Bilder, überall Bilder: in den Gängen der Unternehmenszentrale des Herrenausstatters SØR in Oelde, im Keller, in der Kaffeeküche – und natürlich im Büro von Dr. Dr. Thomas Rusche, Familienunternehmer und Kunstsammler in der vierten Generation. Hier ist die Kunstdichte besonders hoch. An den Wänden, auf dem Bücherregal und sogar auf dem Fußboden vereinen sich alte niederländische Meister mit zeitgenössischer Kunst zu einer interessanten Mischung. Was auf den ersten Blick aussieht, als sei es provisorisch abgestellt worden, ist tatsächlich sorgfältig arrangiert.
Sowohl das Kunstsammeln als auch das Unternehmertum wurden Rusche in die Wiege gelegt: Schon als Kind führte Vater Egon seinen einzigen Sohn an die Kunst heran. Noch bevor der Filius volljährig wurde, schickte er ihn zu Kunstauktionen mit Tausenden von US-Dollar in der Tasche. Nach dem Tod seines Vaters begann Rusche, die Sammlung um zeitgenössische Kunst zu erweitern. Wie viele Werke seine Familie im Laufe der Zeit zusammengetragen hat, weiß er angeblich nicht. Mehrere Tausend dürften es schon sein. Den Grundstein für die Sammlung legte der Ururgroßvater, der mit einer Postkutsche Mitte des 19. Jahrhunderts in Westfalen übers Land fuhr und mit Kleidung handelte. Wenn das Geld knapp war, tauschte er die Textilien gegen Möbel und Gemälde ein. Über die Generationen entwickelte sich daraus nicht nur die Rusche-Kunst- und Antiquitätensammlung, sondern auch das Modeunternehmen SØR mit 60 Millionen Euro Umsatz und 250 Mitarbeitern.
Obwohl als einziges Kind seiner Eltern der berufliche Werdegang vorgezeichnet war, studierte Rusche neben Wirtschafts- auch Sozialwissenschaften, Philosophie und Katholische Theologie. Mit 24 Jahren trat er als Assistent der Geschäftsführung ins väterliche Unternehmen ein und übernahm vier Jahr später die Geschäftsführung. Doch die großen Themen ließen ihn nie los: Seine Gedanken zur Sozial- und Unternehmensethik hat er in mehreren Büchern niedergeschrieben.
Evergreens gegen die Konkurrenz
Mode, Kunst und Ethik sind das Lebenselixier von Thomas Rusche. Für ihn gehören diese „drei größten Inhalte des Lebens“ selbstverständlich zusammen. „Die Fragen nach den Kriterien des handwerklichen Könnens, der Schönheit und des Kunstwollens eines Designers, die Diskurswürdigkeit und Nachhaltigkeit eines Kunstwerkes oder Kleidungsstückes sind für Kunst und Mode ähnlich zu beantworten“, antwortet Rusche auf die Frage nach dem verbindenden Element. Soll heißen: Bei Mode und bei Kunst kommt es auf Qualität und Langlebigkeit an. In Zeiten wöchentlich wechselnder Kollektionen der Großketten setzt Rusche bei seinen Läden, die vom Frack bis zum Handschuh alles im Sortiment haben, auf klassisches und hochwertiges Design. Neben internationalen Designermarken verkauft er dort auch sein Eigenlabel SØR. Dass er selbst nicht die neueste Kollektion trägt, sondern auch Kleidungsstücke aus vergangenen Dekaden – der Blazer ist zehn Jahre alt, und die Schuhe sind dreißig Jahre alt –, findet Rusche nicht ungewöhnlich. „Mein Kleiderschrank ist wie ein Weinkeller, den ich über die Jahre sukzessive aufgebaut habe“, sagt der Firmenchef, der ein tadelloses Erscheinungsbild abgibt.
Info
Die Geschäfte in den Bestlagen der Großstädte, in noblen Ferienorten wie Sylt und Garmisch-Partenkirchen sowie in mittelgroßen Städten wie Hannover, Münster und Paderborn zielen auf eine kaufkräftige, eher konservative Kundschaft ab. Die Erkenntnisse aus seinen Forschungen im Bereich Strategisches Marketing und Unternehmensethik hat er in seiner Firma umgesetzt. Diese Weichenstellungen seien entscheidend gewesen für das Überleben und die Entwicklung von SØR, sagt Rusche. Beispielsweise setzt er bei der Ausstattung seiner Läden auf Evergreens wie Holz, Marmor, Stücke aus seiner Sammlung antiker englischer Möbel und natürlich auf Kunst. Das macht die Erstausstattung für einen Laden, die er mit rund 1 Million Euro beziffert, teuer. „Es ist aber langlebiger, als alle sieben Jahre die Ladengestaltung an den modischen Zeitgeist anzupassen.“ Auch die Kombination aus Modehändler und Markenunternehmen sieht Rusche als Wettbewerbsvorteil. Die Eigenmarke SØR macht derzeit 30 Prozent des Gesamtumsatzes aus und wird ständig weiterentwickelt. Sie sorgt für ein zweites Standbein zum reinen Fachhandelsgeschäft und wird auch online vertrieben. Allerdings verdienen die Münsterländer im digitalen Online-Geschäft, das derzeit 5 Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht, kein Geld. „Wir sind noch in der Lernphase“, räumt Rusche ein.
Die größte Herausforderung für sein Unternehmen sieht der Firmenchef überraschenderweise nicht in der Verdrängung des stationären Fachhandels durch den Online-Handel, sondern in der zunehmenden Erwärmung des Klimas: „Die Digitalisierung ist eine Herausforderung, die ich mitgestalten kann. Auf das Wetter habe ich keinen Einfluss.“ Der Herbst und der Winter sind für SØR die umsatzstärksten Monate. Bei gefütterten Winterjacken sind die Kunden bereit, auch einmal einen hohen dreistelligen Betrag auszugeben.
Thomas Rusche über Mode und Moral
Rusche ist überzeugt, dass er mit seinem Konzept der Langlebigkeit einen Gegenpol zur kurzlebigen Wegwerfmode setzt. Allerdings kann auch er sich den Zwängen der Modeindustrie nicht ganz entziehen. SØR hat keine eigenen Produktionsstätten, denn sie lohnen sich bei den geringen Losgrößen des Vollsortimenters nicht. Stattdessen lässt SØR in Mittel- und Osteuropa produzieren. Die Hemden der Eigenmarke werden auf den Produktionsstraßen von Seidensticker in Vietnam hergestellt. Rusche vertraut darauf, dass die sozialen Standards dort eingehalten werden. Sich selbst davon überzeugt hat er allerdings nicht. Wie passt das zum Unternehmensethiker Rusche? „Wer ethisch aufgeklärt ist, verfällt nicht ins Moralisieren“, belehrt Rusche, stattdessen führe die kritische Distanz zu einem größeren Realitätssinn. Kodizes seien Normvorgaben, die nie ganz erfüllt würden. Ein Schlüsselerlebnis habe seine Haltung zu diesem Thema grundlegend verändert: Als junger Geschäftsführer fuhr Rusche nach Indien, um eine kleine Fabrik zu inspizieren, die von einem Frauen-Orden betrieben wurde, den Rusche finanziell unterstützte. Dass dort 14-jährige Mädchen Wunderkerzen verpackten, gefiel ihm gar nicht. Die Nonnen erklärten, dass die Mädchen auf dem Straßenstrich landen könnten, wenn sie diese Arbeit nicht hätten. Kurze Zeit später wurde die Fabrik geschlossen. „Ich habe nicht wirklich zugehört“, sagt der Unternehmer selbstkritisch.
Die eigenen Fehler anzuerkennen, andere Meinungen zu respektieren und Argumenten zugänglich zu sein, das sind Eigenschaften, mit denen Rusche gern in Verbindung gebracht werden möchte – auch von den eigenen Mitarbeitern. Dass er darüber hinaus Freude an Ironie hat, bleibt nicht verborgen. Warum sonst lehnt ausgerechnet ein Bild von Norbert Bisky an seinem Schreibtisch, das einen Mann mit zugeklebtem Mund zeigt?
