Tristan und Matthias Horx über Zukunfts- und Generationenfragen

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Tristan Horx, wann fiel Ihre Entscheidung, Zukunftsforscher zu werden?

Tristan Horx: Es gab eine Zeit in meiner Pubertät, als für mich feststand, dass ich das auf gar keinen Fall machen will. Ich habe ­rebelliert. Aber ob ich wollte oder nicht: Die Zukunftsforschung war in unserem Haus, in unserer Familie so präsent, dass ich von selbst in dieses Feld hineingewachsen bin, ohne es zu merken. Ich kann mich an ein entscheidendes Abendessen in München erinnern, als ich mit meinem Vater darüber sprach und mir klar wurde, dass ich mich eigentlich die ganze Zeit schon darauf vorbereitet hatte. Mit Anfang 20 hielt ich dann meinen ersten Vortrag in Frankfurt, vor meiner ganzen Familie, vor meinen Freunden und vor allen Mitarbeitern des Zukunftsinstituts. Ich war noch nie in meinem Leben so nervös. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Der Vortrag lief so medium. Aber dann war ich angefixt.

Tristan Horx
Tristan Horx, www.tristan-horx.com / Foto: Klaus Vyhnalek, www.vyhnalek.com

Matthias Horx, wie fanden Sie die Idee?

Matthias Horx: Tristan, ich habe dich immer gewarnt: Such dir ­einen anständigen Beruf. Werde Fischer, Gärtner oder Handwerker! Aber du hast nicht auf mich gehört. Das war natürlich die richtige Strategie, um dich da hinzubringen, wo du jetzt bist.

Tristan: Das war Absicht: Du hast meine Rebellion einkalkuliert!

Matthias: Genau, das nennt man paradoxe Intervention (beide ­lachen). Gleichzeitig ist die Konstellation zu einem Experiment geworden. Es gibt nur 30 oder 40 Zukunftsforscher weltweit, und wir haben gesucht: Darunter ist bisher kein Nachfolgefall.

Tristan Horx, Ihr Vater ist schon lange ein sehr bekannter Zukunftsforscher. Hat Sie diese Bekanntheit auch abgeschreckt?

Tristan: Es gab Momente, wo mir das schon als Kind sehr bewusst wurde. In dem Geographiebuch, das ich als Schüler im Gymnasium in Wien benutzen musste, wurde er zum Beispiel zitiert. Oder Lehrer haben mich auf etwas angesprochen, was Matthias in einem Interview gesagt oder in einer Kolumne geschrieben hat. Mit der Zeit hat sich das aber verändert. Mittlerweile werde ich als ich selbst anmoderiert, kaum noch als „der Sohn von“. Ich habe ein gutes eigenes Standing, und der Schmerz war verkraftbar.

Sie sind Vater und Sohn, arbeiten aber auch als Zukunftsforscher zusammen. Wie funktioniert das?

Matthias: Wir haben ein sehr egalitäres Verhältnis. Ich wollte nie eine Autorität sein, und mir ist es wichtig, dass ich auch von Tristan lerne und nicht nur umgekehrt. Wenn wir inhaltlich verschiedener Meinung sind, erleben wir das beide eher als Bereicherung, weil wir in den grundsätzlichen Annahmen übereinstimmen.

Tristan: Gerade Journalisten fragen mich oft: „Es kann doch kein Zufall sein, dass Sie Ihr erstes Buch über den Generationenkonflikt geschrieben haben!“ Aber vielleicht ist es genau das: Wir nehmen Generationenfragen analytisch wahr. Für uns selbst haben wir eine Ebene gefunden, auf der wir unsere Konflikte leben können, ohne dass sie zerstörerisch wirken. Sehr heilsam ist zum Beispiel die ironische Distanz. Ich nenne Matthias manchmal „Boomer“, wenn ich ihn ärgern will.

Matthias: Und ich sage dann sowas wie: „Die Millennials waren auch schon mal interessanter.“ Wir haben mit der Bühne einen gemeinsamen Erlebnisraum. Vorträge halten macht bei uns beiden einen großen Teil der Arbeit aus. Eine Erfahrung, die wir beide immer wieder machen, ist, dass dort die „alte“ Zukunft von uns erwartet wird. Das Publikum will die gleichen alten Trends von uns hören: wie toll KI ist, oder welche wirtschaftlichen Erfolge die Globalisierung mit sich bringt. Nach dem Motto: „Geben Sie uns drei Megatrends, dann machen wir daraus unsere Strategie.“ Wir sind aber gedanklich schon ganz woanders. Das Knirschen, das aus dieser Differenz entsteht, hören wir beide.

Matthias Horx
Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com), Foto: Klaus Vyhnalek (www.vyhnalek.com)

Was zeichnet diese „neue“ Zukunft in Ihren Gedanken aus?

Matthias: Die Megatrends waren gut und schön: Man hat lineare Entwicklungen beobachtet und daraus zukünftige Kontinuitäten abgeleitet. Aber Linearität ist ja längst nicht mehr der Fall, das führt zu fatalen Irrtümern. Jeder Trend entwickelt einen Gegentrend. Was wir Individualisierung nannten, ist zum Beispiel völlig eskaliert: Alle sitzen nur noch allein vor ihren Bildschirmen. Zugleich gibt es ein Streben nach fast schon dörflicher Gemeinschaft. Die ökonomische Globalisierung entwickelt den Gegentrend Nationalismus. Denn der ökonomischen Globalisierung ist nicht, wie erhofft, eine kulturelle Globalisierung gefolgt. Kulturkriege breiten sich jetzt gerade über den ganzen Planeten aus. Wir bewegen uns jetzt gerade auf eine große Turbulenz zu, aber nach einer Turbulenz entsteht immer eine neue Ordnung. Anstelle von Trends müssen wir in Transformationen denken, sonst werden wir der Zukunft nicht mehr gerecht. Wir haben aufgerüstet, sowohl was unsere inneren Denkmodelle als auch was unsere Organisationsstruktur angeht. Das von uns mitgegründete neue Forschernetzwerk „The Future Project“ ist ein Experiment: Wir versuchen unser Denken und Handeln neu zu justieren. Von der Organisationsstruktur her probieren wir damit einen Retro-Ansatz aus: Wir kehren zu den interdisziplinären Think Tanks der Ära der Zukunftsforschung nach dem Zweiten Weltkrieg zurück.

Tristan: Mit diesen Methoden versuchen wir, einer wünschenswerten Zukunft auf die Spur zu kommen. Damit wollen wir dem harten Pessimismus etwas entgegensetzen, der gerade in meiner Generation sehr verbreitet ist. Was nicht bedeutet, sinnlos Hoffnung zu verbreiten, indem man Probleme einfach leugnet, sondern eine neue Perspektive zu entwickeln im Sinne von: „Was können wir tun?“ Das trägt auch dazu bei, die Kommunikation zwischen den Generationen zu verbessern.

In ihrem Podcast „Horx & Horx“ haben Sie gesagt: „Wir delegieren die Zukunft an Technologie.“ Gibt es deswegen einen Hype um Künstliche Intelligenz, weil wir die Zukunft nicht mehr ertragen?

Matthias: KI ist wie so viele Technologien ein Fetisch, mit dem gerade Männer sich gern ablenken. Technoide Zukunftsphantasien sind ein Eskapismus; sie verhindern eine echte Auseinandersetzung mit der Zukunft eher, als dass sie sie befördern. Wir bezeichnen uns gern als humanistische Futurologen: Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt, nicht die Technik.

Tristan: In diese Falle bin ich auch selbst mal getappt, als ich genau in der großen Hype-Phase mit dem Thema in Berührung kam. Ich dachte, Künstliche Intelligenz – das ist die nächste Technologie! Da hat Matthias mir tatsächlich geholfen, indem er mich wieder auf den Boden der Tatsachen geholt hat. Das war so ein Beispiel, wo der Blickwinkel aus mehreren Generationen wirklich hilfreich war.

Matthias: Auch hier gilt: Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. Für technoide Zukunftsphantasien könnte das sein: menschliche Weisheit.

Stichwort Weisheit: Wie blicken Sie als Zukunftsforscher auf andere Unternehmen, in denen verschiedene Generationen gemeinsam arbeiten?

Tristan: Ich habe mich viel mit dem Thema Generationen beschäftigt. Realistisch betrachtet, gibt es so etwas wie eine Generation gar nicht: Die „horizontalen“ Unterschiede innerhalb einer Altersgruppe sind viel größer als die „vertikalen“ Unterschiede zwischen den Generationen. Trotzdem arbeiten Menschen natürlich gedanklich mit Kategorien wie „die Alten“ oder „die Jungen“, weil es einfacher ist. In meiner Arbeit habe ich gemerkt, wie hoch die Kommunikationshürden zwischen diesen fiktiven Gruppen oft sind, weil Junge und Alte auch medial in ganz verschiedenen Welten leben. Unsere Arbeit ist unser eigener Versuch, beides zu verbinden, das Rebellische mit der Erfahrung, die Weisheit mit dem Strukturdenken. Da helfen Konzepte wie zum Beispiel Reverse Mentoring, wo die ältere Generation sich bewusst von der jüngeren Generation coachen lässt.

Sie beide haben verschiedene Rollen mit großen Überschneidungen. Ziehen Sie eine Trennlinie zwischen der beruflichen und der privaten Sphäre?

Tristan: Nein, das wäre auch eine Illusion. Alle reden immer von Work-Life-Balance. Ich mag diesen Begriff nicht, weil er impliziert, dass das eine das andere ausgleichen muss. Was wir leben, ist eher ein Work-Life-Blending. Das geht, weil wir es wirklich gern machen.

Matthias: Und so gehen bei uns auch Familie und Unternehmen ineinander über. Das Schlagwort „Das Private ist politisch“, das in meiner Jugend ganz hoch im Kurs stand, finde ich inzwischen furchtbar, seit es die sozialen Medien gibt. Oder auch: „Das Private ist ökonomisch.“ Aber bei uns ist das Private tatsächlich insofern politisch, als dass wir die verschiedenen Ebenen nicht gewaltsam voneinander trennen, sondern versuchen, ein ganzheitliches Leben zu führen.

Ist „Horx“ eine Marke?

Matthias: Wenn es eine Marke ist, dann ist sie nicht besonders erfolgreich. Gefühlt denken 80 Prozent der Leute, die diesen Namen hören oder lesen und schon kennen: „Das sind eh Idioten.“ Also eine Negativ-Marke gewissermaßen. Auch bei Journalisten herrscht ein großes Interesse daran, uns als Scharlatane bloßzustellen. Die sagen dann zu uns: „Ihr seid Wahrsager.“ Und ich sage dann immer: „Ja, stimmt! Wir sind Wahr-Sager. Wir sagen das, was wahr ist. Auch wenn wir uns manchmal irren.“

Tristan: Wir sind eine Familie von Intellektuellen. Das Lesen, das Schreiben, das Diskutieren und Sich-Auseinandersetzen ist tatsächlich etwas, was man von klein auf lernt und was insofern auch leicht zu vererben ist. Andererseits kennen wir wie gesagt keinen Präzedenzfall von anderen Zukunftsforschern, wo ein Erbe innerhalb der Familie, als quasi dynastische Zukunftsforschung, funktioniert hätte. Bei Zukunftsforschung gab es bisher keine Nachfolge. Deswegen sage ich gern: Die Dynastie beginnt mit mir.

Matthias: Ich wäre vorsichtig mit solchen Begriffen wie „dynastische Zukunftsforschung“. Wir müssen uns auch fragen, was es eigentlich ist, was wir anbieten, weil das auch die Frage beantwortet, was es ist, was wir vererben können. Wir machen eine komplexe geistige Dienstleistung. Die Zukunftsforschung, die wir betreiben, ist eben nicht mehr nur Forschung, sondern inzwischen zu einem großen Teil auch Seelsorge. Den Leuten ihre Angst vor der Zukunft zu nehmen ist unsere primäre Aufgabe. Zukunftsangst ist grundsätzlich verständlich und ein Stück weit auch legitim, aber wenn die Angst die Gesellschaft besitzt, kommen wir in Teufels Küche.

Tristan: Und das ist eine Aufgabe, mit der ich mich identifizieren kann. Die Zukunft ist etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

„The Future Project“, dass Sie beide mit ins Leben gerufen haben, ist vor allem ein Netzwerk. Ist es möglich, Netzwerke zu vererben?

Tristan: „The Future Project“ ist sowohl ein Unternehmen als auch ein Netzwerk. „The Future Project“ spielt bei der „Vererbung“ unseres gemeinsamen Forschungsthemas eine zentrale Rolle, denn die Arbeit beider Generationen fließt in das Unternehmen ein und wird sowohl gegenseitig aufgegriffen als auch entsprechend weiterentwickelt.

Matthias: Netzwerke können sehr mächtig sein. Dafür gibt es genügend historische Beispiele. „The Future Project“ ist auch ein Experiment: Kann ein System stabil sein, ohne durchstrukturiert zu werden? Anders als ein klassisch hierarchisches Unternehmen ist ein Netzwerk zwar ziemlich chaotisch, aber es beinhaltet auch Elemente, die es stabilisieren. Vielleicht sind Netzwerke auf lange Sicht sogar stabiler als Hierarchien, weil sie nicht starr sind.

Tristan: Es gilt sowohl für unser Unternehmen als auch für unsere Familie, dass sie beide keine autoritäre Struktur darstellen. Mein Vater, meine Mutter, mein Bruder und ich sind alle Individualisten, die zu einer Familie zusammengekommen sind.

Matthias: Und „The Future Project“ ist ein System von Individuen, die zusammenarbeiten. Bei uns herrscht Chaos, und das bringt auch Probleme mit sich, aber es herrscht auch weniger Druck. Es ist etwas anderes, etwas Hierarchisches und Physisches zu übergeben, eine Maschine, eine Fabrik. Bei vielen Unternehmenserben, die ich in meiner Arbeit getroffen habe, konnte ich ein großes Leiden am Familienunternehmen beobachten. Unter so einer Fabrik kann man auch ersticken.

Hat an der Uni Bamberg Germanistik, Philosophie und Kommunikationswissenschaften studiert. Zuvor arbeitete sie als Redakteurin am Zukunftsinstitut von Matthias Horx. Bei dem Magazin brand eins in Hamburg entdeckte sie ihre Liebe zum Wirtschaftsjournalismus, der sie seit März 2023 beim wir-Magazin frönen darf.