Tessa Tessner führt mit 36 Jahren den Möbeldiscounter Roller mit mehr als 6.000 Beschäftigten und über 1,5 Milliarden Euro Umsatz. Sie bringt ihre Talente ein und positioniert sich. Alles will sie richtig
machen. Ihr Vater ist ihr Vorbild.

„Das Unternehmen ist mein Leben“, strahlt Tessa Tessner. Vorm Schlafengehen checkt sie noch ihre Mails, und im Urlaub ist sie immer erreichbar. Und doch ist sie anders als die in die Jahre gekommene, hochemotionale Gründer- und Nachkriegsgeneration, die mit ihrer Firma eins war und alles für sie gegeben hat. Tessa Tessner ist kein einsamer Leitwolf an der Spitze des Unternehmens, der alles kann und alles weiß. „Ich bin kein Generalmanager und bin daher auf ein exzellentes Team angewiesen“, sagt die 36-Jährige, die als Geschäftsführende Gesellschafterin Mitglied der Geschäftsführung beim Möbeldiscounter Roller ist. „Ich verstehe etwas von Marketing, E-Commerce und Kommunikation.“ Das, was ihr fehlt, steuern ihre beiden Geschäftsführerkollegen bei: Marcus Droste, Sprecher der Geschäftsführung, kam 2013 von der Parfümeriekette Douglas und verantwortet Finanzen und Personal. Andreas Mauz stieß 2014 von Media Markt dazu und ist Einkaufschef. „Mein Vater holte sich auch immer die Leute hinzu, die sein Know-how ergänzten.“

Tessas Vater Hans-Joachim Tessner leitet die Holding der Tessner Gruppe. Dazu gehört das Geschäft mit Immobilien, Holz- und Landwirtschaft und Handelsaktivitäten. Das bei weitem größte Tochterunternehmen aber ist die 1969 gegründete Roller GmbH & Co. KG. Sie ist im Herzen des Ruhrgebiets beheimatet, in Gelsenkirchen nur wenige Hundert Meter von der Schalker Veltins Arena entfernt. Roller Möbel ist groß, hinter Ikea, Höffner und XXXLutz die Nummer vier in Deutschland. Über 6.000 Mitarbeiter beschäftigt das Familienunternehmen, die einen Umsatz von über 1,5 Milliarden Euro erwirtschaften, den Großteil in seinen 115 Möbelmärkten in Deutschland. Über 40 Millionen Kunden kaufen über 50 Millionen Produkte pro Jahr.

Keine Privilegien für Unternehmerkinder

Tessa Tessner ist seit zwölf Jahren im Unternehmen, seit zwei Jahren in der Geschäftsführung. Von der Pike auf musste sie das Geschäft lernen, als sie direkt nach dem Ende ihres BWL-Studiums in die Firma kam. Im Einkauf hat sie begonnen. „Ich halte gar nichts davon, wenn Nachfolger von außen sofort auf einen Geschäftsführerposten gesetzt werden“, sagt sie. Wer nicht die Arbeit an der „Basis“ erfahre, lerne das Unternehmen und seine Menschen dort nicht richtig kennen. Und: „Wer im Einkauf arbeitet, kennt das Herzstück des Unternehmens: die Ware.“

Auf den Einkauf hat sie sich in ihren Anfangsjahren auch aus einem weiteren Grund konzentriert: Erfolg oder Misserfolg der eigenen Aktivitäten ist objektiv messbar. Wird das Möbelstück, das man eingekauft hat, ein Kassenschlager? „An Zahlen möchte ich gemessen werden, an nichts anderem“, sagt Tessner bestimmt. Dann spiele es auch keine so große Rolle, ob sie die Tochter des Inhabers ist oder nicht.

Der Druck, der auf Tessas Schultern lastet, ist trotzdem groß. Ihr Vater hat die deutsche Möbelbranche in den vergangenen Jahren wie kaum ein anderer geprägt und die Konsolidierung aktiv vorangetrieben. Mit 16 Jahren schon holte ihn sein Vater in das familieneigene Möbelhaus Unger, das in den Folgejahren turbulente Zeiten erlebte. Aufgang, Niedergang und Neuaufbau – das alles hat den heute 71-Jährigen nicht umgehauen.

Info

Unter dem Dach der Tessner Holding KG agiert Familie Tessner in unterschiedlichen Branchen. Die Möbelmärkte Roller, tejo Wohnwelten, tejo’s SB Lagerkauf, Möbel Schulenburg und MEDA Küchenfachmärkte bilden die Handelssparte. Weiterhin investiert die Familie in Immobilien, Land- und Forstwirtschaft und in das Beteiligungsgeschäft. Am Saatguthersteller KWS Saat SE hält die Tessner Beteiligungsgesellschaft 15 Prozent. Die Tessner Stiftung engagiert sich vor allem in sozialen und kulturellen Projekten.

Hans-Joachim Tessner hat sich zwar schon vor vielen Jahren aus der operativen Verantwortung zurückgezogen, wirkt aber als graue Eminenz im Hintergrund und arbeitet als Holding-Chef weiter. Nicht im Alltagsgeschäft, aber in strategischen Belangen. Die letzte größere Akquisition erfolgte Anfang 2014. Die Tessner Gruppe erwarb den Möbelpark Sachsenwald bei Hamburg.

Für ihren Vater findet sie bewundernde Worte. Er sei ein Vorbild für sie. „Mein Vater wollte immer von den Besseren lernen, war nie selbstverliebt oder selbstgefällig. ‚Kapieren und kopieren‘, hat er immer gesagt“, erzählt sie und lacht. Er sei viel gereist, seine Neugierde beeindrucke sie auch heute noch. Eine fundamentale Leitlinie von ihm hat sie sich zu eigen gemacht: „Liquidität ist wichtiger als Rentabilität ist wichtiger als Größe.“ Die Eigenkapitalquote sei hoch, eine genaue Angabe macht das Familienunternehmen nicht dazu. Dass ihr Vater sie und ihre Schwester, die vier Kinder hat und in der familieneigenen Stiftung aktiv ist, zu gleichen Teilen an der Holding beteiligt hat, obwohl sie allein die operative Verantwortung trägt, stört sie nicht. „Mein Job hier ist eine Leihgabe. Ich habe keinerlei Ansprüche“, sagt sie.

Steckenpferd Events

Die übergeordneten, strategischen Leitlinien sind nicht Tessas Tagesgeschäft. Ihre Verantwortung liegt woanders. „Wir sind eine neue Generation in der Geschäftsführung“, sagt sie nicht ohne Stolz. „Unsere Kommunikation wird offener und systematischer geführt.“ Regelmäßige Treffen, professionelle Bewertungen und Feedbackgespräche gehören seit ihrem Einzug in die Geschäftsführung dazu. Wirklich leidenschaftlich wird sie, wenn sie von der Planung und Organisation der Klausur- und Strategietage für die Roller-Führungskräfte spricht. Ideen kreieren, Location-Scouting, Programmentwicklung und Eventplanung – das nimmt sie selbst in die Hand. Begeistert zeigt sie auf ihrem iPad den offiziellen Beginn eines Führungskräftetreffens mit bunten, lauten, eindringlichen Showelementen.

Mit noch größerem Zeitengagement und Nervenkitzel verbunden sind im August jedes Jahres die letzten Etappen der alljährlich neuen Marketingkampagne, die Tessa Tessner verantwortet: Im September geht es los, die Werbespots für TV & Co. müssen stehen. „Der Herbst ist für den Möbelhandel kriegsentscheidend. Mit dem Umsatz zwischen Herbst und Winter steht und fällt der Erfolg eines Geschäftsjahres“, erklärt sie, und es ist offensichtlich, dass ihr dieser Nervenkitzel besonders viel Spaß macht.

Ein Leben für das Unternehmen

Aber Spaß ist nicht alles. Führungsfragen nimmt sie ernst, eine Team- und Streitkultur ist ihr wichtig, ebenso ein geschlossener Auftritt der Führungsmannschaft nach außen, um als Vorbild die gesamte Mannschaft mitzunehmen. Sie sucht Rat bei einem Coach. Außerdem ist die Retailbranche hart, der Wettbewerb unter Möbeldiscountern intensiv, die Macht der Pure Player ist zu spüren. Den Roller-Online-Shop gibt es seit 2004. Das Online-Geschäft trägt zwar weniger als 10 Prozent zum Umsatz bei, schreibt aber seit Beginn schwarze Zahlen, beteuert Tessner. Zufrieden scheint sie mit der Entwicklung des E-Commerce. Sorgen bereiten ihr eher die Kunden, die immer anspruchsvoller werden. „Sie wollen alles sofort zum besten Preis.“ Das Multi-Channel- Konzept auf den Kunden von morgen immer wieder anzupassen sei – gemeinsam mit der logistischen Umsetzung – die größte Herausforderung für die Zukunft, sagt sie.

Ein Leben ohne Roller kann sich Tessa Tessner nicht vorstellen. Auch nicht ohne ihren ständigen Wegbegleiter, ihren schwarzen Cocker-Spaniel-Mix Blacky, den sie aus einem Tierheim in Spanien zu sich geholt hat. Viel Raum für das Privatleben bleibt nicht. Das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf treibt die junge Chefin um. Auch die Diskussion über die Frauenquote. Hungrig ist sie – nach Wissen und Erfahrung. Denn auch sie wird wie ihr Vater alles dafür geben, das Unternehmen sicher in die Zukunft zu führen.

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