Warum Burkhard Breuer Proinnovera verkauft hat

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Dr. Burkhard Breuer ist Gründer, Investor und Unternehmer. Aber ihn in diesen Rollen als konventionell zu beschreiben, wird ihm nicht gerecht. Seinen Doktortitel hält er weder in Betriebswirtschaftslehre noch in Management, sondern im Fach Biologie. Wenn er mit Metaphern und Sprachbildern argumentiert, kommen die oft aus der Wissenschaft oder anderen Lebensbereichen; nur sehr, sehr selten greift er bei seiner Wortwahl auf Begriffe aus dem Bereich Unternehmen und Wirtschaft zurück.

Der radikale Weg von Burkhard Breuer

Dennoch hat Breuer nicht nur erfolgreich gegründet, sondern auch über Jahrzehnte ein Unternehmen geführt, wachsen lassen und am Ende seine eigene Nachfolge so geregelt, dass er damit glücklich zu sein scheint. Breuers unternehmerische Reise ist fest verknüpft mit der Proinnovera GmbH, die er 1997 gründete – ein Dienstleistungsunternehmen für die Durchführung von klinischen Studien, das sich auf die Bereiche Dermatologie und Autoimmunerkrankungen spezialisierte. Wer aber heute Medikamente in diesem Feld auf den Markt bringen und eine Studie durchführen will, geht nicht mehr auf Proinnovera zu, sondern auf Symbio Proinnovera. Dort sucht man den Namen Burkhard Breuer allerdings vergeblich. Weder in der Geschäftsführung noch im Aufsichtsrat oder einem anderen Gremium wird er aufgeführt, auch nicht als Eintrag im Handelsregister. Denn für die Nachfolge hat Burkhard Breuer einen besonderen Weg gewählt: einen radikalen.

„Ich wusste immer, ich bin nur Pilot bis zu einem gewissen Punkt. Ich bringe das Raumschiff in den Orbit, von da an müssen andere Leute ran“, sagt Burkhard Breuer. / Foto: privat

Breuer hat alle Gesellschafteranteile Ende 2023 an das Private-Equity-Unternehmen ARCHIMED verkauft. Bereits im April 2023 hatte dessen Gründer Denis Ribon in der F.A.Z. angekündigt, dass es in Deutschland Deals in der Pipeline gebe. Proinnovera war einer davon. Nach der Übernahme von Proinnovera gab der neue Eigentümer dem deutschen Unternehmen prompt ein Partnerunternehmen an die Hand und fusionierte Proinnovera mit Symbio, einem US-amerikanischen Auftragsforschungsinstitut.

Dass ARCHIMED sowohl bei Proinnovera als auch bei Symbio eingestiegen ist, wusste Burkhard Breuer im Verkaufsprozess gar nicht. „Die haben zwar ihren Plan geteilt, Proinnovera zu fusionieren, idealerweise auf dem US-Markt, haben sich aber nicht in die Karten schauen lassen, wer das genau sein könnte“, blickt Breuer zurück auf die Anbahnung und den Verkaufsprozess.

Eine Fusion mit einem Unternehmen im US-Markt – damit habe er oft geliebäugelt, sagt Breuer. Die Vereinigten Staaten waren immer einer der wichtigsten Märkte für Proinnovera. Aber eine Fusion hätte das Unternehmen selbst nicht stemmen können, weder monetär noch mit Blick auf das nötige operative Know-how.

Welchen Stellenwert die USA haben, zeigte sich 2019, als Proinnovera ein großer US-Kunde wegbrach und das Unternehmen dadurch in eine große Krise schlitterte. Die geplante Expansion ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten scheiterte. Umsätze fehlten, Kosten stiegen, und Burkhard Breuer hatte nicht das betriebswirtschaftliche Handwerkszeug, um allein aus der Krise wieder rauszukommen, gibt er zu. Er weiß, was er kann und was nicht, sagt er und verweist darauf, dass er ja Biologe sei und kein Unternehmer. Wobei er sich seit 2013 Business Coach nennen darf, das gehört zur Wahrheit auch dazu.

Neue Köpfe

Was Burkhard Breuer dann im eigenen Unternehmen auf den Weg brachte, war vor allem, sich selbst zurückzunehmen und neue Ideen und Köpfe hereinzuholen, um die Krise zu überwinden. Das ging damit einher, dass er Verantwortung abgab, das Führungsteam austauschte und mit Dr. Dominique Manu als CEO und Erik Kolb als CFO zwei Strategen ins Haus holte, die die Weiterentwicklung vorantreiben, aber auch eine neue Gangart etablieren sollten. Breuer dazu: „Ich wusste immer, ich bin nur Pilot bis zu einem gewissen Punkt. Wenn man so will, bringe ich das Raumschiff in den Orbit, von da an aber müssen andere Leute ran.“

In der Folge wurde bei Proinnovera noch mehr digitalisiert, Silos wurden abgebaut, der Markenauftritt verändert. Die ganz große Transformation gelang den beiden operativen Nachfolgern allerdings aufgrund der verzwackten Gesellschaftersituation nicht. Burkhard Breuers Ex-Frau und ehemalige Co-CEO hielt seit der Trennung von ihrem Mann 40 Prozent der Anteile des Unternehmens. Ökonomisches und Emotionales habe sich so vermischt, dass Investment- und Zukunftspläne nicht umgesetzt werden konnten, sagt Burkhard Breuer. Ein Buy-in der externen Manager war unter diesen Umständen nicht möglich. Das Beste für das Unternehmen und dessen Entwicklung sei der komplette Unternehmensverkauf gewesen, so der Unternehmensgründer. Darauf konnten sich alle Parteien einigen. Daher sind CEO Manu und CFO Kolb mit dem Abschluss des Verkaufs von Proinnovera zum medizinischen Softwareentwickler für klinische Studien EvidentIQ gewechselt. Wieder im Tandem, wieder als CEO und CFO.

Neue Rolle

Die Herausforderungen nach dem Verkauf und bei der laufenden Fusion von Proinnovera und Symbio müssen daher andere angehen. Um die Prozesse in den kommenden Monaten und Jahren zu beschreiben, nutzt Breuer eine Analogie aus der Wissenschaft: „Unsere Unternehmen, die fusioniert werden, sind wie Wasser und Öl. Die vermischen sich erst einmal nicht so gut, aber wenn ein Emulgator dazukommt, dann wird das was.“ Das richtige Emulgator-Team aufzubauen und mit den richtigen Mitarbeitern aus beiden Unternehmen zu besetzen wird ein großer Meilenstein sein.

Daran wird Gründer Breuer aber nicht mehr mitwirken. Monetär hat er ebenfalls keine Verbindung mit dem Unternehmen mehr. ARCHIMED hätte ihn gern rückbeteiligt, aber „entweder ist man schwanger oder nicht“. Als komplett raus aus dem Prozess kann man Breuer aber auch nicht beschreiben. Er fungiere als externer Berater, erklärt er. „Da sitze ich wie in einem Theater in der ersten Reihe und schaue zu, aber wenn mir etwas auffällt, dann kann ich hinter die Bühne und meinen Input reingeben“, sagt der Proinnovera-Gründer zu seiner neuen Rolle.

Und wer beim Verkauf rumeiert, verliert die innere Zufriedenheit, ist Burkhard Breuers These. Auf ihn treffe der Spruch auf jeden Fall zu, das sagt nicht nur er selbst. Denn wer mit ihm spricht, der wird von seiner Ruhe und Ausgeglichenheit förmlich angesteckt. Um seine persönliche Entwicklung zu illustrieren, erzählt er, dass sich seine Entscheidung für den Unternehmensverkauf nicht nur mental positiv ausgewirkt hat: „Seitdem ich als Unternehmer tätig war und mit fortschreitender Größe des Unternehmens ist mein Blutdruck immer weiter in die Höhe geklettert. Also habe ich Medikamente genommen. Ein paar Wochen nach dem Verkauf des Unternehmens habe ich meinen Arzt kontaktiert und gesagt, dass ich die Medikamente absetzen werde, weil ich spüre, wie sich mein Körper erholt“, sagt der promovierte Biologe.

Warum blickt er so positiv auf die Entscheidung und die Abwicklung des Verkaufs? Vielleicht, weil er sich und seinen Ansätzen immer treu geblieben ist. Transparenz in Zahlen und Offenheit in der Kommunikation seien zwei Säulen, auf denen Proinnovera einst gegründet und schließlich auch verkauft wurde.

Sein M&A-Berater, sagt Breuer, wollte eine Kommunikationsstrategie des Schweigens an den Tag legen. „Es gab so circa zehn Interessenten, und mein Berater meinte klipp und klar, dass wir gar keine Informationen in die Organisation hineingeben sollten, nicht mal die Idee, dass ein Verkauf überhaupt in Betracht gezogen werden könnte, um uns besser aufzustellen“, blickt Breuer zurück.

Wer aber Transparenz predigt, der muss den Ansatz in allen Belangen durchziehen und dem treu bleiben, ist er sich sicher. So sei es schon immer gewesen, habe er dem Berater gesagt. Dieser habe sich zwar gesträubt, aber schlussendlich klein beigegeben. „Am Ende haben wir die Abteilungsleiter sogar zu den Pitches bei den potentiellen Käufern mitgenommen. Wenn jemand das Unternehmen erklären kann, dann ist es nicht die Geschäftsführung, sondern es sind die Leute, die im Doing sind“, sagt Breuer.

Von Hobbys und Immobilien

Seine Aufgabe als Unternehmer und Gründer sei, immer das zu tun, was zum Fortbestehen des Unternehmens beitrage, sagt Breuer. Die Verkaufsoption lediglich als letzten Ausweg einer Nachfolgeregelung zu sehen, diese Denkweise kann er nicht nachvollziehen. Er hätte auch verkauft, wenn es bei Proinnovera eine andere Konstellation gegeben hätte oder er nicht Gründer, sondern Gesellschafter in achter oder neunter Generation gewesen wäre. Obwohl ihm der Verkauf dann wohl schwerer gefallen wäre, mutmaßt er.

Und jetzt? Ein bisschen genießen will er, sagt Burkhard Breuer. Das müsse man Unternehmern auch gestatten, nachdem sie ein Vierteljahrhundert geackert hätten. Aber untätig bleiben werde er nicht, sagt er. Er hat noch ein Immobilienprojekt, den whyit-Campus in Münster. Da gibt es einiges zu tun. Zudem ist er nicht nur Sparringspartner bei der Fusion seines alten Unternehmens, sondern in ähnlicher Rolle auch bei Start-ups engagiert, um Wissen zu teilen und junges Unternehmertum voranzubringen. „Das macht mir großen Spaß, weil ich eine Wertschätzung für meinen Weg und mein Wissen erfahre, die ich so gar nie eingefordert oder erwartet hätte“, meint Breuer.

Und zu guter Letzt könne er seinem Hobby des Plattenauflegens wieder mehr nachgehen, freut er sich. Diesen Plan schließt Burkhard Breuer mit dem Satz: „DJ zu sein ist ein ideales Hobby für Menschen, die langsam, aber sicher an seniler Bettflucht leiden.“ Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen.

Hat Internationalen Journalismus in Magdeburg studiert. Schrieb schon davor für die Südwest Presse in seiner Heimat Ulm. Sammelte zudem Auslandserfahrung bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia, sowie bei Kwanza TV in Daressalam, Tansania. Seit 2017 Redakteur bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA und Mitglied im Redaktionsteam des wir-Magazins.