Mit 24 Jahren ist Georgia Näder bereits Aufsichtsrätin des Milliardenunternehmens Ottobock, gehört zur Geschäftsführung der Holding und hat parallel ein eigenes Start-up gegründet. Nach dem Studium kann sie sich eine noch aktivere Rolle im Unternehmen vorstellen. Dass das Familienunternehmen einen Private-Equity-Gesellschafter an Bord hat und einen Börsengang anstrebt, ist für sie kein Gegenargument.

Wer hätte da nicht gestutzt? Georgia Näder war gerade einmal 20 Jahre alt, als ihr Vater Hans Georg vorschlug, dass sie in den Aufsichtsrat des Medizintechnikunternehmens Ottobock SE & Co. KGaA einzuziehen sollte. In dem Gremium fanden sich zu diesem Zeitpunkt Persönlichkeiten wie Dr. Bernd Bohr, ehemaliger Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH, oder Dr. Joachim Kreuzburg, Vorstandschef der Sartorius AG.

„Bist du dir sicher?“, fragte Georgia Näder im ersten Moment. Im Vergleich zu den anderen Mitgliedern im Gremium konnte sie nicht mit Managementerfahrung punkten. Dennoch ließ sie sich das Angebot ihres Vaters noch einmal durch den Kopf gehen. Schließlich kam sie zu dem Entschluss, dass sie durchaus etwas in das Gremium des Unternehmens einbringen könnte, das mehr als 8.000 Menschen einen Arbeitsplatz bietet und 2019 die Umsatzmarke von einer Milliarde Euro knackte. „Ich hatte zwar keine 20 Jahre Management vorzuweisen, aber dafür 20 Jahre Ottobock-Erfahrung“, sagt die heute 24-Jährige.

Wo es nur ging, sagt Georgia Näder, war sie schon als Kind im Unternehmen mit dabei. Wann immer es ihr Vater vorschlug, ging sie mit in den Betrieb. Und das nicht nur, um im Lager Inliner zu fahren, sagt sie und schmunzelt. „Der Boden war einfach so fantastisch glatt da.“ Welche Bedeutung Ottobock als Medizintechnikhersteller hat und welch starke positive Auswirkung die Innovationen der Firma auf die Menschen haben, erlebt sie hautnah im Jahr 2017. Damals begleitete sie das erste Mal eine der sogenannten Running Clinics, bei denen Nutzer ihre ersten Schritte auf einer Sportprothese wagen. Bis heute ist Georgia Näder in diesem Moment gern dabei. „Es ist so eine tolle Erfahrung, wenn man miterleben kann, wie Menschen durch unsere Hilfsmittel das erste Mal mit ihren Kindern fangen spielen können.“ Das mache das Unternehmen aus, sagt sie. Und das familiäre Verhältnis aller Mitarbeiter untereinander.

Kein Druck auf die Nachfolgerinnen

Hoch hinaus? Georgia Näder schließt eine größere Rolle bei Ottobock nicht aus.

Hoch hinaus? Georgia Näder schließt eine größere Rolle bei Ottobock nicht aus. / Foto: Christoph Neumann

Zwangsläufig schwebte das Unternehmen in der Familie irgendwie immer mit, sagt Georgia Näder. Sie empfindet das als normal. Als Kind verbrachte sie gern viel Zeit im Haus ihrer Großeltern, das heute unter anderem das Archiv des Unternehmens beheimatet: Max und Maria Näder hatten das ursprünglich in Thüringen ansässige Unternehmen nach der entschädigungslosen Enteignung unter der sowjetischen Besatzung im niedersächsischen Duderstadt neu aufgebaut. Und auch heute trennen die Näders im Gegensatz zu anderen Unternehmerfamilien nicht so sehr zwischen Familienthemen und Unternehmensthemen. „Wir haben schon früh über Nachfolge gesprochen“, sagt Georgia Näder. Nach dem Tod der Großeltern gibt es heute drei Gesellschafter: Vater Hans Georg, der lange operativ an der Spitze der Firma stand und heute dem Verwaltungsrat der SE vorsitzt, Georgia Näder und ihre Halbschwester Julia Näder, die sechs Jahre älter ist.

Seinen Töchtern ließ Hans Georg Näder alle Türen offen, was die Unternehmensnachfolge angeht, sagt die jüngste Gesellschafterin. Ihr Vater habe immer gesagt, sie sollten machen, was sie glücklich mache. „Ich hatte keinen Druck. Er meinte immer, dass wir ins Unternehmen können, wenn wir wollen. Wenn nicht, werden wir eine andere Lösung finden.“ Beide Töchter teilen das Interesse an der Betriebswirtschaft. Wie zuvor Julia Näder entschied sich auch Georgia nach dem Abitur am Internat Stiftung Louisenlund für ein Studium in dieser Richtung. 2016 begann sie, Business Administration in Barcelona zu studieren und danach den Master in Business Administration and Innovation in Health Care in Kopenhagen anzugehen.

Während des Bachelor-Studiums in Barcelona kam dann 2017 das Angebot ihres Vaters, Aufgaben im Unternehmen zu übernehmen: einen Sitz im Aufsichtsrat und einen Platz in der Geschäftsführung der Näder Holding. Über die Holding managt die Unternehmerfamilie nicht nur Ottobock, sondern auch weitere Beteiligungen, beispielsweise den IT-Dienstleister Sycor. Auch Julia Näder fand ihren Platz im Umfeld des Unternehmens. Sie ist seit Anfang 2018 Vorstandsmitglied der Ottobock Global Foundation. Dass sie in der Stiftung tätig ist und Georgia im Aufsichtsrat und in der Geschäftsführung der Näder Holding GmbH & Co. KG, habe sich einfach so ergeben, sagt die Jüngere. Ihre Halbschwester habe des Alters wegen eine noch engere Beziehung zu ihrem 2009 verstorbenen Großvater Max Näder, der 1987 die Otto Bock Stiftung gegründet hatte. So fand Julia 2018 ihre Rolle als Vorständin der Stiftung.

Für Georgia bestand in der Folge die Herausforderung darin, Studium und ihre Rollen als Aufsichtsrätin und Geschäftsführerin unter einen Hut zu bringen. Ihr Kalender sei da unersetzlich geworden, denn vor allem vor der Pandemie war sie sehr viel unterwegs. Da habe sie Zeitmanagement so richtig gelernt. Einige Studieneinrichtungen, die sie auf der iberischen Halbinsel besuchte, hätten aber nicht immer Verständnis für Meetings und Sitzungen in Deutschland gehabt, erzählt Georgia Näder und wundert sich: „Überall und immer heißt es von den Unis, Entrepreneurship und Praxiserfahrung sind wichtig. Aber das wurde nicht gelebt, und wenn ich einmal eine Sitzung bei Ottobock hatte, wurde das nicht richtig akzeptiert. Das hat mich schon stutzig gemacht.“

Maluwa Superfoods: Das Start-up von Georgia Näder

Parallel dazu suchte sich Georgia eine eigene unternehmerische Aufgabe. 2018 gründete sie das Start-up Maluwa Superfoods. Eine Freundin, die einige Zeit in Kuba gelebt hat, hatte sie auf die tropische Pflanze Moringa oleifera aufmerksam gemacht, in Deutschland als Meerrettichbaum bekannt. „Die Blätter des Baums sind für uns Menschen ein Energielieferant voller wichtiger Bestandteile für eine ausgewogene Ernährung“, sagt Georgia Näder. Die Wirkung sei in Europa noch kaum bekannt. Das wollten die beiden Freundinnen ändern und gründeten die Maluwa Superfoods GmbH, deren Geschäftsführerin Georgia Näder bis heute ist.

Info


Die Orthopädische Industrie GmbH in Berlin-Kreuzberg wurde 1919 von Otto Bock gegründet. Wegen der politischen Unruhen in Berlin verlegte er noch im selben Jahr die Produktion in seine Heimatstadt Königsee in Thüringen. Während der Zeit der sowjetischen Besatzung beschloss die Unternehmerfamilie, einen zweiten Standort in der britischen Zone – in Duderstadt im Landkreis Göttingen – zu eröffnen. Nach der entschädigungslosen Enteignung durch die Sowjets bauten Otto Bocks Schwiegersohn Max Näder und seine Frau Maria das Unternehmen ab 1947 am Standort Duderstadt wieder auf. 1990 übergab Max Näder die Geschäftsführung schließlich an seinen Sohn Hans Georg Näder. Heute steuert dieser die Näder Holding und steht nach Jahrzehnten an der operativen Spitze dem Verwaltungsrat der Ottobock SE & Co. KGaA vor.

Alles selbst zu machen und zu konzipieren, daraus habe sie viel mitgenommen, sagt die Vertreterin der NextGen über die Anfänge der Gründung. „Wir haben das Design und die Logos selbst entworfen, mussten uns um den Online-Auftritt und den Shop kümmern. Das haben wir weitgehend allein gemacht und uns Hilfe geholt, wo wir sie brauchten.“ Die Zeit möchte sie nicht missen, denn in jungen Unternehmen lerne man Dinge, die es in etablierten Unternehmen nicht zu lernen gebe. Auf eine Sache hätten die Gründerinnen aber gut und gern verzichten können, sagt Georgia Näder: Ein großer Schock war der Moment, in dem ein Marktkonkurrent mit gleichem Namen und gleichem Produkt daherkam. Zum Glück hatten sie Maluwa bereits frühzeitig angemeldet. Die Marke schon in den Kinderschuhen verteidigen zu müssen stand nie auf dem Plan, sagt Georgia.

Hat es ihr geholfen, einen Unternehmer als familiären Ansprechpartner zu haben? Sie habe das schon allein machen und sich ausprobieren wollen, sagt die Studentin. „Hin und wieder habe ich meinen Vater natürlich gefragt, wenn wir nicht weitergekommen sind oder wir eine weitere Meinung gebraucht haben, wenn es um ganz große Fragen ging.“ Beispielsweise bei der Thematik rund um die Marke habe Hans Georg Näder den Gründerinnen hilfreiche Tipps gegeben. Sie könne ihn alles fragen, nicht nur zum eigenen Start-up, sondern auch zum Familienunternehmen. Das gelte umgekehrt genauso, denn vor allem Neugier und Gedanken zur Nachhaltigkeit teilen sie und ihr Vater, stellt Georgia fest. Die Themenbereiche, in denen die eine Generation der anderen etwas zeigen kann, sind indes sehr unterschiedlich. „Ich habe ihm damals beigebracht, wie man eine SMS schreibt“, sagt Georgia Näder und lacht. Was sie an ihrem Vater schätze, sei, dass er ein Visionär sei, der den Blick für die Zukunft habe und es verstehe, mit Empathie die verschiedensten Leute zusammenzubringen.

Vereint in „familiärer Kultur“: Ottobock-Mehrheitseigentümer Hans Georg Näder (rechts) und Marcus Brennecke vom Private-Equity-Unternehmen EQT.

Vereint in „familiärer Kultur“: Ottobock-Mehrheitseigentümer Hans Georg Näder (rechts) und Marcus Brennecke vom Private-Equity-Unternehmen EQT. / Foto: Ottobock

Dass der Familienunternehmer es nicht scheut, unkonventionelle Wege zu gehen, zeigt der Einstieg des Private-Equity-Unternehmens EQT im Jahr 2017. 20 Prozent seines Unternehmens gab Hans Georg Näder damals an den schwedischen Finanzinvestor ab. In der Folge sollte es mit Ottobock an die Börse gehen. Ziel des Unternehmens ist es, ab 2022 börsenfähig zu sein.

Veränderte der Einstieg eines fremden Gesellschafters für Georgia Näder ihr Verständnis des Familienunternehmens? Nein, sagt sie, das sei der beste Plan für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens gewesen. Hinter die Kulissen des neuen Gesellschafters EQT blickte sie selbst im Rahmen eines Praktikums im Jahr 2020. „EQT hat ebenfalls eine familiäre Kultur wie wir und steht nicht für maximalen Gewinn in kurzer Zeit, sondern macht Unternehmen stark für die Zukunft“, sagt sie.

Und wenn es wirklich bald an die Börse geht? Was das Unternehmen und die Familie betrifft, würde ein Börsengang Ottobock nichts anhaben, meint Georgia Näder – zumal nicht geplant sei, dass die Familie die Mehrheit abgebe, wenn der Weg an den Kapitalmarkt führt. Die Familie habe ihren Platz. So habe ihr Vater zwar das operative Geschäft an CEO Philipp Schulte-Noelle abgegeben, halte aber nach wie vor die Zügel in der Hand. Als Vorsitzender des Verwaltungsrats kümmere er sich um die Zukunftstrends und das Talent-Scouting.

Herausforderung Zeitmanagement

Eine aktive Rolle bei Ottobock will sich Tochter Georgia in Zukunft nicht nehmen lassen und präsent im Unternehmen sein. „Da werde ich reinwachsen“, ist sie sicher. Wenn die 24-Jährige im Jahr 2022 voraussichtlich das Studium nach dem bestandenen Bachelor mit dem Master abschließt, hat sie schon einige Stationen hinter sich und viel ausprobiert, auch bei Ottobock selbst. 2012 schnupperte sie für ein paar Monate als Praktikantin in die Strategie- und M&A-Abteilung hinein. Ob das der Platz ist, für den sie sich entscheiden wird? Die Zeit drängt nicht. Eine konkrete Rolle steht bisher nicht fest. Erstmal wolle sie das Studium hinter sich bringen und weitere Erfahrungen außerhalb des Unternehmens sammeln, sagt sie.

Auch außerhalb ihrer Tätigkeiten in den Gremien nimmt Georgia Näder ihre Rolle als Mitglied der Unternehmerfamilie aktiv und offen wahr. Sie ist immer wieder auf Events rund um Ottobock vertreten. Bei den „World Para Athletics Championships“ in London 2017 war sie als offizielle Vertreterin des Unternehmens dabei. Bei drei Wettbewerben durfte sie den paralympischen Sportlern die Medaillen übergeben. Der deutsche Athlet Léon Schäfer gewann mit einer Sportprothese von Ottobock die Bronzemedaille im Weitsprung und mit der deutschen 4-mal-100-Meter-Staffel Gold. Ähnlich wie in den Running Clinics erlebt Georgia Näder bei solchen Gelegenheiten hautnah, welchen Effekt die Produkte von Ottobock und damit am Ende auch ihre eigene Arbeit auf das Leben und die Leistungsfähigkeit von Menschen haben können. „Warum sollte ich bei diesem Purpose auf Dauer in einem anderen Unternehmen arbeiten wollen?“

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