„Ich werde arbeiten, bis ich umfalle“, sagt Dr. Arend Oetker und lacht. Die Papierstapel auf seinem Schreibtisch zeugen davon, dass er es dennoch ernst damit meint. Von seiner Berliner Büro-Villa aus lenkt der 75-Jährige die Dr. Arend Oetker Holding und seine zahlreichen kulturellen Engagements sowie seine Aufsichtsrats- und Verbandsaktivitäten. Kein Wunder, das sich kaum Platz auf dem Schreibtisch findet. „Ich habe mein eigenes System“, sagt Oetker und meint damit eigentlich die Aktenberge, doch auch als Unternehmer ist er bislang gut damit gefahren.
Arend Oetker ist Urenkel von Dr. August Oetker, dem Gründer der Oetker-Gruppe, und Cousin des derzeitigen Konzernchefs Richard Oetker. Im Rahmen der Erbteilung hatte seine Mutter Ursula den Marmeladenhersteller Schwartauer Werke, die Nähmaschinenfabrik Kochs Adler und den „Saftladen im doppelten Sinne“ Altländer Gold erhalten. Die Firmen galten nicht gerade als die Perlen des Oetker-Clans. Heute befinden sich lediglich noch die Schwartauer Werke im Besitz von Arend Oetker, die er 2002 in das zugekaufte Schweizer Marmeladenunternehmen Hero integrierte. Im Laufe der Jahre sind „interessengeleitet“ weitere Beteiligungen aus anderen Branchen hinzugekommen, darunter der Saatgutproduzent KWS SAAT, die Fährschifffahrtslinie TTLine, das Recyclingunternehmen RHM, der Mineralölhändler HSH und das Bildungsunternehmen Cognos.
„Ich habe mir stets gute Partner gesucht, außerdem ist das Management immer am Kapital beteiligt“, erklärt Oetker seine Strategie. „Ich bin nie davon ausgegangen, dass ich alles allein erreichen könnte.“ Dieses Prinzip zieht sich durch all seine Aktivitäten – sowohl als Unternehmer als auch als Philanthrop.
Lehren aus der Vergangenheit
Außer bei Hero hält Oetker nur Minderheitsbeteiligungen. Die enge Zusammenarbeit mit Partnern seines Vertrauens sichert ihm bei seinen fünf größten Beteiligungen das langfristig gemeinsame Engagement. Seine Partner stammen meist ebenfalls aus Unternehmerfamilien. Die Zusammenarbeit mit Andreas Büchting aus der KWS-SAAT-Gründerfamilie besteht bereits seit über 20 Jahren.
Das System der Partnerschaften funktioniere wunderbar, versichert Oetker – auch in der Krise. Das muss er zurzeit bei seiner Schifffahrtslinie TT-Line unter Beweis stellen. Bis zum Jahr 2017, so glaubt er, werde das Unternehmen schuldenfrei und rentabel sein. Wie gefährlich Mehrheitsbeteiligungen für die gesamte Gruppe werden können, lernte Oetker zwischen 1986 und 1989 als Vorstandsvorsitzender der Kölner Holding Otto Wolff AG. „Diese Erfahrungen haben mich geprägt“, sagt er. Damals holte ihn sein Schwiegervater Otto Wolff von Amerongen in den sanierungsbedürftigen Stahlkonzern. Eine Unternehmenstochter ging in Konkurs und drohte die gesamte Gruppe mit 16.000 Beschäftigten mitzureißen. „Die Lebensleistung meines Schwiegervaters zu retten war mit Sicherheit die schwierigste Aufgabe meines Lebens. Das steckt mir heute noch in den Knochen“, erinnert sich Oetker. Deshalb sei ihm das Risiko der Durchgriffshaftung sehr wohl vertraut.
Die größte Erfolgsgeschichte von Arend Oetker
Doch Oetker geht es nicht nur um Absicherung: „Ich habe durch die Partnerschaftsmodelle viel mehr erreicht, als wenn ich die Dinge allein angegangen wäre.“ Das gilt auch für sein Engagement im Bereich Kunst und Kultur, wo er sich als Mäzen und ehrenamtlicher Berater engagiert. Oetker sieht sich als Anstifter und Multiplikator. An einem Denkmal durch eine eigene Stiftung hat er kein Interesse. „Hätte ich eine eigene Stiftung, gäbe es keine Zustiftungsmöglichkeit. Indem ich Dinge anstoße, kann ich viel mehr Kapital mobilisieren.“
Ein weiterer Vorteil seines Kooperationskonzepts: „Vieles können andere besser als ich“, sagt er. „Meine Stärke waren immer die Human Relations.“ Das entspreche seinem Wesen. „Ich kann eine ganze Betriebsversammlung mitnehmen“, sagt Oetker selbstbewusst und strahlt, „immer noch.“ Es fällt nicht schwer, ihm das zu glauben. Kein Wunder, dass er im Wirtschafts-, Politik- und Kulturbetrieb exzellent verdrahtet ist und seit über drei Jahrzehnten die Unternehmerinteressen im Präsidium der BDA und des BDI vertritt.
Auch die „größte Erfolgsgeschichte“ seines Lebens verdankt Oetker zwei Partnern. Auf der Suche nach Investoren für die Vermarktung des Fußball-Europapokals der Landesmeister sprachen die ehemaligen Adidas-Manager Klaus-Jürgen Hempel und Jürgen Lenz Oetker Anfang der neunziger Jahre an. Oetker war bekannt dafür, dass er das Management am Kapital beteiligte: die Geburtsstunde der europäischen Fußball Champions League. Oetker holte Otto Wolff von Amerongen mit ins Boot, verhandelte mit der UEFA, suchte Sponsoren und überzeugte RTL-Chef Helmut Thoma, die Übertragungsrechte zu erwerben. Als sie nach zehn Jahren den Höhepunkt erreicht sahen, wollten Hempel und Lenz die T.E.A.M. AG (The Event Agency and Marketing AG), bei der die Verwertungsrechte der UEFA Champions League lagen, verkaufen. Oetker zog mit: „Ich wollte kein Spielverderber sein.“ Ein Entschluss, den er noch heute bereut. In einer Partnerschaft Einigkeit zu erreichen sei nicht immer einfach. Dennoch sei das immer sein Ziel gewesen, sagt Oetker.
Vermögensübertragung im Konsens
Auf Einigkeit und Kooperation setzt der Familienvater auch bei seinen Nachkommen. Oetker hat fünf erwachsene Kinder zwischen 23 und 38 Jahren. Sie sind bereits an der Hero AG beteiligt. Bis auf seinen ältesten Sohn arbeiten sie nicht in den Unternehmen mit. Zwei von drei Töchtern sind Gast im Aufsichtsrat bei seinen Beteiligungsunternehmen. Wer einmal die Leitung der Unternehmensgruppe übernehmen soll und wie er die Anteile auf seine Kinder übertragen wird, hat Oetker noch nicht entschieden. „Das geht nur im Konsens“, sagt er. Eine Erbteilung wie damals bei seiner Mutter lehnt er ab. Am liebsten wäre es ihm, wenn ihm seine Kinder diese Entscheidung abnehmen würden: „Es wäre schön, wenn sie sich über die Führung und die Aufteilung der restlichen Anteile untereinander einigen würden. Sie sollten das selbst in die Hand nehmen“, wünscht sich Oetker.
In Zukunft plant er, die Anteile an den Unternehmen „eher noch etwas zu reduzieren. Ich möchte weniger Risiken eingehen“, sagt er, „weil ich älter werde.“ Gleich werde er sich etwas hinlegen, denn ein Wirbelbruch, den er sich vor einigen Wochen zugezogen hat, erschwere ihm das lange Sitzen. Doch vorher lässt der Kunst- und Musikliebhaber es sich nicht nehmen, den CD-Player einzuschalten und seinen Besuchern die ersten Takte von Vladimir Horowitz’ legendärem Berliner Klavierkonzert von 1986 vorzuspielen. Wenn er heute Abend wieder am Schreibtisch sitzt, wird er diesen Klängen lauschen und einen Aktenstapel nach dem anderen abarbeiten.
Info
Diese umfassen im Wesentlichen sechs Unternehmen aus den Bereichen Nahrungsmittel/Agribusiness, Handel und Dienstleistung. Oetker sitzt in der Regel im Aufsichtsrat oder im Beirat seiner Beteiligungsunternehmen. Von 1998 bis 2013 war er Präsident des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft und von 2000 bis 2005 Vorsitzender der Stiftung Atlantik-Brücke, die sich für die deutsch-amerikanische Freundschaft einsetzt. Seit 1993 ist der heute 75-Jährige Vizepräsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Außerdem ist er Präsidiumsmitglied der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) sowie seit 2005 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).
