Seit 16 Generationen ist die Burg Guttenberg über dem Neckar im Besitz der Freiherren von Gemmingen-Guttenberg. Ein neues Buch über Burg und Familie räumt mit verschiedenen Legenden auf, die sich um Adel und Nachfolgeprozesse ranken. Welche Lehren zieht der aktuelle Burgherr Bernolph von Gemmingen daraus für sich und für den nächsten Generationenwechsel?

Schon vor 150 Jahren konnte man auf das falsche Geschäftsmodell setzen. Das war auch bei Karoline von Gemmingen-Guttenberg, geborene Freiin von Cotta, so, seit 1868 Burgherrin auf der Burg Guttenberg über dem Neckar. Sie war der Überzeugung, dass in der Zulieferung von Gerbsäure an die Lederindustrie die wirtschaftliche Zukunft liegt. So ließ sie ab 1870 hektarweise Wald auf den Ländereien der Burg bei Haßmersheim nahe Heilbronn roden, um dort Eichen anzupflanzen – aus deren Rinde wurde die Säure damals traditionell gewonnen. „Leider kam
kurz danach ein ‚Start-up‘ aus Ludwigshafen auf den Plan, das die Säure mit einem neuen Verfahren synthetisch herstellen konnte“, berichtet ihr Urenkel Bernolph von Gemmingen (58). Das „Startup“ wurde als Badische Anilin- und Sodafabrik, kurz BASF, groß und berühmt, die Eichen und die Investitionen der Freiherrin nutzlos, zumindest vorläufig.

Eigentümer in 16. Generation: Bernolph Freiherr von Gemmingen.

Eigentümer in 16. Generation: Bernolph Freiherr von Gemmingen. / Foto: BvG HolzLand

16 Generationen Burg

Bernolph von Gemmingen ist Burgherr in 16. Generation. Aus der Geschichte der Burg und seiner Vorgänger für das eigene Handeln zu lernen ist für ihn ein wichtiges, aber auch schwieriges Anliegen. „Von den fünfzehn Generationen vor mir kenne ich ja aus eigenem Erleben nur zwei“, sagt er. Von den anderen gebe es Fotos, aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert bestenfalls Ölgemälde. Zwar hat die Burg ein umfangreiches Archiv, das bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht, doch damit konnte der heutige Burgherr nach eigenen Angaben kaum etwas anfangen. Erst nach dem Tod seines Vaters 1999 entstand die Idee, die Dokumente zu digitalisieren. In der Folge begeisterte von Gemmingen Kurt Andermann, Historiker und ehemaliger Direktor des Generallandesarchivs Karlsruhe, dafür, das Archiv für ein Buch über die Familie und die Burg aufzuarbeiten. Im November 2021 wurde es veröffentlicht – und es zeigt nicht nur die Fehlinvestition der Ururgroßmutter.

Heute hat Bernolph von Gemmingen gut lachen, wenn er ihre Geschichte erzählt. Die damalige Fehlentscheidung seiner Ahnin kommt ihm gut zupass: Eiche ist ein resistentes Gehölz, das Schädlingen und Trockenheit nicht so leicht zum Opfer fällt und mehr gutes Geld bringt als viele andere Baumarten. Zugleich, und das ist für den Burgherren und seine Familie womöglich noch wichtiger, räumt der in dem Buch gebündelte Blick auf die Familiengeschichte
mit Legenden auf. Die Idee des ungebrochenen Aufstiegs der stolzen Ahnenreihe ist nur einer von mehreren Irrtümern. „Es gibt keine lineare Entwicklung, unsere Geschichte ist voller unglaublicher Brüche“, sagt von Gemmingen. „Es gibt Generationen, da denkt man beim Blick in die Dokumente, man hat die Blüte der Menschheit vor sich: Wohlstand, Kindersegen, alles da. Aber nur ein oder zwei Generationen später stand die Familie nahezu vor dem Aus. Sei es, weil die Nachkommen fehlten und die Nachfolge nicht gesichert war, oder auch, weil eine Generation sich einfach
massiv verspekuliert hatte.“

Bernolph von Gemmingen geht die Nachfolge an

Hinter dem Thema wirtschaftlicher Misserfolg lauert gleich die zweite Legende: die vermeintlich untrennbare Verbindung von Familie und Besitz. Ist die Familie ohne die Burg mit all ihren Gütern denkbar? „Mein Vater sagte immer: kaufen ja, verkaufen unter keinen Umständen“, sagt von Gemmingen. „Und dann schaut man in die Archive und sieht plötzlich schwarz auf weiß, wie munter da in der Vergangenheit Burgen, Güter und Ländereien hin- und hergetauscht, verpfändet und auch verkauft wurden.“

Und geteilt, könnte man ergänzen. Denn auch die verbreitete Annahme, dass automatisch immer der älteste Sohn die Burg erbt, wird beim Blick auf die Familiengeschichte widerlegt. „Manche Familien des Hochadels haben ihre eigenen Hausgesetze, die zum Beispiel festlegen, dass der Chef eines Hauses nur der älteste, standesgemäß verheiratete Sohn sein darf “, erläutert von Gemmingen. „Aber das ist keine übergreifende Regelung. Bei uns gibt es keine
festen Vorschriften für die Nachfolge.“ Schon 1449, als die Familie gerade in den Besitz der Burg gekommen war, gab es einen Fall von Erbteilung zwischen drei Brüdern. Aus dem Erbe wurden nach dem Ertragswertverfahren drei Haufen gebildet. Dann wurde das Los darüber geworfen, wer welchen Anteil bekommt. „Von heute aus betrachtet war das sehr fortschrittlich“, kommentiert vom Gemmingen.

Der gleiche Vorgang wiederholte sich zwei Generationen später nochmal zwischen drei Brüdern. Zu wissen, dass es bei Nachfolgefragen einen gewissen Spielraum gibt, scheint die Lage auch für die modernen Vertreter der Familie zu entspannen. „Diese Beispiele zu kennen ist für uns als Familie sehr wichtig“, sagt der Burgherr.

Keiner will es machen

Bernolph von Gemmingen hat zwei Brüder, gemeinsam mit den zwei Schwestern sind sie zu fünft. Vater Christoph von Gemmingen, seit 1973 Burgherr, dachte jedoch nicht daran, den Besitz zu teilen. Stattdessen erklärte er es zum Ziel, die Burg und alle damit verbundenen Betriebe gebündelt an denjenigen zu übergeben, der auch als Burgherr dort wohnen und walten würde, unabhängig von Geschlecht und Alter. Dazu gehörten Land- und Forstwirtschaft, ein kleiner Weinberg, ein Holzhandelsunternehmen, ein Museum, eine Burggastronomie und die Deutsche Greifenwarte, die seit 1970 auf der Burg ansässig ist und bis 2008 von einem Pächter geführt wurde. Die „weichenden Gesellschafter“
sollten abgefunden werden – ein Plan, mit dem alle einverstanden waren. „Das Problem war: Keiner von uns wollte es machen“, sagt von Gemmingen. Alle Geschwister seien früher oder später durch ihre Ausbildung und den weiteren Werdegang räumlich wie gedanklich relativ weit weg gewesen von Haßmersheim und der Burg.

Kein einfaches Erbe: Die Burg Guttenberg ist über die Jahrhunderte zu einem komplexen Gebilde verschiedener Gebäude und Betriebe angewachsen.

Kein einfaches Erbe: Die Burg Guttenberg ist über die Jahrhunderte zu einem komplexen Gebilde verschiedener Gebäude und Betriebe angewachsen. / Foto: Burg Guttenberg

In der Hoffnung, das Problem dennoch familienintern zu lösen, setzt der Vater einen organisatorischen Rahmen. Ab 1990 beruft er jährlich sogenannte Familienkonferenzen ein: Er lädt Frau und Kinder für drei Tage ein, meist in ein Landhotel im weiteren Umkreis der Burg, sei es bei Frankfurt, Amorbach oder auf der Weitenburg. Dort gibt es gutes Essen, Spaziergänge, aber auch echtes Sitzungsprogramm mit betrieblichen Themen und Jahresabschlüssen. Zudem muss jedes Familienmitglied die wichtigsten eigenen Stationen aus dem abgelaufenen Jahr präsentieren – und auch, wie die jeweiligen Pläne für das kommende Jahr aussehen.

Der Vater hat ein Datum gesetzt: 1994, ein Jahr vor seinem 65. Geburtstag, will er langsam beginnen, Aufgaben
abzugeben. Er kann keinem seiner Kinder die Pistole auf die Brust setzen und hofft offenbar darauf, dass die Entscheidung sich selbst organisiert. Ob er einen Plan für den Fall hatte, dass keines der Kinder sich für die Burg entscheidet? Darauf hat Bernolph von Gemmingen keine Antwort. Gesprochen wurde darüber nie.

Vater Christoph von Gemmingen hat Glück. Die Kinder lassen ihn nicht auflaufen, sie machen sich den Standpunkt des Vaters zu eigen: „Wir wussten, einer von uns muss es machen.“ Bernolph von Gemmingen hält lange seinen jüngeren Bruder, der gelernter Forstwirt und studierter Forstwissenschaftler ist, für den geeignetsten Kandidaten – der will aber lieber in die Entwicklungszusammenarbeit gehen. Bernolph von Gemmingen hat an eine Banklehre ein Wirtschaftsstudium in St. Gallen und einen MBA in Fontainebleau angeschlossen. Im Frühjahr 1994 hat er gerade fünf
Jahre bei einer internationalen Unternehmensberatung in Frankfurt hinter sich gebracht. Kurz bevor die Deadline des Vaters verstreicht, entschließt er sich doch dazu, seinem Vater als Burgherr nachzufolgen, zur Erleichterung seiner Geschwister. Im Januar 1996 zieht er zurück auf die Burg seiner Kindheit.

In den zurückliegenden 24 Jahren sind auch seine eigenen drei Kinder auf der Burg aufgewachsen – und von dort weggegangen. Wie geht die Familie heute mit dem Thema Nachfolge um? „Ich habe den Weg meines Vaters als gut und erfolgreich wahrgenommen“, sagt von Gemmingen. „Erfolgreich vor allem deswegen, weil er die Familie nicht zerrüttet hat. Das muss unser erstes Ziel sein.“ Wie die Nachfolgelösung dann konkret aussieht, muss sich noch
zeigen. Wie sein Vater wünscht sich auch Bernolph von Gemmingen, dass der Besitz und die operative Führung in der Hand eines Familienmitglieds gebündelt bleiben sollen. Gemeinsame Führung kommt für ihn nicht in Frage. „Wir haben ein Beispiel in der Nachbarschaft, da haben die Geschwister den Besitz gemeinsam als GbR übernommen. Als die Ehepartner eintraten, haben sie sich immer weniger verstanden. Einer nach dem anderen wurde ausbezahlt, bis am Ende der gesamte Besitz verkauft werden musste.“ Wie damals von Gemmingen und seine Geschwister sind nun
auch seine Kinder mit der „Alles für einen“-Regelung einverstanden – und wie damals bleibt vorerst ungeklärt, ob eines von ihnen diese Rolle übernehmen möchte.

Um das Gespräch über die Zukunft der Burg mit seinen Kindern am Laufen zu halten, besucht von Gemmingen reihum mit einem oder mehreren von ihnen die Tagungen des Vereins Familienbetriebe Land und Forst e.V. auf Schloss Ehreshoven im Bergischen Land. An dem Format begeistert ihn besonders, wie offen dort über Misserfolge im Zuge des Generationenwechsels gesprochen wird. „Nichts ist so lehrreich wie Negativbeispiele“, sagt von Gemmingen. Zudem plane die Familie, sich zweimal im Jahr zu einer eintägigen Sitzung auf der Burg zu treffen. „Meine wichtigste Aufgabe für die Zukunft ist es, die Kinder so vorzubereiten, dass sie mit sehendem Auge eine gute Entscheidung
treffen“, sagt der Burgherr. „Ich bin ja erst 58, also noch nicht im Rentenalter.“ Dennoch wolle und müsse er an dem Thema dranbleiben. Denn anders als sein Vater kalkuliert Gemmingen eine weitere Option ein: „Es kann durchaus passieren, dass keiner von den dreien möchte.“

Was in dem Fall die Lösung wäre, ist noch nicht ausgemacht. Womöglich müsste man über den Bereich der Kernfamilie hinaus jemanden suchen, der bereit ist, auf der Burg oder zumindest in unmittelbarer Nähe zu wohnen und zu arbeiten. Alternative Eigentumsformen wie eine Stiftungslösung kann sich von Gemmingen kaum vorstellen. „Owner Manager“, so steht es in seinen Businessnetzwerkprofilen, und so soll es auch in Zukunft sein. „Mein Vater pflegte zu sagen: ‚Die Augen des Herrn machen die Kühe fett.‘ Und das stimmt einfach.“

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