produkt eine schlanke Broschüre sein oder ein dicker Wälzer mit vielen Fußnoten? Zielt man auf die regionale Öffentlichkeit, oder soll ein Publikumsverlag das Buch herausbringen? Soll es auch auf Englisch erscheinen? Davon hängt ab, ob so ein Vorhaben sechs- oder siebenstellige Summen verschlingt oder ob es für einen fünfstelligen Betrag zu haben ist, ob Ergebnisse nach Monaten vorliegen oder nach Jahren.