Investment in Wein: Genuss oder Rendite?

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Der Weinmarkt wächst weltweit, so die Marktprognosen. Vor allem Kunden aus dem asiatischen und pazifischen Raum werden zukünftig kaufkräftig zuschlagen. Wird diese Entwicklung das Premiumsegment und die Preise treiben, so dass Wein ein renditeträchtiges Investment sein kann?

Das Kölner Unternehmen Berghaus & Cie. GmbH, 2021 gegründet, ist sich mit seiner Antwort sicher. Die beiden Geschäftsführer Tristan Alexander Berghaus und Peter Irnich geben Investoren mit ihrem Unternehmen Zugang zu edlen Tropfen zumeist aus den Regionen Burgund, Champagne, Bordeaux und Toskana. Die Flaschen locken mit großen Renditeversprechungen. So mancher Wein hat laut Berghaus & Cie. einen Wertzuwachs von über 140 Prozent über fünf Jahre erreicht. Und auch der Liv-ex Fine Wine 1000 Index, der die Kursentwicklung von 1.000 Weinen weltweit widerspiegelt, wird von den beiden herangezogen, um den Investment-Case für Wein zu illustrieren. Der Index überflügelt Dax und S&P 500, wenn man als Startpunkt das Jahr 2003 wählt.

Peter Irnich von Berghaus & Cie.
Peter Irnich von Berghaus & Cie. / Foto: Berghaus & Cie. GmbH

Dass sich die Geschäftsführer nicht scheuen, bei der Wertentwicklung von Wein Vergleiche mit dem Aktienmarkt zur Veranschaulichung zu Rate zu ziehen, ist nicht verwunderlich. Irnichs und Berghaus’ Vision ist es, den Handel mit Weinflaschen so einfach und zugänglich zu gestalten wie den Kauf und Verkauf einer Aktie. Was die Praxis angeht, zieht Irnich aber doch eher den Vergleich zu Kunst oder Oldtimern. Gewisse Vorsichtsmaßnahmen zur Handhabung und Lagerung muss man bei allen drei Asset-Klassen an den Tag legen. Aber: „Beim Wein kann man mit kleinerem Investment einen Grundstein für eine Sammlung schaffen, das geht bei Oldtimern und auch Kunst nicht mit so geringen Beträgen“, sagt der Gründer.

Allerdings kämen nur knapp 2 Prozent des globalen Weins für ein Investment in Frage, wenn man über den Geschmack hinaus auch an einer Wertsteigerung interessiert sei, betont Tristan Berghaus. Denn die Top-Weinregionen sind in ihrer Fläche beschränkt. Auch wenn die Nachfrage steigt, bleibt das Angebot durch die geografischen Gegebenheiten limitiert. Das hilft dem Investment-Case Wein. Mit jeder getrunkenen Flasche steigt der Wert der verbleibenden, noch geschlossenen Flaschen. Sie werden noch seltener. Man stelle sich vor, kostbare Sneaker der Marke Jordan oder aus dem Hause adidas würden nach den ersten Tragen einfach verschwinden. Beim Wein heißt das, jeder gezogene Korken verknappt das Angebot. Stimmen die Prognosen, wird sich diese Entwicklung mit der wachsenden Nachfrage vor allem aus Asien und dem Pazifik fortsetzen. So die Theorie und die rosigen Aussichten für Weinanleger. Voraussetzung ist aber, dass man eine der begehrten Flaschen ergattern kann.

Treu bleiben

Netzwerk ist hier das A und O. Tristan Berg­haus kann beim Bezug aus Frankreich auf zwei Generationen zurückblicken. Vor langer Zeit hatte ein Verwandter in eine Winzerfamilie in Bordeaux eingeheiratet. Das Weingut sei längst verkauft, aber Kontakte in die Region und auch die emotionale Bindung seien geblieben, sagt Berghaus. Die Kontakte sind wichtig, um bei den großen Weingütern einige der beliebten Flaschen zu bekommen.

Tristan Berghaus von Berghaus & Cie.
Tristan Berghaus von Berghaus & Cie. / Foto: Berghaus & Cie. GmbH

Wer aber direkt aus den Weinkellern große Mengen kaufen will, muss den Weingütern auch in schlechten Zeiten die Treue halten. Das weiß auch Carsten Knauer. Er hat 2003 das CORVIS Family Office gegründet und 2014 einen Fine-Wine-Händler, die Collectors Wine World (CWW).

Knauer pflegte seine Vorliebe für Weine schon viele Jahre vor der Gründung von CWW, erklärt er – so sehr, dass sein „privater Keller irgendwann einfach zu klein war“. Also hat er ein Zentrallager in Essen aufgebaut. Und weil seine Bekannten und Freunde sich ebenfalls für Wein interessieren, ist CWW entstanden.

Ungefähr 100.000 Flaschen mit Schwerpunkt Bordeaux hat Knauer über die Jahre schon erworben – wahrscheinlich eine der größten Sammlungen in Deutschland, vermutet der Unternehmer. Das sei notwendig, um weiterhin Zugang zu den Weinen zu bekommen, die man auch als Investment-Case beschreiben kann.

Denn es geht darum, Zugriff auf die limitierten, hochklassigen Weine der renommierten Weingüter zu erhalten. „Man muss die Partnerschaft über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte pflegen und jeden Jahrgang kaufen, auch wenn er vielleicht nicht so vielversprechend ist, weil zum Beispiel die Wetterbedingungen nicht ideal gewesen sind“, betont Knauer.

Quereinsteiger Jochen Gradolph über das Wein-Investment

Eine etwas andere Sicht auf den Wein- und Investorenmarkt hat Jochen Gradolph. Der Winzer tut sich schwer mit dem Invest­ment in Weinflaschen. „Ich will, dass meine Weine alsbald getrunken werden. Ich würde nie einen Wein verkaufen, bei dem ich sagen muss: Lass den mal liegen, der wird irgendwann schon gut sein“, sagt er.

Da spricht er das Trinkfenster an, das den optimalen Zeitraum angibt, in dem Wein getrunken werden soll und seinen vollen Geschmack entfaltet. Vor allem die Rotweine der Weingüter, die hohe Preise aufrufen können, geben Trinkfenster an, die mehrere Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte in der Zukunft liegen.

Gradolph ist Nachfolger und Quereinsteiger im Weinmarkt zugleich. Seine Karriere begann mit einem BWL-Studium an der Frankfurt School of Finance & Management. Seine Eltern führten das kleine Weingut Neuspergerhof in der Pfalz. Gradolph zog es aber nicht in die Winzerei, sondern in den Bankensektor, in dem er fast zwei Dekaden arbeitete. Das Weingut und die Prozesse waren ihm zwar bekannt. Wie viele Unternehmerkinder arbeitete er ab und zu dort, aber die operative Nachfolge war für ihn vorerst kein Thema. Dass er sich umentschied, lag daran, dass seine Eltern schlicht keinen Nachfolger fanden und Jochen Gradolph merkte, dass er bis zum weit entfernten Ruhestand noch einmal etwas anderes machen wollte, als Führungspositionen in der Finanzbranche zu bekleiden. „Für mich war der Einstieg in das Weingut die Chance, mein BWL-Wissen anzuwenden, mich auszuprobieren und mit der Marke neue Wege zu gehen“, blickt er auf seinen Start 2009 zurück.

Jochen Gradolph führt das Weingut Neuspergerhof
Jochen Gradolph führt das Weingut Neuspergerhof / Foto: Weingut Neuspergerhof

Sein Vater ließ ihm freie Hand und sah aus dem Ruhestand, wie der Nachfolger die Produktion auf Bio umstellte und die Marke hin zum hochpreisigen Segment entwickelte. Wie lang es dauert, im Weinmarkt die Früchte seiner Arbeit zu ernten, zeigt Gradolphs Beispiel auch. Seinen ersten persönlichen Erfolg erlebte er erst 2017 mit der Prämierung zum Jungwinzer des Jahres. „Die Abläufe im Herstellungsprozess habe ich zwar gekannt, aber das hilft wenig. Wein – vor allem guten – zu machen, da muss man geduldig über Jahre eigene Erfahrungen sammeln“, sagt der Quereinsteiger.

Seine Erfahrungswerte zieht er auch heran, wenn es um das Thema Fälschungen geht. „Flaschen, Kork und alte Papiere – das sind die Dinge, die einen Wein und dessen Invest­ment-Case ausmachen. Wenn man überlegt, wie gut heutzutage Geld gefälscht werden kann und welche Sicherheitsstandards dahinterstecken, sieht man eindeutig, dass Wein ein Sicherheitsproblem hat“, erläutert der Winzer. Zertifikate, die vertrauenswürdig seien, gebe es kaum. Und Beispiele, in denen absurde Mengen eines Jahrgangs von einem Weingut im Umlauf seien, fände man oft.

Er versuche, seine interne Dokumentation lückenlos zu halten, und habe das Bio-Zertifikat, das seine Weine auszeichne, sagt Gradolph. Aber als Investment-Case will er seine Weine nicht bezeichnen und auch nicht sehen. Das sei nicht sein Anspruch.

Direktinvestment ins Weingut

Statt in Flaschen und Kisten eines Weinguts aus Frankreich zu investieren, diese dann zu lagern und weiterzuverkaufen, würde sich Gradolph wünschen, dass mehr Wein- und auch Renditeinteressierte direkt in – vor allem lokale, familiengeführte – deutsche Weingüter investieren. Der ehemalige Banker sieht im direkten Investment den besten Hebel. „Einige befreundete Winzer von mir bieten an, sich an einem Projekt wie dem Bau einer Lagerhalle oder einer neuen Produktionsstätte direkt zu beteiligen“, erklärt er. Da halten es viele Weingüter traditionell wie Familienbetriebe aus anderen Wirtschaftsbereichen: Der Gang zur Bank ist nicht immer der erste und gewünschte Weg für die Finanzierung neuer Projekte, eher werden Kleinstinvestoren bevorzugt. Und als Zinsen bieten die Winzer sowohl Monetäres an als auch eine gewisse Anzahl an Flaschen aus den kommenden Jahrgängen des Weinguts. Eine echte Win-win-Situation für echte Liebhaber, findet Gradolph.

Denn wer sich wirklich für Wein interessiere, werde merken, dass zwischen guten deutschen Weinen und gehypten Weinen aus dem Bordeaux qualitativ kaum Unterschiede liegen, sagt der Familienunternehmer. „Ein Wein von Weltklasse kostet 50 bis 60 Euro in der Produktion. Mehr Wert ist in der Flasche nicht drin. Alles Preisliche, was darüber hinausgeht ist Hype, Marketing und Spekulation“, so der Winzer. Selbst wenn sein Weingut zu einem Investment-Case werden würde, würde nicht er von der Preissteigerung profitieren, sondern irgendwelche Spekulanten, die nicht die harte Arbeit machen würden. „Da appelliere ich an die Investoren, darüber nachzudenken, wer eigentlich profitiert, wenn ein Wein im Preis steigt“, merkt er an. Bei Winzern wie ihm komme das nicht gut an.

Investment in Wein: Warten und nicht trinken

Alles nur Marketing also? Was die Vermarktung angehe, hätten die Franzosen den Deutschen einiges voraus, findet Family Officer Carsten Knauer und weist darauf hin, dass vor 100 Jahren deutsche Rieslinge in der Gastronomie in New York höhere Preise aufrufen konnten als die berühmten roten Gewächse aus Bordeaux. Dennoch seien vor allem die Klassiker aus Bordeaux und dem Burgund die Kernstücke einer jeden Weinsammlung. Das Trinkfenster, das bei den Weinen so weit in der Zukunft liege, treibe den Preis nach oben. „Viele Konsumenten trinken Wein viel zu früh“, sagt Knauer. Bei Reifepotentialen, die teilweise bei 50 Jahren liegen, kein Wunder.

Carsten Knauer vom CORVIS Family Office und der Collectors Wine World
Carsten Knauer vom CORVIS Family Office und der Collectors Wine World / Foto: CORVIS GmbH

Dazu kommt, dass mit jeder geöffneten Flasche die Preise der noch geschlossenen weiter steigen können. Voraussetzung dafür ist die richtige Lagerung. Damit man vom Preisanstieg profitieren kann, braucht es gut temperierte Räume mit einer konstanten Luftfeuchtigkeit von 65 Prozent und einer Temperatur von 14 Grad Celsius. Diese Bedingungen herrschen sowohl in Essen bei Carsten Knauer als auch in der Schweiz, wo Berghaus & Cie. sein Lager hat. Werden dort irgendwann auch deutsche Weine liegen, die zu den Blue Chips gehören und an den Weinbörsen wie der britischen Plattform WineX gehandelt werden und über 100 Prozent im Wert steigen?

Ein schwieriger Weg, findet Carsten Knauer, wenn man von einigen Ausnahmen absieht. Denn so einfach und radikal wie im Start-up-Markt würden Einhörner im Bereich Wein nicht auftauchen, sagt er. Dafür seien die Zyklen beim Wein zu lang, und wer nur einmal im Jahr ein Produkt auf den Markt bringen könne, brauche sehr lange, um einen französischen Marketingvorsprung von mehreren Jahrzehnten aufzuholen. Allerdings gebe es vermehrt Spitzenrieslinge, die auch aus Deutschland über den „Place de Bordeaux“ verkauft würden, den Marktplatz für die Blue-Chip-Weine dieser Welt. Diese spannende Entwicklung gelte es im Auge zu behalten, so Knauer.

Peter Irnich würde sich wünschen, dass deutsche Winzer und Weingüter beim Marketing lauter werden und sich vor der Öffentlichkeit nicht verstecken. Denn qualitativ könne man durchaus mithalten, findet der Geschäftsführer. Er und Tristan Berghaus wollen ihren Teil dazu beitragen und legen guten deutschen Wein in ihre Probierkisten, die nicht als Investment dienen, sondern Neukunden vom Weingeschmack generell überzeugen sollen. Aber selbst bei den Blue-Chip-Weinen zieht der ein oder andere Kunde lieber den Korken, statt zu warten und zu verkaufen, erzählen die beiden. Ab und an geht dann doch Genuss über Rendite.

Hat Internationalen Journalismus in Magdeburg studiert. Schrieb schon davor für die Südwest Presse in seiner Heimat Ulm. Sammelte zudem Auslandserfahrung bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia, sowie bei Kwanza TV in Daressalam, Tansania. Seit 2017 Redakteur bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA und Mitglied im Redaktionsteam des wir-Magazins.