Die deutsche Wirtschaft feiert den Kreis. In diesen Zeiten treffen ökologische Klimakatastrophe und ökonomische Ressourcenknappheit aufeinander, und die Kreislaufwirtschaft scheint die Lösung für beide Probleme gleichermaßen zu sein. Darum treffen sich Wirtschaftsvertreter, aber auch Forscher und Politiker regelmäßig auf Veranstaltungen, wo diese Lösung diskutiert wird. So auch auf dem „Circulaze Summit“ im November 2023 im House of Communication im Münchner Werksviertel. Doch während die Teilnehmer auf der Bühne von Kreisen sprechen, spricht das Haus eine andere Sprache: „Schwarz und quadratisch“ lautet hier das Interior-Design-Motto. Die Tischplatten: schwarz und quadratisch. Die Sitzflächen der Stühle: schwarz und quadratisch. Die Treppenstufen: schwarz und, naja, rechteckig. Schwarz wie Kohle, schwarz wie Öl. Auch hinter den Kulissen ist die fossile Wirtschaft immer noch allgegenwärtig; es wird verbrannt und verbraucht. Wie kann die deutsche Industrie lernen, rund zu werden? Wie kann sie lernen, zu integrieren anstatt zu verbrauchen?
Systematische Ansätze
Diese Frage stellen sich auch die Teilnehmer des „Circulaze Summit“. „Es sollte illegal sein, Dinge zu verkaufen.“ Diesen Satz sagt kein langhaariger linker Weltverbesserer, sondern Prof. Martin Stuchtey, ehemaliger Managing Partner bei McKinsey, in seiner Opening Keynote. Und Brit Neuburger, Senior Advisor bei der Boston Consulting Group, präzisiert: „So lange Unternehmen Dinge verkaufen, ohne sie wieder zurückzunehmen, gibt es keine Kreislaufwirtschaft.“ Mit ein bisschen Greenwashing ist es nicht getan – das ist allen Anwesenden klar. In der Tiefe muss sich etwas ändern. Wertschöpfung muss neu gedacht werden.
Familienunternehmer, die sich die Frage stellen, wie sie im Sinne der Kreislaufwirtschaft wirtschaften können, suchen nach systematischen Ansätzen. Andreas Haller hat einen gefunden, auch wenn dieser nicht unbedingt strategisch geplant war. Sein erster Versuch, aus verkrusteten Denkmustern auszubrechen, ist zunächst gescheitert.
Allein geht es nicht
Die Haller Gruppe ist ein traditionsreiches deutsches Familienunternehmen, das immer im Bereich Transport tätig war – in welcher Form auch immer. 1882 wurde das Unternehmen als Pferdekutschen-Taxiservice in Augsburg gegründet. „Da waren wir eigentlich schon ‚Zero Emission‘ – also fast“, grinst Andreas Haller, der Ururenkel des Gründers Gottfried Haller. Statt Pferdeäpfel produzierte Haller aber nach dem Zweiten Weltkrieg CO₂ als Abfallprodukt, als das Unternehmen sich dem Vertrieb von Nutzfahrzeugen und Landmaschinen widmete. In Zeiten der globalen Erwärmung muss das nicht sein, fand Andreas Haller. Im Jahr 2001 übernahm er in fünfter Generation die Geschäftsführung, im Jahr 2005 erweiterte er die Nutzfahrzeugsparte um Busse und entdeckte gleichzeitig das Potential der Elektromobilität. Zehn Jahre nach seinem Einstieg, 2011, verkaufte die Haller Gruppe den ersten E-Bus überhaupt in Deutschland an die Stadtwerke Osnabrück.

„Der zunehmende Erfolg dieser E-Sparte machte einem Teil der Belegschaft Angst. Für diesen ‚Kulturkampf‘ zwischen Diesel und Elektro gab es eigentlich keine rationalen Gründe. Aber als zwei meiner Mitarbeiter gekündigt haben, musste ich die Reißleine ziehen“, sagt Haller. Dabei ist er vom Weg in die Elektromobilität, die Wasserstofftechnologie und vor allem: die Kreislaufwirtschaft überzeugt: „Noch vor 2050 wird es in Deutschland keine fossile Automobilindustrie mehr geben.“ Also gründete er die Quantron AG, heute eher ein Scale-up als ein Start-up mit mittlerweile etwa 150 Mitarbeitenden, das sich auf E-Mobilität – batterie- und wasserstoffbetrieben – für Lkw und Busse spezialisiert hat. Angeboten werden unter anderem „Zero Emission Miles“, als emissionsfrei gefahrene Kilometer in einem Abo-Modell. Mehrheitsaktionär ist die Andreas Haller Holding GmbH, aber Andreas Haller hat sich weitere Aktionäre aus der Industrie geholt, weil er weiß, dass es ohne Partner nicht geht. So ist zum Beispiel der kanadische Brennstoffzellenhersteller Ballard Power genauso Aktionär wie der deutsche Maschinen- und Anlagenbauer Neuman & Esser. Die Kanadier bringen Expertise in Brennstoffzellen mit, die auch in die Quantron-Fahrzeuge eingebaut werden; die Deutschen bauen Wasserstoffanlagen.
Der Weg hin zur Kreislaufwirtschaft strahlt auch auf das Thema Fachkräfte. „Junge Fachkräfte wollen heute eher zu Quantron als zu Haller, weil sie die Zukunftsaussichten hier besser einschätzen. Aber auch Experten aus dem klassischen Nutzfahrzeugbau, die ihre Karriere bei den großen Herstellern hinter sich gelassen haben, kommen zu uns. Weder die Menschen noch ihr Fachwissen werden in der Transformation zur Kreislaufwirtschaft überflüssig. Es ist wichtig, dass sie das spüren – nur so kann die teilweise ideologisch geführte Diskussion um die ‚richtige Antriebstechnologie‘ beendet werden.“ Andreas Haller hat ein Ökosystem aus Start-ups, Wissenschaftlern, Lieferanten, Kunden und Experten um sich herum geschaffen, mit dessen Hilfe er diese Herkulesaufgabe Schritt für Schritt bewältigt.
Bei Ökosystemen und Plattformen setzen auch andere Initiativen an. Claus Schuster, zweite Generation und Gesellschafter von defacto X, und Natascha Zeljko sind die Initiatoren des „Circulaze Summit“. Über ihr gemeinsames Start-up Curaze haben sie vor einigen Jahren begonnen, Netzwerke für Unternehmen und Start-ups rund um Technologie und Innovationen aufzubauen. Eine weitere Plattform hat UnternehmerTUM, als gemeinnützige GmbH von Susanne Klatten gegründet, geschaffen: Circular Republic soll Unternehmen dabei unterstützen, Kreislaufwirtschaft in ihre Prozesse zu integrieren. „Enable, Act, Inspire“ lautet das Credo von Circular Republic, das aber vor allem auch als Start-up-Plattform fungiert.
Produzieren, verkaufen, zurücknehmen
Carl Warkentin, Mitglied der Unternehmerfamilie Weiss der SMS Group, deren Anteile mittlerweile in einer Familienstiftung liegen, hat Circular Republic mitgegründet. Die Plattform arbeitet vorrangig mit den 9 R: „rethink, reuse, reduce, recycle, repair, refurbish, re-manufacture, repurpose, recycle, recover.“ Diese vielen englischen Wörter umfassen den Prozess der Materialverwendung, den Prozess der Erhöhung der Haltbarkeit eines Produkts und den verbesserten Gebrauch des Produkts.

Warkentin erzählt von einem mittelständischen Hersteller von Messtechnik, der von Chinesen fast aus dem Markt gedrängt worden sei, die die Messgeräte sehr viel billiger herstellen konnten. Allerdings habe man diese Geräte alle paar Jahre wegschmeißen müssen. „Der deutsche Hersteller hat gesagt: ‚Unsere Geräte haben so hohe Qualität, dass man bei einem Defekt nur Teile austauschen muss, aber nicht das ganze Gerät. Das Gerät verbleibt im Besitz der Firma, und der Nutzer zahlt nur für die Benutzung. So kann man sogar günstiger sein, bei besserer Qualität.‘“
Dieses Beispiel rekurriert auf die Aussagen von Martin Stuchtey und Brit Neuburger beim „Circulaze Summit“: Die Verantwortung endet nicht beim Verkaufen. Das Zurücknehmen gehört in Zukunft dazu. Und abgesehen davon, dass die Folgen der ökologischen Gesamtkatastrophe abfedert werden können, indem in solchen Kreisläufen gedacht wird, können Leasing- oder auch Abo-Modelle ökonomisch attraktiv sein.
Auch Carl Warkentin denkt über ein Abo-Modell für das Produkt seines eigenen Unternehmens nach. Vor zehn Jahren hat er Monaco Ducks gegründet, einen Sneaker-Hersteller aus München. Doch auch kompostierbare Sohlen nützen nichts, wenn der Schuh nach der Benutzung auf einer illegalen Müllhalde in Afrika landet – was bei vielen Schuhen der Fall ist. Monaco Ducks arbeitet gerade an einem Schuh, der nur aus einem einzigen Material besteht und nach der Benutzung von der Firma vollständig in den Materialkreislauf zurückgeführt werden kann. „Die Notwendigkeit zur Transformation ist allen bewusst“, sagt Carl Warkentin. „Wer in den 2030er Jahren noch erfolgreich sein will, muss auf Kreislaufwirtschaft setzen. Auch wegen EU-Vorgaben. Wer weiterhin darauf setzt, Rohstoffe in dem Maße zu verschwenden, wie es heute praktiziert wird, wird am Markt scheitern.“
Wirtschaftlich sinnvoll, politisch gewollt
Nicht nur auf EU-Ebene ist klar, dass die ökologische Wende gelingen muss. Die Kreislaufwirtschaft durch einen anderen gesetzgeberischen Rahmen zu begünstigen ist erklärtes Ziel der Bundesregierung. So soll 2024 ein Gesetz in Kraft treten, das die Recyclingfähigkeit von Produkten vorschreibt und einen Anreiz zur Circular Economy sein soll. Spielentscheidend ist jedoch, dass diese Maßnahmen nicht als zusätzliche Bürokratie und Belastung für Unternehmerinnen wahrgenommen werden. Unterstützung muss eine größere Rolle spielen als das Verbieten: Plattformen und Netzwerke zu schaffen sowie Wissen und Ideen zu vermitteln werden in Zukunft ebenso wichtig wie die diesbezüglichen Gesetze. Nur so kann die deutsche Wirtschaft ihre fossile Schwärze hinter sich lassen – und endlich rundlaufen.
Hat an der Uni Bamberg Germanistik, Philosophie und Kommunikationswissenschaften studiert. Zuvor arbeitete sie als Redakteurin am Zukunftsinstitut von Matthias Horx. Bei dem Magazin brand eins in Hamburg entdeckte sie ihre Liebe zum Wirtschaftsjournalismus, der sie seit März 2023 beim wir-Magazin frönen darf.

