Deutsche Umwelt- und Sozialstandards auch an ihren Auslandsstandorten einzuführen war für Carl-August Seibel und Jan Klingele nie eine Frage. Dafür nehmen die Familienunternehmer eine aufwendige Lieferantensuche und sperrige Verhandlungen mit örtlichen Behörden in Kauf.

Geht es nach der (nicht mehr so) neuen Bundesregierung, wird Deutschland in den kommenden Jahren eine ökologische Transformation vollziehen, an deren Ende eine hohe Quote regenerativ gewonnener Energien steht. Was für manche Kommunen Neuland ist, verfolgt die Klingele Paper & Packaging Group bereits seit zwei Dekaden. An seinem Firmensitz im baden-württembergischen Remshalden generiert der Hersteller von Papier, Verpackungen aus Wellpappe und Klebstoffen Eigenstrom aus Photovoltaikanlagen, am Standort im ostfriesischen Weener dreht sich ein eigenes Windrad. An manchen der weltweit 29 Auslandsstandorte betreibt das Familienunternehmen Heizkraftwerke auf Basis von Biomasse, Ersatzbrennstoffen und Reststoffen oder ein Wasserkraftwerk, darüber hinaus erzeugt und nutzt es Biogas.

„Seit der Jahrtausendwende arbeiten wir an der Minimierung des Fußabdrucks unseres Unternehmens“, sagt Dr. Jan Klingele, Geschäftsführender Gesellschafter des Familienunternehmens in dritter Generation. Produktseitig war die Nachhaltigkeit schnell maximiert: „Holz ist ein nachwachsender Rohstoff. Außerdem wird unser Papier zu einem sehr hohen Prozentsatz recycelt und ist komplett biologisch abbaubar, sollte es doch einmal in der Natur landen.“ Allerdings bedarf es einer Menge Energie, um den Recycling- und Produktionsprozess aufrechtzuerhalten.

Deswegen unternimmt die Klingele Gruppe große Anstrengungen, um einerseits den Energieverbrauch zu reduzieren und andererseits möglichst nachhaltig und umweltfreundlich Energie bereitzustellen. „Zwar erlauben unsere unterschiedlichen Produktionsprozesse, die lokale Infrastruktur oder politische Situationen in den einzelnen Ländern nicht, dass wir überall gleichartige Lösungen einsetzen. Aber wir haben uns gruppenweite Mindeststandards gesetzt und wollen uns schrittweise einer komplett nachhaltigen und CO₂-freien Produktion nähern.“ Beispielsweise im Senegal, wo Klingele derzeit sein neuntes Wellpappenverarbeitungswerk baut. Im Herbst soll die Produktion anlaufen, teils betrieben durch eine Photovoltaikanlage. In einer Papierfabrik im französischen Straßburg baut Klingele momentan außerdem seine Abwasserreinigungsanlage aus, und im brasilianischen Nova Campina entsteht ein neues hocheffizientes Biomasseheizkraftwerk.

Die hohen ökologischen Standards, die sich die Klingele Group in Deutschland gesetzt hat, auch an allen Auslandsstandorten auszurollen ist für Jan Klingele nur logisch. „Es ist die globalgesellschaftliche Aufgabe der Wirtschaft in diesem Jahrhundert, ihre Auswirkung auf die Umwelt so weit es geht zu reduzieren. Das geht nur überall gleichzeitig.“ Auch die Schaffung stabiler Arbeitsplätze vor Ort gehört für Klingele zu seiner unternehmerischen Verantwortung. „Vor allem in Afrika möchten wir so die Lebensbedingungen verbessern, damit die Menschen dort gern in ihrer Heimat bleiben und keinen wirtschaftlichen Zwang empfinden auszuwandern.“

Auslandsstandorte nicht aus betriebswirtschaftlichen Gründen gegründet

An seinem Standort im kenianischen Ukunda verarbeitet Josef Seibel ausschließlich schadstofffrei hergestelltes Leder, das im Einkauf zwei Euro teurer ist.

An seinem Standort im kenianischen Ukunda verarbeitet Josef Seibel
ausschließlich schadstofffrei hergestelltes Leder, das im Einkauf zwei Euro teurer ist. / Foto: Josef Seibel Schuhfabrik GmbH

Auch Carl-August Seibel exportiert deutsche Umwelt- und Sozialstandards im Zuge seiner Internationalisierung. Der Pfälzer leitet in vierter Generation das Schuhunternehmen Josef Seibel Schuhfabrik GmbH mit Sitz in Hauenstein zwischen Pirmasens und Landau. Für seine Schuhmarken wirbt er offensiv mit „ethisch vertretbaren Produktionstechniken“ und einem „verantwortungsvollen ökologischen Fußabdruck“. Konkret bedeutet das, dass das Unternehmen in seinem deutschen Werk sowie in den Produktionsstätten in Rumänien und Ungarn nur Leder verarbeitet, das ohne chemische Prozesse gegerbt wurde. Beim Aufbau der Lieferkette an der neuen Seibel-Niederlassung in Kenia hatte der Familienunternehmer Schwierigkeiten, diesen Standards treu zu bleiben. „Ein Dreivierteljahr haben wir gesucht und Gespräche geführt, bis wir Lieferanten gefunden haben, die Leder so schadstofffrei herstellen, wie wir es möchten“, berichtet Seibel. In Frage gestellt hat er seinen Anspruch aber nie. Die Kriterien, die sein Unternehmen definiert hat, seien höher als das, was Deutschland und die EU gesetzlich vorschreiben. „Wir möchten bezüglich Schadstofffreiheit keine Kompromisse eingehen. Unsere Grundprinzipien gelten gruppenweit.“

Die kenianischen Betriebe, die Seibel jetzt gefunden hat, haben ihre Lederproduktion für ihn teilweise umgestellt. Das kostet ihn im Einkauf 22 statt 20 Euro pro Quadratmeter Leder. „Das ist okay“, findet er. „Dafür wissen wir, dass keine Schadstoffe die Füße unserer Kunden angreifen.“

Den Standort in Kenia hat Seibel nicht aus betriebswirtschaftlichen Gründen gewählt. Vielmehr entstand die Niederlassung in Ukunda nahe der kenianischen Küste durch einen Zufall. Ein privater Freund von Seibel lebt seit 20 Jahren in Mombasa und betreibt mit seiner Frau dort sechs Privatschulen. Eine von ihnen hat Carl-August Seibel aus seinem Privatvermögen mitfinanziert. Als er wieder einmal zu Besuch bei seinem Freund war, überlegten sie gemeinsam – „abends, nach zwei Flaschen Wein“ –, welche beruflichen Perspektiven die Kinder vor Ort hätten, wenn sie mit der Schule fertig seien. „Viele Kenianer verlassen ihre Heimat, weil sie keine Arbeitsplätze finden, die ihre Lebensgrundlage sichern“, sagt Seibel. „Ich schlug daher vor, eine kleine Schusterwerkstatt vor Ort einzurichten, wo wir unser Handwerk weitergeben, das wir seit 136 Jahren betreiben.“ Aus dieser Idee entstand nach und nach die Josef Seibel Africa Limited.

Förderung vom Bund

In den vergangenen Jahren hat die deutsche Bundesregierung vielfach versucht, Unternehmen zu Investitionen in Entwicklungsländern zu motivieren, um Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen. Eine langfristige Bekämpfung von Fluchtursachen sei nur möglich, wenn Menschen in ihrer Heimat stabile Perspektiven vorfänden, mahnte der ehemalige Entwicklungsminister Gerd Müller. Über die Förderbank KfW – genauer: deren Tochtergesellschaft DEG – finanziert und fördert der deutsche Staat daher Unternehmen wie Seibel und Klingele beim Aufbau ihrer Niederlassungen in Entwicklungsländern. Voraussetzung dafür: die Schaffung nachhaltiger Strukturen sowie die Beschäftigung und Ausbildung lokaler Fachkräfte.

Im brasilianischen Nova Campina versorgt ein Wasserkraftwerk das Papierwerk von Klingele mit Energie.

Im brasilianischen Nova Campina versorgt ein Wasserkraftwerk das
Papierwerk von Klingele mit Energie. / Foto: Klingele Paper & Packaging Group

„Indem die Unternehmen hohe Sozial- und Umweltstandards in die Investitionsländer tragen, stoßen sie einen Bewusstseinswandel an: hin zu professionellen Wirtschaftsstrukturen und ESG-Standards“, erklärt Manuela Marques, Leiterin des Bereichs Customer Solutions bei der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG), der unter anderem die Beratungs- und Förderangebote der DEG koordiniert. Teilweise vergibt oder verleiht die DEG eigene Gelder, teilweise reicht sie Gelder des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) an Unternehmen weiter. Ausfälle gibt es trotz des vermeintlich hohen Risikos in den Förderländern kaum.

Für den Aufbau von Ausbildungsstätten etwa stellt die DEG Zuschüsse von bis zu 2 Millionen Euro bereit, maximal die Hälfte der Projektkosten. 200.000 Euro hat Carl-August Seibel für sein Unternehmen in Anspruch genommen. „Ich habe von Anfang an gesagt, wenn ihr es nicht finanziert, baue ich meine Lehrwerkstatt trotzdem“, berichtet er aus seinen Verhandlungen mit der Förderbank. Als die DEG ihm den Zuschuss gewährte, freute er sich. „So eine staatliche Institution im Rücken ist im Ausland schon hilfreich.“

Aus der angedachten Schusterwerkstatt wurde mit DEG-Geldern ein professionelles Ausbildungszentrum. In Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer Pirmasens und der Auslandshandelskammer in Nairobi richtete Seibel einen 18-monatigen dualen Ausbildungsgang zum Schuhfertiger ein, der dieselben Lehrinhalte wie in Deutschland vermittelt. Nach Abschluss des Lehrgangs erhalten die Auszubildenden ein kenianisches Zertifikat nach deutschem Vorbild, können sich damit also international bewerben. „Trotzdem ist das Ziel natürlich, vor Ort zu bleiben, um die unternehmerischen Strukturen hier zu stärken und Know-how dauerhaft zu transferieren“, betont Seibel.

Konsequenter Arbeitsschutz

Jan Klingele hat DEG-Unterstützung in Form einer Finanzierung für sein Werk im Senegal genutzt. Sie wurde im Rahmen des „Africa Connect“-Programms vergeben, das speziell deutsche und europäische Unternehmen finanziert, die qualifizierte Arbeitsplätze auf dem afrikanischen Kontinent schaffen. Die DEG tritt immer als Kofinanzier auf, steuert bei eigenen Finanzierungen höchstens die Hälfte einer Investitionssumme bei, im Rahmen von „Africa Connect“ auch mehr. Den Rest steuerte Klingele als Eigenkapital für die senegalesische Neugründung bei. „Der Vorteil für uns war, dass die DEG die Finanzierung auf die senegalesische Tochter abstellt und keine Sicherheiten der deutschen Mutter braucht. Normale Privatbanken machen das nicht“, sagt Klingele. „Wir können die lokalen Unternehmen nur direkt finanzieren, wenn das deutsche Mutterunternehmen gesund ist und schon ein solides Auslandsgeschäft betreibt“, gibt Marques zu bedenken. Von Unternehmen wie Klingele hätte sie gern noch mehr im Kundenkreis. „Sie investieren mit Augenmaß und übernehmen auch Verantwortung für Strukturen jenseits des eigenen Werkstors.“

So fordert Klingele bei seinen lokalen Standorten konsequenten Arbeitsschutz und hohe Sozialstandards ein. „Alles muss sauber sein, das war immer schon unser Ansatz“, betont Klingele. Gravierende Probleme, lokale Führungskräfte zu finden, die das mittragen, hatte er selten: „Manche deutschen Unternehmer denken, dass wir die Nachhaltigkeit erfunden haben. Das ärgert mich. Auch anderswo gibt es viele Menschen, die sich um unseren Planeten sorgen und andere nicht ausbeuten wollen.“ Generell überwiegen die unternehmerischen Chancen die Risiken in Entwicklungsländern, sind sich die Unternehmer einig. „Wir haben ein Faible dafür, in Märkte zu gehen, die schwierig sind. Dort haben wir weniger lokale Konkurrenz und können größere Chancen für uns nutzen. In Kuba beispielsweise haben wir die Wellpappenindustrie gewaltig nach vorn gebracht – solche Erfolge freuen mich richtig“, findet Jan Klingele.

„Ich kann die Expansion in Entwicklungsmärkte nur empfehlen“, sagt auch Carl-August Seibel. „Gerade in Ostafrika gibt es so viele hochmotivierte junge Leute. Im Bereich IT sind sie auch topausgebildet und mindestens auf deutschem Niveau. Das ist eine hervorragende Basis, um sich unternehmerisch zu betätigen.“ Und die eigenen Sozial- und Umweltstandards müssten da überhaupt nicht aufgeweicht werden.

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