Messer Group: Wie blicken Stefan und Marcel Messer auf Eigentum?

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Eigentlich war Stefan Messers unternehmerische Geschichte zu Ende erzählt. Denn er hatte das erreicht, was sich viele Unternehmerfamilien in vergleichbaren Situationen nur allzu sehr wünschen: wieder Herr im eigenen Haus sein. Stefan Messers Vater Hans hatte 1965 zwei Drittel der Unternehmensanteile des Industriegaseherstellers Messer an die Farbwerke Hoechst veräußert. Fast 40 Jahre später, im Jahr 2004, lagen alle Anteile wieder vollständig in Familienhand. Stefan Messer hatte sie sich zurückgeholt.

Die Story wurde medial vielfach aufgegriffen und erzählt. Das „manager magazin“ schrieb über die wechselvolle Eigentümergeschichte beispielsweise: „Am 7. Mai 2004 begann eine neue Zeitrechnung. Seit dem Tag ist Messer wieder ein lupenreines Familienunternehmen.“ Stefan Messer wurde nach dem Rückkauf zu einer Art Lichtgestalt im Kreis der deutschen Familienunternehmen. Im Jahr 2010 wurde er auf dem INTES Unternehmer-Erfolgsforum zum „Familienunternehmer des Jahres“ gekürt. Vier Jahre später erhielt er im Rahmen des EY-Wettbewerbs „Entrepreneur Of The Year“ den „Ehrenpreis für Familienunternehmen“. Alles Titel, die vorwiegend für ein abgeschlossenes unternehmerisches Lebenswerk vergeben werden. Zeit also für den Schlussakkord?

„Ich dachte selbst, es ist vorbei. Ich wähnte mich am Ziel“, blickt Stefan Messer zurück. Seine Vision war erfüllt. 100 Prozent Messer, das war immer sein Leitsatz gewesen. 2007 erschien sogar ein Buch im Piper Verlag, das exakt diesen Titel trägt: „100 Prozent Messer“. Die Unterzeile lautet: Die Rückkehr des Familienunternehmens. Aber mit Printprodukten ist das so eine Sache – und mit dem Leben auch. Das weiß Stefan Messer, der 2008 an Zungenkrebs erkrankt war, am besten.

Die Generationenchance

Denn zum größten Sprung setzte das Unternehmen an, als die letzten Seiten im Buch noch nicht zu Ende geschrieben waren. Die zweite Auflage der Publikation greift die Geschichte von 1898 bis 2018 auf, die letzten vier Seiten erzählen, wie Stefan Messer sein Vermächtnis und seine Vision wieder über den Haufen wirft. Denn 2018 brachte er einen Großteil der westeuropäischen Tochtergesellschaften – inklusive der deutschen – in das Joint Venture Messer Industries ein, das er zusammen mit einem Finanzinvestor gründete. Rund 339 Millionen Umsatz wurden in diesen Unternehmen erwirtschaftet. Somit war das Credo „100 Prozent Messer“ zunächst wieder Geschichte – bereits zum zweiten Mal.

„Im Leben gibt es immer Opportunitäten“, kommentiert Stefan Messer die größte Transaktion der Unternehmensgeschichte trocken. Seit April 2023 ist er Vorsitzender des Aufsichtsrats der Messer SE & Co. KGaA. Sohn Marcel Messer als vierte Generation ist in verschiedenen Führungsrollen involviert. Er ist unter anderem Managing Director der MEC Holding, die die Bereiche der industriellen Schweiß- und Schneidetechnologie sowie der Medizintechnik bündelt. Auch Marcel Messer spricht über das Jahr 2018 von einer Chance, die nur ein Mal pro Generation kommt. Das Umsatzwachstum von Messer in den Folgejahren illustriert die Dimension: Als im Jahr 2019 die Neuauflage des Buches erscheint, liegt der Umsatz bei ungefähr 2 Milliarden Euro. Heute erreicht das Familienunternehmen bereits mehr als 4 Milliarden Euro.

Die Marktposition des Unternehmens zu festigen und zu verbessern scheint für Familie Messer wichtiger zu sein als alleinige Eigentümerschaft und Sentimentalitäten. Dieser Ansatz komme tief aus dem Selbstverständnis der Unternehmerfamilie, sagt Stefan Messer. „Alle Transaktionen der Unternehmensgeschichte waren transformativ und haben uns geholfen, die Stellung des Unternehmens im Markt immer zu verbessern“, ergänzt sein Sohn Marcel.

So ging Hans Messer – damals noch als Anlagenbauer für Gastrennanlagen – seinerzeit den Deal mit Hoechst ein. Hoechst betrieb mit der Knapsack Griesheim AG mehrere Luftzerlegungsanlagen und Füllwerke. Die Gasaktivitäten des Tochterunternehmens wurden 1965 mit der Adolf Messer GmbH zur Messer Griesheim GmbH zusammengeführt. Nur so könne man sich international mit der Konkurrenz messen, war sich Hans Messer damals sicher. Hoechst wurde mit zwei Dritteln und die Familie Messer mit einem Drittel der Anteile an dem neuen Unternehmen beteiligt.

Ein alter Bekannter

Schließlich ergab sich 2018 die Chance für Messer, seine Position als größter familiengeführter Industriegasespezialist weltweit zu festigen – als Antwort auf die Konsolidierung im Markt, getrieben durch die großen Wettbewerber im Gasmarkt. Damals hatte die amerikanische Wettbewerbsaufsicht, die Federal Trade Commission (FTC), grünes Licht für die Fusion des Münchner Gaskonzerns Linde und des amerikanischen Konkurrenten Praxair erteilt. Ein globaler Riesenkonzern sollte entstehen, der aber von der FTC eingegrenzt wurde. Die Fusionsparteien mussten einige Geschäftsfelder abgeben, so die Rechtsprechung.

„Um in den Bieterprozess miteinzusteigen, hat es sich gelohnt, auf 100 Prozent Eigentum zu verzichten“, sagt Marcel Messer, der seinen Vater im Prozess begleitete. Aber allein hätte das Familienunternehmen die Übernahme nicht stemmen können: Die von Linde und Praxair angebotenen Targets waren im Verhältnis zur damaligen Messer Group riesig. Sie erwirtschafteten mit 1,8 Milliarden US-Dollar (1,6 Milliarden Euro) und einem EBITDA von rund 408 Millionen US-Dollar (359 Millionen Euro) mehr als die gesamte Messer Group, die im Jahr 2018 auf einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro kam.

Info

Adolf Messer gründete die Frankfurter Acetylen-Gas-Gesellschaft Messer & Cie. in Höchst am Main im Jahr 1898. In zweiter Generation fusionierte Hans Messer die daraus entstandene Adolf Messer GmbH im Jahr 1965 mit der Knapsack-Griesheim AG, die zum Hoechst-Konzern gehörte und zwei Drittel der Anteile des neuen Unternehmens übernahm: der Messer Griesheim GmbH. Hans Messer wollte trotz Minderheitsanteil die Einflussnahme seiner Familie sichern. Es wurde festgeschrieben, dass die Familie eine ständige Präsenz in den Führungsgremien haben könne, sofern der Gesellschafteranteil der Familie nicht unter 10 Prozent falle.

1993 verließ Hans Messer die Unternehmensleitung und übergab an den familienfremden Manager Herbert Rudolf. Dessen aggressiver globaler Expansionskurs war für die Messer Griesheim GmbH nicht von Erfolg geprägt. Zudem wollte der Hoechst-Konzern im Rahmen einer Umorientierung des Kerngeschäfts seine Gesellschafteranteile loswerden. Der Gang an die Börse scheiterte genau wie der Versuch von Hoechst, seine Anteile an den Konkurrenten Linde zu verkaufen. Auch auf familiärer Seite zeigten sich unterschiedliche Sichtweisen. Thomas Messer, ältester Sohn von Hans Messer, sah sich nicht in der Rolle des Eigentümers und brachte den größten Teil seiner Anteile in die gemeinnützige Adolf Messer Stiftung ein.

Sein jüngerer Bruder Stefan Messer wollte aber weiter Einfluss auf das Unternehmen ausüben. 1999 kaufte er die bereits ausgegliederte Gesellschaft Messer Cutting & Welding und entwickelte sie mit weiteren Anteilseignern weiter. Zwei Jahre später entschied sich, wer die Hoechst-Anteile an Messer Griesheim halten würde: Goldman Sachs Funds und Allianz Capital Partners erwarben die Anteile von Hoechst, das zu diesem Zeitpunkt bereits Aventis hieß. Als sich abzeichnete, dass die Investoren nach einigen Jahren als Gesellschafter einen Exit anstrebten, zog Stefan Messer – zur Überraschung vieler – die vertragliche vorgesehene Call-Option. Dafür verkaufte er 2004 die Messer-Tochterunternehmen in Deutschland, UK und den USA an den Konkurrenten Air Liquide und finanzierte so den Rückkauf der Anteile. Das Unternehmen war wieder in Familienhand.

Bei der Finanzierung des Deals schloss sich Stefan Messer mit Alexander Dibelius zusammen. Dieser war verantwortlich für das Deutschland-Geschäft der Private-Equity-Gesellschaft CVC Capital Partners aus Luxemburg. Stefan Messer und Alexander Dibelius hatten schon einmal zusammengearbeitet, als der Finanzmanager bei Goldman Sachs die Beteiligung an der Messer Group von 2001 bis 2004 verantwortete. Am neuen Joint Venture, der Messer Industries GmbH, wurden CVC und die Messer Group zu gleichen Teilen beteiligt. Um die Geschäfte von Linde und Praxair zu übernehmen, investierte das Gemeinschaftsunternehmen von Messer und CVC rund 3,6 Milliarden US-Dollar (3,2 Milliarden Euro).

Letzte Amtshandlung

Für Stefan Messer war die Zukunftsperspektive aber bereits bei der Bekanntgabe des Joint Ventures Anfang 2019 klar: „Wir beabsichtigen, bereits in wenigen Jahren das Joint Venture zu 100 Prozent in das Familienunternehmen Messer Group zu integrieren“, sagte er damals. Langfristig würde es dem Familienunternehmen im Vergleich zum Private-Equity-Unternehmen um mehr Wachstum gehen und darum, unter einer einheitlichen Führung und Kultur das Unternehmen weiterzuentwickeln, so seine These. Aber in den ersten Jahren bestand ein Gleichgewicht der Interessen von CVC und Stefan Messer: Schulden tilgen und das erworbene Geschäft auf sichere Beine stellen.

Um die von Linde und Praxair erworbenen Unternehmensbereiche weiterzuentwickeln, das war dem Familienunternehmer immer bewusst, werde es aber einen anderen Partner brauchen. Einen Partner, der die geplante Integration – auch finanziell – mittragen würde. Diesen Deal einzufädeln und das Joint Venture ohne Beteiligung von CVC ins Familienunternehmen zu holen würde Stefan Messers letzte Amtshandlung in der operativen Geschäftsführung werden.

Der Abgang

Am 27. April 2023 wechselte Stefan Messer in den Aufsichtsrat des Unternehmens. Sein Nachfolger als CEO ist Bernd Eulitz, der vorher bei Knorr-Bremse im Vorstand war und zuvor in unterschiedlichen Rollen beim Gaseunternehmen Linde arbeitete. Am 30. Mai 2023 verkündete die Gruppe, dass die Messer Industries GmbH vollständig ins Unternehmen integriert werde. Dafür wurde CVC aus dem Joint Venture herausgelöst und dieses komplett in die Messer Group gehoben.

Um den Schritt zu finanzieren, musste aber ein neuer Geldgeber her. Den Partner dafür fand Familie Messer in Asien. Mit GIC Private Limited, vormals Government of Singapore Investment Corporation (GIC), ist heute ein externer Gesellschafter mit einer Minderheit auf Holdingebene der Messer Group beteiligt. GIC ist eine der drei Investmentgesellschaften in Singapur, die die Reserven des Landes verwalten, und gibt sich als Geldgeber mit großem Zeithorizont. Tharman Shanmugaratnam, amtierender Präsident Singapurs und ehemaliger stellvertretender Vorsitzender von GIC, schrieb im Vorwort des Buches „Bold Vision: The Untold Story of Singapore’s Reserves and Its Sovereign Wealth Fund“ im Jahr 2021, dass langfristiges Denken der Kern der Philosophie des Geldgebers sei. „Es geht nicht nur um ein Jahr oder eine Legislaturperiode oder gar um eine Generation, sondern um die Interessen der heutigen und der künftigen Generationen“, so der Präsident.

Auch bei Messer dreht es sich nun um die nächste Generation. Wie also blickt Marcel Messer auf die Unternehmensgeschichte und die Anteilsfrage? Er habe durch die Historie und die Transaktionen seiner Vorgänger ein anderes Verständnis und Verhältnis zu Gesellschafteranteilen, meint der Nachfolger. Anteilseigner war er zwar schon vor seiner Entscheidung, operativ ins Unternehmen einzusteigen. Eine Mehrheit zu halten sei für ihn aber kein großes Kriterium. „Ich sehe mich in der Rolle des Treuhänders“, sagt Marcel Messer.

Ein Treuhänder, der zum Rückkäufer werden kann wie sein Vater vor ihm? Die fremden Anteile von GIC zurückzuholen sei bei der Größe, die das Unternehmen heute habe, äußerst schwierig. Aber auch seinem Vater hätte man in seiner Einstiegszeit den Plan „100 Prozent Messer in Familienhand“ nicht zugetraut. Er erreichte das Ziel. Bis eben die nächste Opportunität um die Ecke kam.

Hat Internationalen Journalismus in Magdeburg studiert. Schrieb schon davor für die Südwest Presse in seiner Heimat Ulm. Sammelte zudem Auslandserfahrung bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia, sowie bei Kwanza TV in Daressalam, Tansania. Seit 2017 Redakteur bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA und Mitglied im Redaktionsteam des wir-Magazins.