Der moosbewachsene Boden wirkt wie modelliert. Fremdartige Laubbäume drängen sich dicht an dicht, dazwischen steinerne Pagoden und federige Büsche wie von Tuschezeichnungen. Im Wasser des Zierteiches tummeln sich weiße und orangene Koi-Karpfen. Über ihnen auf der Wasseroberfläche spiegeln sich in der Dämmerung die erleuchteten Fenster, das Holz und die Ziegel der umliegenden Gebäude. Der Hof des Hoshi Ryokan ist ein idyllischer Ort. Kein Wunder, dass seit Jahrhunderten Menschen in das traditionelle japanische Gästehaus nahe Komatsu, einer Stadt in der Präfektur Ishikawa im Westen der japanischen Hauptinsel, kommen. Sie suchen Entspannung und Heilung im Wasser der heißen Quelle, über der das erste Gästehaus vor mehr als 1.300 Jahren gebaut wurde. Für sie ist Hoshi Ryokan ein Sehnsuchtsort.
Für Hisae Hoshi (45), die jüngste Tochter der Inhaberfamilie und designierte Nachfolgerin des Patriarchen, scheint es vor allem eins zu sein: ein Käfig. Eigentlich hätte alles ganz anders kommen sollen. Hisae Hoshi ist das dritte von vier Kindern. Von jeher war klar, dass ihr Bruder, der älteste Sohn Hiroshi, die Nachfolge des Vaters antreten und das familiengeführte Gästehaus übernehmen sollte. So verlangt es die Tradition, und so handhabt es die Familie Hoshi, die das Ryokan seit der Gründung im Jahr 718 betreibt, seit 46 Generationen. Doch Hiroshi starb 2013 nach einer monatelangen Krankengeschichte infolge eines Herzinfarkts – und mit ihm die Möglichkeit, den Familienbetrieb gemäß der Tradition fortzuführen. Dass ausgerechnet Hisae nach dem Tod des Bruders das Erbe und die Leitung des Ryokan übernehmen soll, findet wohl niemand abwegiger als sie selbst. Nichts hat sie darauf vorbereitet. Sie ist im Ryokan groß geworden, hatte aber mit dem Hotelbetrieb nie näher zu tun. Sie hatte viel Freizeit, konnte ihren eigenen Interessen nachgehen, hat in Kyoto studiert und als Sekretärin bei einem Arzt gearbeitet. Für sie war immer klar, dass sie als jüngere Tochter ihr Elternhaus auf jeden Fall verlassen würde, denn Hoshi Ryokan wird traditionell an den erstgeborenen Sohn vererbt. Für Geschwister ist dann kein Platz mehr, sie bauen sich eine Existenz anderswo auf. Wenn in der Vergangenheit Frauen an der Spitze des Ryokan standen, waren es die Witwen der verstorbenen Eigentümer.
„Ich habe immer gehofft, zu heiraten und mit meinem Mann wegzugehen, wie meine Schwester“, sagt Hisae. Sie fühlt sich nicht wohl damit, immer noch im Haus der Eltern zu sein – von der Aussicht, den Betrieb zu übernehmen, ganz zu schweigen. „Es ist eine unvorstellbare Verantwortung, die auf mir lastet“, sagt sie. Sie ist sich sicher, dass sie die Bürde nicht tragen kann, und dass ihr Umfeld sie viel stärker einschätzt, als sie wirklich ist. Tatsächlich sprich aus fast jeder ihrer Äußerungen die Unsicherheit. Sie hinterfragt ihre eigenen Aussagen und verweilt lange bei schwierigen, einschüchternden Begriffen wie „Verantwortung“. Sie weine viel und sei erfüllt von Angst. „Manchmal wünsche ich, ich wäre nicht als Mitglied der Familie Hoshi geboren“, gesteht Hisae. „Ich bin nicht bereit dafür, ich will nicht die Inhaberin des Hoshi Ryokan sein.“
Der Wunsch des Vaters
Der Mann, der entschieden hat, dass sie diese Rolle übernehmen soll, sieht das anders. Hisaes Vater, Zengoro Hoshi (75), ist der 46. Inhaber des Hoshi Ryokan. Nach dem Tod Hiroshis hat er entschieden, dass nicht der jüngste Sohn, der sein Elternhaus inzwischen im Streit verlassen hat, sein Nachfolger werden soll, sondern seine jüngste Tochter – als erste Frau nach 1.300 Jahren. Zengoro selbst war, seit er denken kann – „seit ich geboren wurde und meinen ersten Schrei tat“, wie er sagt –, auf seine Rolle vorbereitet worden. Nach seinem Studium absolvierte er in den sechziger Jahren eine Ausbildung in einem anderen Ryokan. Er heiratete eine Frau, deren Familie ebenfalls ein traditionsreiches Gästehaus führt und die heute als Okami, als Gastgeberin, seinem Haus vorsteht. Mit ihr hat er Kinder bekommen und den ältesten Sohn Hiroshi zu seinem Nachfolger erzogen.
Zengoro Hoshi ist nie davon ausgegangen, etwas anderes zu tun oder eine Existenz unabhängig von der heißen Quelle aufzubauen. Sein Leben und das seiner Familienmitglieder stellt er in den Dienst des Ryokan. Das ist keine Floskel, der Patriarch meint es wörtlich. „Das Wichtigste ist, die heiße Quelle zu erhalten und unseren Gästen zu dienen. Das war schon immer unsere Bestimmung“, sagt er. Dahinter steckt die in der buddhistischen Tradition des Hauses verwurzelte Idee, dass der heißen Quelle heilende Kräfte innewohnen. „Hoshi Ryokan dient den Gästen, um sie an Körper und Geist zu heilen“, sagt er. „Wir kümmern uns 24 Stunden am Tag um sie. Wir müssen sie retten.“ Dass für diese absolute Hingabe an das Haus auch Opfer zu bringen sind, ist für den Patriarchen kein Problem, sondern eine Selbstverständlichkeit. „Unsere Vorfahren haben schon immer verstanden, dass sie diese Aufgabe tragen und erdulden müssen. Für dieses große Ziel haben sie alles gegeben“, sagt Zengoro Hoshi. Und: „Manchmal müssen wir die Familie opfern.“
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Dennoch kam und kommt für Zengoro Hoshi nie etwas anderes in Frage. „Ich habe nie darüber nachgedacht, dass ich nicht im Ryokan arbeiten will“, sagt er. Die strengen Traditionen des Ryokan sind für ihn keine Grenzen, die ihn einengen. Sie sind sein Lebensraum. Umso mehr ringt er mit der Öffnung des Gästehauses für die Anforderungen des modernen Lebens. Er weiß, dass die Welt sich verändert, spricht über die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft – und weiß doch nicht, wie er mit dieser Veränderung umgehen soll. Als Hoteldirektor muss er sich täglich fragen, ob er den Wünschen seiner Gäste entgegenkommen will, seien es weniger traditionelle Speisen und Getränke, hohe Stühle und Tische, feste Schuhe statt der traditionellen Leihsandalen und echte Betten statt Futons. Das scheint logisch, zumal das Gästehaus seit dem Einbruch der japanischen Wirtschaft in den neunziger Jahren mit einem massiven Gästeschwund zu kämpfen hat.
Zugleich bereut der Hausherr rückblickend verschiedene Situationen, in denen er die Grenzen der Tradition überschritten hat, etwa den modernen Neubau mit acht Etagen aus den achtziger Jahren, der heute das Gesamtbild des Hauses empfindlich stört und den Garten verdunkelt – damals habe ihn das Geld geblendet, so Zengoro Hoshi. Auch bereut er, dass er mit der Tradition brach, selbst eine Ehefrau für seinen ältesten Sohn auszusuchen. „Wir wollten, dass er tut, was er möchte, und sich seine Partnerin selbst aussucht. Aber es stellte sich heraus, dass das nicht gut war“, so Zengoro. Die Ehe scheiterte. Die freie Entscheidung des Sohnes wurde zum Auftakt für ein Zerwürfnis mit den Eltern, das nur langsam heilte und durch den frühen Tod des Sohnes ein besonders tragisches Ende nahm. „Diesen Fehler dürfen wir nicht noch einmal machen“, sagt der Patriarch.
Der Kampf der Tochter
Für seine Tochter Hisae bedeutet das: Zwar erwartet der Vater von ihr, die Verantwortung für den Betrieb zu übernehmen. Aber frei ist sie in ihren Entscheidungen nicht. Dennoch kommt es für Hisae Hoshi nicht in Frage, die Aufgabe abzulehnen, vielleicht aus Gehorsam gegenüber ihrem Vater, vielleicht aus Pflichtgefühl gegenüber der 1.300 Jahre alten Familientradition. „Ich muss mit dem Druck fertig werden und mein Bestes tun“, sagt sie. Entspannen könne sie nur bei gutem Essen, einem Drink, im Gespräch mit Freunden oder wenn sie mit ihren Neffen oder ihrem Hund spiele. „Ich bin schon viel tougher geworden“, sagt Hisae. Noch während sie spricht, scheint sie sich selbst davon überzeugen zu wollen.
Ihr großes Vorbild ist ihr Bruder Hiroshi. Sie will genau so hingebungsvoll sein wie er. Für Außenstehende scheint das eine schreckliche Perspektive. Zwar gibt es keinen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Hiroshis Zerwürfnis mit dem Vater und seinem frühen Tod. Dennoch scheint der Zusammenhang für die Familienmitglieder nahezuliegen. So erzählt Hisae, wie sehr sich Hiroshi trotz seines zunehmend schlechteren Gesundheitszustandes für das Hoshi Ryokan aufgeopfert habe, um die Gunst seines Vaters wiederzuerlangen, zum Teil mit schwerer körperlicher Arbeit im Garten oder beim Reinigen der Trittsteine im Teich. „Er hatte das Vertrauen meines Vaters verloren. Aber er arbeitete hart, um vom Vater anerkannt zu werden“, erklärt Hisae.
Doch selbst wenn die Tochter die Rolle der Hoteldirektorin annimmt: Das Problem der Nachfolge setzt sich fort. Hisae ist unverheiratet und kinderlos. Es gibt – bisher ergebnislose – von den Eltern arrangierte Treffen mit heiratswilligen Männern. Es handelte sich ausnahmslos um Kandidaten, die die Familie adoptieren und so als männlichen Nachfolger in Position bringen könnte. Auch mit diesen Versuchen sind Vater wie Tochter unglücklich. Der Vater befürchtet, dass die Tochter das Weite sucht, wenn er sich in die Partnerwahl einmischt, kann ihr aber nach der tragischen Erfahrung mit seinem Sohn die Entscheidung nicht überlassen. Die Tochter ihrerseits kann sich nicht vorstellen, eine arrangierte Ehe einzugehen – und wenn, dann nur, wenn der Kandidat ihr die Möglichkeit eröffnen würde, dem Elternhaus den Rücken zu kehren. Das wiederum durchkreuzt die Adoptions- und Nachfolgepläne ihrer Eltern.
Parallel denkt Zengoro Hoshi darüber nach, einen Enkel, den zweitältesten Sohn seiner älteren Tochter, ins Geschäft zu holen. Auch das wäre ein Traditionsbruch, aber immerhin ginge die Leitung an ein männliches Familienmitglied, unabhängig von Hisaes Partnerwahl oder möglichen Nachkommen. „Es geht nicht darum, zwischen der Familie und dem Ryokan zu wählen. Wir müssen Hoshi mit allen Mitteln als Familienunternehmen erhalten“, sagt der Vater. In jedem Fall bleibe seine Tochter vorerst in der Pflicht. „Sie muss hart arbeiten und sich selbst opfern.“ Die Möglichkeit, den idyllischen Käfig des Hoshi Ryokan hinter sich zu lassen, rückt für Hisae Hoshi damit in weitere Ferne denn je.
Mitarbeit: Sarah Bautz
