Herbert Geiss führt den Kostümhändler Deiters in vierter Generation. Nun herrscht Pandemie, keiner feiert, niemand kauft Kostüme. Das Jubiläumsjahr bedeutet für das 1921 gegründete Unternehmen Bangen statt Party.

„Hoffentlich werden wir bald wieder schunkeln“, beendet Herbert Geiss das Interview zu seiner Unternehmensstrategie. Am Schunkeln hängt im übertragenen Sinne sein unternehmerischer Erfolg. Wenn die Jecken am Rosenmontag bundesweit wild verkleidet die Kneipen stürmen, dann ist das Geschäftsjahr der Deiters GmbH mit Sitz in Frechen bei Köln normalerweise bald zu Ende. Am 31. März schließt das Unternehmen seine Bilanz. Aus naheliegenden Gründen. Der Kostümhandel vor und in der Karnevalszeit macht zwischen 65 und 75 Prozent des Jahresumsatzes des Konstümhändlers aus. Wenn die fünfte Jahreszeit auskatert, dann sind die Lager bei Deiters üblicherweise leer und es heißt: durchatmen.

Früher war das nur an einer Stelle der Fall, als Deiters lediglich eine Filiale hatte. Seitdem Herbert Geiss als vierte Generation in das Unternehmen einstieg, sind 30 Standorte in ganz Deutschland dazugekommen. Im vergangenen Jahr hätten noch mehr eröffnet werden sollen. Auch das Ausland hatte Geiss im Blick. Dann kam SARS-CoV-2 um die Welt und schob dem ausgelassenen, verkleideten Treiben in der fünften Jahreszeit erbarmungslos einen Riegel vor.

Jetzt sind die Lager voll – und werden es erstmal bleiben. „Ich habe im Frühjahr und Sommer 2020 ganz normalen Einkauf gemacht. Ich hatte wirklich nicht damit gerechnet, dass wir uns so lange mit dem Virus rumschlagen werden“, sagt Geiss. Wenn das Geschäftsjahr endet, wird es das schlimmste sein, seitdem er Eigentümer ist. 80 Prozent Umsatzverlust muss der 38-Jährige hinnehmen. Die Saison 2019/20 habe zum Glück noch komplett stattfinden können, sagt Geiss. Damals kannte der Großteil der Deutschen das Virus nur aus den Nachrichten und nicht aus dem persönlichen Alltag.

Von Torten, Blumen und Schaustellern

Jetzt arbeitet der Geschäftsführer unter völlig veränderten Bedingungen. Dabei hätte 2021 das Jahr der Party werden sollen. Das Unternehmen, das in normalen Zeiten einen Umsatz im mittleren zweistelligen Millionenbereich macht, wollte groß Geburtstag feiern. Was hätte Joseph Deiters im Jahr der Gründung 1921 wohl gesagt, wenn man ihm geschildert hätte, mit welchen Herausforderungen sein Unternehmen in 100 Jahren zu kämpfen haben und mit welchen Produkten Deiters in Zukunft erfolgreich sein wird?

Deiters war vor 100 Jahren noch nicht auf Kostüme spezialisiert. Das Unternehmen verkaufte Verzierungen für Torten, Trostpreise für Jahrmärkte, und Kaufmann Joseph Deiters, der Urgroßvater von Herbert Geiss, war ein früher Verfechter der künstlichen Knopfblume aus Plastik. Über dieses Sammelsurium an Produkten entwickelte sich Deiters hin zu einem Händler für die Schaustellerei. Nach Josephs Tod ging das Unternehmen in die Hände seiner Tochter Magdalena, die Fritz Geiss heiratete. Der Name des Unternehmens blieb trotz Heirat dem des Gründers treu.

Herbert Geiss ist stolz auf seinen Großvater Fritz, der das Unternehmen nach dem Krieg aus Trümmern wieder aufbaute – Mitarbeitern Unterkunft, Lohn und Brot garantierte. Unter der Riege der dritten Generation in persona von Herberts Vater Herbert Joseph Geiss und dessen Bruder Reinhold Geiss entwickelte sich Deiters schließlich zu einem etablierten Lieferanten für Schausteller und deren Bedarf. Eine einzige Filiale hatte das Unternehmen. Mehr war da nicht. „Die beiden haben Deiters nicht weiter konzipiert“, sagt Herbert Geiss und fügt hinzu: „Mein Onkel wollte eigentlich nur bis 50 arbeiten, fand keinen Nachfolger und hatte schließlich mit 60 überhaupt keine Lust mehr.“

Familienstreit, Privatfernsehen, Basel II

Zu diesem Zeitpunkt war Herberts Vater schon lange nicht mehr an Bord. Er hatte sich knapp 15 Jahre zuvor mit seinem Bruder überworfen und Deiters den Rücken gekehrt. Sehr verschieden seien die Brüder gewesen, sagt Herbert Geiss. Sein Vater war Vertriebler durch und durch. „Einer mit der sozialen Komponente, der ein Gespür für Mitarbeiter und Kunden hatte, und mit dem Herzen.“ Reinhold Geiss war hingegen Innovator und einer, der vom Produkt her dachte.

Die Söhne seines Onkels Reinhold konnten sich nicht für den Schausteller-Karnevals-Laden begeistern. Herberts Cousin Robert Geiss – 20 Jahre älter und bekannt durch Sendeformate der privaten TV-Sender – ging zwar ebenfalls dem Unternehmertum in der Textilbranche nach. Er hatte aber einen anderen Markt im Blick. Zusammen mit seinem

Kostümhandel pur: Herbert Geiss mit einem Schal der Karneval-Saison 2021

Foto: Deiters

Bruder Michael baute er in den achtziger Jahren die Modemarke für Bodybuilder Uncle Sam auf und verkaufte seine Anteile 1995. Kontakt zu den beiden Cousins pflegt Herbert Geiss nicht, wie er sagt.

Mit dieser Konstellation blieb er als einziger Vertreter der vierten Generation übrig. Als sich sein Onkel endgültig dazu entschied, die Reißleine zu ziehen, war Herbert Anfang 20 und noch in der Ausbildung – bei Deiters. Nach seinem Realschulabschluss brach er das Wirtschaftsgymnasium ab, um im Familienunternehmen eine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann zu machen. „Ich war schon im Teenageralter sicher, dass ich bei Deiters einsteigen werde. Das hatte ich immer als Plan im Kopf “, sagt der Nachfolger. Herbert Geiss war und ist keiner für halbe Sachen: 2003 kaufte er alle Anteile des anderen Familienstamms. „Solch einen Anteilserwerb würde heute keine Bank einem 20-Jährigen finanzieren“, blickt Herbert Geis zurück, lacht und schiebt hinterher: „Basel II.“

Ob der junge Herbert Geiss als Nachfolger bei Deiters die richtige Wahl war, das Unternehmen mit Fremdkapital der Banken zu kaufen? Fraglich. Was sicher war: Er übernahm ein kerngesundes Geschäft. „Deiters war solide, aber Wachstum stand nicht auf der Agenda.“

Das ändert sich. Der neue Chef, der Meetings auf den Nachmittag und in den Abend schieben muss, weil er noch in der Berufsschule ist, bricht mit den Traditionen der Generationen. Er will weg vom Verkauf für Schausteller, die für ihn in ihrer Zahlungskraft und Zahlungsmoral nicht zuverlässig genug gewesen seien. Geiss beschließt, Einzelhändler zu werden. Die Erklärung formuliert er einfach: „Der Endkunde kommt ins Geschäft, zahlt – und damit hat sich’s.“ Unter diesem Aspekt eröffnet er in Köln – wo auch sonst – die erste Zweigstelle, in der er sich auf den Verkauf von Kostümen fokussiert. Verkleidungen und Accessoires, sonst nichts.

Diese Veränderung des Geschäftsmodells gefällt niemandem. Dem Vater wie auch den meisten Mitarbeitern sind die Pläne des jungen Nachfolgers nicht geheuer. Der Junior sagt dazu: „Ich hatte bei der Entscheidung nur Gegner.“ Der Plan geht trotz aller Unkenrufe auf. Und dieser Erfolg liefert dem Nachfolger eben jene Argumente, die er für sein auf Wachstum getrimmtes Zukunftsszenario braucht. Nur noch Kostümverkauf und das das ganze Jahr. Denn nicht nur an Karneval tut Verkleidung Not. Oktoberfest, Halloween, Motto-Partys, Silvester – alles Ereignisse, zu denen man sich verkleiden kann, sagt Geiss.

In den folgenden Jahren poppen Deiters-Filialen im gesamten Rheinland auf. Der Unternehmer wagt sich dann in karnevalsfremde Gebiete der Republik wie Berlin oder nach Süddeutschland, wo Kunden in Stuttgart, Ulm und Viernheim bei Mannheim in Deiters-Läden in Parallelwelten eintauchen können.

Das ist für Geiss ein Erfolgsrezept: Shopping als Erlebnis. Damit will er sich gegen die Konkurrenten behaupten, die zeitweise nur für die Karnevalszeit öffnen oder nur dann Verkleidungen im Sortiment führen. Die Mitarbeiter von Deiters hingegen verkörpern selbst, wofür ihr Arbeitgeber steht: Viele sind während ihrer Arbeit selbst verkleidet. Dazu veranstaltet das Unternehmen eigene Events in der Hauptfiliale – Livemusik, Kinderschminken, Walking Acts und mehr. Kölner Karnevalbands geben sich in dem 2012 eröffneten, selbst ernannten „Größten Karnevalskaufhaus der Welt“ in Frechen die Klinke beziehungsweise die Pappnase in die Hand. „Ein Kostüm zu kaufen ist definitiv etwas anderes, als eine Jeans oder eine Bluse zu kaufen. Viele Kunden kommen in ganzen Gruppen mit Freundinnen oder Freunden. Manchmal auch die ganze Familie“, erklärt der Geschäftsführer das Konzept.

Bleibt die Konkurrenz aus dem Netz. Wie geht Herbert Geiss damit um? Massenhaft Auswahl anzubieten sei hier das A und O, sagt er. Das Angebot in seinen Läden müsse so riesig sein, dass es mit den Händlern im Netz mithalten könne. Die Flagship-Filiale in Frechen bietet auf 5.000 Quadratmetern knapp 20.000 verschiedene Artikel und über 2.000 unterschiedliche Kostüme an. Um einen eigenen Online-Shop kommt Deiters nicht herum, denn „trotz allen Angeboten zum Erlebniseinkauf kann man einige Menschen nicht vom Sofa wegbewegen“. Den Online-Auftritt von Jahr zu Jahr zu professionalisieren sei das Ziel, sagt der Chef und versichert, dass der Shop im Netz an Bedeutung gewinne und der steigende Umsatz dort nicht dazu führe, in den Filialen Umsatz zu verlieren.

Vater fehlt als Rückhalt

Nun ist Pandemie. Die Deiters-Läden waren zwar zeitweise im Herbst 2020 geöffnet, aber da musste die Kundschaft schon ziemlich jeck sein, wenn sie Kostüme kauft, ohne dass Karneval stattfindet. Die Expansion, bei der das Unternehmen auch Märkte im Ausland im Blick hatte, ist jäh zum Halten gekommen. In solchen Krisenzeiten vermisse er seinen 2015 verstorbenen Vater, sagt der Junior mit belegter Stimme ins Telefon. Einer, der das Unternehmen durch und durch kennt. Einer, der selbst weiß, wie sich eine Krise anfühlt. Vor allem, wenn man in dieser Krise als Eigentümer noch tiefer drinsteckt und auch Verantwortung für Mitarbeiter schultert.

„Bei uns sind nicht alle lohntechnisch Raketen-Wissenschaftler, sondern viele davon im einfachen Verkauf angestellt. Die müssen wir mit Kurzarbeitergeld und dessen Auffüllung über die Runden bringen“, spricht Geiss über seine Verantwortung für die 700 Mitarbeiter, die es in der Spitze sind. Knapp 400 saisonale Arbeitskräfte sind normalerweise nötig, um die Karnevalszeit zu stemmen.

Geiss ist froh, dass er mit seinem Geschäftsführer Björn Lindert und zwei langjährigen Mitarbeitern Personen im Betrieb hat, die schon viel Wasser den Rhein runterlaufen gesehen haben. Die drei könnten zwar den Rat des Vaters, mit dem er sich auch mal gefetzt habe, nicht vollends ersetzen, kämen dem aber mit ihrer Erfahrung sehr nahe, sagt Herbert Geiss. Den fern vom Unternehmen für ihn wichtigen emotionalen Rückhalt bekommt er indes von seiner Frau, sagt der Rheinländer. Rocsana Geiss arbeitet zudem am gleichen Schreibtisch wie Herbert. Sie ist Designerin für Deiters.

Impfen, KfW, soziale Projekte

Wird das Unternehmen auch in Zukunft neue Kostümideen brauchen und umsetzen? Grundvoraussetzung sei dafür vor allem eins, sagt der Chef: „Impfen, impfen, impfen.“ Einen Seitenhieb gegen die Beschaffungsstrategie der hiesigen Volksvertreter lässt sich Geiss bei diesem Thema nicht verbieten. „Ich hätte besser eingekauft als unsere Regierung und die Europäische Union“, sagt er selbstbewusst.

Auch das Wirrwarr um die Wirtschaftshilfen beäugt er kritisch. Geiss schaut, wie er sagt, wöchentlich auf neue FAQs der Regierungshilfen, kann unter solchen Voraussetzungen monetär nicht richtig planen. Der Unternehmer appelliert an Politik und speziell an das Wirtschaftsministerium: „Bisher sind die Wirtschaftshilfen ein Desaster. Wir sind 100 Jahre am Markt, stolzer Steuerzahler und Arbeitgeber. Das wollen wir auch bleiben. Wir sind die, die man adäquat unterstützen sollte. Es ist ein trauriges Geburtstagsjahr.“

Geiss wäre aber nicht Rheinländer, wenn er nicht positiv in die Zukunft blicken würde. Es werde eine Marktbereinigung geben und die Position seines Unternehmens gestärkt werden. Zudem wird der Nachholbedarf der Feiernden groß sein, hofft Geiss und sieht Schunkeln am Ende des Tunnels. Vielleicht im letzten Quartal 2021. Und falls die Jecken am 11.11. wieder verkleidet feiern dürfen, dann wäre das zumindest ein versöhnlicher Abschluss des 100. Geburtstagsjahres von Deiters. In diesem Sinne: Happy Birthday und Alaaf!

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