Ist der Familienbesitz immer die verantwortungsvollste Eigentumsform für ein Unternehmen? Anton Seeber glaubt das nicht. Als Chef der milliardenschweren Südtiroler HTI Group, zu der der Seilbahnbauer Leitner AG gehört, ist Seeber Vertreter der zweiten Generation und hat seine eigenen Vorstellungen zu Familienunternehmen und Verantwortung.

„Wir sehen uns nicht als Familienunternehmen.“ – Schon einer der ersten Sätze im Gespräch mit Anton Seeber hat es in sich. Seeber ist Vorstandsvorsitzender der Unternehmensgruppe High Technology Industries (HTI Group), deren bekannteste Marke der Seilbahnbauer Leitner AG ist. Sein Vater Michael ist seit den späten neunziger Jahren Mehrheitsaktionär bei der Leitner AG und hat aus der strauchelnden Südtiroler Firma eine internationale, diversifizierte Firmengruppe gemacht. Seit 2016 ist Anton Seeber Chef der Gruppe, die unter seiner Leitung zuletzt das Rekordergebnis von 1,05 Milliarden Euro schrieb. Damit ist Seeber Familienunternehmer in zweiter Generation, für ihn selbst spielt das aber offenbar keine Rolle. Woher kommt sein Selbstverständnis? Eine Annäherung in drei Schritten.

Kaufen und Verkaufen

Michael Seeber wird 1948 in der kleinen Stadt Sterzing in Südtirol wenige Kilometer südlich des Brenners geboren. Sein Vater, einer der wenigen Anwälte am Ort, stirbt, als der Sohn gerade im Abitur steckt. Zunächst studiert er Jura in Wien, in Erwartung, die väterliche Kanzlei fortsetzen zu können. Doch viel mehr reizt ihn das Geschäftemachen. Wo er eine Chance wittert, scheut Seeber nicht die Investition. Schon als Student kauft er in seiner Südtiroler Heimat günstig Antiquitäten, lädt sein Auto voll und verfrachtet sie nach Wien, um sie dort gewinnbringend zu verkaufen. 1973 – das Jahr, in dem auch sein Sohn Anton geboren wird – schließt Michael
Seeber einen Deal mit einem Bekannten, der Baugrund im Zentrum von Sterzing besitzt: Seeber will dort auf eigene Kosten bauen und dafür einen Teil der späteren Immobilie bekommen. So wird er mit 24 Jahren Vater und Bauunternehmer. Der Deal legt die Basis für ein rasantes Wachstum: Seeber baut, kauft und verkauft Immobilien in Südtirol, München, Leipzig, Wien. Innerhalb von 20 Jahren erreicht er ein Umsatzvolumen von 200 Millionen Euro.

Die Leitner AG baut für den Nahverkehr in Mexiko-Stadt den „Cablebús 2 “: Über knapp 11 Kilometer sollen täglich 50.000 Menschen transportiert werden.

Foto: Leitner AG

1993 sieht Seeber mal wieder eine Chance: Die Sterzinger Firma Leitner AG, die unter anderem Seilbahnen baut, steht kurz vor der Pleite. Seeber kauft zwei der drei Leitner-Brüder, denen die Firma in dritter Generation gehört, ihre Anteile ab. Er internationalisiert und diversifiziert, kauft Firmen in Italien, Frankreich, Österreich, Kanada und den USA, darunter auch Hersteller von Beschneiungsanlagen und Pistenfahrzeugen (siehe Kasten).

Wie schon bei seinen Immobilienprojekten gilt auch für Seebers Rolle als Firmeneigentümer: Das Unternehmen ist nicht untrennbar mit ihm oder der Familie verbunden. Er hat es gekauft, weiterentwickelt – und könnte es auch wieder verkaufen. Entsprechend ergebnisoffen stellt er seinem Sohn Anton 2004 die Frage, ob er sich den Einstieg in das Familienunternehmen vorstellen könne. Dieser hat in der Zwischenzeit seine eigenen Erfahrungen mit dem Thema Kaufen und Verkaufen gemacht. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Bocconi in Mailand bekommt er ein Jobangebot aus den USA: Er geht zur Private-Equity-Firma Graham Partners nach Philadelphia und stürzt sich, umgeben von ehemaligen Goldman-Sachs-Leuten, ins Leveraged-Buy-out-Geschäft.

Man könnte meinen, Kaufen und Verkaufen verbinden Vater und Sohn. So richtig hat Michael Seeber allerdings kein Verständnis für das, was sein Sohn da in Übersee tut. „Die Arbeit ‚in der Finanz‘, wie er es nannte, war für meinen Vater vor allem eins: Papier verschieben“, sagt Anton Seeber. Dass er eines Tages ins Familienunternehmen eintreten würde, sei alles andere als selbstverständlich gewesen.

Im Gegenteil: In den USA baut er sich eine Karriere in einem völlig anderen Bereich auf, heiratet, seine erste Tochter wird geboren. So kommt es einigermaßen überraschend, als der Vater ihn 2004 fragt, ob er seine Nachfolge antreten wolle: „Wenn du nicht mehr zurückkommen willst, müssen wir eine andere Lösung finden. Wir können auch verkaufen.“

Berg und Stadt

Seine Zeit in den USA ist für Anton Seeber eine bewusste Grenzerfahrung. Schuld ist der Berg. Kurz vor seinem Abschluss an der Bocconi hat er einen schweren Unfall am Berg, Schädelverletzung, 15 Tage Koma. „Ich musste mich wieder richtig zusammenraufen“, sagt Seeber heute schlicht. Konkret bedeutet das zum Beispiel auch: wieder laufen lernen. Als die Ärzte dem Vater sagen, dass sein Sohn von nun an nicht mehr so belastbar sei, fasst Anton Seeber das als Kampfansage auf: „Wollen wir mal schauen, wer Recht hat: sie oder ich.“ Er kämpft sich zurück, beginnt systematisch seine Grenzen auszuloten. Seine Entscheidung, in die Ostküstenmetropole Philadelphia zu gehen und sich in der Private-Equity-Mühle zu beweisen, ist eine direkte Folge dieser Zeit. „Damals war die 100-Stunden-Woche in der Branche noch allerseits akzeptiert“, sagt er. „Mein Vater sagte immer: Du brauchst das nicht zu machen. Aber ich habe genau so etwas gesucht, um zu sehen, wie weit ich es treiben kann.“

Info

1888 gründete der Mechaniker Gabriel Leitner in Sterzing, Südtirol, eine Werkstatt für Landmaschinen, Materialseilbahnen und Wasserturbinen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Seilbahnsysteme für den Personentransport hinzu. In den siebziger Jahren wurde unter der dritten Leitner-Generation die Produktion von Landmaschinen auf Pistenfahrzeuge umgestellt. Die wirklich großen Entwicklungsschritte folgten, nachdem der familienexterne Bauunternehmer Michael Seeber 1993 eine Zweidrittelmehrheit am Unternehmen übernahm. Zu diesem Zeitpunkt erwirtschaftete die Firma rund 25 Millionen Euro Umsatz und beschäftigte 250 Mitarbeiter. Seeber stieß eine Reihe von Zukäufen und Fusionen an, darunter im Jahr 2000 die Übernahme des französischen Seilbahnherstellers POMA und im gleichen Jahr die des Pisten- und Kettenfahrzeugherstellers Prinoth. Zudem erweiterte Seeber mit der Gründung des Windkraftunternehmen Leitwind das Geschäftsfeld der Gruppe über die Wintersporttechnologien hinaus. 2016 übernahm Michael Seebers Sohn Anton, der bereits seit 2004 für das Unternehmen tätig ist, die Führung der Gruppe. 2019 erwirtschaftete sie mit 70 Tochtergesellschaften sowie 131 Verkaufs- und Servicestellen einen Umsatz von 1,05 Milliarden Euro, weltweit beschäftigt sie mehr als 3.800 Mitarbeiter.

Wieder eine Wendung, wieder der Berg: 2004 hat der Vater einen Skiunfall, ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und ist über Wochen auf einem Auge vollständig erblindet. Der Unfall gibt dem Vater den eigentlichen Impuls dafür, mit dem Sohn über eine mögliche Rückkehr ins Familienunternehmen zu sprechen. Seeber erwägt die Option, nach Jahren in der Private-Equity-Branche reizt ihn die neue Aufgabe. „Ich habe in der Finanz auch viel gelernt, was ich im Leben nicht machen will: Es kann nicht nur um ständiges Wachstum von Umsatz und Gewinn und Börsenwerte gehen“, sagt er.

Parallel zu seiner Tätigkeit bei Graham Partners wird er 2004 Vorsitzender der US-Tochter der Unternehmensgruppe HTI, Leitner-Poma of America; 2005 kommen weitere Funktionen in der Gruppe dazu. 2006 kehrt er mit seiner Familie zurück nach Sterzing und übernimmt zunächst die Geschäftsführung von Leitwind, einem Windkraftunternehmen, das der Vater kurz zuvor als Teil der Gruppe gegründet hat. Für seine Tätigkeit im Unternehmen einigt sich Anton Seeber mit seinem Vater auf eine Bedingung: „Das Unternehmen ist wie ein Bus mit 3.800 Familien an Bord, der eine Passstraße hochfährt“, sagt er. „Du kannst neben mir sitzen und mir Ratschläge geben, aber du greifst mir nicht ins Lenkrad, sonst fahren wir die Böschung runter.“ Ein Bild, auf das sich beide Generationen offenbar gut verständigen können.

Den Blick nach oben gerichtet: Anton Seeber

Foto: Leitner AG

Seinen am Berg gestählten Kampfgeist wird Anton Seeber auch in Zukunft brauchen. Die großen Seilbahnprojekte sind hart umkämpft, seit Jahren jagen sich Leitner und der etwas kleinere österreichische Konkurrent Doppelmayr/Garaventa gegenseitig die Ausschreibungen ab. Zudem ändert sich das klassische Einsatzfeld für Seilbahnen immer stärker. Urbane Verkehrslösungen lautet das Stichwort. Gerade wird in Mexiko-Stadt eine insgesamt knapp 11 Kilometer lange Anlage der Leitner AG gebaut, die Pendlern aus einem sozial benachteiligten Stadtteil eine bessere und vor allem sichere Verbindung zu den U-Bahn-Stationen bietet. In diesem Sommer soll eine Anlage im indischen Dharamsala in Betrieb gehen, die täglich Tausende Pilger und Touristen zur dortigen Residenz des Dalai Lama bringen wird.

Mit der neuen Perspektive gehen auch neue Herausforderungen einher. „Unsere Techniker sind es gewohnt, mit dem Helikopter nachts bei Schnee eine Stütze auf 3.000 Meter zu fliegen“, sagt Seeber. Das sei jedoch nichts verglichen mit dem Papierkrieg, den man für ein städtisches Projekt bewältigen müsse. Das gelte besonders in Europa, wo das französische Tochterunternehmen Poma gerade in Toulouse eine Anlage baut, die komplett in das öffentliche Nahverkehrsnetz eingebunden werden soll. Zudem schwankt aufgrund der Größe und der Frequenz der zumeist öffentlichen Projekte auch ihr Anteil am Umsatz der Unternehmensgruppe. „Das können bis zu 60 Prozent sein“, sagt Seeber. „Wenn es gut läuft.“ Zugleich wird es in den heimischen Märkten enger, die Schneesicherheit sinkt, der Skitourismus wackelt.

Zur fortschreitenden Internationalisierung gibt es keine Alternative, das ist Seeber klar. Schon heute liegt die Exportquote der gesamten Gruppe bei 90 Prozent. Dennoch fühlt er sich den Wurzeln des Seilbahnherstellers verpflichtet. „Auch in Europa sind Seilbahnen ein soziales Thema“, sagt er. „Ohne Perspektive wären unsere Täler vor 30, 40 Jahren ausgestorben, die Menschen wären in die Stadt abgewandert.“ Offenbar war das Teil seiner Motivation, sich doch für das Familienunternehmen zu entscheiden: Am Berg werden Schicksale geschrieben, von Sterzing bis Mexiko-Stadt. Auch mit Leitner-Seilbahnen.

Kant und das Geschäft

Wenn es nach Anton Seeber gegangen wäre, hätte er nach dem Abitur Literaturwissenschaft und Philosophie studiert. Wäre nicht bei der Leitner AG beziehungsweise der HTI Group gelandet. Schon als Jugendlicher begeistert er sich für Immanuel Kant. Sein Vater Michael überzeugt ihn davon, das nicht zu tun: „Er sagte zu mir: Sohn, schau, kannst du Bücher essen?“ Vater Michael Seeber ist selbst ein glühender Fan und Sammler des Karikaturisten Eduard Thöny. Seit seinem Ruhestand 2018 hat er bereits mehrere Ausstellungen kuratiert. Es ist ihm ernst mit der Sache – aber eben nicht als Broterwerb. Entsprechend wichtig ist es ihm, dass sein Sohn etwas Solides lernt. Glücklicherweise interessiert sich Anton Seeber durchaus auch fürs Geschäft. Schon als Junge habe ihn die Tätigkeit seines Vaters interessiert, sagt er. „Wann immer ich die Möglichkeit hatte, habe ich mich davongestohlen und begonnen, in seinen Papieren zu lesen. Verträge, Geschäftsbriefe – das war für mich wie ein Schachspiel, wie friedliche Kriegsführung.“

Bis heute ist Kant sein Lieblingsphilosoph. „Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“ – dieses Zitat aus Kants „Kritik der praktischen Vernunft“ ist Seebers Leitsatz, aus dem er konkrete Handlungsleitlinien ableitet. Dazu gehört vor allem: ein hohes Maß an intrinsischem Verantwortungsbewusstsein. Es liegt Anton Seeber fern zu jammern – „dann wäre ich in diesem Job auch falsch“. Dennoch ist ihm die Verantwortung für die Menschen, die von seinen Entscheidungen abhängen, überdeutlich bewusst. Da ist er wieder, der Bus mit den 3.800 Familie. Eine Last, die ihm manchmal auch schlaflose Nächte bereitet, wie er offen zugibt: „Man darf keine allzu große Fehlentscheidung treffen.“

Die moralische Verantwortung des Einzelnen gegenüber dem Ganzen bildet für ihn auch die Grundlage dafür, die internationalisierte, dezentrale Organisations- und Entscheidungsstruktur weiterzuentwickeln, für die sein Vater die Grundlagen geschaffen hat. Ein Kurs, der ihm zu Beginn seiner Zeit bei Leitner auch Unverständnis aus den eigenen Reihen eingebracht hat. „Als ich den Plan fasste, bei unseren Anlagen vor Ort kleine Wartungsteams aufzubauen, hat der Personalchef gefragt, ob ich verrückt bin. Heute haben wir Wartungsteams in der ganzen Welt. Wir können nicht die Seilbahn auf Roosevelt Island in New York von Sterzing aus warten“, sagt er schlicht.

Auch sein Selbstverständnis als Gesellschafter speist sich aus dem Kant’schen Geist. „Das Verhältnis der Unternehmerfamilie zum Unternehmen ist für mich keine rechtliche, sondern eine moralische Frage“, sagt er. „Wir sehen uns nicht als Familienunternehmen, es geht nicht um uns. Das Einzige, was zählt, ist das Interesse des Unternehmens. Deshalb zahlen wir auch keine Dividende aus, es fließt alles zurück in die Gruppe.“ Diesen Standpunkt teile er mit Martin Leitner, der zur nach wie vor zu einem Drittel beteiligten Gründerfamilie gehört und bei Leitner Vertrieb und Technik verantwortet. Wie für seinen Vater sind Familie und Unternehmen für Anton Seeber nicht untrennbar miteinander verbunden. „Es geht nicht um einzelne Personen, sondern darum, Optionen abzuwägen, die den langfristigen Erfolg des Unternehmens erlauben. Das könnte auch ein Börsengang sein, eine Fusion oder der Verkauf.“

Aktuelle Beiträge

So sichern Unternehmer­familien ihr Vermögen
Whitepaper sichern »
Whitepaper sichern »
So sichern Unternehmer­familien ihr Vermögen