Es ist sechs Uhr morgens, kalt und dunkel. Erwin Weßling versorgt seine Schafe. Später holt er Heu, baut an einem Zaun weiter und beackert ein Stück seiner landwirtschaftlichen Fläche. „Es ist wichtig, körperlich aktiv zu bleiben“, sagt der Siebzigjährige. Nach der Staffelübergabe 2015 an seine Kinder hat er nicht aufgehört zu arbeiten. Heute ist er Knoblauchproduzent. Für Erwin Weßling mehr als eine Liebhaberei, er meint es ernst: „Erwin‘s süßen Knofi“ kann man nicht nur online auf seiner Website bestellen, sondern auch in einigen regionalen Supermärkten erwerben.
Auch Albrecht von Dewitz (75) hat sich seit der Nachfolge im Jahr 2009 nicht zur Ruhe gesetzt. Ein Jahr zuvor hatte er eine Produktionsfirma in Vietnam gegründet. Später erwarb er „ein paar Hallen“ im Bodenseehinterland und gründete dort den Gewerbepark Ecolog, wo unter anderem Start-ups arbeiten. Er betreut auch ein deutsches Start-up in Vietnam und berät es in Entwicklungsfragen.
Erwin Weßling und Albrecht von Dewitz müssten nicht mehr arbeiten. Aber sie würden ein Leben auf dem Golfplatz oder auf einer Yacht nicht lange aushalten. Beide sind Unternehmensgründer, die ihre Firmen nicht nur aufgebaut, sondern mehr als dreißig Jahre lang geführt haben. Die WESSLING Gruppe, ein Prüf- und Analytikunternehmen, beschäftigt heute etwa 1.400 Mitarbeiter, der Bergsport- und Outdoorausrüster VAUDE etwa 1.700 Mitarbeiter. Und beide haben es trotz aller Widrigkeiten geschafft, ihren Kindern die Geschäftsführung zu übergeben und sich in den Beirat zurückzuziehen. Aus unterschiedlichen Gründen.
Erwin Weßling: Sich durchbeißen

Wie so viele Gründer hat Erwin Weßling unerschütterlich Aufbauarbeit geleistet. Rückschläge verkraften, aufstehen und weitermachen. Urlaub? Ein Fremdwort. Auch Albrecht von Dewitz startete im Jahr 1974 sein Ein-Mann-Unternehmen: Er übernahm den Vertrieb von Edelweiss und Stubai, österreichischen Herstellern von Kletterausrüstung, und baute parallel ein neues, eigenständiges Sortiment von Rucksäcken unter der Marke VAUDE auf. „Ich war zuerst ein klassischer Großhändler“, erzählt Albrecht von Dewitz.
Erst Anfang der achtziger Jahre begann er, Schlafsäcke, Zelte und später auch Bekleidung sukzessive zu entwickeln. Seine verlängerte Werkbank für diese verschiedenen Produkte war zunächst Südkorea, später ab den neunziger Jahren auch China. Er war immer viel unterwegs in der Welt, das ist er auch heute noch. Dennoch ist Tettnang am Bodensee der Ort, an den er immer wieder zurückkehrt, er hat immer noch ein Büro in der Firmenzentrale.
Albrecht von Dewitz und seine Schwierigkeiten mit der Nachfolge
Wer wie Erwin Weßling und Albrecht von Dewitz jeden Winkel des Unternehmens kennt, jeden Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden mit Beharrungsvermögen umworben, überzeugt und gewonnen hat, wer von der Pike auf die Entwicklung vorangetrieben hat, der überlässt seine Firma nicht gern anderen. Denn der klassische Gründer findet, dass nur er selbst die Firma besser zukunftstauglich machen kann, niemand anders. Das erschwert das Loslassen, das vergrault potentielle Nachfolger.

Erwin Weßling hat im Jahr 2000, also 15 Jahre vor der Übergabe, seinen Kindern die Grundsatzfragen gestellt: „Wie soll es weitergehen mit dem Unternehmen, habt ihr Interesse, euch einzubringen?“ Für die Nachfolge hat die Familie sich mit externen Beratern in Workshops zusammengesetzt, eine Familiencharta erarbeitet. Erwin Weßling war es wichtig sicherzustellen, dass alle Familienmitglieder mit in den Nachfolgeprozess einbezogen werden. Seine vier Kinder – zwischen 35 und 45 Jahre alt – sind heute alle operativ im Unternehmen tätig.
Nachfolge und Neubeginn
Das Vertrauen in seine Kinder ermöglicht Erwin Weßling, sein ganzes schöpferisches Handeln nun in sein Knoblauchunternehmen zu stecken. Seine Neugierde, „das Unbekannte zu entdecken“, paart sich bei Erwin Weßling mit seinem Respekt vor dem „Wunder Natur“. Schon vor Jahren hat er gemeinsam mit seiner Frau Agnes die stärkende Kraft von Ayurveda entdeckt; einmal im Jahr erholen sie sich auf Sri Lanka. Dort entdeckte er auch vor vielen Jahren den Knoblauch in Honig, den wollte er auch bei sich zu Hause im Münsterland haben. Er wusste nur nicht, wie. „Knoblauch fermentiert in Honig“, beginnt er, den chemischen Prozess zu beschreiben. „Ich habe knapp vier Jahre lang geübt, bis ich die richtige Kombination hatte.“
Info
Zu Beginn hat Erwin Weßling noch eine Knoblauchzehe nach der anderen in den Boden gesetzt. Er suchte nach geeigneten Maschinen und baute sie um. Den ursprünglichen Knoblauch, den er für seinen Anbau entwickeln wollte, fand er im Baltikum. Der Honig für das Produkt wird im WESSLING-Labor analysiert. Tatkräftige Unterstützung bekommt er von seinem Neffen, der Biologe und Landwirt ist. „Die Maschinen pellen zwar den Knoblauch, aber aufwendig bleibt es. Ich schneide den Knoblauch und fülle ihn in die Fässer, die ich dann mit unserem Waldhonig auffülle.“ Erwin Weßling wirkt glücklich, wenn er das erzählt.
Und Albrecht von Dewitz wirkt stolz, wenn er vom Wachstum seiner 2008 gegründeten Produktionsfirma in Vietnam erzählt, die heute 1.000 Mitarbeiter beschäftigt. Er ist heute nicht operativ tätig, sondern fungiert als „President“. „Wir haben sehr tüchtige Mitarbeiter dort. Die Geschäftsführerin ist Vietnamesin und seit einiger Zeit auch Teilhaberin“, sagt von Dewitz. Er und Weßling sitzen ihren Kindern nicht mehr im Nacken, zumindest nicht mehr tagtäglich. Dafür bleibt keine Zeit.
Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.

