Reinhard Panse: „Tech-Aktien sind extrem hoch bewertet“

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Reinhard Panse, weltweit sind die Staatsschulden hoch. Warum ist das ein Problem?

Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass in den westlichen Industrieländern in den nächsten Jahrzehnten die geopolitischen Spannungen, die Energiewende und die Demographie jährlich etwa 7,5 Prozent des Volkseinkommens kosten werden – Kosten, die es bisher nicht gab. Die EU wird in Zukunft sehr viel mehr für Rüstung ausgeben müssen. Wie soll all das finanziert werden? Die Versuchung für Regierungen ist groß, die Notenpresse anzuwerfen, um Staatsschulden zu finanzieren. Das kann gefährlich werden, wie die Geschichte uns zeigt. Die Verschuldung in den USA liegt aktuell bei etwa 120 Prozent des Volkseinkommens. Als Antwort auf die hohen Verschuldungsquoten werden die Notenbanken dafür sorgen, die Zinsen langfristig unter der Inflationsrate zu halten. Das haben wir bereits nach dem Zweiten Weltkrieg gesehen: Die USA und UK haben massiv den Zins unter die Inflationsraten gedrückt, Deutschland und Japan haben ihre extrem hohen Schulden nach dem Krieg „weginflationiert“. Wenn wir nicht aufpassen, bewegen wir uns in den nächsten 20 Jahren genau dorthin.

Was folgt daraus für die Anlagestrategie?

Schuldenprobleme und deren Folgen auf den Zins werden Geld aus den Sparkonten in die Sachwerte ziehen. Die Zeche bezahlen die Anleger von Fixed Income; Staatsanleihen sind die großen Verlierer. Das zeigen auch historische Vergleiche, wenn man auf die hohen Verschuldungen nach den beiden Weltkriegen blickt. Im Jahr 1900 weltweit in Staatsanleihen investierte 100 US-Dollar brachten von 1900 bis 1975 real nur eine Rendite von circa 0,3 Prozent p.a.; in Ländern wie Deutschland, Japan und Italien, die in den beiden Weltkriegen besonders hohe Kriegskosten zu bewältigen hatten, blieben nach dem Zweiten Weltkrieg von 100 realen US-Dollar nur 4 übrig. Staatsanleihen bieten nur vermeintlich Sicherheit. Die Politik ist eine Gefahr, sie kann Schaden anrichten – Staatsanleihen leiden darunter.

Performen Unternehmen also besser als Staaten?

Unternehmen sind langfristig gesehen resistenter. Selbst wenn man im August 1939 Aktien im falschen Land – nämlich in Deutschland – gekauft hatte, war das Vermögen real Mitte der 1950er Jahre wieder vorhanden, obwohl deutsche Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder bei null anfangen mussten. Man wartet immer darauf, dass Firmen in Krisen pleitegehen. Aber sie sind sehr anpassungsfähig, stehen immer wieder auf, entwickeln ihr Geschäft weiter. Auch jetzt, da wir sehen, dass die deutsche Politik mit ihrer überbordenden Bürokratie die Unternehmen stark quält, gehen sie nicht pleite. Sie verlagern Teile ihrer Produktion woanders hin, um zu überleben. Die Lehren aus der Geschichte zeigen: Wer freies Vermögen hat, verdient besser, wenn es in Aktien und Private Equity investiert ist.

Wie blicken Sie auf die Entwicklung in China?

Über eine lange Zeit sah es so aus, als könnte China die USA überholen im Ranking der führenden Wirtschaftsnationen. Das wird erst einmal nicht passieren. Sowohl der Finanz- als auch der Immobiliensektor ist stark belastet. Ähnlich wie in Japan in den 1990er Jahren wurde der Immobilienmarkt künstlich gepampert. Heute steht die Branche vor einem riesigen Schuldenberg, 90 Millionen Wohnung stehen leer, seit 2010 sind bis vor kurzem jährlich mehr als 15 Prozent des Volkseinkommens in den Immobiliensektor gelenkt worden. Zum Vergleich: In den USA haben bereits 6 Prozent des Volkseinkommens für wenige Jahre ausgereicht, um die Subprime-Krise auszulösen. Hinzu kommt, dass China auf ein Problem am Arbeitsmarkt zusteuert: Chinas Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter wird bis 2100 um 600 Millionen Menschen auf weniger als 400 Millionen schrumpfen. Das Land verliert seine Agilität, junge Leute wandern in Staatsunternehmen, anstatt selbst zu gründen. Investoren und Anleger haben bereits reagiert: Die Direktinvestitionen in China sind im dritten Quartal 2023 erstmals negativ gewesen, Private-Equity-Fonds ziehen sich bereits seit 2017 aus China zurück.

Und das Kapital wandert stattdessen in die USA?

Direktinvestitionen in die USA steigen kontinuierlich. Energie ist in den USA billig, die Regierung lockt mit gigantischen Paketen Investitionen an, Politiker räumen bürokratische Hürden eher beiseite, als sie einem in den Weg zu legen. Allerdings steigt derzeit das Risiko einer Rezession, spätestens nach der Wahl wird die Staatsverschuldung in den Fokus rücken, Schulden werden abgebaut werden müssen. Aktuell sind US-Aktien im Vergleich zu den vergangenen 50 Jahren sehr teuer, Tech-Aktien sind extrem hoch bewertet. Es gibt Parallelen zu den Entwicklungen der Internetblase im Jahr 2000.

 

Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.