Klaus-Michael Kühne: „Irgendwann bricht alles einmal ab.“

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Mit einer japanischen Schmuckdose schaltete der Architekt Jan Störmer seine Wettbewerber aus. Sein Konzept überzeugte Klaus-Michael Kühne, Mehrheitsgesellschafter des Logistikkonzerns Kühne + Nagel International AG: die harte Schale, das weiche Innere, der Aspekt „Transport“.

Er gab den Bau des neuen Gebäudes für die Deutschlandzentrale in Hamburg bei Störmer in Auftrag. Ein teurer Sieg des Ästheten in Kühne. Ihn deshalb allein für einen Schöngeist zu halten wäre jedoch ein bisschen kurz gesprungen: „Ohne Härte kommt man nicht weit“, sagt der Enkel des Firmengründers. Das Bild des harten, kühlen und kauzigen Konzernlenkers dominiert in der Öffentlichkeit. Über „Gesichtszüge wie in Beton gemeißelt“ oder „Hanseatische Knochenmühle“ wird in Zeitungen geschrieben. „Wenn man Herrn Kühne zum ersten Mal begegnet, kann er schon ein bisschen einschüchternd wirken“, sagt Dr. Kirsten Schröder, kaufmännische Geschäftsführerin der Hamburg School of Logistics.

Harte Zeiten hat Kühne durchlebt. Freilich, das Unternehmen steht zurzeit glänzend da. Die Geschäftszahlen 2006 sind die besten in der Unternehmensgeschichte. Der Umsatz stieg auf 11,2 Milliarden Euro, der Jahresüberschuss auf 288 Millionen Euro. Aber das war nicht immer so. 1981, in dem Jahr, in dem Kühnes Vater starb, stand das Unternehmen kurz vor dem Aus.

Kühne und sein Vater hatten in den siebziger Jahren eine eigene Schiffsflotte aufgebaut. Das ging schief, und das Unternehmen war schließlich so hoch verschuldet, dass es nur dank eines 50- prozentigen Anteilsverkaufs an das britische Handels- und Bergbauunternehmen Lonrho gerettet werden konnte. Kühne fungierte nur noch als angestellter Geschäftsführer. „Wir haben schlimme Fehlentscheidungen getroffen“, sagt er heute im Rückblick.

Elf Jahre später, als die Briten selbst in Schwierigkeiten waren, machte Kühne von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch und kaufte die Anteile zurück. Das allerdings war ein Kraftakt. Und konnte nur finanziert werden, indem er einen weiteren Partner, die damalige Viag Bayernwerk, mit 33 Prozent an Bord nahm. Erst 1999 stieg das Energieunternehmen, das in Eon aufgegangen war, wieder aus. Heute befinden sich 45 Prozent im Streubesitz an der Schweizer Börse. Sich an einen einzelnen Partner zu binden, davon hat Kühne genug.

Klaus-Michael Kühne: Allein gegen den Rest

Unabhängigkeit um jeden Preis, geradezu besessen wirkt Kühne heute davon. Wie ein roter Faden zieht sich dieses Wort nicht nur durch seine unternehmerische Vita, sondern auch durch seine Reden, Grußworte und Interviews. „Unabhängigkeit bedeutet für mich Handlungsfreiheit. Ist man nicht eigener Herr im Hause, muss man auf zu viele Interessen Rücksicht nehmen. Daher kommen bei wichtigen Entscheidungen nur faule Kompromisse heraus. Nur unabhängig besitzt man den Mut, Fehler zu begehen, sie einzugestehen und sie wieder auszubügeln. Ein Unternehmer muss entscheiden können kraft seiner Freiheit, seiner Erfahrungen und seines Talentes.“ Im Alltag schlägt sich seine Sorge um jeglichen Verlust von Unabhängigkeit vor allem in einem ungebändigten Informationshunger nieder. Selbst in seinem Ferienhaus auf Mallorca ruft er noch spät abends E-Mails ab, kommentiert und antwortet. Das dürfte nicht wenige im Konzern nerven, weiß er.

Schließlich hat er sich 1999 aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und sitzt dem Verwaltungsrat vor. „Sicherlich filtere ich Informationen zu wenig und greife immer noch viel zu viel in Angelegenheiten ein, die mich eigentlich nichts mehr angehen. Aber dank meiner Erfahrung und meines Wissens, das ich eben durch Informationen anreichere, stärke ich mein Urteilsvermögen. Ich will nicht von irgendetwas überrascht werden und gezwungen sein, Defensivmaßnahmen zu ergreifen. Oder einem unbestimmten Schicksal entgegensehen. Es gibt mir ein gutes Gefühl, informiert zu sein.“ Völlig ausgeschlossen, dass er seine kostbare Zeit auf Golfplätzen oder auf diversen gesellschaftlichen Festivitäten vergeudet.

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Klaus-Michael Kühne wurde am 2. Juni 1937 in Hamburg geboren. Nach einer Banklehre arbeitete er einige Jahre bei befreundeten Speditionen und Reedereien, auch im Ausland. Mit jungen 26 Jahren wurde er Teilhaber des Unternehmens, das sein Großvater August und sein Kompagnon Friedrich Nagel 1890 in Bremen gegründet hatten.

Mitte der siebziger Jahre übertrug ihm sein Vater alle Anteile. Kühne ist Präsident des Verwaltungsrats und über seine Holding mit knapp 56 Prozent größter Aktionär. Um das Wachstum, auch über Akquisitionen, zu finanzieren, ist das Unternehmen seit 1994 an der Schweizer Börse notiert. Seitdem wurde der Streubesitz schrittweise auf etwa 42 Prozent ausgeweitet.

Im Jahr 2006 erwirtschafteten 46.000 Mitarbeiter in 90 Ländern 18,2 Milliarden Franken. Der Jahresüberschuss betrug 458 Millionen Franken. Die größten Geschäftsbereiche sind die See- und Luftfracht, der Landverkehr und die Kontraktlogistik.

Klaus-Michael Kühne steckt tief im Unternehmen drin, getrieben auch vom latenten Misstrauen, das Management könne Übernahmeofferten zugeneigt sein. Andere Patriarchen, die wie Kühne in die Jahre gekommen sind, schöpfen ihre Kraft für das Streben nach Unabhängigkeit aus der Hoffnung, ihr Lebenswerk in den Händen ihrer Kinder oder Enkel weiter gedeihen zu sehen. Doch Kühne ist die letzte Generation seiner Familie. Er hat spät geheiratet, hat keine Kinder und auch keine Geschwister. Seine Holding, die 56 Prozent am Unternehmen hält, wird irgendwann an seine Stiftung übertragen.

Furchtlos in die Zukunft

Wer auf sein Leben zurückblickt, könnte vermuten, dass im Regelwerk der Stiftung ein Verkaufsverbot festgeschrieben ist. Dem ist aber nicht so. „Ich mache mir nichts vor. Wir haben eine realistische Stiftungssatzung ausgearbeitet. Eine Satzungsänderung ist möglich. Wer weiß schon, was in 50 Jahren ist? Niemand kann in die Zukunft blicken. Vielleicht gibt es große Zusammenschlüsse und vielleicht – ja – wird Kühne + Nagel verkauft. Irgendwann bricht alles einmal ab.“ Kühne hofft dennoch, dass der Stiftungsrat nach seinem Willen handelt. Er sucht seine Mitglieder, gestandene Unternehmer und auch Berater, Jüngere und Ältere, sorgfältig aus. Seit zwei Jahren ist er dabei. Die Qualifikation der Ratsmitglieder ist in der Satzung genau definiert. „Aber letztlich weiß man nicht, wie Personen funktionieren.“

Das Unternehmen wird nicht unbedingt von Dauer sein. Dafür aber seine Stiftung. Eine kleine Kompensation? „Ich sehe das nicht so philosophisch mit der Ewigkeit“, sagt Kühne. „Mir geht es mit der Stiftung vor allem um Kontinuität, konkret um die Förderung der Logistik.“ Neben karitativen Zwecken unterstützt die Stiftung vor allem die Schulung und Qualifikation von Führungskräften in der Branche. Zumindest hier kann Kühne bis in alle Ewigkeit präsent bleiben. An der WHU Otto Beisheim School of Management trägt der Lehrstuhl sogar seinen Namen. „Herr Kühne ist nicht eitel. Der Vorschlag, unser Institut nach ihm zu benennen, kam von uns. Für ihn ist wichtig, dass der Name Kühne mit positiven Aktivitäten verbunden wird“, sagt Prof. Dr. Stephan Wagner, Leiter des Kühne-Zentrums für Logistikmanagement an der WHU.

Und noch etwas mag vielleicht das Unternehmen überleben: das neue Gebäude in Hamburg. Wer sich der HafenCity nähert, das ehrgeizige Stadtentwicklungsprojekt der Freien und Hansestadt Hamburg, dem beschert das wuchtige Haus mit der Fassade aus Naturstein und Glas einen kontrastreichen Anblick zu den schmalen Häusern der Speicherstadt. Nicht gerade bescheiden ragt der Anker, das Firmenlogo, vom Gebäude in den Himmel. „Ich glaube nicht, dass Herr Kühne sich selbst mit dem Gebäude ein Denkmal setzen möchte. Mein Eindruck ist, dass er ein tiefes Bedürfnis hatte, dem Unternehmen ein stolzes Zuhause zu schaffen. Mit dem neuen Gebäude bringt er Freude zum Ausdruck. Freude darüber, dass es dem Unternehmen so gut geht. Das war nicht immer so“, sagt der Architekt Störmer.

Klaus-Michael Kühne lacht. Gleich mehrmals. Sektgläser klirren. Präsente stapeln sich am Empfang. Zum Beispiel ein Miniatur-Claas-Mähdrescher, der von Kühne + Nagel auf einem Schiff transportiert wird. Von innen zeigt sich das Gebäude weniger streng. Im gläsernen Eingangsbereich, der sich über drei Etagen erstreckt, drängen sich 300 Kunden und Mitarbeiter. Sie alle sind gekommen, um das neue Zuhause einzuweihen. Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust dankt Kühne in seiner Begrüßungsrede für seine „tiefe Verbundenheit, ja sogar Liebe zu Hamburg“.

Kühne ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. 1975 verlegten er und sein Vater den Firmensitz in die Schweiz. Kühne ist nicht nur ein „Leidensgenosse des HSV“, wie er selbst sagt, sondern unterstützt auch den Bau der Elbphilharmonie in der HafenCity. „Im Alter werde ich wohl ein bisschen sentimental. Ich werde oft gefragt, warum ich mich meiner Geburtsstadt wieder so stark zuwende.“ Kühne spricht konzentriert. Während des gesamten Gesprächs scheut er den direkten Blickkontakt. Harte Schale, weicher Kern? „Ich bin auch nur ein Mensch. Dessen Interpretation überlasse ich Ihnen.“

Info

Die Kühne-Stiftung fördert das Kinderspital in Zürich und die logistischen Einrichtungen der WHU, der TU Berlin, der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ETH und ist mit 40 Prozent an der Hamburg School of Logistics beteiligt. Mit der Wissenschaft betritt Kühne eine neue Welt. „Zu Beginn unserer Zusammenarbeit fragte Herr Kühne oft: Was bringt dieses Forschungsprojekt einem Logistikunternehmen?

Er hat mit der Zeit verstanden, wie internationale Spitzenforschung funktioniert. Sie stiftet den Unternehmen nicht unmittelbar Nutzen, sondern auf langfristige Sicht, dafür aber nachhaltig. Und er hat verstanden, dass die Anreizsysteme an der Uni anders funktionieren als im Geschäftsleben“, sagt Prof. Dr. Stephan Wagner von der WHU. Dass Kühne die Stiftung führt wie ein Unternehmen, war nicht anders zu erwarten. Wo die Kooperation gut läuft, wird er dafür gelobt. „Universitäten ticken eher langsam. Mit Herrn Kühne haben wir einen Vollblutpraktiker, der eine schnelle Umsetzung liebt“, sagt Dr. Kirsten Schröder von der Hamburg School of Logistics. Nicht alle Partnerschaften verliefen bisher reibungslos. Die vierjährige Kooperation mit St. Gallen wurde dieses Jahr beendet. Beide Parteien schweigen sich über die Trennungsgründe aus.

Kühne hat viel vor. Bis zu 8 Millionen Franken setzte die Stiftung zuletzt als Fördermittel ein. Er will das wissenschaftliche Netzwerk nach China, in die USA und nach Großbritannien ausbauen. Und möchte nicht, dass ihm jemand dabei in die Quere kommt. „Wir erleben zurzeit einen Boom in der Stiftungsgründung, auch im Bereich der Logistik. Da muss man die Spreu vom Weizen trennen.“

Kürzlich hat sich Klaus-Michael Kühne mit Ex-Kaffeeröster Klaus Jacobs getroffen. Der gebürtige Bremer, wohnhaft am Zürcher See, hat sich in seiner Geburtsstadt an einer Universität beteiligt und möchte angeblich auch den Logistikbereich fördern.

Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.