So sieht ein gelungener Generationenwechsel aus. „Ortwin Goldbeck wechselt in den Beirat und übergibt den Staffelstab an seine Söhne Jörg-Uwe und Jan Hendrik, die nun das Unternehmen mit rund 1.600 Mitarbeitern führen.“ So verzeichnet es die Chronik auf der Webseite der Goldbeck GmbH für das Jahr 2007. Bis heute führen die beiden Brüder das Unternehmen gemeinsam in zweiter Generation. Die Mitarbeiterzahl ist unterdessen auf rund 10.000 angewachsen, der Umsatz von 1,04 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2007/08 auf mehr als 5 Milliarden im Jahr 2021/22. Verantwortung übergeben, Wachstum gesichert, alles richtig gemacht. Dann steht da allerdings noch: „Sohn Joachim engagiert sich in der Solarbranche.“ Das klingt merkwürdig vage. Was macht Joachim Goldbeck (53), der mittlere der drei Goldbeck-Brüder, heute? Und was hat das mit dem Familienunternehmen zu tun?
Hirschberg an der Bergstraße ist eine 9.000-Seelen-Gemeinde im äußersten Norden von Baden-Württemberg, ein paar Kilometer östlich von Mannheim. Hier, in einem Industriegebiet in Sicht- und Hörweite der A5, hat Joachim Goldbeck sein Büro: Er ist CEO von Goldbeck Solar, einer Firmengruppe mit rund 380 Mitarbeitern und einer Gesamtleistung von 400 Millionen Euro, die sich auf die Entwicklung und den schlüsselfertigen Bau von großen Photovoltaikanlagen spezialisiert hat.
Joachim Goldbeck gilt, wie es das „Handelsblatt“ einmal schrieb, als „der Grüne“ in der Unternehmerfamilie. Das Thema Solarenergie beschäftigt ihn seit Jahrzehnten. Nach dem Abitur hat er die Idee, etwas im Bereich Umweltschutz zu machen, und entscheidet sich im ersten Schritt für ein Maschinenbaustudium. Während eines Auslandsaufenthaltes in Mexiko für seine Abschlussarbeit macht er 1998 eine simple, aber prägende Erfahrung. „Ich saß da mit den Füßen im Pool, das Wasser war warm“, erzählt er. „Ich fragte den Betreiber, wie sie es heizen – ich ging davon aus, dass da irgendwo ein schwarzer Schlauch auf dem Dach liegt. Aber er sagte: ‚Mit Diesel.‘ Ich dachte: Das kann nicht wahr sein, die haben hier gefühlt 400 Tage Sonne im Jahr, dafür muss es doch eine andere Lösung geben.“

Dieser Moment wird zum Ausgangspunkt für eine tiefergehende Beschäftigung mit dem Thema Solarenergie, wobei er von der Warmwassererzeugung schnell zur Stromerzeugung kommt. 1998, nach seinem Aha-Erlebnis am Pool, beginnt Joachim Goldbeck als Vertriebsingenieur bei ASE in Alzenau: Im Vertrieb von Solarzellen lernt er dort den Markt und die Technik der Photovoltaik detailliert kennen. Zwei Jahre später tritt das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Deutschland in Kraft. „Vorher hatten sich immer nur einzelne Städte zu dem Thema engagiert. Durch das EEG wurde der Markt skalierbar“, sagt Joachim Goldbeck.
Das war der äußere Anlass für ihn, das Thema ins Familienunternehmen zu tragen. Denn die heutige Goldbeck Solar GmbH war ursprünglich ein Teil des Bauunternehmens Goldbeck: Im Jahr 2001 gründete Joachim Goldbeck sie als neuen Zweig innerhalb des existierenden Bauunternehmens, wenn auch 300 Kilometer weit weg von dessen Stammsitz in Bielefeld, und zwar in Ichtershausen bei Erfurt. 2004 zog das junge Unternehmen in den marktseitig stärkeren Süden nach Hirschberg an der Bergstraße. In dieser Konstellation positionierte sich die Goldbeck-Solarsparte zunächst als Generalunternehmen für die Installation von Photovoltaikflächen auf Industriedächern, passend zum Fokus des Bauunternehmens. Das Geschäft wuchs. In den ersten zehn Jahren baute Joachim Goldbeck ein Team von rund 120 Mitarbeitern auf. Ab 2007/08 trieb das Unternehmen die Internationalisierung voran und baute zunehmend Freiflächenanlagen – also etwa ab dem Zeitpunkt, zu dem Goldbecks Brüder Jan Hendrik und Jörg-Uwe die Leitung des Bauunternehmens vom Vater übernahmen.
Neue Konstellationen
Die Frage, ob der Geschäftsführungsjob nicht auch etwas für ihn gewesen wäre, wischt Joachim Goldbeck zur Seite. „Ich bin jemand, der Solar machen will“, sagt der Unternehmer, der seit inzwischen fast zehn Jahren auch als Präsident dem Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) vorsitzt. „Bau ist auch ein gutes Thema, aber es ist das Thema meiner Brüder.“ Zugleich war die neue Konstellation nicht ohne Reibung. Als Leiter der Solarsparte stand der mittlere Goldbeck-Bruder eine Stufe unter der neuen Geschäftsführung. „Wenn ich glaubte, eine gute Idee zu haben, dann musste ich fragen: Brüder, wollt ihr? Ich musste ihnen meine Themen verkaufen“, erinnert sich Joachim Goldbeck.
So verschieden die jeweilige Expertise der Brüder, so sehr unterschieden sich auch die Geschäftsmodelle, es fehlten die Synergieeffekte. „Bau und Solar sind technisch ganz verschiedene Themen, gerade wenn wir über Freilandanlagen sprechen, und auch der Markt und die Kunden ticken ganz anders“, erläutert Joachim Goldbeck. Zeitgleich begann in der Solarbranche das, was der Unternehmer das Auf und Ab der internationalen Märkte nennt. „In Europa wurde in verschiedenen Phasen viel in Solar investiert“, berichtet er, etwa 2008 in Spanien, 2009 in Tschechien, 2010 in Italien, 2010 bis 2012 in Deutschland, bis etwa 2014 in England. Dann aber habe eine Durststrecke begonnen. „Zwischen 2015 und 2018 lief quasi kein europäischer Markt mehr.“
Parallel dazu begannen die Märkte im außereuropäischen Ausland, also in China, den USA, in Chile und Indien, richtig stark zu wachsen. Die Goldbeck-Gruppe war aber zu diesem Zeitpunkt nur in Europa tätig – und darüber hinaus auch mit dem eigenen Wachstum, neuen Produkten, neuen Ländern und Strukturen vollauf beschäftigt. „Und dann komme ich und schlage ein Eigeninvest von 100 Millionen Euro in Kasachstan vor“, sagt Goldbeck. „Da haben meine Brüder gesagt: Du kennst dich damit vielleicht aus, aber wir nicht. Wir mussten uns fragen: Was machen wir?“
Die Realteilung von Goldbeck und Solar
Auf der Suche nach einer Antwort standen verschiedene Szenarien im Raum, unter anderem eine weitere Verkleinerung des inzwischen nur noch etwa 50-köpfigen Teams auf ein Competence-Center innerhalb der Goldbeck GmbH, das nur noch ein paar DACH-Projekte macht – für Solar-Verfechter Joachim Goldbeck keine überzeugende Option. In seiner Erinnerung war es der älteste Bruder Jörg-Uwe, der 2016 die Idee einer Realteilung erstmals ins Gespräch brachte. Die Lösung leuchtete allen ein. „Unser Geschäft hing synergetisch nicht zusammen, und es hing auch vom Markt her nicht zusammen“, sagt Joachim Goldbeck. „Daher war es sinnvoll und möglich zu sagen: Wir lösen uns voneinander.“
Zur Veranschaulichung des Prozesses nutzt Joachim Goldbeck gern das Bild eines Kuchens, wobei jeder Goldbeck-Bruder gleich viele Stücke hat. „Eines von diesen Stücken wird herausgenommen und kommt zu mir, dann verteilt sich der Rest der Menge etwas anders – wobei nach wie vor auch Stückchen von mir auf dem Tisch sind.“ Will sagen: Joachim Goldbeck blieb Gesellschafter bei dem Bauunternehmen.
Dazu, wie die Familie bei der Bewertung der Unternehmensanteile vorgegangen ist, äußert er sich nicht konkret. „Natürlich hätte ich gern das Doppelte gesehen. Und meine Brüder hätten, wenn sie völlig frei am Markt gewesen wären, womöglich weniger angesetzt“, sagt Goldbeck. Wichtig seien Vertrauen, ein faires Miteinander und eine gewisse Kompromissbereitschaft gewesen. „Wir sind nicht mit juristischer Schärfe und betriebswirtschaftlicher Finesse vorgegangen – damit hätten wir, glaube ich, mehr kaputtgemacht als gewonnen.“ Mit dem Begriff Realteilung tut er sich etwas schwer. „Rechtlich ist das so. Aber für uns war es keine komplette Trennung. Wir haben nach wie vor ein kooperatives Verhältnis.“ Das gilt vor allem in Richtung Familienunternehmen. Bei Goldbeck Solar ist Joachim Goldbeck – bis auf eine kleine Beteiligung eines Mitarbeiters – Alleingesellschafter. Zugleich ist er nach wie vor Gesellschafter der Goldbeck-Gruppe, er sitzt im Beirat des Unternehmens und im Aufsichtsrat der übergreifenden Ortwin Goldbeck Holding.
Auf Augenhöhe
Selbst machen zu können, was er will, und zugleich den anderen als Gesellschafter reinreden zu können: Geht Joachim Goldbeck nach der Realteilung also als Sieger vom Platz? Fragen wie diese bringen den Unternehmer nicht aus der Ruhe. Warum auch? Er sieht auch gar keine Notwendigkeit, in den Gremien für Unruhe zu sorgen: „Meine Brüder machen ihren Job sehr gut – das ist es, was für mich als Aufsichtsrat zählt.“ Erst kürzlich habe er mit beiden noch mal über das Thema Realteilung gesprochen. Sie seien sich einig, dass es die sinnvollste Lösung gewesen sei. Geld, Entscheidung und Marktkompetenz seien jetzt näher beieinander. „Wir sind jetzt auf Augenhöhe“, resümiert Joachim Goldbeck.
Heute profitiert Goldbeck Solar vom neuerlichen Boom der Solarindustrie und wächst sogar schneller als das Bauunternehmen, wenn auch in insgesamt deutlich kleinerem Maßstab. Mit einer Gesamtleistung von rund 400 Millionen Euro und rund 380 Mitarbeitern hat die Firma den Höchststand vor der Krise 2012 inzwischen längst übertroffen. „Meine Brüder haben mal geäußert, dass Goldbeck Solar offenbar genau zum richtigen Zeitpunkt herausgelöst wurde“, sagt Joachim Goldbeck lachend. Er verbucht die Bemerkung offensichtlich als Stichelei unter Brüdern, nicht als ernsten Vorwurf. Allen Beteiligten ist klar, dass Joachim Goldbeck derjenige war, der 2018 das unternehmerische Risiko in einer von Höhen und Tiefen geprägten Branche auf sich nahm. „Deswegen gibt es auch kein böses Blut“, sagt der mittlere Goldbeck-Bruder. „Es war ja nicht garantiert, dass das ein Selbstläufer würde.“
Zur Einordnung richtet er den Blick auf ehemalige Marktgrößen wie Qcells, Solarword, Schott oder Bosch. „Da mussten zum Teil zehnstellige Beträge abgeschrieben werden“, sagt Goldbeck. Keiner der Spieler in seinem Marktsegment, die in den Jahren 2011/12 erfolgreich wurden, seien heute noch unter derselben Gesellschafterstruktur. Vor diesem Hintergrund können Joachim Goldbeck, sein Vater und die beiden Brüder mit ihrer Lösung durchaus zufrieden sein. So bleibt das Geschäft immerhin in der Familie.
Hat Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Mainz und Paris studiert. Kam über die Kulturberichterstattung zur Tageszeitung. Seit 2007 Redakteurin in der F.A.Z.-Gruppe, seit 2015 fester Teil der wir-Redaktion, wo sie die Produktion des Magazins, das Programm der „wir-Tage“ und den Podcast verantwortet.

