Seit gut sechs Jahren steht Julius Dittmann an der Spitze des wohl bekanntesten deutschen Skate-Shops, der Titus GmbH aus Münster. Er ist unangepasst wie sein Vater Titus, macht daraus aber keine große Show. Und vor allem macht er vieles ganz anders.

Mit Skateboards verhält es sich wie mit Laufschuhen: Sie sind nur cool, wenn sie benutzt werden – und auch so aussehen. Je mehr Schrammen ein „Deck“, wie das Brett im Fachjargon heißt, hat, umso aktiver ist der Besitzer. Jeder Aufkleber, jede Bemalung, jede Macke in den sieben Schichten Ahornholz, aus denen das Deck traditionell besteht, macht es zu einem Unikat. Und adelt seinen Nutzer, der sein Board so lange fährt, bis das Material nachgibt: Erst das verschlissene Brett ist das wahre Erkennungszeichen, die Trophäe des aktiven Skateboarders. Wenn es danach geht, ist das Büro von Julius Dittmann (33) voll von Trophäen. Fein säuberlich nebeneinander aufgereiht liegen seine alten Boards unter den Glasplatten des großzügig bemessenen Besprechungstisch in seinem Büro. So hat der Geschäftsführer der Titus GmbH in Münster den Gegenstand seines Geschäfts und seiner Leidenschaft immer im Blick.

Ist „Skateboarding“ eine Branche? Ein Marktsegment? Eine Szene? Eine Community? Für Julius Dittmann ist es ein bisschen von allem, und er selbst ist schon immer mittendrin. Das Unternehmen, 1978 durch seinen Vater Titus Dittmann (68) gegründet, ist fünf Jahre älter als er. Wie auch mit dem Sport ist er mit der Firma aufgewachsen, die den Spitznamen seines Vaters trägt – dessen bürgerlicher Name ist Eberhard. Typisch Gründer-Sohn könnte man meinen. Allerdings hat Dittmann alles andere als die für viele Unternehmerkinder klassische Business-School-Karriere hinter sich. Nach dem Abitur begann er eine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann, die er aber nach der Zwischenprüfung abbrach, um im Jahr 2005 lieber gleich seinen eigenen Laden aufzumachen: die 24/7 Distribution GmbH, einen Online-Großhändler für Skateboard-Zubehör und -Bekleidung. Nur vier Jahre später übergab er die Leitung an einen Mitarbeiter und stieg bei Titus ein, 2009 wurde er dort Geschäftsführer – und konnte die Erfahrungen, die er im eigenen Laden gemacht hatte, gleich gut gebrauchen.

Julius Dittmann will Handel auf allen Kanälen

„Operativ aufräumen“, nennt Julius Dittmann seine Hauptaufgabe in der Zeit, als er bei Titus in die Verantwortung kam. Das betraf vor allem den Online-Shop. „Damals konnte man Produkte zwar nach Kategorien suchen, aber es gab keine weiteren Filtermöglichkeiten, zum Beispiel nach Größe oder Farbe.“ Ein No-Go für den gewieften Online-Shopper – und für den Anbieter ein Problem, das sich nicht einfach mit einem Klick lösen ließ. „Erst musste die IT im Warenwirtschaftssystem entsprechende Felder schaffen, wo das Produktmanagement die entsprechenden Artikeldaten einfügte. Das alles musste über eine Schnittstelle in den Webshop, dort musste es vernünftig dargestellt werden“, so Dittmann, der in der dreiköpfigen Geschäftsführung die Themen E-Commerce, Marketing und IT verantwortet. „Der neue Webshop war ein Riesenprojekt, das uns aber 2011 auch einen deutlichen Umsatz-Push gegeben hat.“ Und das Thema ist nie abgearbeitet, auch jetzt arbeitet er schon wieder an einem neuen Shop, der die Bedürfnisse der mobilen Shopper noch besser bedienen soll.

Der „Lernerfolg“ der Firma im Bereich E-Commerce ist für Dittmann einer der Meilensteine der vergangenen sechs Jahre. Sein Lieblingsbeispiel ist die Optimierung für Google. „Wie baust du die Website auf? Wo müssen die Meta-Descriptions hin? Wo die Title-Descriptions? Was ist die beste Länge für einen Text, um mit bestimmtem Keywords gut zu ranken?“ Das interne E-Commerce-Team hat sich von zwei auf acht Mitarbeiter vervierfacht. Aber auch für den stationären Handel, den Dittmanns Kollege PV (für Peter Vincent) Schulz in der Geschäftsführung verantwortet, spielt das Thema Vernetzung eine große Rolle. Seit 2009 sind aus sechs eigenen Titus-Läden mehr als 20 geworden. Nicht alle davon sind grundlegende Neugründungen. „Wir haben schon lange ein Partner-Shop-System, ähnlich einem Franchisesystem, nur deutlich offener für den Partner gestaltet“, sagt Dittmann. Die Betreiber dürfen den Namen Titus nutzen, werden in übergreifende Marketingmaßnahmen eingebunden, tragen aber selbst das unternehmerische Risiko. „Viele Shops sind in den vergangenen Jahren in eine Krise geraten“, so Dittmann. „Der Markt hat sich immer weiter verändert, insbesondere für klassische Skate-Shops wird es leider eng.“

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Viele dieser Partner-Stores hat Titus inzwischen in eigene Läden umgewandelt, der erste war in Bremen im Jahr 2011. Die Firma zahlt die Mieten und bestimmt das Sortiment zu 80 Prozent, so bleibt Spielraum für regionale Besonderheiten. Dittmann betont den friedlichen Charakter dieser Übernahmen: In fast allen Fällen sind die ehemaligen Inhaber heute als Shopmanager dabei. „Für neue Stores nutzen wir natürlich unsere Verkaufserfahrungen von anderen Flächen“, so Dittmann. Besonders gut gehende Artikel werden zum Beispiel überall eingeführt. Zudem müssen die Läden kein eigenes Lager mehr betreiben, sondern werden alle zwei Tage aus dem Zentrallager beliefert. „Dadurch haben wir keine Ware, die auf der Fläche liegt und alt wird.“ Auch der Warenfluss ist zum Teil automatisiert: Über ein „Never-out-of-Stock“-Programm werden festgelegte Standardartikel automatisch nachgeliefert.

Ebenso grundlegend wie technische Neuerungen war die Umstellung des Sortiments. Seit Julius Dittmann bei Titus die Verantwortung übernommen hat, verfolgt er eine radikale Rückbesinnung auf das Kerngeschäft. Neben Skateboard-Bekleidung und -„Hardware“, wie Dittmann die Boards und das Zubehör nennt, hat er nur etwas Snowboard-Bekleidung im Programm – keine Roller, keine Rollerskates, keine BMX-Fahrräder. „Unser Slogan ist ‚Home of Skateboarding‘. Unsere Mission ist, Menschen das Skateboarding näher zu bringen“, sagt er. Die Gefahr zu scheitern, die sich aus diesem Klumpenrisiko ergibt, akzeptiert Dittmann. „Dann ist das halt so.“ Wenn ein Trend Titus in die Karten spielt, zum Beispiel der Longboard-Boom, der 2015 einen Umsatzausreißer nach oben brachte, dann freut ihn das. Sich selbst Trends anzupassen kommt aber nicht in Frage, die Mission hat Vorrang vor den Zahlen. Beim Umsatz macht er keine großen Sprünge. „Wir kämpfen jedes Jahr darum, mit plus/minus null rauszukommen. Jeder Euro wird in den Webshop oder neue stationäre Läden investiert“, sagt Dittmann. „Wenn wir nur wachsen wollten, hätten wir vor zehn Jahren Scooter ins Sortiment nehmen müssen oder auch Wave-Boards. Wir hatten dazu unglaublich viele Anfragen, die Leute suchen solche Sachen bei uns.“ Aber sie gehören eben nicht zur Mission.

Nach dem Existenzkampf

Die Vermutung liegt nahe: Dittmann will die Fehler seines Vaters nicht wiederholen, dem eben diese Fähigkeit zur Konzentration zwischenzeitlich abhandengekommen war. Auf der Jagd nach mehr Wachstum hatte Gründer Titus, dessen damaliges Motto „Lieber tot als Zweiter“ in Wirtschaftskreisen schon fast legendär ist, zum neuen Jahrtausend auf Teufel komm raus seine Firma an die Börse bringen wollen. Damit hatte er sie fast vor die Wand gefahren – und die eigene Existenz aufs Spiel gesetzt. Der Börsengang wurde 2000 abgesagt, 2004 machte das Unternehmen 10 Millionen Euro Verlust. Es folgte der mühevolle Rückkauf. Titus Dittmann verpfändete fast seinen gesamten Besitz, um die Firma von Banken und Investoren zurückzukaufen. 2007 schrieb die Firma Titus zum ersten Mal wieder schwarze Zahlen. Solch eine Berg-und-Tal-Fahrt hinterlässt Eindruck bei jedem, der sie miterlebt.

Auch Julius Dittmann scheint mit gesundem Selbstbewusstsein gesegnet, ist allerdings deutlich leiser als sein Vater, der ebenso gern in Superlativen spricht wie er öffentlich auftritt – was ihm gerade in der Szene nicht nur Freunde eingebracht hat. Mit dem Wechsel 2009 hat sich der Senior zwar aus dem Unternehmen, nicht aber aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, wo er regelmäßig und gewohnt meinungsstark als Botschafter seiner Stiftung „skate-aid“ in Erscheinung tritt. Sein Sohn Julius hält sich vor allem an den Sport. Man findet kaum etwas über ihn in der Wirtschaftspresse. Seine Profile bei Pinterest und Facebook fokussieren sich auf das Skaten. Die Veranstaltungen, zu denen er fährt, sind Skate-Events und -Wettbewerbe. Authentizität ist alles in seiner Zielgruppe. Er erkennt bei Skatern einen „sehr stark ausgeprägten Bullshit-Detektor“, wie er kürzlich in einem seiner seltenen Interviews der „Süddeutschen Zeitung“ sagte. Skateboarding ist eng verbunden mit Straßenimage, zu dem die Kommerzialisierung so gar nicht passen will. Für einen Unternehmer, der mit dem Sport sein Geld verdient, ist das durchaus eine Herausforderung.

Info


1978 eröffnete unter dem Namen „Titus Rollsport“ einer der ersten Skate-Shops in Europa in einem Münsteraner Kellerlokal. Betreiberin war offiziell Brigitta Dittmann – ihr Ehemann Titus Dittmann war zu dem Zeitpunkt noch Gymnasiallehrer und durfte keinen Gewerbeschein beantragen. Seit 2010 leitet Sohn Julius Dittmann das Unternehmen. Mutter Brigitta Dittmann ist als Mitglied der Geschäftsführung bis heute für Finanzen und Controlling zuständig, Vater Titus kümmert sich hauptamtlich um seine eigene Stiftung skate-aid e.V. Heute beschäftigt die Titus GmbH 200 Mitarbeiter, hat deutschlandweit 24 eigene Läden und 12 Partner-Shops. Rund die Hälfte des Umsatzes macht die Firma mit dem Online-Shop, pro Werktag gehen rund 900 Pakete raus.

Der Weg zu einem ehrlichen, runden Markenauftritt von Titus ist in der Idee simpel, in der Umsetzung aufwendig und teuer: Dittmann und sein Team machen alles selber. Das betrifft alle Geschäftsprozesse im engeren Sinne. Wie in einer Art Verbundsystem arbeiten in den Gebäuden rund um den Hof an der Scheibenstraße in Münster die verschiedensten Funktionen einander zu: Designer, die die Produkte der Eigenmarke gestalten. Texter und Übersetzer, die bei den Produktbeschreibungen im Online-Shop für das richtige Wording sorgen und sie für die verschiedenen Sprachversionen übersetzen – im Moment Deutsch, Englisch, Holländisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Eine Redaktion für das hauseigene Print-Magazin. Ein Kamerateam, das den bewegten Content für die verschiedenen Online-Plattformen erstellt. Ein Fototeam und -studio, in dem neue Produkte fotografiert werden, inklusive automatisierter 360-Grad-Aufnahmen aller Schuhmodelle. Und nicht zu vergessen das eigene Skate-Outlet mit rund 650 Quadratmetern. Mehr als 200 Mitarbeiter beschäftigt Titus heute. Die meisten davon sind über ihre Skate-Leidenschaft zu ihrem Job gekommen.

Ein Thema, breit gespielt

Aber auch über die hauseigenen Prozesse hinaus lebt Titus das Thema Skateboarding mit Konsequenz. Allen voran unterstützt die Marke Teamfahrer bei Wettkämpfen, verantwortet Events wie die offizielle „Deutsche Skateboard Meisterschaft“ und sponsert Veranstaltungen in Deutschland und auch international, etwa beim „Go Skateboarding Day“ in Paris. Angrenzend an den Firmensitz betreibt Titus eine eigene Indoor-Skatehalle, wo neben dem täglichen Betrieb auch Sommerkurse für Kinder und Jugendliche stattfinden. Vor kurzem ist in den Nebenräumen noch ein Skate-Hostel hinzugekommen, inklusive alter Doppelstockbetten aus Bundeswehrbeständen. Auch eine eigene „Bowl“, eine schüsselförmige Skate-Landschaft unter freiem Himmel, hat Dittmann mit seinem Team und Freiwilligen aus der Szene auf dem Firmengelände selbst gebaut – ein Beton gewordenes Monument für die Authentizität, von der Dittmann lebt: Der windschiefe Mauerunterbau ist noch sichtbar, zum Teil ragt die Stahlarmierung aus dem Beton. Mit der hippen, aber meist doch gefälligen Baustellenromantik vieler Start-ups hat das nichts zu tun. Auch der Geschäftssitz an der Münsteraner Scheibenstraße sieht von außen mehr nach einem in die Jahre gekommenen Jugendhaus aus. „Wir haben unsere Wände freigegeben“, sagt Dittmann – die örtlichen Sprayer wissen, dass sie hier nicht mit einer Anzeige rechnen müssen.

Könnte auch ein Nicht-Skater den Laden erfolgreich führen? Mit einer anderen Mission vielleicht, sagt Julius Dittmann, sicher nicht als „Home of Skateboarding“. Für sich selbst könnte er sich auch andere Jobs vorstellen, er liebt das Arbeiten mit Stahl und Beton, hat schon eigene Möbel entworfen. „Ich habe schon nachgedacht über ‚www.beton-moebel.de‘“, sagt Dittmann grinsend. Allerdings scheint es viel wahrscheinlicher, dass es erst mal die Firma sein wird, die er formt und an der er baut, wie er es für richtig hält.

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