Prof. Dr. Tom Rüsen, in welchen Ländern wird Ihrer Meinung nach sehr gute wissenschaftliche Arbeit über Familienunternehmen geleistet? Wie positioniert sich Deutschland in diesem Umfeld?
Die USA haben bereits in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit gezielter Forschung zu Familienunternehmen begonnen und sich zu einer hier führenden Forschungsnation entwickelt. Viele Lehrstühle und Institute mit Familienunternehmensbezug sind an amerikanischen Universitäten angesiedelt. In Deutschland gab es lange Zeit neben dem WIFU ein bis zwei weitere Institute, die aber immer an einer Person hingen und nach deren Weggang verweist sind. Mittlerweile haben sich erfreulicherweise weitere Institutionen an privaten und öffentlichen Bildungseinrichtungen etabliert. Gemessen an der Bedeutung von Familienunternehmertum in unserer Wirtschaft, ist das immer noch viel zu wenig. Eigentlich müsste jede betriebswirtschaftliche Fakultät über einen Family-Business-Experten verfügen. Ich hoffe, Deutschland wird sich hier weiter international profilieren.

Als das WIFU vor 20 Jahren an den Start ging, standen vor allem Fragen rund um die Nachfolge in der operativen Geschäftsführung im Fokus. Es waren zum einen Aspekte über die optimale Organisationsstruktur, zum anderen der klassische Vater-Sohn-Konflikt, da früher meist der Sohn nachfolgte. Parallel hierzu begann das WIFU in den ersten Forschungsarbeiten, die Erfolgsfaktoren von Mehrgenerationen-Familienunternehmen zu analysieren. Schon damals arbeitete das WIFU interdisziplinär: Betriebswirte, Juristen, Psychologen und Soziologen bringen ihr Know-how und unterschiedliche Forschungsmethoden zusammen.
Was beschäftigt die Forschung heute?
Heute dreht sich nicht länger alles „nur“ um die operativ tätigen Personen und deren Dynamiken untereinander und im Unternehmen. Die Familie versucht, ihre Rolle als verantwortlicher Gesellschafter zu finden; die Unternehmen suchen nach der optimalen Form, die digitale Transformation zu bewerkstelligen; die Gesellschafter versuchen, die steuerlichen Nachteile in Deutschland zu überwinden. Für uns sind derzeit Fragen zur Passung der Governance und zur Selbstorganisation der Eigentümerfamilie relevant: Wie gewillt und wie kompetent ist sie, sich zu professionalisieren und entscheidungsfähig zu bleiben? Erziehungsfragen scheinen hier immer wichtiger zu werden. In unserer kürzlich durchgeführten Studie haben uns die teilnehmenden Familienunternehmer mitgeteilt, dass sie sehr viele bislang unbeantwortete Fragen zur Erziehung haben.
Welche zum Beispiel?
Wie man zum Beispiel mit einer Generation Y oder Z umgeht, die sich am liebsten selbstverwirklicht und sich gar nicht richtig für das tradierte Familienunternehmen interessiert. Wie weckt man Interesse für die Firma? Ab welchem Alter bindet man sie in wichtige Fragen ein? Wann sollen Vermögensanteile an die Kinder übergeben werden, und welche Auswirkungen hat hier die Erbschaftsteuer? Wie geht man als Gesellschafter mit Social Media um – auch und vor allem in Bezug auf die unternehmerische Herkunft? Als interdisziplinär arbeitendes Institut wollen wir nun auch Pädagogen stärker in unsere Forschung einbeziehen.
Auf welche Forschungsbereiche wird sich das WIFU in den nächsten 20 Jahren konzentrieren?
Das Drei-Kreis-Modell, das aus den achtziger Jahren stammt und in den USA entwickelt wurde, dient zwar immer noch als Erklärungsansatz für die Dynamiken der unterschiedlichen Systeme Familie, Unternehmen und Eigentum sowie deren Schnittstellen. Aber aufgrund der zunehmenden Komplexität reicht es nicht mehr aus, um neue Erkenntnisse für Familienunternehmen zu generieren. Das WIFU spricht seit einiger Zeit vom transdisziplinären Blick. Es wird darum gehen, immer wieder inhaltliche Schwerpunkte zu setzen und diese aus unterschiedlichen Disziplinen zu analysieren.
Forschungsinstitute sind auf das Mitwirken von Familienunternehmen angewiesen. Wie schwer ist es, Gesellschafter für mehr Engagement zu gewinnen?
Das ist in der Tat schwerer geworden. Nun hat das WIFU – wie noch zwei, drei weitere Einrichtungen – eine längere Tradition und kann auf Erfolge aus der Vergangenheit zurückgreifen. Das hilft uns sehr, Familienunternehmen zu motivieren, mit uns zusammenzuarbeiten. Aber wenn ich einen Wunsch freihätte, wünschte ich mir, dass jedes Familienunternehmen mit 0,1 Prozent des Gewinns die Forschungsarbeit hier in Deutschland unterstützen würde. Dann wären wir insgesamt sicherlich weiter.
Info
Zum 20-jährigen Bestehen hat das WIFU eine Studie veröffentlicht, die Aufschluss gibt über die relevanten Fragestellungen, die derzeit Unternehmerfamilien bewegen, und auch darüber, wie die Forschung zur Beantwortung dieser Fragen beitragen könnte. 202 Familienunternehmen haben teilgenommen. Prof. Dr. Tom Rüsen ist Geschäftsführender Vorstand der Stiftung. Die Familienunternehmer Prof. Dr. Frank Stangenberg-Haverkamp (Merck), Gabriela Grillo (Grillo-Werke), Wilfried Neuhaus-Galladé (J.D. Neuhaus) sowie Professor Rainer Kirchdörfer sind Mitglieder des Stiftungskuratoriums.
Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.

